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Das Nachhilfeangebot der Scientologen PDF Drucken E-Mail
 
Seit April 2006 gab es einen Boom von Anfragen zum Nachhilfeunterricht durch Scientology. Viele besorgte Eltern haben uns gebeten, Nachhilfeinstitute, an denen ihre Kinder unter­richtet werden, zu überprüfen.

Wir sind jeder Anfrage nachgegangen. Manchmal genügte ein Blick auf die Internetseite des Anbieters. Ein anderes Mal konnte anhand von Beschreibungen der Eltern eine Klärung erfolgen und in einigen wenigen Fällen haben sich unsere Mitarbeiter persönlich vor Ort einen Eindruck von der Nachhilfeschule verschafft. In den meisten Fällen konnte Entwarnung gegeben werden, aber einige Betroffene hatten ihre Kinder unwissentlich einem scientologischen Nachhilfeangebot anvertraut. Im Beratungsgespräch konnte dann die Ideologie der Scientologen und auch das Spezifische des Scientology-Nachhilfeunterrichts erklärt werden. Manchmal war sogar juristische Hilfe gefragt, um die Verträge korrekt kündigen zu können. Alle Nachhilfeschüler hatten keinen fächerorientierten Unterricht erhalten, sondern eine Schulung mitgemacht, die sich ausschließlich an der „Lerntechnologie“ von L.R. Hubbard, dem Gründer der Scientology-Organisation, orientiert. Einige waren bereits missioniert worden, und in einem Fall sind sogar scientologische Pseudotherapien angewandt worden.

Was beinhaltet die Lerntechnologie von L.R. Hubbard ?

Laut L.R. Hubbard gibt es nur drei Lernhindernisse: „das missverstandene Wort“, „Abwesenheit von Masse“ und „ein zu steiler Gradient“. „Das missverstandene Wort“ soll durch Nachschlagen in Wörterbüchern kompensiert werden. „Abwesenheit von Masse“ bedeutet nach Hubbard, jemand hat keine genaue Vorstellung von einem Begriff. Aus diesem Grund soll der Begriff durch ein geknetetes Modell, ein gemaltes Bild oder durch einen Gegenstand verdeutlicht werden. „Ein zu steiler Gradient“ heißt, ich bin in meinem Lernpensum zu schnell vorangegangen, habe eine Lernstufe übersprungen. Dieses Lernhindernis kann man durch Wiederholen des Stoffes in kleineren Lernschritten beheben.

L.R. Hubbard hat seine Lerntechnologie in seinen Büchern „Die Lernfibel“, „Grundlegender Studierleitfaden“ und „So macht Lernen Freude“ festgehalten. Die gleiche Lerntechnologie wird auch als Kurs in jedem Scientology-Center unterrichtet. Es handelt sich also nicht um eine eigens für Jugendliche konzipierte Lernmethode.

Was ist an der Lerntechnologie von L.R. Hubbard gefährlich?

Zunächst ist der Hinweis, sich ein Wort, das man nicht kennt, durch Nachschlagen im Wörterbuch anzueignen, nicht falsch. Die Schwierigkeit liegt darin, dass L.R. Hubbard fordert, auch einfache Wörter wie „der, die, das“ oder Präpositionen wie „über, auf, in“ sollen erklärt werden. Da wir diese Wörter in der Muttersprache ganz selbstverständlich verwenden, wird das Sprachgefühl des Nachhilfeschülers durch diese Anweisung eher verunsichert als gefördert. Die Aufforderung durch ein Knet-Modell oder ein Bild einen Gegenstand zu veranschaulichen ist für Kinder in der Grundschule und im Kindergarten durchaus ein guter Hinweis. Da die Studiertechnologie aber völlig undifferenziert auch bei Erwachsenen und Jugendlichen angewandt werden soll, ist dies unter dem Aspekt des Lernfortschrittes ein viel zu zeitaufwendiges Unterfangen und nicht empfehlenswert. Die Lerntechnologie von L.R. Hubbard ist also aus pädagogischer Sicht betrachtet zunächst einmal nicht gefährlich, sondern ineffektiv und überflüssig. Wenn man berücksichtigt, dass die scientologischen NachhilfelehrerInnen durchschnittlich 15 bis 20 € pro Stunde verlangen, ist das Angebot verglichen mit anderen Nachhilfeangeboten nicht gerade preiswert.

Darüber hinaus beinhaltet der Nachhilfeunterricht, der von überzeugten Scientologen durchgeführt wird, aber auch eine Gefahr. Nicht die Lerntechnologie stellt die eigentliche Gefahr dar, sondern der persönliche Kontakt. Der wird durchaus genutzt, um weitere scientologische Methoden, Bücher und Kurse zu empfehlen und zu verkaufen, ohne dass explizit der Hintergrund Scientology erklärt oder über die Weltanschauung der Scientologen gesprochen wird. Dem Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. sind ältere Jugendliche bekannt, die berichtet haben, dass sie am Rande des Nachhilfeunterrichtes über persönliche Angelegenheiten befragt und denen scientologische Pseudotherapien empfohlen worden sind. In einem Fall sind sie direkt durchgeführt worden. Bücher hatten alle Teilnehmer gekauft.

Wie viele scientologische Nachhilfeinstitute gibt es bundesweit?

Die meisten scientologischen Nachhilfeangebote gehören der Organisation „Applied Scholastics“ an. Auf der eigenen Internetseite kann man die Entstehungsgeschichte nachlesen: „Kurz nach dem L.R. Hubbard in den 60er Jahren seine Vorträge über das Lernen gehalten hatte, wurde seine Lerntechnologie, die Study Technology, in allen Scientology-Kirchen und –Missionen eingeführt. Im darauf folgenden Jahr (1972) wurde Applied Scholastics gegründet. (...) Applied Scholastics ist der Koordinationspunkt für die vielen, auf der ganzen Welt durchgeführten Programme, in denen Hubbards Lerntechnologie zum Einsatz kommt.“ (www.besserebildung.de/pg008html) Seit 1990 gibt es Applied Scholastics auch in Deutschland. 31 Niederlassungen zählt die Internetseite bundesweit auf, vier Adressen werden für Nordrhein-Westfalen benannt. Zwei Einzelpersonen aus Essen und Oelde, das Institut „Die Unbeugsamen / Die Streber“ in  Wegberg (früher in Münster) und die Nachhilfeschule „Primus“ in Lichtenau. Die Sprachenschule Overath in Köln wird von einer Scientologin betrieben, offensichtlich ohne Lizenz von Applied Scholastics und nach eigener Aussage auch ohne Verwendung der Lerntechnologie von L.R. Hubbard. Ein weiteres Institut in Velbert ist im Moment nicht aktiv.
(www.appliedscholastics.org/global_locator/search.php) Angesichts der etwa 4.000 Nachhilfeangebote bundesweit sind 31 Niederlassungen kein Grund zur Panik. Das Problem liegt eher darin begründet, dass kaum ein Bürger den Begriff Applied Scholastics mit Scientology in Verbindung bringt und somit gar nicht weiß, wem er sein Kind anvertraut.

Wie wird geworben?

Die einzelnen Scientology-LehrerInnen werben mit Handzetteln in Supermärkten oder in der Fußgängerzone, sowie einige mit eigenen Internetseiten.
       

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Beispiele von Handzetteln einer Anbieterin aus Essen

 

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Beispiel eines Handzettels aus Münster

  
Ein Hinweis auf Scientology fehlt. Oft fehlt auch der Hinweis auf Applied Scholastics, und dass ausschließlich nach der Lernmethode nach L.R. Hubbard unterrichtet wird. Der Fairness halber sollten Scientologen ihr Angebot auch als solches vorstellen. Bisher machen sie dies jedoch nicht.

Wie kann man sich schützen?

Da in nächster Zeit sicherlich weitere Scientologen das lukrative Geschäft des Nachhilfeunterrichtes entdecken werden, genügt es nicht, sich die Namen der derzeitigen Anbieter einzuprägen. Darum bietet der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. Kriterien an, mit dessen Hilfe man ein Nachhilfeangebot besser einschätzen kann. Darüber hinaus ist es wichtig, darauf zu achten, ob mit Büchern oder Lernmaterialien von L.Ron Hubbard gearbeitet wird.Daran erkennt man Scientology, auch wenn der Begriff Scientology vermieden wird. Außerdem helfen die Mitarbeiter jedem Bürger, der unsicher ist, gerne in einem Beratungsgespräch weiter.   

 

Literatur

L. R. Hubbard, Grundlegender Studierleitfaden, New Era Publications, 1992   

Applied Scholastics, Ausbildungsdienste und Materialien auf der Grundlage der Werke von L. R. Hubbard, 2004

www.besserebildung.de/pg008.html

www.appliedscholastics.org/global_locator/search.php

 

 

Kriterien zur Beurteilung von Nachhilfe-Anbietern:   

  • Ziele und Methoden

Überprüfen Sie die Ziele und die Methoden, die in dem Nachhilfeinstitut angewendet werden. Versichern Sie sich, dass die vom Institut vorgestellten Unterrichtsziele auch realistisch sind. Auffällig ist vor allem, wenn im Institut hohe Erfolgsaussichten auf Grundlage einer neuen, einzigartigen Methode in Aussicht gestellt werden.

  • Ihr Eindruck von der Nachhilfeschule

Schauen Sie sich die Nachhilfeschule genau an. Fällt Ihnen in der Einrichtung oder im Sprachgebrauch der Mitarbeiter Ungewöhnliches auf? Stoßen Sie auf Ihnen völlig unbekannte Begriffe, die Sie nicht einordnen können? Fallen Begriffe, die in den weltanschaulichen Bereich gehören, oder religiöse Motive im Wortschatz auf? Oder gibt es vertragliche Klauseln, die Ihnen bedenklich vorkommen? So wäre z.B. die Verpflichtung zur Teilnahme an Seminaren, die kaum etwas mit dem Thema Lernen zu tun haben, ein Warnsignal. Generell gilt: In einer Nachhilfeschule sollten nur Aktionen stattfinden, die etwas mit Lernen oder mit den Schülern zu tun haben.

  • Der Unterricht

Wie ist der Unterricht? Lassen Sie sich genau über die Unterrichtsinhalte und Methoden aufklären. Achten Sie darauf, wie die Gruppen zusammengestellt sind und ob Materialien verwendet werden, die dem aktuellen Unterrichtsstoff entsprechen.
Achten Sie auf die Unterrichtsfächer, die angeboten werden. Wenn Fragen der Ethik oder Weltanschauung im Nachhilfeunterricht erörtert werden, kann dies ein Hinweis darauf sein, dass neben der Nachhilfe noch andere Inhalte transportiert werden sollen. 

 

  • Die Lehrkräfte

Wie ist der Background, der weltanschauliche Hintergrund der Lehrkräfte? Ist sichergestellt, dass Fachkräfte, die nachweislich nicht Mitglied einer Sekte sind, die Schüler unterrichten? Achten Sie auch darauf, ob die Nachhilfeschule gewährleistet, dass beim Lehrpersonal keine Vorstrafen zu Buche stehen.

 

  • Der gute Ruf

Vertrauen entsteht immer dann, wenn die Schule einen guten Ruf in ihrer Umgebung hat. Hören Sie sich um, wie andere Eltern über die Nachhilfeschule reden, wie deren Erfahrungen sind und ob diese den Unterricht empfehlen.

 
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