Aktueller Pfad: Home arrow Artikel, thematisch arrow Esoterik, alternative Hilfe arrow Christlicher Fundamentalismus, Esoterik: Aufklärung passé?
Christlicher Fundamentalismus, Esoterik: Aufklärung passé? PDF Drucken E-Mail

In den letzten Jahren war viel von Fundamentalismus die Rede. Zunächst mehr im Zusammenhang islamischer Selbstmordattentäter, dann zunehmend auch in Bezug auf US- Präsident Bush: Seine Vermischung von religiösem Bekenntnis und politischer Zielsetzung, sowie die Unterstützung seiner Politik durch die konservativ-religiöse Wählerschaft. Schließlich erreichte auch das enorme Wachstum fundamentalistisch-christlicher Gruppierungen in Deutschland die mediale Aufmerksamkeit und löste Unbehagen aus.

Die Ausbreitung der Esoterik und die Zunahme magischer Vorstellungen läuft parallel ungehindert weiter. Alternativ therapeutische Heilverfahren, die auf esoterischen Ideologien basieren, werden gesellschaftsfähiger. Zunehmend nutzen auch (in wissenschaftlicher Medizin ausgebildete) Ärzte den milliardenschweren Esoteriktrend als „alternative“ Finanzquelle.

Beide Strömungen haben eine wachsende Welle der Kritik entstehen lassen, die sich zum Teil massiv religionsfeindlich äußert: „Glaubst du noch oder denkst du schon?“ Ihr Ziel ist die Stärkung und Vorherrschaft der rationalen Vernunft. Diese droht nach Ansicht der religionskritischen Stimmen durch die Esoterisierung der Gesellschaft einerseits und die Ausbreitung des christlichen Fundamentalismus andererseits verloren zu gehen.

Der Artikel spürt den drei mittlerweile gar nicht mehr so neuen Strömungen in ihrer Entwicklung und Bedeutung bis in die Mitte der Gesellschaft nach, sucht klärende Zusammenhänge und zeigt Reaktionsmöglichkeiten auf.

 

Um was es geht


Die Ergebnisse regelmäßiger einschlägiger Umfragen zur Religiosität in der Gesellschaft zeigen eine stetige Entwicklung auf: Der „Trend“ geht weiter zur individuellen Beschäftigung mit Glauben und Spiritualität. Entgegen einer früher angenommenem fortschreitenden Rationalisierung wächst im Gegenteil die Bereitschaft, übersinnliche bzw. magische Zusammenhänge anzunehmen. Die postulierte Säkularisierung erwies sich eher als De-Institutionalisierung. Auch wenn sich der Verlust von Kirchenmitgliedern inzwischen deutlich verlangsamt, wird das spirituelle Erlebnis zumeist außerhalb der Großkirchen gesucht. Die Bindekraft traditioneller und gesellschaftlich organisierter Weltdeutungssysteme ist stark zurückgegangen. Ein Beispiel ist das Pilger-Buch "Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling, lange Zeit auf Platz eins der Sachbuchbestsellerliste. Nicht Kirche als soziales, religiöses Rückbindungssystem ist Thema oder Ort glaubwürdiger Sinnsuche. Die Beschreibung individueller Suche nach spiritueller Sondererfahrung bescherte den Erfolg.

Auf der einen Seite erleben wir das Wachstum der „freikirchlichen“ Szene eines fundamentalistisch verstandenen Christentums. Durch den stärkeren Event-Charakter und die Betonung der Erfahrbarkeit von Glauben ist sie in der Lage, auch Jugendliche und junge Familien zu binden. Andererseits bietet ein nach wie vor boomender Esoterik- und alternativer Lebenshilfe-Markt alles an, was ein Sinn oder Heil suchender Mensch bezahlen kann und will. Beide Themenkomplexe spiegeln sich deutlich in der Statistik der Beratungsstelle wieder.

„Glaubst du noch oder denkst du schon?“ spannt einen Gegensatz neu auf, der eigentlich schon lange als überwunden galt. Theologie und Naturwissenschaft haben sich nach langen Grabenkämpfen über die Art und Weise und Grenzen ihrer jeweiligen Aussagenbereiche im Großen und Ganzen arrangiert. Sie müssen keinen Gegensatz bilden. In Ethikkommissionen sitzen Gläubige und Forscher und auch gläubige Forscher wieder gemeinsam am Tisch. Doch die in der Fragestellung selbst schon ideologisierende Spaltung von Glauben und Denken bzw. nachweisbarem Wissen intendiert auch kein Gesprächsangebot, sondern Provokation. Sie geht allerdings in ihrem Wortsinn am Selbstverständnis bei einer wachsenden Anzahl von Gläubigen und ihrer Gruppierungen überraschend vorbei:

Denn viele christliche Fundamentalisten glauben nicht nur, sie „wissen“, dass die Bibel auch in naturwissenschaftlicher Hinsicht recht hat und möchten dies auch begründen. Die Zeugen Jehovas wissen, dass nur sie „in der Wahrheit leben“ und „beweisen“ es anhand der Bibel. Esoteriker haben Zugang zu höherem Wissen, welches naturwissenschaftlich orientiertes Wissen relativiert. Die Anbieter diverser widerlegter alternativer Heilverfahren wissen, das ihre Methode dennoch wirkt. Die Anhänger der Transzendentalen Meditation wissen das ihre „naturwissenschaftlich“ erwiesene Technik den Menschen den Frieden bringt. Und auch die Mitglieder der Scientology Organisation glauben nicht – sie wissen, dass ihre „Kirche“ die richtige Technik zur Lösung universaler Probleme besitzt.

Solches nicht hinterfragbare „Wissen“ macht den Dialog mit Andersdenkenden allerdings unmöglich. Daher ist dies zu Recht eines von mehreren Merkmalen, die weltanschauliche Gruppierungen mit problematischen Strukturen – sogenannte Sekten – kennzeichnen. Die neue Religionskritik ist daher verständlich, gerät allerdings selbst zur Ideologie, wenn sie ein materialistisches Weltverständnis verabsolutiert, das allein als vernünftig gelten darf.

 

Esoterik


Die Suche nach Spiritualität hat sich zum Milliardenmarkt entwickelt. Laut Wirtschaftswoche (Nr. 51/2007) bringt allein der Umsatz an Büchern des Esoterikbereiches einen Umsatz von 500 Millionen Euro in Deutschland. Ein Vielfaches dieses Betrages wird für spirituelle Dienstleistungen unterschiedlichster Art und den Handel mit entsprechendem Zubehör verwendet. Jeder zweite Deutsche glaubt nach einer Allensbach Untersuchung an Engel, nur etwas weniger glauben an Geister, erheblich mehr lesen täglich ihr Horoskop.

Kinofilme wie “What the Bleep do we know?!”, Buchverfilmungen (Prophezeiungen der Celestine, The Secret) bringen esoterische Ideologien vermischt mit Phänomenen der Quantenphysik als deren wissenschaftliche Bestätigung auf die Leinwand. Daneben tragen viele Fernsehserien (Akte X, Outer Limits, Supernatural,...) zur Spekulation magischer Welten und zum Gewöhnungseffekt solcher Annahmen bei. Anfang 2008 behauptete die als „Castingshow“ aufgezogene Reihe „The next Uri Geller“ die Präsentation übersinnlicher Fähigkeiten. Von 10 „Mentalisten“ gewann der Zauberkünstler das Finale, der seine Tricks okkult-mystisch gestaltete. Die als Geisterbeschwörung, Jenseitskontakt und Voodoo-Zauber vorgestellten Tricks waren dabei keineswegs die anspruchsvollsten der Reihe.

Der alternative Lebenshilfemarkt bietet okkulte Techniken wie Pendeln, Wahrsagen, Channeling und Astrologie. Fernsehkanäle wie Astro TV und Telemedial sowie „Lebenshilfe-Plattformen“ im Internet wie Questico erfahren enormen Zuspruch. Diverse alternative Heilmethoden kämpfen ungeachtet erwiesener Unwirksamkeit (z.B.: Bachblüten, Homöopathie) ebenso um ihren kassenbezahlten Platz im Gesundheitswesen wie nachweislich fehlbare Diagnosemethoden (z.B.: Kinesiologie, Irisdiagnose) – mit wachsendem Erfolg. Doch neben dem Schreckgespenst einer kalten Apparatemedizin versprechen sie gemeinsam mit der „Traditionellen Chinesischen Medizin“ und dem indischen „Wissen vom Leben“ Ayurveda eine „ganzheitliche“ Behandlung. Die Erfahrungsmedizin anderer Kulturen kann sehr wohl eine gute Ergänzung zur Schulmedizin darstellen und liefert dieser ein reiches Forschungsfeld. Wenn diese oder esoterische Heilverfahren allerdings absolut gesetzt werden und die wissenschaftliche Medizin als falsche materialistische Sichtweise abgelehnt wird, kann es gefährlich werden und endet bisweilen tödlich.


Ein krasses Beispiel für die wachsende Akzeptanz alternativer Verfahren ist die meist komplementär zur Schulmedizin genutzte Homöopathie. Dem gegenüber gestellt sei die deutlich formulierte und nach wie vor gültige „Marburger Erklärung zur Homöopathie“ (Beschluss des Fachbereichsrates vom 2.12.1992):    
„Der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg verwirft die Homöopathie als eine Irrlehre. Nur als solche kann sie Gegenstand der Lehre sein. In diesem Sinne reicht das Lehrangebot in Marburg aus. Wir sehen jedoch die Gefahr, dass man von uns „Neutralität“ und „Ausgewogenheit“ in diesem Stoffgebiet fordern wird, und sind nicht bereit, unseren dem logischen Denken verpflichteten Standpunkt aufzugeben zugunsten der Unvernunft. Wir betrachten die Homöopathie nicht etwa als eine unkonventionelle Methode, die weiterer wissenschaftlicher Prüfung bedarf. Wir haben sie geprüft. Homöopathie hat nichts mit Naturheilkunde zu tun. Oft wird behauptet, der Homöopathie liege ein „anderes Denken“ zugrunde. Dies mag so sein. Das geistige Fundament der Homöopathie besteht jedoch aus Irrtümern („Ähnlichkeitsregel“; „Arzneimittelbild“; „Potenzieren durch Verdünnen“). Ihr Konzept ist es, diese Irrtümer als Wahrheit auszugeben. Ihr Wirkprinzip ist Täuschung des Patienten, verstärkt durch Selbsttäuschung des Behandlers.“    

Die oft gehörte und ebenso kurze wie falsche Begründungsformel bei alternativen Therapien heißt: „Wer heilt hat Recht.“ Auch wer nicht Recht hat kann dennoch „heilen“. Hierzu noch einmal die Marburger Erklärung: „Nach dieser Logik müssten unsere Medizinstudenten auch in folgenden Gegenständen unterrichtet und geprüft werden: Irisdiagnostik; Reinkarnationstherapie; astrologische Gesundheitsberatung (Bedeutung der Sternzeichen für die Neigung zu bestimmten Krankheiten). Mit all diesen Methoden, deren Wirkprinzip die Täuschung ist, lassen sich nicht nur therapeutische Effekte, sondern auch beträchtliche Umsätze erzielen. Mit den geistigen Grundlagen der Philipps-Universität Marburg sind diese Methoden ebenso wenig vereinbar, wie es die „Homöopathie“ ist.“

Ein neueres Beispiel dafür, wie sich alternative Vorstellungen verbreiten, lieferte das Bundesamt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. In der Broschüre „Wohlbefinden im Büro - Arbeits- und Gesundheitsschutz bei der Büroarbeit (2007)“ werden empfehlende Hinweise auf das chinesische „Fengh Shui“ gegeben. Fengh Shui ist keine wissenschaftliche Methode, sondern eine taoistische Energielehre mit deutlichen Bezügen zum in der Tradition verankerten Ahnenkult. Neben magischen Vorstellungen finden natürlich auch universelle psychologische Aspekte in der volksreligiösen Praktik ihren Niederschlag. Weder hier noch in China sitzt man gerne direkt vor der Wand... Klassische Themen der Innenarchitektur bekommen aber nun das Etikett fernöstlicher Weisheit aufgeklebt. Dabei ist die Gestaltung des Arbeitsplatzes in der traditionellen Lehre gar nicht von Interesse. Die Literaturempfehlung zeigt den Hinweis auf eine dem westlichen Weltanschauungsmarkt stark angepasste Version von Fengh Shui. Der von einer Bundesanstalt zu erwartende Anspruch auf seriöse Information wurde damit nicht erfüllt. Erfreulicherweise oder auch bedauerlicherweise sind das keine deutschen Ausrutscher. In Österreich wurden mehrere Fälle bekannt von staatlich bezahlter „Entstörung“ von Autobahnabschnitten. Energie-Pendler und die Anwendung von „Geo-Akupunktur“ sollten zur Senkung der Unfallhäufigkeit beitragen. Die Esoterisierung der Gesellschaft ist daher ein ernstzunehmendes Problem. Aufklärung muss bei der Kenntnisnahme des Problemfeldes beginnen:

Was ist Esoterik?

Der Begriff „Esoterik“ bezeichnet im ursprünglicheren Sinne das Wissen um die mystischen und teils verborgenen Lebenszusammenhänge. Verbunden war damit meist ein innerer Weg zur Erkenntnis. Ein solcher Weg war nur wenigen "Eingeweihten" vorbehalten und bedeutete eine Lehrzeit beim Schamanen oder Priester in der entsprechenden Tradition. Heute dient der Begriff Esoterik meist als eine Sammelbezeichnung für alles, was früher Okkultismus, Geheimwissenschaft oder Aberglauben hieß. Der „innere Weg“ der spirituellen Erkenntnisgewinnung (mit oder ohne Einweihung) schwingt noch in der Bedeutung mit, aber eine Bindung an eine bestimmte Tradition ist damit meist nicht mehr verbunden. Die geheimen Lehren stehen mittlerweile in jedem größeren Buchladen zur Selbstbedienung bereit. Selbsternannte Therapeuten, Schamanen und Gurus bieten ihre Unterstützung an.

In etwa kann zwischen „Systemgebundener Esoterik“ mit einer strukturierteren, tradierten Lehre (Theosophie, Anthroposophie, Rosenkreuzer, Universale Kirche), und der kommerzialisierten Esoterikszene unterscheiden werden. Letztere bietet die spirituellen Lehren verschiedenster Kulturbereiche des globalen Dorfes vermengt und marktförmig an. Solche Globalisierungseffekte sind nicht neu. Schon durch die Eroberungszüge Alexanders des Großen wurde eine gegenseitige Beeinflussung verschiedener Weltanschauungen und Mythologien befördert. Die entstandenen ideologischen Konglomerate beeinflussten die Entwicklung der Religionen des Mittelmeerraumes. Diese grenzten sich in der Folge dogmatisch ab. Die Gnosis mit ihrem strukturellen Dualismus von Materie und Geist/ Licht, sowie der Vorstellung von (Selbst-)Erlösung durch (Geheim-)Erkenntnis, ist eine dieser auch heute deutlich erkennbaren Einflusskräfte.

Im 19. Jh. gab es in Europa eine verstärkte Auseinandersetzung mit okkulten Ideologien. Die Okkultistin und Leiterin der einflussreichen Theosophischen Gesellschaft Helena Blavatsky verband in ihrer „Geheimlehre“ östliche und westliche Weisheitslehren. Hier sind die Wurzeln der Reinkarnationslehre in ihrer westlichen Prägung als geistige Evolution des inneren unsterblichen Menschen, und des westlichen Verständnisses vom Karma als erklärendem Gesetz der Vergeltung. Rudolf Steiner prägte die Theosophie weiter und entwickelte die Anthroposophie. Sie gilt als esoterisch-kosmische Gesetzmäßigkeiten integrierende „Geisteswissenschaft“. Auf dieser ideologischen Grundlage fußt die Waldorfschulpädagogik und der biodynamische Landbau mit bekannten Firmen wie Demeter und Weleda.

Heute werden die ideologischen Elemente aus verschiedenen Kulturen meist nicht mehr zu einer Lehre synthetisiert. Sie stehen lose verbunden oder auch widersprüchlich nebeneinander. Begriffe werden nicht selten mit anderen Inhalten besetzt oder für den westlichen Esoterik-Markt angepasst. Das Datum 21.12.2012 beispielsweise, mit dem angeblich die Zeitrechnung der Maya-Kultur endet, findet sich in verschiedenen Ideologiekonstrukten wieder: Einerseits als Weltuntergangstermin, andererseits entwickelt sich zu diesem Zeitpunkt das spirituelle Bewusstsein der Menschheit auf eine höhere Stufe.

Esoterik als Begriff wird damit zu einer reinen Worthülse für beliebig und subjektiv zusammengesetzte ideologische Elemente. Das Selbstverständnis innerhalb dieser Szene ist aber das einer alle Religionen umfassenden Weisheit. Karma, Erleuchtung, Energie gelten als universelle Gesetze und Urgrund jeglicher Religion. Deren subjektive Erfassung spiegelt jenseits rationalem Verständnisses die eigene spirituell-evolutionäre Reife. Die bewahrte/ neuentdeckte/ nun erst voll wirkmächtige Lehre wird deutlich abgegrenzt von kirchlich-religiösen und wissenschaftlichen Lehren oder gilt als von diesen unterdrückt. Sie soll als alternativer, ganzheitlicher, „dritter Weg“ der spirituellen Evolution der Menschen und der Erde als geistigem Wesen insgesamt dienen. Als Autorität dienen höhere, manchmal außerirdische Wesenheiten, die ihre Weisheit „sensitiven“ Medien übermitteln.

Die sichtbare, materielle Welt gilt als eher relativer Ausdruck zugrundeliegender, feinstofflicher Kräfte. Aufgrund der Entsprechung verschiedener Ebenen (Makrokosmos und Mikrokosmos: „wie oben - so unten“) verbinden sie alle Dinge und Wesen auf geheimnisvolle Weise miteinander. Damit ist eine direkte Einflussnahme auf die Materie durch geistige Kraft möglich, die Realität wird durch Gedanken geformt. Die schicksalhafte Gestalt des eigenen Lebens ist also Resultat und Aufgabe zugleich. Dadurch kommt es zur Neudefinition von Ursache-Wirkung-Bezügen und teilweise zur Auflösung der Verantwortung oder konkreten Hilfe (Das ist dein Karma, das du abarbeiten musst). Als Wahrheitskriterium dient die subjektive Erfahrung. Gesellschaftliche Normen und Wertvorstellungen verlieren an Relevanz.
Bei aller behaupteten Offenheit der esoterischen Szene und ihrer Kritik gegenüber einer verbohrt materialistischen Wissenschaft zeigt sich bei genauerem Hinsehen nahezu das Gegenteil. Während die Naturwissenschaften von ihrer Anlage her ein offenes und korrigierbares System sind, erweisen sich viele esoterische Ideologien als völlig kritikunfähig. Recht hat, wer spirituell entwickelter ist – das kann aber nur aufgrund der jeweils eigenen Glaubensgewissheit und des damit verbundenen Selbstverständnisses (und Sendungsbewusstseins) behauptet werden.

 

Christlicher Fundamentalismus


Gleichzeitig gerät das ungebremste Wachstum christlich fundamentalistischer Gruppierungen ins Blickfeld. Vor einigen Jahren noch war die These zu hören, die biblische Botschaft sei nicht mehr zeitgemäß, die schwindende Bindungskraft der Großkirchen zeige die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft. Demgegenüber erleben wir eine stetig wachsende Bereitschaft zu einem wörtlichen Bibelverständnis und konservativ restriktiver Werthaltung – allerdings im auf die Eventkultur zugeschnittenen modernen Gewand.

Die Bibel wird als göttlich inspiriert verstanden. Nicht als historische essentielle religiöse Schrift des Christentums, so wie es auch literarische Zeugnisse anderer Religionen gibt, sondern als einziges göttliches und daher unfehlbares Zeugnis. Als solches steht es in deutlichem Widerspruch zu wissenschaftlichen Lehren und damit auch zum Lernstoff des Biologieunterrichtes. In den USA wird seit Jahren und in mehr als der Hälfte der US-Staaten der Streit um Evolutionslehre oder biblische Schöpfungslehre (Kreationismus) im Lehrplan des Biologieunterrichtes vor den Gerichten ausgetragen. Inzwischen sehen sich amerikanische Wissenschaftler aufgefordert zur Aufklärung beizutragen: „Science, Evolution, and Creationism“ heißt eine achtseitige Broschüre der National Academie of Sciences. In ihr verdeutlichen Wissenschaftler das bisher für selbstverständlich Erachtete: warum die Evolutionstheorie eine fundierte wissenschaftliche Theorie ist und der Kreationismus nicht.

Auch hierzulande gibt es Stellungnahmen – sogar seitens der Kirche. Die Ev. Landeskirche in Württemberg etwa hat sich mit den fundamentalistischen Thesen und der damit verbundenen Frömmigkeit auseinandergesetzt. Die unwissenschaftliche Argumentationsweise wird ebenso kritisiert wie die Dialogunfähigkeit. Weil uns das Thema wohl noch eine Weile erhalten bleiben wird, möchte ich gerne die Lehre und die amerikanische Wirkungsgeschichte aber auch die letzte Entwicklung in Deutschland grob skizzieren:

„Fundamentalismus“

Der Begriff entstand Ende des 19. Jahrhunderts innerhalb der konservativen protestantischen Bewegung der USA als Gegenbewegung zu den modernistischen und liberalistischen Tendenzen von Kultur und Wissenschaft. Die Bewegung bezog sich auf die Bibel als alleingültige Autorität und einige unverrückbare Glaubensaussagen, den „fundamentals“. „Fundamentalistisch sein“ ist daher eine positiv besetzte Selbstbezeichnung.

1859 wurde von Charles Darwin „Die Entstehung der Arten“ veröffentlicht. Kurz vor der Veröffentlichung soll er gesagt haben: "Es ist, als gestände man einen Mord". Er erklärt die natürliche Entwicklung und Anpassung der Arten durch Mutation und Selektion. Konsequenz: Der Mensch bildet nicht mehr die Krone der Schöpfung und den Mittelpunkt der Welt...
1925 wurde in Tenesse („Butler Act“ und „Affenprozess“) das Verbot erlassen, in Schulen und Universitäten die Evolutionstheorie zu lehren, insbesondere das der Mensch von einer „niederen Art“ abstamme. Aufgrund des enormen Interesses wurde erstmals ein Gerichtsprozess im Radio übertragen. Millionen erfuhren vom Sieg der Kreationisten (!). Bis in die 80er Jahre verboten einige US-Bundesstaaten, an Schulen die Evolutionstheorie zu lehren ohne auch im Gegenzug die biblische Schöpfungsgeschichte zu verbreiten. Erst 1987 entschied der Oberste Gerichtshof in einem Musterprozess das Kreationismus eine religiöse Ansicht sei und aufgrund der Trennung von Staat und Kirche nicht in den Biologieunterricht gehöre. Kurz darauf formierte sich die „ID-Bewegung“. Ihr erklärtes Ziel ist die Bekämpfung eines atheistischen Materialismus und die Förderung einer theistischen Gesellschaftsausrichtung, in welcher die christlichen Werte gestärkt werden. Die Bemühungen um die Wählerstimmen der christlichen Rechten im Land wachsen mit jeder Wahl. Präsident Bush wünscht sich die Berücksichtigung beider Lehren in den Stundenplänen. Weltweit wächst der Einfluss fundamentalistischer Christen. Auch in Deutschland finden Kreationismus und ID zunehmend Anhänger. Nachfolgend stelle ich die Modelle kurz vor:

Der eigentliche Kreationismus (vom lateinischen creare = erschaffen) sieht den biblischen Schöpfungsbericht der Bibel als Tatsachenbericht. Auf den ersten Seiten der Bibel (im Buch Genesis [= Schöpfung] oder 1. Buch Moses) wird erzählt, wie Gott die Welt erschaffen hat. In Ablehnung anderer Verständnismöglichkeiten schuf Gott die Welt demnach wortwörtlich in 6 Tagen (am 7. Tag ruhte er). Die Erde ist unter Berücksichtigung der biblischen Zeitrechnung und des Alters ihrer Überlieferung also weniger als 10.000 Jahre alt. Da jedes Tier nach seiner Art und der Mensch als Ebenbild Gottes erschaffen wurde, ist eine Entwicklung der Arten ausgeschlossen.
 
Dem Grundtypenmodell des weiterentwickelten Kreationismus zufolge schuf Gott Grundtypen mit engen definierten Entwicklungsmöglichkeiten: Aus dem „Urhund“ etwa entstehen alle hundeartigen Lebewesen. Hunde sind untereinander kreuzbar, mit Pferden aber beispielsweise nicht. Daher gibt es mit diesen keine gemeinsamen Vorfahren. Während der Sintflut brauchten also auch „nur“ die Grundtypen in der Arche von Noah untergebracht werden. Und ja – auch die Dinosaurier passten als Jungtiere oder Eier mit hinein. Je nach Modellvariante werden auch größere Entwicklungszeiträume in Betracht gezogen. Aber der Mensch bleibt Abbild Gottes.

Bei der Lehre vom „Intelligent Design“ (ID) werden die Evolution (nur als zielgerichtete Entwicklung) und die langen Entwicklungszeiträume anerkannt. Viele Merkmale von Lebewesen seien aber „unreduzierbar komplex“ und könnten nicht durch zufällige Mutation entstanden sein. Das Auge etwa sei nur in seiner endgültigen Form brauchbar, nicht in Vorstufen. Eine materialistische Sicht könne dies nicht erklären. Auch die Zielgerichtetheit der Natur zeuge von einer „überirdischen Intelligenz“, einem Planer und Designer der Lebensformen. Das Wort „Gott“ wird vermieden, das Konzept soll nicht als religiöse Lehre gelten.

Die an diesen Grundlagen ausgerichteten Internet-Enzyklopädien creationwiki.org und conservapedia.com „The Trustworthy Enzyclopedia“ (vertrauenswürdige/ glaubwürdige E.) fungieren als fundamentalistisch-religiös korrekte Entsprechung neutraler Informationsseiten wie wikipedia.com (freie E.). Vom Verein „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“ wird die deutsche Webseite genesisnet.info mit gleichem Motiv betreut.

So wie viele freikirchliche Gemeinden in Deutschland von US-amerikanischen Predigern beeinflusst werden, gewinnen auch diese Themen hierzulande an Bedeutung. Es lässt sich eine vermehrte Neugründung christlicher Schulen im Sinne dieses fundamentalistischen Verständnisses (auch im katholischen Bereich) beobachten. In den letzten Jahren beschäftigten eine ganze Reihe von Schulverweigerungen aus religiösen Gründen die Schulämter. Die Eltern sind in fundamentalistisch christlichen Gemeinden verankert. Als Gründe nannten sie neben der Angst vor schlechtem Einfluss und der Sexualkunde in der öffentlichen Schule gezielt die Vermittlung der Evolutionstheorie. Vermittlungsversuche, Bußgeldbescheide und Erzwingungshaft scheiterten. Endgültige Entscheidungen stehen zum Teil noch aus. Einige Familien führen daher nach wie vor Heimunterricht durch. Andere siedelten nach Österreich oder England um, wo dies auf Antrag möglich ist. Die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft „Zwölf Stämme“ setzten eine eigene Privatschule durch.


Auch in Deutschland gibt es weitere Ebenen, auf denen der „Kampf“ geführt wird. 2002 erschien ein Schulbuch mit dem Titel "Evolution - Ein kritisches Lehrbuch". Mikrobiologe Siegfried Scherer und Biologielehrer Reinhard Junker publizierten ein Schöpfungsmodell auf religiösen Grundlagen. Scherer ist auch Vorsitzender der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen". Sie ist die wichtigste deutsche Vereinigung der Kreationisten. Scherer und Junker wurden für ihr Werk mit dem Deutschen Schulbuchpreis gewürdigt, der vom Verein "Lernen für die Deutsche und Europäische Zukunft" vergeben wird. In dessen Satzung ist nachzulesen: "Gemäß dem festgelegten Vereinszweck sind solche Bücher auszuzeichnen, die den Schülern Ehrfurcht vor Gott, Nächstenliebe, Toleranz und Dialogfähigkeit auf Grundlage einer ethisch hohen christlichen Überzeugung vermitteln." Das Buch ist in keinem deutschen Bundesland als offizielles Lehrmittel zugelassen, darf aber in den Schulbibliotheken stehen.

Was als Glaubensaussage nicht kritisierbar ist, wird problematisch, wenn es penetrant als wissenschaftliche These behauptet wird. Beim Grundtypenmodell und insbesondere beim ID-Konzept treten eine Reihe von wissenschaftlich gebildeten Argumentatoren auf. Doch kann von einer umfassenden, wissenschaftlichen Theorie nicht die Rede sein. Es fehlen Aussagen zum „Designer“ selbst, ebenso wie zu seiner „Methode“ der Schöpfung. Damit von einer wissenschaftlichen Theorie die Rede sein kann, müssen sich von den theoretischen Aussagen Schlussfolgerungen ableiten lassen, die empirisch überprüfbar sind. Experimente oder Messergebnisse bestätigen oder widerlegen diese. Eine Glaubensaussage kann daher keine wissenschaftliche Theorie begründen. Die politischen Argumente der Bewegung sind wohl die gewichtigeren. Experimentelle Nachweisbarkeit wird wohl auch nicht angestrebt.

 

Religionskritik und Ideologie-Kritik


Hamlet: „Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden als deine Schulweisheit sich träumt, Horatio.“
Dieses Shakespeare-Zitat (Hamlet, Akt 1, Szene 5) muss als Standardargument in nahezu jeder Diskussion mit „Gläubigen“ als eine Art Gottesbeweis oder zur Legitimierung parawissenschaftlicher Methoden oder Theorien herhalten: „Wer dieses Zitat übernimmt, argumentiert also so: Die Wissenschaft weiß nicht alles; daraus schließe ich, dass vieles, was die Wissenschaft nicht kennt, existiert, und das weiß ich genau, obwohl ich nicht einmal über die Kenntnis der Wissenschaft verfüge. Also: ich weiß zwar nichts, aber ich weiß mehr als der Wissenschaftler.“ (Martin Lambeck, „Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik“; C.H. Beck, 2003, S.116)    

Wie Lambeck ausführt, verfährt die Figur Hamlet im Stück selbst keineswegs nach dieser Argumentation, sondern dient eher als Beispiel eines den Nachweis suchenden Skeptikers. Auch Wissenschaftler werden kaum leugnen wollen, dass es noch vieles zu erforschen gilt. Sie können aber auch Aussagen darüber machen, was es nicht gibt, weil es im krassen Widerspruch zu den Grundlagen steht. Phänomene, welche die Physik nicht erklären kann, können zwar trotzdem existieren. Es müsste sich dafür nur eine neue bisher unbekannte physikalische Kraft oder eine neue physikalische Theorie finden lassen. Viele Behauptungen über diverse Phänomene stehen aber im deutlichen Gegensatz zur bisherigen Physik.    

Wissenschaftlicherseits wurden paranormale oder Psi-Phänomene lange als obskure Auswüchse an den Rändern der Gesellschaft oder in den Schattenbereichen des Gesundheitswesens ignoriert – man sah sich wohl nicht in der Pflicht zur Aufklärung. Nachweise müssen im Wissenschaftsbetrieb ja normalerweise diejenigen erbringen, die neue Erkenntnisse postulieren. Als prinzipiell offenes, erweiterbares und korrigierbares System belohnt Wissenschaft jede besondere neue Erkenntnis mit Aufmerksamkeit und Nobelpreisen. Wer völlig abseitige Ideenkonstrukte präsentiert wird mit Nichtbeachtung bestraft. Ausnahmen bilden die „Skeptiker-Vereinigungen“, welche verschiedenen Behauptungen auf den Grund gehen. Die deutsche Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Paraphänomenen (GWUP) macht solche Aufklärungsarbeit seit 20 Jahren.
 

Das fliegende Spaghetti-Monster

Im Juni 2005 schrieb der US-amerikanischen Physiker Bobby Henderson einen offenen Brief an die Schulbehörde von Kansas, USA, in dem er forderte, seine Glaubensrichtung – den FSMismus – ebenso wie die fundamentalistisch-christliche Überzeugung des Kreationismus in öffentlichen Schulen zu unterrichten. Diese satirische Pseudoreligion wuchs unmittelbar explosionsartig. Suchmaschinen finden inzwischen eine Million Suchergebnisse zum Namen der Gottheit: „Flying Spaghetti Monster“. Die wachsende Mitgliederschaft bezeichnet sich selbst als „Pastafari“. Ihrem Glaubensbild nach hat der nudelige Schöpfer alle Hinweise auf eine Evolution bewusst gestreut, um die Menschen zu verwirren. Einzige Ursache von Erderwärmung und Naturkatastrophen ist die sinkende Zahl cooler Piraten. Lebensmaxime ist daher „What Would A Pirate Do?“ („Was würde ein Pirat tun?“) in Anspielung auf den bekannten christlichen Slogan „What would Jesus do?“ („Was würde Jesus tun?“). Die Spaßreligion spaltete sich in Parodie zu christlichen Sekten auf: „Cult of Oregano”, “Mystical Order of the Flying Spaghetti Monster”, Moomin Church of His Spaghettiness... Einige weitere satirische Internetgruppierungen sind „IPU“ (invisible pink unicorn = unsichtbares rosafarbenes Einhorn), „Intelligent Falling“, „Unintelligent Design“ und als bekannteste der "Diskordianismus". Als Inspirationen dieser Kritiken gelten die am Beispiel einer Teekanne formulierte Kritik des Physikers Bertrand Russel und der Drache in der Garage von Astrophysiker Carl Sagan, Mitbegründer der US-Skeptikervereinigung.

Der neue Atheismus ist missionarisch.

In der Zeitschrift „Der Spiegel“ (Nr. 22/2007) wird die Botschaft der neuen Atheisten in 10 Geboten zusammengefasst: 1. Du sollst nicht glauben. (...) 3. Du sollst keine Götter neben dir dulden. (...) 7. Du sollst keine Götter neben der Wissenschaft haben. Der Humanistische Verband Deutschland versteht sich dabei als Sprachrohr der Nicht-Gläubigen und prangert Verstöße gegen die Trennung von Staat und Kirche an. Gemeinsam mit der „Giordano Bruno Stiftung“ (Stiftung zur Förderung des evolutionären Humanismus) wird ein „Zentralrat der Konfessionsfreien“ vorgeschlagen. Der Zentralrat der Ex-Muslime wurde 2007 gegründet – als Projekt zum Schutz der Bekenntnis- und Meinungsfreiheit, da nach fundamentalistischem Islamverständnis Austritte nicht vorgesehen sind. Weitere Projekte der Stiftung sind z.B. der Humanistische Pressedienst (hpd) zur Stärkung aufklärerischer, freigeistiger Positionen in den Medien als auch die „religionsfreien Zonen“, etwa als Gegenpol zum katholischen Weltjugendtag 2005 in Köln oder dem Papstbesuch in München 2006. Von Vorstandsmitglied Schmidt-Salomon erschien 2007 ein Kinderbuch, das atheistischen Eltern helfen soll, ihren Kindern eine religionskritische Sicht zu vermitteln. Das Bundesfamilienministerium hat über die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (erfolglos) ein Verbot prüfen lassen, da in dem Buch „Wo bitte geht’s zu Gott? Fragte das kleine Ferkel“ das Christentum, der Islam und das Judentum verächtlich gemacht würden.

Das Buch „Der Gotteswahn“ vom Biologen Richard Dawkins eroberte nach seinem Erscheinen (in Deutschland 2006) einen Platz in amerikanischen, britischen und deutschen Bestsellerlisten. Der Autor ist bekennender Atheist, Mitglied der britischen Skeptics Society und bereits durch mehrere kritische Beiträge zu Religion und Kreationismus bekannt. Kritik erntete er für seine pauschale Darstellung der Religion als eine Art Gedankenvirus und die polemischen Attacken gegen jegliche Religiosität. In der Dokumentation „Enemies of reason“ (Feinde der Vernunft) geht er gleichermaßen kritisch auf Esoterik und Alternativmedizin ein. Den lauter werdenden Atheisten zufolge seien Religionen und Glaube nicht nur überflüssig und falsch, sondern auch gefährlich und verantwortlich für Kreuzzüge, geldgierige amerikanische Fernsehprediger und Selbstmordattentate. Die scheinwissenschaftlichen Versuche seitens Fundamentalismus und Esoterik liefern solcher Kritik eher noch die Argumente und die Feindbilder. Das Bekenntnis, das nur eine rein naturalistische oder materialistische Sicht der Welt vernünftig und für ein sinngebendes Weltbild ausreichend sei, überschreitet allerdings ebenfalls die Grenze zwischen Wissenschaft und Ideologie. Folglich ist eine dieser Religionskritik gemäße Entgegnung nicht im naturwissenschaftlichen Rahmen zu suchen, sondern in der Ideologiekritik. Diese Kritik kommt auch aus dem wissenschaftlichen Lager selbst. „The Dawkins Delusion“ (Der Dawkins-Wahn, deutscher Titel: „Der Atheismuswahn“) heißt die Replik, in der Alister McGrath (früherer Molekularbiologe und heutiger Theologe und Kirchenhistoriker) und Joanna Collicutt McGrath (Religionspychologin) die These, der Glauben sei ein gedanklicher Virus, als pseudowissenschaftlichen Unsinn abtun.

 

Paradigmenwechsel?


Anfang des 20. Jh. stellte die spezielle Relativitätstheorie Einsteins mit ihren Folgen das seit Newton gültige naturwissenschaftliche Weltbild in Frage. Es ging um die Frage, was Licht sei. Hat es eine Wellen- oder eine Teilchenstruktur? Die Entwicklung der Quantentheorie mit dem Komplementaritätsprinzip von Niels Bohr und Heisenbergs Unschärferelation hatte nichts weniger als eine Revolution in der Physik zur Folge. Sie vollzog eine Wendung von der bisherigen die Physik bestimmenden „entweder – oder“ Logik zu einer diese übersteigenden „sowohl als auch“ Dimension (Teilchen und Welle!).

Auch wenn mit der Quantentheorie nur Beobachtungen auf subatomarer Ebene erklärbarer wurden, zog ihre Entwicklung schwere Erschütterungen bis in die Erkenntnistheorie nach sich. Denn je nach Versuchsanordnung schien sich widerspruchsfrei die nur durch sie beobachtbare Beschaffenheit des Lichtes zu erweisen. Spätestens damit war die seit René Descartes (1596–1650) bestehende - und bis heute zumindest pragmatische - Trennung von beobachtendem Subjekt und davon unabhängig beobachtbares Objekt obsolet. Seither gibt es darüber endlose philosophische Diskussionen. Auch die Esoteriker griffen die neuen Theoreme der Quantenphysik auf, um ein „ganzheitliches“ Weltbild zu begründen. War das die langgesuchte Verbindung zwischen Materie und Geist, zwischen Mensch und Natur, zwischen Subjekt und Objekt?     

Der im strukturellen Dualismus von Subjekt und Objekt begründeten Rationalismus hatte die cartesianische Wende gebracht. Mit seiner Suche nach einem logischen Welterklärungsmodell formulierte Descartes auf Basis erkenntnistheoretischer Überlegungen („Wenn ich also an allem zweifle, so besteht doch kein Zweifel daran, dass ich zweifle.“) den wohl berühmtesten Satz der Philosophiegeschichte: »Ich denke, also bin ich«. Dieser für die westliche Kultur- und Geistesgeschichte prägende Satz wird durch die zuvor beschriebenen Entwicklungen abgelöst, etwa so: „Ich denke mir die Welt in eine mir genehme Realität.“ Die Betonung auf die Intuition und der daraus resultierende Erfahrungsfundamentalismus erschaffen ein Postulat das sich anhört wie: „Ich fühle, also habe ich recht“.

Die für diese Wende mitverantwortliche New-Age-Bewegung entstand Anfang der siebziger Jahre als Alternativbewegung gegen die herrschenden Industriegesellschaften. Gegen eine zerstörerische Technik erhoffte man sich ein neues Zeitalter. Natur-Religionen, die östliche Mystik boten alternative Weltdeutungen, die das Bewusstsein für diese Probleme erweitern und mögliche Lösungen geistig vorbereiten sollten. Das neue Zeitalter des Friedens, der Harmonie und Liebe sollte bald beginnen. Auch die moderne Wissenschaft beweise, dass alles mit allem verbunden sei. Auch dort beeinflusse das Bewusstsein Experimente und Ergebnisse. Die Physik komme durch Experimente und die östliche Mystik durch Meditation zu gleichen Ergebnissen. (z.B. bei Fritjof Capra, Das Tao der Physik 1987) Asiatische Weisheit habe „schon immer“ Wahrheiten tradiert, welche die Wissenschaft erst jetzt herausgefunden habe. Da im Universum alles miteinander verbunden ist, beziehe das erweiterte Bewusstsein intuitive, „übersinnliche“ Aspekte mit ein, um Probleme zu lösen. Die Schul-Wissenschaft klebe am Detail, an der Materie, am Symptom.

Religiöse Einsichten werden hierbei aus dem Zusammenhang gerissen, verändert und in einen neuen Zusammenhang gestellt. Um eigene Behauptungen „wissenschaftlich“ zu belegen werden Begriffe aus der modernen Physik und Zitate ihrer Entdecker nach Bedarf eingestreut. Der Umgang mit Technik und Wissenschaft ist beliebig: Wahlweise geht die eigene Erkenntnis über die rückständige Wissenschaft hinaus, oder das besondere Wissen (bzw. alternative Technik) wird durch die (Pseudo-)Wissenschaft bestätigt.

Auch die heutige postmoderne Volksfrömmigkeit sucht die Lösung von lebenspraktischen Fragen nicht nur auf dem Boden der Rationalität und verlässt sich nicht allein auf die Wissenschaft. Man möchte seine Lebensumstände halbwegs im Griff haben. Das wenigste können wir uns selbst rational erklären. Meist reicht das Wissen darum, dass andere das können. Aber genau hier wirkt sich die moderne und selbst unter den wissenschaftlichen Fachdisziplinen bestehende Unübersichtlichkeit fatal aus. Eine alles erklärende Gesamttheorie gibt es nicht mehr. Das - früher zumindest geglaubt - geordnete und einheitliche Weltwissen liegt in viele Spezialbereiche zergliedert und scheinbar unrettbar fragmentiert vor uns wie ein Puzzle mit erheblich zu vielen Teilen – ohne Vorlage. Diese augenscheinliche Gesamt-Antwortlosigkeit und Zergliederung ist für viele Menschen schwer aushaltbar.
 
Während esoterische Ideologien hierin einen Aufbruch erkennen und einen weiteren evolutionären Spiritualitätsschub erwarten, wirken fundamentalistische Ideologien dem mit einem sicherheitsgenerierenden radikalen Weltbild entgegen. Die liberalistische und pluralistische Gesellschaft wird zum Feindbild erklärt. Die eigene weltanschauliche Ideologie wird stärker zur Wahrheitsgrenze. Damit geraten andere antiliberalistische, fundamentalistische Ideologien, etwa innerhalb des Islams, ebenfalls ins Visier.

In diesem Zusammenhang wird Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ interessant. Die Wirkungsgeschichte seiner These ist enorm (Clash of Civilisations and the remaking of World Order, 1993 / in Deutschland 2006). Der Politikwissenschaftler empfahl der US-Regierung, deren Berater er ab 1987 war, eine Neuorientierung in der Außenpolitik. Die Weltpolitik des 21. Jh. würden von Konflikten zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen bestimmt sein. Der relative Machtverlust des Westens gegenüber dem Bevölkerungswachstum der islamischen Welt und dem Wirtschaftswachstum Ostasiens mache eine Ablösung vom Hauptfeind Kommunismus notwendig. Huntingtons Buch hat Kritik am Kulturbegriff, seiner Kulturkreiseinteilung erfahren und wurde von der Friedensforschung als Rechtfertigungsmöglichkeit westlicher Angriffe auf islamische Länder gewertet. Der Rezeption seiner Thesen in der medialen Diskussion tut das keinen Abbruch. In diesem Lichte legt die neuere Bewertung der Religionen als ideologiegeschichtliche Hasskonstrukte die Vermutung nahe, dass es bei der derzeitigen Debatte um den neuen Atheismus eigentlich auch um den Themenbereich 11. September und die Achse des Bösen, Bush und Bin Laden geht, also um Fundamentalismus – in beiden Lagern.

Ein weniger auf die Terrordrohung fixierter Blick auf die Kulturgeschichte zeigt, dass sich die Kulturen selbst weniger bekriegen als vielmehr gegenseitig befruchten. Der heutige einseitige Blick auf den fanatischen Teil des Islam lässt vergessen, das die Entwicklung eines aufgeklärten, christlichen Abendlandes ohne die friedlichen Einflüsse aus dem islamischen Morgenland in den Bereichen der Philosophie, Medizin und Mathematik undenkbar ist. Allerdings hat sich dieser fanatische Teil des Islam seinerseits die Vorstellung vom Kampf der Kulturen längst zu eigen gemacht – als theologisches Selbstverteidigungskonzept lag sie wohl auch bereits vor.
  

Das gekränkte menschliche Ego

Im Laufe der letzten paar hundert Jahre wurden die gesellschaftlich vorherrschenden Weltbilder immer wieder erschüttert. Durch die wissenschaftlichen Entdeckungen und Entwicklungen haben Menschen eine Reihe narzisstischer Kränkungen hinnehmen müssen. Die Kopernikanische Wende verstieß die Erde aus dem Mittelpunkt des Alls, Darwin kickte den Menschen vom ersten Platz der Schöpfung und Freud legte ihn als triebgesteuertes Wesen auf die Couch. Die nächste Kränkung wurde von der Hirnforschung schon ausgesprochen und wird derzeit fleißig debattiert: Das „Ich“ und das sogenannte Bewusstsein sind eine Art neuronale Arbeits-Hypothesen. Und auch die Entscheidungs- und Willensfreiheit ist höchstens eine gefühlte Freiheit. Im Versuch waren anhand der messbaren Hirnströme die Entscheidungen längst in tiefer liegenderen Regionen gefallen, bevor der Bewusstsein bildende Bereich mit den Gründen für die Entscheidung ins Spiel kam. Die auch philosophisch oft diskutierte Willensfreiheit erhielt nun einen massiven deterministischen Dämpfer. Die moderne Hirnforschung und der radikale Konstruktivismus zeigen, das wir gar nicht anders können, als uns Bilder von der Welt zu machen, um damit im Kopf die Welt entstehen zu lassen. Dabei haben Emotionen ein gewichtiges Wort bei der Farbauswahl mitzureden, mit der wir uns die Gegenwart und Zukunft ausmalen. Und so strukturiert Glaube auf individueller, sozialer und politischer Ebene doch wieder „Wirk“-lichkeit.

War „die Gesellschaft“ wirklich jemals rationaler oder aufgeklärter, oder hat sich einfach der Adressat der Verehrung, der Empfänger des Wunschzettels geändert? Von der Technikgläubigkeit über die „emotionale Intelligenz“ zur spirituell-intuitiven Erfahrung oder aber zum erfahrbar stabilisierenden göttlichen Gesetz. Trotz wachsender Hinwendung nach „Innen“ bleibt für viele die Suche nach den wunscherfüllenden oder problemlösenden Außen-kräften gleich. Die erwünschten Ergebnisse sollen sich oft wieder zutiefst materiell zeigen. Vielfach angebotene „Spirituelle Geldkurse“ verstehen sich keineswegs als in sich selbst widersprüchlich. Und auch viele charismatisch fundamentalistische Prediger verheißen ungeniert die materiellen Auswirkungen des göttlichen Segens.

Es lässt sich bezweifeln, dass wir gerade den von der Esoterik proklamierten „Paradigmenwechsel“ erleben. Der astrologisch definierte Übergang vom autoritätshörigen Fische-Zeitalter zum intuitiven Wassermann-Zeitalter steht jenseits solcher Zuschreibungen astronomischerseits sowieso erst um das Jahr 2600 an. (Die hierfür verantwortliche „Präzession“ entsteht durch die kreiselnde Bewegung der Erdrotationsachse. Der Frühlingspunkt als Schnittpunkt von Äquatorebene und Ekliptikebene - der Sonnenlaufbahn - wandert innerhalb von 25.800 Jahren durch die 12 Tierkreiszeichen, den Zodiak) Doch der kontinuierliche gesellschaftliche Wandel braucht einen Namen und die esoterische Sehnsucht ein evolutionäres Programm. Im Refrain des in den 1960er Jahren entstandenen Musicals „Hair“ wird die Dämmerung des Zeitalters des Wassermannes besungen: „This is the dawning of the age of aquarius“.

 

Religion und Angst und Sehnsucht


Der Alltag wird von Gesetzmäßigkeiten der modernen Technik und Ökonomie geprägt - nicht von weltanschaulichen oder religiösen Sinnsystemen. Es gibt keine unbestritten gültigen Werte und Lebensentwürfe für den Alltag. Aber es herrscht eine Art Zwang zum Glücklichsein vor. Dabei ist jeder seines eigenen Glückes Schmied - das macht einen enormen Druck. Die Emanzipation von Institutionen rückt den Menschen in den Mittelpunkt seiner von ihm selbst zu leistenden Sinnsuche. Aus dem Supermarkt der Sinnsuche kann er sich Versatzstücke nach aktueller Verwertbarkeit aussuchen. Die moderne Erlebnisorientierung bestimmt dabei die religiösen Suchbewegungen. Die eigene Erfahrung wird Maßstab dessen, was gilt. Daher suchen viele nach selbstvergewissernden Erfahrungen jenseits der sichtbaren, erklärten und ökonomisierten Alltags-Wirklichkeit. Die mystische Erfahrung soll die individuelle Spiritualität plausibel machen. Der Mensch ist dabei Subjekt und will die Defizite moderner Lebensführung in eigener Organisation bewältigen. Der Buddhismus (bzw. sein westliches Bild) lässt sich auch ohne Gottheit praktizieren. Die moderne Esoterik lebt von der nutzenorientierten Vermarktung religiöser Bestände. Bei den fundamentalistischen Strömungen sehen wir ebenfalls die Betonung der Eventkultur und die Suche nach der verfügbaren Erfahrbarkeit. Die religiöse oder spirituelle Erfahrung selbst bietet dann wieder die Möglichkeit der orientierenden Rückbindung oder Entgrenzung und Verschmelzung, aber auch der Verantwortungsabgabe und Regression. Furcht vor Vereinnahmung oder Sehnsucht nach Nähe bestimmen den Grad des eigenen Engagements und Platzes in einer Gemeinschaft. Den Sehnsüchten und Ängsten entsprechend werden jeweils weltanschauliche Themen interessant. Diese können aber auch zur Falle werden. Erlösungsgewissheit oder innerer Frieden lassen sich nicht äußerlich erarbeiten. Die unerfüllte Suche danach kann in die Depression führen.

Im Bereich der Esoterik herrscht thematisch die Frage nach dem sinnhaften „Wohin“ und „Wozu“ des Menschen vor. Der Esoterikmarkt mit seiner Ideologienvielfalt verspricht individuelle, spirituelle Entwicklung und Aufwertung. Die umfassende Bedeutung und die individuell besondere Aufgabe helfen, die Angst vor Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit zu bekämpfen. Rationalistische Welterklärung kann das nicht. Grenzenloses Bewusstsein soll derartige Einschränkungen überwinden und eine neue Wirkmächtigkeit erzielen. Realität und Alltag gelten als relativ. Alltägliche Notwendigkeiten und Regeln lassen sich so leichter ertragen - oder aber auch vernachlässigen. Wenn aktuelle und reale Konfliktsituationen vermieden werden, droht Realitätsverlust und Abnahme von Problemslösungskompetenz. Die Individualisierung von Normen und Werten führt zum Verlust von Verantwortungsbezügen.


Fundamentalismus bedient das Bedürfnis nach Rückhalt, Autorität und Führung. Die richtige Ordnung gibt äußeren Halt und Sicherheit. Antworten auf die Fragen „Woher“ und „Weshalb“ machen Verankerung möglich. Die Relativität der Weltanschauung in der pluralistischen Gesellschaft schafft Verunsicherung und bedeutet auch eine Relativierung jeglichen absoluten Wissens. Daher erfolgt wieder der Rückgriff auf höhere, absolute Normen und Werte. Christlich fundamentalistische Gruppen bieten verlässliche Strukturen und klare moralische Regeln. Chaos und Ungewissheit können vermieden werden – Reglementierung und Zwang sind gelegentliche Folge. Fundamentalismus birgt die Gefahr der fanatisierbaren Intoleranz. Dämonisierung und Abwehr der bedrohenden liberalen Gesellschaft führen zur isolierenden Radikalisierung durch eine sichere Gemeinschaft, und damit zur Trennung von der übrigen Gesellschaft.

 

Aufklärungsarbeit und Gesellschaft


Der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. leistet seit über 20 Jahren umfangreiche Aufklärungsarbeit. In Schulklassen, Lehrerseminaren und Vorträgen werden Merkmale destruktiver Ideologien aufgezeigt. Nach wie vor beliebte okkulte Techniken wie Pendeln oder Gläserrücken werden entzaubert und erklärt. Hinzu kommt die bewährte aufklärende Medienarbeit und die Unterstützung anderer Initiativen. Insbesondere das bei der Beratungsstelle angesiedelte Projekt „Beratung und Therapie von Menschen mit außergewöhnlichen Erfahrungen“ (gefördert durch das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V. in Freiburg i. Br.) trägt neben der Hilfestellung auch zur Aufklärung und zur Forschung in diesem Bereich bei. Auch bei der Beratungsarbeit sind aufklärende Anteile wichtig, um z.B. psycho-physiologische Zusammenhänge (etwa bei okkulten Praktiken oder Meditation) verstehen und verarbeiten zu können.

In der offenen Gesellschaft kann es keine Kompromisse bei der Anerkennung ihrer Grundlagen geben. Um der Freiheit und des inneren Friedens willen müssen diese Grundlagen von allen Religionsgemeinschaften anerkannt werden. Daher kann es keine Toleranz gegenüber der Intoleranz geben. Umfassende Antworten sind zwangsläufig ideologisch. Den Glauben und die Lehre darf der Staat nicht bewerten, aber er muss das tatsächliche Verhalten nach weltlichen Kriterien beurteilen. Es muss auch um die Frage nach politischen Reaktionen auf fundamentalistische Angriffe gegen die rationale Vernunft und die Meinungsfreiheit gehen. 2004 wurde der Amsterdamer Filmemacher Theo van Gogh ermordet. Im Februar 2008 wurde ein Anschlag auf einen dänischen Mohammed-Karikaturisten vereitelt. Die Veröffentlichung im Jyllands-Posten war September 2005. Die Angst vor Fanatismus kann keinen Schutz vor ihm initiieren. Freiheit hat ihren Preis. Ihre Bedrohung erfährt sie aber auch von innen, durch erstickende Regulierung und Zensur. Hier ist ebenso die Zivilcourage des Bürgers gefragt, in Eigenverantwortung für die Gesellschaft einzustehen und so die individuelle Freiheit zu leben.

Noch ein Wort zum Fundamentalismus: Ein reifer Glaube befreit auch von weltlichen und falschen religiösen Sicherheiten und Abhängigkeiten. Wissenschaftliche Erkenntnisse können Gottes Existenz weder beweisen noch widerlegen. In der Bibel stehen verschiedene Vorstellungen von der Entstehung der Welt nebeneinander. Sie beschreiben nicht ein (früh-) wissenschaftliches „wie“ der Schöpfung, als vielmehr das sinnstiftende „woher“ und „wozu“. Gott wird als Ansprechpartner des Menschen dargestellt und der Mensch als sein Ebenbild, mit der entsprechenden Würde und Verantwortung. Die Bibel ist kein zeitloses Kompendium göttlich unfehlbarer Fakten, sondern ein Glaubenszeugnis. Als solches spricht es eine andere Sprache als die Wissenschaft. Mit dieser kann aber gegen eine rein materialistische Weltsicht Einspruch erhoben werden - zum Beispiel gegen den schrankenlosen und ökonomisierenden Zugriff der Gentechnik auf den Menschen. Soziale, religiöse Werte überleben nicht durch unhinterfragbare Dogmatisierung. Indem sie flexibel sinnorientiert vorgelebt werden, bieten sie Sicherheit in Freiheit.

Noch ein Wort zur Esoterik: Ein die physikalischen Gesetzmäßigkeiten wegträumender geistiger Utopismus wird auch zukünftig wenig zur Lösung von aktuellen Problemen beitragen. Wer vorgibt, rein energetisch zur evolutionären Transformation beizutragen, stiehlt sich aus der Verantwortung zur tatkräftigen Konkretion. Doch können Intuition, undogmatisches, systemübergreifendes Denken zu kreativen Lösungswegen beitragen. Der Reichtum der Weisheitslehren verschiedener Kulturen kann fruchtbar mit der Wissenschaft in Dialog gebracht werden – in gegenseitigem Respekt. Ein verantwortlich gestalteter positiver Wandel bietet bei aller Freiheit auch verlässliche Zukunftsorientierung.

Noch ein Wort zum materialistischen Weltverständnis: Wenn ich den Lichtschalter anmache will ich, dass es hell wird. Dahinter stecken Wissenschaft und Technik. Einen tragenden Grund und lebenswerten Sinn bieten sie nicht. Auch wenn es zwischen zwei Menschen sprichwörtlich funkt hat es nichts mit Elektrizität zu tun. Wenn ein Mensch entsteht heißt es nicht „an“, bei seinem Tod nicht „aus“. Dann ist die Rede von Leben und damit von Liebe, Hoffnung, Glaube, Trauer, Wut. Gefühle aber sind naturwissenschaftlich irrelevante, nicht messbare „Aggregatzustände“ des Menschen - der die Naturwissenschaft „erfunden“ hat.

 
-.png   +.png