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Wenn Glaube schadet PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Uta Bange/ Sabine Riede   

Folgen und Belastungen der Mitgliedschaft in neuen religiösen und ideolo­gischen Gemeinschaften und Psychogruppen und das Beratungsangebot im Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.

In der Beratungsstelle Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. melden sich täglich Menschen, die über ihre Erfahrungen mit einer neuen weltanschaulichen Gruppierung sprechen möch­ten. Manche sind bereits in eine sogenannte „Sekte“ hineingeboren worden, andere haben erst im Erwachsenenalter Kontakt bekommen. In den letzten Jahren melden sich auch immer mehr Betroffene, die im Kontakt mit Wahrsagern, Heilern oder anderen Anbietern des Eso­terikmarktes Probleme bekommen haben. An zweiter Stelle sind es Angehörige, die sich bei uns melden, weil sie sich große Sorgen um ihre Kinder, Eltern oder Partner machen. Anhand von fünf exemplarischen Fallbeispielen aus unserer Beratungspraxis und einem Diagramm mit Zahlen aus den letzten fünf Jahren möchten wir zeigen, welche Folgen und Belastungen die Mitgliedschaft in einer konfliktträchtigen religiösen Gruppierung oder auch die Nutzung von Angeboten auf dem Esoterikmarkt haben kann. Anschließend wird dargestellt, wie wir unseren Klienten helfen und was uns in der Beratung wichtig ist. Selbstverständlich kann die Mitgliedschaft in sogenannten Sekten auch relativ unproblematisch verlaufen. Es gibt Menschen, die dort stabilisiert werden oder ihre Gruppe nach einiger Zeit ohne besondere Folgen verlassen und dementsprechend auch keinen Beratungsbedarf haben. Die Betrof­fe­nen aber, die sich in unserer Beratungsstelle melden, leiden in der Regel erheblich unter den Folgen.

 

Fall 1: Ein Weg ins Licht – oder nicht?

Aufgrund von starken Rückenschmerzen suchte Frau K. (50 Jahre) vor einiger Zeit eine phy­siotherapeutische Praxis auf. Mit der Krankengymnastin sprach sie auch über ihre persön­lichen Probleme. Als Kind war sie viele Jahre sexuell missbraucht worden. Nachdem sie vor zwei Jahren von einem Verwandten vergewaltigt worden war, tauchten zunehmend Erinne­rungen an ihre Kindheit auf, und es ging ihr psychisch immer schlechter. Die Physiothera­peutin empfahl ihr den Besuch eines Seminars mit dem Titel „Von der Angst zur Kraft“. Sie nahm an dem Seminar teil und konnte von den Inhalten profitieren. Dort wurde sie moti­viert an einem weiteren Seminar teilzunehmen, diesmal mit dem Titel „Der Weg ins Licht“. Dieses Wochenseminar habe ihr eine neue spirituelle Welt eröffnet und sie habe geglaubt, ihren lang gesuchten Weg gefunden zu haben. Danach ging sie zu regelmäßigen Gruppen­treffen. Von der charismatischen Leiterin fühlte sie sich verstanden. Vor und nach den Gruppen­treffen nahmen sich alle in die Arme. Ihre starke Sehnsucht nach Liebe und Gebor­genheit wurde erfüllt. Schnell gehörte sie zum Kern der Gruppe und durfte mithelfen, die selbst hergestellten Blütenessenzen abzufüllen. Für ihre Arbeit habe sie sehr viel Lob und Aner­kennung bekommen. Nach einer „Blütenausbildung“ wurde ihr in Aussicht gestellt, demnächst selbst Menschen behandeln zu können. Zur Finanzierung der Seminare musste Frau K. Schulden machen. Als sie weiterführende Seminare aus finanziellen Gründen nicht besuchen konnte, verschlechterte sich ihre Position in der Gruppe. Die Leiterin zeigte sich verärgert und das Interesse an ihrer Person nahm ab. Auch zu den Esoterikmessen, auf denen Blütenessenzen vertrieben wurden, durfte sie nicht mehr mitfahren. Zu diesem Zeit­punkt begann Frau K. an der Leiterin der Gruppe zu zweifeln. Sie war sehr enttäuscht und fühlte sich von dieser fallengelassen. In Zusammenhang mit existenziellen Ängsten traten Selbstmordgedanken auf. Zu diesem Zeitpunkt nahm Frau K. Kontakt zu unserer Beratungs­stelle auf. Als Anliegen formulierte sie, herausfinden zu wollen, ob sie an eine Sekte geraten sei.

In der Beratung war Frau K. zunächst sehr überrascht, dass uns die Gruppierung „Der Weg ins Licht“ von Frank Eickermann aus vielen Anfragen und Beratungsfällen in den letzten Jahren bekannt ist. Sie interessierte sich zunächst für Hintergrundinformationen und die Ein­schätzung einer Fachstelle zur Absicherung ihres Bauchgefühls, dass da „irgendetwas komisch“ ist. Nachdem es Frau K. zunächst peinlich war, in einer „Sekte“ gelandet zu sein, war es für sie sehr erleichternd zu hören, dass es anderen in dieser Gruppierung ähnlich ergangen ist. In den weiteren Gesprächen machte sich die Klientin ihre starken Bedürfnisse nach Geborgenheit und Anerkennung bewusst, die in der Gruppe zunächst voll erfüllt wurden. Sie bekam dort Halt, ihr Leben einen neuen Sinn und zusätzlich wurde ihr noch eine neue berufliche Perspektive versprochen. Erst der Liebesentzug durch die Leiterin, ausgelöst durch ihre finanzielle Misere, machte sie skeptisch und bereitete den Ausstieg aus der Gruppe vor. Im Laufe der Beratung zog sich Frau K. ganz aus der Gruppe zurück. Was aber blieb waren Ängste vor den vermeintlich magischen Fähigkeiten der Leiterin. Sie hatte Angst, die für sie sehr mächtige Leiterin könne sie mental negativ beeinflussen und ihr Schaden zufügen. Durch aufklärende Gespräche verschwanden diese Ängste. Am Ende der Beratung wurden neue Perspektiven hinsichtlich beruflicher Zukunft und dem Aufbau sozialer Kontakte erarbeitet.

 

Fall 2: Geborgenheit bei den Zeugen Jehovas?

Herr K. (38 Jahre) meldet sich telefonisch im Sekten-Info. Er benötige Hilfe, da er von den Zeugen Jehovas verfolgt werde. Herr K. wuchs in einem Kinderheim auf. Die Atmosphäre dort schildert er als streng und lieblos. Nach Abschluss seiner Ausbildung als Straßenbauer muss er sich eine eigene Wohnung nehmen. Er fühlt sich einsam und beschreibt sich als sehr schüchtern. Kontakte hat er kaum. In dieser Situation bekommt er Besuch zu Hause von den Zeugen Jehovas. Er lässt sich auf ein Bibelstudium angeleitet durch die Zeugen Jehovas ein und geht regelmäßig zu den Versammlungen. Die Zeugen sind sehr nett und er findet endlich Freunde. Auch liest er gerne in der Bibel und freut sich, „die Wahrheit“ gefun­den zu haben. Mit 30 Jahren bittet er den Ältesten (Leiter der Gemeinde), ihm zu helfen, eine Frau zu finden. Der vermittelt ihm den Kontakt zu einer gleichaltrigen Frau, die beiden heiraten bald. Er zieht mit ein in das Haus der Schwiegermutter. Mit viel Freude repariert und verschönert er das Haus. Er verbringt seine Zeit lieber mit seiner Frau als den Missionsdienst zu erfüllen oder zu Versammlungen zu gehen. Vom Ältesten wird er an seine Pflichten erinnert und an das Nahen von Harmagedon (Straf­gericht Gottes). Gott sehe alles und werde ihn richten. Herr K. fühlt sich unter Druck gesetzt und bittet seine Frau, mit ihm die Versammlung zu wechseln. Doch auch von seiner Ehefrau und der Schwiegermutter wird er bedrängt, auf die Anweisung des Ältesten zu hören. Vor der gesamten Versammlung wird er vom Ältesten bloßgestellt. Er soll viel Geld spenden, um sein Ansehen wiederherzustellen. Als er längere Zeit krank ist wird er von seiner Frau als Simulant bezeichnet. Immer häufiger kommt es zu Ehestreitigkeiten. Die Kollegen bei der Arbeit machen sich über die Zeugen Jehovas lustig. Wieder fühlt er sich einsam und allein. Nach einem Selbstmordversuch nehmen die Schi­ka­nen in der Gemeinde zu. Er nimmt Kontakt zu seiner älteren Schwester auf, die ihn bei sich zu Hause aufnimmt. Ehefrau und Schwiegermutter verlangen von ihm zurückzukehren, andernfalls lande er in der Psychiatrie und werde entmündigt.

Zu Beginn der Beratung wird eine Realitätsüberprüfung vorgenommen. Der Klient erkennt, dass sein Selbstmordversuch keinen Grund darstellt, ihn entmündigen zu lassen. Auch die Zeugen Jehovas verfügen nicht über so viel Macht. Im weiteren Verlauf der Beratung steht das bei den Zeugen Jehovas vermittelte Gottesbild im Vordergrund. Durch das Lesen alternativer Bibelkommentare der evangelischen und katholischen Theologie beginnt Herr K., seine Gottesvorstellungen von einem sehr strafenden Gott zu relativieren. Auch registriert er, dass das Strafgericht Gottes schon wieder nicht eingetroffen ist. Für die Zukunft wünscht er sich eine Familie mit Kindern. Er möchte nicht mehr missionieren und ein selbstbestimmtes Leben führen. Eine Fort­set­zung seiner Ehe kann sich der Klient nicht mehr vorstellen, da die Ehefrau sich nicht vom Einfluss ihrer Mutter und den Zeugen Jehovas lösen wird. Aufgrund anhaltender Schlaf­stö­rungen, Erschöpfungszustände und Herzrasen sowie zur weiteren Begleitung seiner persön­lichen Entwicklung werden eine zusätzliche medizinische Abklärung sowie eine psychia­tri­sche Behandlung am Heimatort eingeleitet.

 

Fall 3: Als Feind in einer Firma?

Aus Empörung darüber, wie sein Sohn am Arbeitsplatz behandelt wird, meldet sich Herr S. in unserer Beratungsstelle. Sein Sohn K. (20 Jahre) mache eine Ausbildung zum Immobilien­makler. Der Chef sei Scientologe und schikaniere den Sohn. Im Gespräch mit K. berichtet dieser, der Chef selbst habe ihm von seiner Mitgliedschaft berichtet. Er habe aber auch betont, seine Weltanschauung sei seine Privatangelegenheit und spiele in der Ausbildung keine Rolle. Das stellte sich allerdings als falsch heraus. In der Firma wurden einmal in der Woche Schriften von L.R. Hubbard, dem Gründer von Scientology, gelesen. Jede halbe Stunde sei der gelesene Stoff abgefragt worden. Als die Vermietungszahlen von K. zurück­gingen wurde er von seinem Chef angesprochen und als „Feind“ der Firma tituliert. Er habe dann lesen müssen, was Hubbard über Feinde schreibt. Anschließend habe er zwei Wochen lang dreimal die Woche je zwei Stunden in Anwesenheit der Chefin die Bücher Hubbards lesen müssen. Auch habe er alle Verfehlungen innerhalb und außerhalb der Firma auf­schreiben müssen. Da ihm nicht viel eingefallen sei, habe er Dinge erfunden, um Ruhe zu haben. Dann habe er aufschreiben müssen, wie er die Verfehlungen wiedergutmachen will. Als Wiedergutmachung habe er Kuchen für die Sekretärin backen und Stühle ölen müssen. Dann sollte er noch ein Ceranfeld für die Küche kaufen, was er aber abgelehnt habe. Erst nachdem er alle Missetaten schriftlich bereut habe und in seiner Freizeit einige Dinge repa­riert habe, sei er wieder in das Team am Arbeitsplatz aufgenommen worden.

In der Beratung bekam K. zunächst die Bestätigung, dass seine Erfahrungen nicht unüb­lich für scientologisch geführte Firmen seien. Aufgrund weiterer zu erwartender Schikanen entschloss er sich, das Ausbildungsverhältnis zu beenden. In der Beratung wurde sein Selbst­bewusstsein gestärkt, da Klaus Sorge hatte, aufgrund seiner mäßigen Noten keinen neuen Ausbildungsplatz zu finden. Auch die Angst vor einer Verfolgung durch Scientology konnte bewältigt werden. Abschließend schrieb er über seine Erfahrungen einen Bericht an die Industrie- und Handelskammer, um für die Zukunft andere Auszubildende davor zu bewahren. Auch von unserer Seite wurde die Industrie- und Handelskammer in Kenntnis gesetzt und die Öffentlichkeit mit Hilfe der Medien informiert.

 

Fall 4: Ist Voodoozauber gefährlich?

Frau M. (60 Jahre) berichtet, seit sieben Jahren von Wahrsagern, Hellsehern und Heilern abhängig zu sein. Anlass sei damals gewesen, dass ihre Tochter, die Leistungssportlerin war, vom Pech verfolgt gewesen sei. Die Tochter habe ständig Verletzungen oder Unfälle gehabt, was für die Mutter nicht erklärbar war. Deswegen sei sie auf der Suche nach einem Schutzzauber für ihre Tochter gewesen. In sieben Jahren habe sie insgesamt 40.000 Euro für Leistungen auf dem Esoterikmarkt bezahlt. Unter anderem habe sie Hilfe bei einer Voo­doopriesterin gesucht. Diese habe ihr vorhergesagt, dass ihre Tochter tödlich verunglücken werde. Diese Miteilung sei ein großer Schock für sie gewesen und sie habe den Kontakt zu dieser Frau sofort abgebrochen. Seitdem werde sie von der Voodoopriesterin systematisch gequält. Diese arbeite schwarzmagisch und traktiere sie auf schreckliche Weise. Ihr würde in Arme und Beine „gestochen“. Wie Blitze fahre der Schmerz in sie hinein. Zeitweise habe sie nicht mehr laufen können. Auch im Kopf habe sie wahnsinnige Schmerzen. Sie halte das nicht länger aus und möchte nun wissen, was sie gegen die Voodoozauberin unternehmen kann.

In der Beratung bekam Frau M. Informationen über die Vorgehensweise von Voodoozau­berei und Hellsehen. Frau M. zeigte sich überrascht, dass es häufig zu Beeinflussungs­erleben im Anschluss an eine Inanspruchnahme okkulter und esoterischer Angebote kommt. Auch die Gefahr einer psychischen Abhängigkeit von der Konsultation bei Wahrsagern, Hell­sehern und Heilern wurde thematisiert. Es wurden verschiedene Strategien, die die Klientin zu mehr Selbstbestimmung und Eigenverantwortung anleiten, erarbeitet. Zur Ablösung von der Zauberin halfen der Klientin besonders Gebete, Ablenkung und soziales Engagement. Der Tochter geht es inzwischen wieder sehr gut und Frau M. möchte in Zukunft ihre Prob­leme selbst lösen oder seriöse Beratung in Anspruch nehmen.

 

Fall 5: Missbrauch in der Familienaufstellung?

Frau B. (65 Jahre) meldet sich in großer Verzweiflung in unserer Beratungsstelle. Ihre erwachsene Tochter hatte auf Anraten ihres Arztes an einer sogenannten Familienauf­stellung teilgenommen, die von der Ehefrau des Arztes durchgeführt wurde, die ebenfalls Ärztin ist, als solche aber nicht mehr praktiziert. Zu dieser Familienaufstellung hatte die Tochter auch eine ihrer Schwestern mitgenommen. Die Aufstellung hatte unter anderem ergeben, dass zwei weitere Geschwister angeblich nicht die leiblichen Kinder des Vaters seien. Diese seien nach Vergewaltigungen der Mutter durch deren Vater geboren worden. Dieses Familiengeheimnis sei nun gelüftet worden. Die Töchter hätten sie nach der Fami­li­enaufstellung völlig fassungslos mit dieser angeblichen Wahrheit konfrontiert. Es sei ihr nicht gelungen, die Töchter vom Gegenteil zu überzeugen. In ihrem Ärger und ihrer Hilflosig­keit sei sie am nächsten Tag mit zu dieser Veranstaltung gegangen, um das Ganze richtig zu stellen. Es habe einen großen Tumult gegeben, die Ärztin habe sie der Lüge bezichtigt und letztendlich aus der Wohnung geschmissen. Die Töchter seien noch immer völlig aufgelöst und sie wisse nicht, was sie jetzt tun solle.

Frau B. konnte ihre Töchter motivieren, mit in unsere Beratungsstelle zu kommen. Die Fami­lie war sehr überrascht, dass uns Frau Dr. Sch. bekannt war von früheren Beratungs­fällen. In der Beratung konnten wir zunächst durch Informationen über die sehr unprofessionell durchgeführten Familienaufstellungen die Gemüter beruhigen. So stellte sich heraus, dass alle Familienaufstellungen an jenem Wochenende um Familien­geheimnisse kreisten, die die Themen Vergewaltigung und sexueller Missbrauch beinhal­teten. Auch wurden Informationen gegeben über den Unterschied zwischen einer professio­nell durchge­führten Familientherapie und der Pseudotherapie von Frau Sch.. Die Glaubwür­digkeit der Ärztin konnte angekratzt werden. Allerdings blieb bei einer der Töchter ein Rest von Skepsis der Mutter gegenüber. Auf Anregung der Beratungsstelle beschloss die Mutter, einen Vaterschaftstest durch­führen zu lassen. Dieser ergab das eindeutige Ergebnis, dass alle vier Kinder tatsächlich durch den Vater gezeugt wurden. Danach wurde von unserer Seite Anzeige bei der Staatsan­waltschaft Essen erstattet. Frau Sch. musste 3000 Euro Strafe bezahlen.

Wie die dargestellten Fälle aus unserer Beratungsarbeit zeigen, sind die Folgen und Belas­tungen, die durch die Mitgliedschaft in konfliktträchtigen Gruppierungen oder auch durch Angebote des Esoterikmarktes auftreten können, oft gravierend. Im Folgenden möchten wir anhand eines Diagramms zeigen, welche Folgen und Belastungen bei den Klienten unserer Beratungsstelle insgesamt aufgetreten sind. Es handelt sich hierbei sowohl um Selbstbe­troffene als auch um Angehörige, die sich in den Jahren 2005 bis 2009 an den Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. gewandt haben. Die Einschätzungen wurden von den Beratern vorgenommen, Mehrfachnennungen waren möglich.

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Diagramm: Folgen und Belastungen durch die Mitgliedschaft in neuen religiösen Bewegungen

Das Diagramm zeigt, dass als Folge der Mitgliedschaft in einer konfliktträchtigen Gruppie­rung Familienprobleme am häufigsten auftreten. In 613 Fällen wurde von den Beratern dieses Problem in den Schilderungen der Klienten ausgemacht. Häufig sind es die Angehö­rigen, die unter einer plötzlichen Veränderung leiden, wie z.B. im fünften geschilderten Fall. Am zweithäufigsten wurden Ängste als Folgen der Mitgliedschaft genannt (in 468 Fällen). Ängste treten bei Angehörigen auf, die sich große Sorgen machen, was von der Gruppierung zu erwarten ist oder ob sie den Kontakt zu ihrem Familienangehörigen völlig verlieren werden. Bei Aussteigern aus Gruppen bleiben häufig Unsicherheiten bestehen, ob die Gruppe nicht doch recht hat. Im Fall des oben genannten Zeugen Jehovas blieb auch nach dem Ausstieg eine Restangst, ob er von Gott bestraft wird und das Paradies durch seine Abkehr von der Gruppe verloren ist. Im Bereich der Esoterik treten Ängste auf, wie im Fall der Klientin, die sich auch nach der Behandlung von der Voodoopriesterin verfolgt fühlte. Partnerschaftliche Probleme sind ebenfalls eine häufig genannte Belastung (313 Fälle). In vielen Gruppierungen wird darauf gedrängt, den Partner zu missionieren oder, falls das nicht möglich ist, ihn zu verlassen. Im Bereich Esoterik kommt es häufig zu Trennungen, wenn die spirituelle Berufung, zum Beispiel die Erde zu transformieren oder Menschen zu heilen, keine Zeit mehr lässt für die profanen Aufgaben in der Familie. In 257 Fällen kam es zu Trennungen. In 308 Fällen traten finanzielle Probleme auf. Viele Gruppierungen erwarten hohe Spenden, der Besuch von Seminaren bei Scientology oder auch bei Esoteriksemi­naren, wie z.B. oben beschrieben beim „Weg ins Licht“ sind mit hohen Kosten verbunden. Oftmals kommt es zu Verschuldungen. Depressionen aufgrund zu hoher Anforderungen an Verhalten und Einsatz für die Gruppe traten in 203 Fällen auf. Enttäuschungen über fehlbare Meister oder persönliche Entwicklungen, die von der Gruppe nicht akzeptiert werden, können in tiefe Verzweiflung stürzen und spirituelle oder Sinnkrisen (150 Fälle) auslösen. Psycho­tische Krisen (149 Fälle) traten bei entsprechender Disposition nach sexuellen Übergriffen oder Körperverletzungen auf, aber auch nach intensivem und stundenlangem Meditieren oder Beten, sowie nach Auditingsitzungen (Scientology). Der Verlust des Selbstwert­gefühls (148 Fälle) oder auch Schuldgefühle (145 Fälle) sind häufig mit dem Ausstieg verbunden. Schuldgefühle oder Scham treten z.B. auf, weil soviel Zeit und Geld für die Gruppierung geopfert wurde oder weil Freunde bzw. Fami­lienangehörige mit hineingezogen wurden. Folgen für den Beruf treten häufig auf (144 Fälle). Bei Scientology wurde in einigen Fällen am Arbeitsplatz missio­niert. Vor allem für Angehörige ist es schwer nachzuvollziehen, wenn der sichere Arbeits­platz auf­gegeben wird, um in Zukunft als Geistheiler sein Glück zu suchen, oder die beruf­liche Ent­wicklung unwich­tig wird angesichts Harmagedons in naher Zukunft. In einigen Fällen kommt es zu psycho­somatischen Krankheiten (80 Fälle). Wie im Fall der Klientin, die sich von der Voodoo­priesterin mit Schmerzen traktiert fühlt, nachdem sie zunächst ihre Dienste in Anspruch genommen hatte. Krank machen (67 Fälle) kann die Zugehörigkeit zu konflikt­trächtigen Gruppen, wenn die Bedingungen hinsichtlich Arbeitsauf­wand, Ernährung oder Ablehnen medizinischer Hilfe menschenfeindlich sind oder wenn beispielsweise Impfungen abgelehnt werden. In 52 Fällen kam es beim Ausstieg zu suizidalen Krisen. Bei Menschen, die schon in eine Gruppierung hineingeboren wurden spielen oftmals Konditio­nierungen eine Rolle (38 Fälle). So haben ehemalige Zeugen Jehovas Panik bei Bluttrans­fusionen bekommen. Von Kindheit an wurde ihnen eingetrichtert, dass sie damit das ewige Leben im Paradies verlieren. Solche Konditionierungen sind nur sehr langsam wieder abtrai­nierbar. Alkohol und Tablettensucht treten ebenfalls in einigen Fällen auf (22). Leider sind auch elf Todes­fälle aufgetreten, darunter fünf Suizide. Die übri­gen Todesfälle stehen in Zusammenhang mit der Ablehnung medizinischer Hilfe aufgrund von Glaubensüber­zeugungen.

 

Beratung im Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.

Zu Beginn einer Beratung im Sekten-Info ist es sowohl für die Betroffenen als auch für Angehörige immer sehr wichtig zu hören, dass die Berater sich mit der Weltanschauung, der Lehre der Gruppe und deren Praktiken auskennen. Im ersten Schritt erfragen die Klienten Informationen über die Gruppierung und sind wissbegierig, welche Erfahrungen andere Menschen dort gemacht haben. Selbstbetroffene möchten ihre Wahrnehmungen überprüfen und mit denen von anderen Aussteigern vergleichen. Angehörige möchten sich ein Bild machen von der neuen Lebenswelt ihrer Kinder, Partner oder Eltern und vor allem wissen, welche Gefahren von der unbekannten Gruppe ausgehen. Manchen Menschen ist es später peinlich, abhängig von einer bestimmten Gruppe oder Person gewesen zu sein oder sie sind wütend auf sich selbst, soviel Zeit und Energie dort investiert zu haben. Da ist es im nächs­ten Schritt der Beratung sehr hilfreich zu reflektieren, warum sie sich in einer bestimmten Lebenssituation von einem speziellen Angebot einer Gruppe angesprochen fühlten. Das Angebot der Gruppe wird als mögliche Antwort auf individuelle und soziale Lebensthemen gesehen. Das Ausmaß der „Passung“ zwischen Gruppenangebot und individueller Bedürf­nisstruktur spielt für die individuelle Erfahrung eine besondere Rolle. Oft sind es Lebens­krisen, wie Krankheit, Trennung oder Arbeitslosigkeit, in denen die Gruppe hilfreich war, diese zu bewältigen oder ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen. In dem Fallbeispiel des Zeugen Jehovas Herr K. war es die Einsamkeit in der ersten eigenen Wohnung, die ihn für die Angebote der Zeugen Jehovas öffnete. Tatsächlich gelang es ihm hier viel schneller als sonst Kontakte zu knüpfen. In dieser Phase der Beratung werden spezielle individuelle Fak­toren und die Angebote der weltanschaulichen Gruppierung auf ihre Wechselwirkung hin überprüft. „Sie versprechen zum Beispiel dort Gemeinschaft, wo sich jemand allein fühlt, dort Rettung, wo sich jemand bedroht fühlt, dort Klarheit, wo Komplexität verwirrt, dort Macht, wo Ohnmacht erlebt wird und dort Heilung, so Krankheit beeinträchtigt.“ (Busch u. Poweleit, S. 225). Das Geschehene lässt sich besser verarbeiten, wenn der Betroffene sich selbst mit seiner Geschichte annimmt. Wenn er versteht, welchen Sinn der Eintritt in die neue Gemein­schaft in einer bestimmten Lebenssituation hatte. Auch für Angehörige werden die Ereig­nisse aus dem Gesamtkontext heraus nachvollziehbar. Einseitige Schuldzuweisungen unter­bleiben. Oft beginnen auch die beratenen Angehörigen ihren persönlichen Anteil an dem Gesamtprozess zu sehen und zu reflektieren. An einer bestimmten Stelle der Beratung tritt die Auseinandersetzung mit der Gruppe in den Hintergrund und die ursprünglichen Probleme und Lebensthemen treten in den Vordergrund. Für die Berater ist es wichtig zu beachten, dass sehr häufig eine psychische Abhängigkeit von der Gruppierung bestand. Darum sollten sie sehr darauf achten, nicht ebenfalls in eine Guruposition zu rutschen. Nicht der Berater sagt, wo es in Zukunft langgehen soll, sondern der Klient selbst. Wichtig sind dazu die Stär­kung von Kompetenzen, die Förderung von Eigenverantwortlichkeit und Selbstwirksamkeit, das Erkennen und Fördern von Ressourcen und der Aufbau sozialer Netzwerke. Für manche Klienten ist die Beratung zu Ende, wenn die Sektenzugehörigkeit aufgearbeitet werden konnte. Andere möchten darüber hinaus an ihren Lebensthemen arbeiten, Ängste oder Depressionen bewältigen. Das Tempo und die Intensität der Beratung bestimmen natürlich die Betroffenen. Oftmals kommt es natürlich auch zu Weiterleitungen an andere Stellen, wenn z.B. eine psychiatrische Behandlung notwendig ist oder der Aufenthalt in einer psy­chosomatischen Klinik. Eine Besonderheit unserer Beratungsstelle ist das Angebot einer kostenlosen Rechtsberatung. Im Bereich neuer religiöser Bewegungen kommt es häufig zu Sorgerechtsfällen, arbeitsrechtlichen Problemen oder Geldrückforderungen.

 

Literatur:

Busch, H., Poweleit, D.: Seelisches Gleichgewicht und weltanschauliche Konversion:
Das Modell der Relativen Psychischen Balance (RPB) in der weltanschaulichen Beratung. In: Schubert, F.-C., Busch, H. (Hrsg.): Lebensorientierung und Beratung. Sinnfindung und welt­anschauliche Orientierungskonflikte in der (Post-)Moderne. Schriften des Fachbereichs Sozialwesen der Hochschule Niederrhein. Band 39

 
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