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Statistische Daten und Aktivitäten des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. 2009 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Sabine Riede   

Insgesamt wurden im Jahr 2009 1.204 Anfragen beim Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. registriert. Zusätzlich zu diesen Anfragen nutzten viele Bürger die Webseite des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. als Informationsquelle. Im Jahr 2009 konnten 243.256 Besucher gezählt werden. Im Vergleich zu den sieben Vorjahren ist dies ein weiterer Anstieg und zeigt, dass das Informationsbedürfnis zu neuen religiösen Bewegungen nach wie vor sehr hoch ist und viele Bürger es schätzen, sich selbständig und anonym mit Hilfe des Internets zu infor­mieren (vgl. Diagramm 1). Aus diesem Grund bieten die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. seit 2006 zusätz­lich zur bisherigen persönlichen Beratung die Möglichkeit der Online-Beratung an. Diese Möglichkeit wurde im letzten Jahr nur 10 Mal genutzt, bei weiteren 173 Fällen begann die Beratung mit einer E-Mail, wurde dann aber in einer persönlichen Beratung fortgesetzt.     

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Diagramm 1: Besucher unserer Website

Neben allgemeinen Informationen zur Arbeitsweise der Beratungsstelle und zu neuen Akti­vitäten war im letzten Jahr besonders der Bericht über das Nachhilfeangebot der Scientolo­gen gefragt. Darüber hinaus hatten die Beiträge zum „Coaching-Boom“ und zur „Universalen Kirche“ mit Abstand die meisten Zugriffe zu verzeichnen. Erst danach wurden die Infotexte über Exorzismus und rituellen Missbrauch im Satanismus angeklickt.

Von den insgesamt 1.204 Anfragen erhielten 838 Personen durch ausführliches Infor­mationsmaterial und ein bis zwei klärende Gespräche Hilfestellung von den Mitarbei­terInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.. In 366 Fällen war ein intensiverer und längerer Beratungsverlauf mit bis zu 25 Fachkontakten notwendig.

Um einen besseren Vergleich mit den Vorjahren zu ermöglichen, sind wie jedes Jahr die 838 Informationsanfragen und die 366 Beratungsfälle in zehn Kategorien zusammengefasst worden. Insgesamt sind in den zehn Kategorien Anfragen mit der Bitte um Information und Beratung zu 300 verschiedenen Gruppen, Bewegungen und Aktivitäten enthalten (vgl. Diagramm 2).

 

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Diagramm 2: Summe Beratungsfälle und Informationsanfragen

Informationsanfragen 2009

Bei einem Vergleich der einzelnen Kategorien fällt auf, dass im Jahr 2009, wie in den letzten drei Jahren auch, die Informationsanfragen zur Scientology-Organisation besonders heraus­ragen. Die Scientology-Organisation lässt nichts unversucht, um neue Mitglieder anzuwer­ben. Die mit hohem Aufwand betriebenen Werbe-Aktionen sollen in der Öffentlich­keit den Eindruck erwecken, dass es sich bei der Scientology-Organisation um eine Religi­ons­gemeinschaft handele, die sich für karitative Zwecke engagiere, und nicht um eine auf Gewinn ausgerichtete menschenverachtende Organisation, die die Demokratie ablehnt. Für den uninformierten Bürger ist es nur schwer zu durchschauen, dass es sich z.B. bei den Aktionen der Tarnorganisation „Jugend für Menschenrechte“ und der „Kommission für Ver­stöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte e. V.“ (KVPM) um Imagekampagnen handelt und nicht um den Einsatz für Menschenrechte. Nach dem Amoklauf von Tim Knetschmer in Winnenden Anfang März 2009 stellte der Verein KVPM Strafanzeige wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung in 16 Fällen gegen die Psychiater, die den jungen Mann vor seiner Tat behandelt hatten. Selbstverständlich wurde die Strafanzeige abgelehnt. Auf diese Weise kann man sich auch in die öffentliche Diskussion bringen.

Umgekehrt konnte die Scientology-Organisation ihre eigene Verurteilung in Frankreich nicht verhindern. Am 27.10.2009 hat der Strafgerichtshof in Paris die beiden französischen Orga­nisationen der Scientology-Kirche wegen organisierten Betrugs zu einer Geldstrafe von ins­gesamt 600.000 Euro verurteilt. Der Pariser Scientology-Chef A. Rosenberg wurde zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und 30.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Drei weitere führende Mit­arbeiter erhielten Bewährungsstrafen und Geldbußen. Eine weitere Forderung der Staatsan­waltschaft, die Organisation in Frankreich zu verbieten, ist wegen einer umstrittenen Geset­zesänderung nicht möglich gewesen. Das Gesetz, sektenartige Organisationen aufzulösen, wenn ihnen Betrug nachgewiesen werden kann, war 1994 nach dem Massenselbstmord der Sonnentempler in Frankreich eingeführt worden. Kurz vor dem Beginn des Scientology-Prozesses im Mai 2009 wurde es aber im Rahmen eines Gesetzespaketes zur Rechts­ver­einfachung von einer parlamentarischen Kommission wieder aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Seit die Änderung im September bekannt wurde, fragt sich die Öffentlichkeit in Frankreich, wer dafür verantwortlich ist. Zwar hat die Justizministerin angekündigt, das Gesetz wieder einzuführen. Jedoch kann es nicht mehr nachträglich auf Scientology ange­wandt werden.

Nicht nur in Frankreich, auch in Australien und den USA werden Proteste und Vorwürfe laut, Scientology sei eine „kriminelle Organisation“. Mitte November 2009 wurden dem austra­lischen Parlament Dokumente vorgelegt, in denen Aussteiger schwere Vorwürfe erhoben hatten. Ein Aussteiger hatte ein Geständnis abgelegt, er selbst sei an Freiheitsberaubung und Nötigung schwangerer Frauen beteiligt gewesen. Er habe sie gedrängt, ihre Kinder abzutreiben, damit sie ihre Arbeitskraft auch künftig vollständig in den Dienst der Sciento­logy-Organisation stellen konnten. Auch in der amerikanischen Zeitung „St. Petersburg Times“ berichten Ende August vier ehemalige führende Mitglieder der Scientology-Organi­sa­tion schockierende Details aus ihren früheren Leben. Der ehemalige Pressesprecher Mike Rinder gibt an, mindestens 50 Mal von Miscavige, dem derzeitigen Chef der Scientology-Organisation, verprügelt worden zu sein. Ferner gaben die Aussteiger an, zu den Methoden von Scientology gehörten das öffentliche Beichten von Sünden, sowie Demütigungen, bei denen Mitglieder auf dem Boden schlafen oder vollständig bekleidet in einen Pool springen und dort verharren mussten, bis sie wieder raus durften. Nach der Veröffentlichung des Artikels meldeten sich immer mehr Aussteiger und Zeugen zu Wort. Was beeindruckend ist, da es in den USA keine staatliche Unterstützung für Aussteiger gibt und die Lehre von L.R. Hubbard besagt, dass sich jeder, der Scientology verlässt oder sich negativ über Scientology äußert, schuldig macht. Das habe zur Folge, er werde erkranken oder sogar sterben.

In Deutschland scheint die intensive Aufklärungsarbeit erfolgreich zu sein. Die Mitglieder­zahlen stagnieren und die Zahl der Sympathisanten nimmt ab. Da die Gefahr, in eine finan­zielle und psychische Abhängigkeit zu geraten, für den Einzelnen aber nach wie vor besteht und auf Aussteiger ein enormer Druck ausgeübt wird, ist es dringend erforderlich, dass die Aufklärungsarbeit fortgesetzt wird. Zwei nicht ganz neue Werbekampagnen hat die Sciento­logy-Organisation in NRW, aber auch in den übrigen Bundesländern im letzten Jahr verfolgt. Erstens haben sie versucht, in Gesprächen an ihren Info-Ständen die Wirt­schaftskrise für den eigenen Erfolg zu nutzen, indem sie Arbeitslosen Jobangebote unter­breitet haben. Aller­dings gibt es nur eine geringe Bezahlung und man muss Mitglied werden. Betroffene tun dies in der Hoffnung, eines Tages durch die Schulungen bei Scientology erfolgreich zu werden. Zweitens haben sie Schulen kostenloses Info-Material sowie persönliche Besuche im Unter­richt angebo­ten. Manchmal wird mit der Begründung, dies diene der freien Meinungsbildung geworben und ein anderes Mal möchte man Jugendlichen die Menschenrechte näher brin­gen. In beiden Fällen sollten die Materialien und Besuche mit der Begründung abgelehnt werden, dass andere verfassungsfeindliche Organisationen auch nicht in Schulen eingela­den werden. Um die intensive und notwendige Aufklärungsarbeit über die Gefahren der Scientology-Organisation auch in Zukunft gewährleisten zu können, hat der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. für das Jahr 2010 eine intensive Schulung von Lehrern und Mitarbeitern in der Jugendhilfe geplant.

Auch andere altbekannte Gruppierungen versuchen erneut, die Aufmerksamkeit der Öffent­lichkeit auf sich zu lenken. Die „Moon-Sekte“ hat im Oktober 2009 werbewirksam eine neue Massenhochzeit inszeniert. Weltweit haben sich 40.000 Menschen zur gleichen Zeit das Jawort gegeben. Durch ehemalige Mitglieder wurden allerdings erhebliche Zweifel geäu­ßert, ob alle 20.000 Paare bei der Zeremonie wirklich Frischvermählte seien, oder etliche Paare ihr Eheversprechen nur erneu­ert hätten. Bisher gab es seit Anfang der 60-ziger Jahre in unregelmäßigen Abständen Massenhochzeiten, die die Macht des 89-jährigen Gründers Moon demonstrieren sollten (1975, 1982, 1988, 1992, 1995, 1999).

Am 19.08.2009 hat die zum Universellen Leben gehörende Gruppierung „Freie Christen für den Christus der Bergpredigt in allen Kulturen weltweit“ ein Schreiben an alle deutschen katholischen Diöze­sanbischöfe geschickt, in dem sie diese auffordern, sich nicht mehr christ­lich zu nennen. Sollten die Bischöfe dies nicht garantieren, wird die Gruppierung wegen dieser Namens­anmaßung Klage einreichen. Ebenso soll sich auch die evangelische Kirche nicht mehr christ­lich nennen dürfen, weil sie in Wahrheit unchristlich sei. Exemplarisch für die gesamte EKD wurde im Oktober 2009 gegen die Ev. Lutherische Landeskirche Hannover Klage beim Verwaltungsgericht Hannover eingereicht. Beide Klagen sind nicht sehr originell, da drei Mitglieder des Universellen Lebens bereits 1999 vor dem Verwaltungsgericht München geklagt hatten, um der Ev. Lutherischen Kirche in Bayern zu untersagen, sich christlich zu nennen. Mit Urteil vom 24.05.2000 wurde diese Klage abgewiesen und nichts anderes ist bei den beiden neuen Klagen zu erwarten.

 

Beratungsfälle 2009

Die hohe Nachfrage nach Beratung in 2008 hat sich in 2009 fortgesetzt, konnte allerdings aufgrund der geringeren Personalkapazität nicht immer erfüllt werden. Durch die Beendigung des Forschungsprojektes musste eine volle Personalstelle, die mit einer Diplompsychologin besetzt war, eingespart werden.

Aber nicht nur die große Anzahl an Beratungsfällen in den letzten fünf Jahren weist auf die Notwendigkeit einer spezialisierten Beratungsstelle hin, sondern auch die Erfahrung der Folgen und Belastungen, die die verschiedenen Glaubensgemeinschaften bei den einzelnen Betroffe­nen auslösen. (vgl. Artikel "Wenn Glaube schadet - Folgen und Belastungen der Mitgliedschaft in neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen und das Beratungsangebot im Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.")

Bei einem Vergleich der einzelnen Kategorien ist der Bereich der Esoterik mit 98 Fällen Spit­zenreiter. Etwa jeder vierte Erwachsene in Deutschland praktiziert nach den Worten von Buchautor Hartmut Zinser, Religionswissenschaftler an der Freien Universität Berlin, Eso­terik. Der Esoterik-Markt habe nach vorsichtigen Schätzungen einen Umsatz von bundesweit 17 Milliarden Euro erreicht (vgl. Artikel "Neue Publikationen zum Thema neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen). Angst vor der Zukunft, die Instabilität moderner Beziehungen, der Esoterik-Markt hat die Zeichen der Zeit erkannt und verspricht schnelle Hilfe. Alle drei Bereiche der Esoterik - Geistheilung, Lebens­hilfe, Zukunftsvorher­sagen - boomen gleichermaßen. Fast immer geht es den Ratsuchenden um Beziehungen, Gesundheit, Beruf und Finanzen. Inzwischen mehren sich Beratungs­formate, die über Tele­fonhotlines, Internet oder Fernsehen ihre Hilfe anbieten. Sie sugge­rieren dem ratsuchenden Menschen, er könne durch einen Kartenleger oder Wahrsager eine sehr persönliche und sichere Hilfestellung bekommen. Die Betroffenen, die sich an unsere Beratungsstelle wenden, berichten allerdings von größeren Summen, die sie ausgegeben haben, ohne dass ihnen bei der Bewältigung ihrer Probleme geholfen wurde. Eine esote­rische Lebensberatung führt selten zu einer eigenständigen Problemlösung, sondern weckt eher das Bedürfnis, noch mehr über das eigene Schicksal zu erfahren und dadurch ist man gezwungen, immer wieder fremde kostenpflichtige Hilfe in Anspruch zu nehmen. Mitglieder der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ testen seit Jahren Hellseher, Wahrsager, Pendler und Wünschelrutengänger und kommen immer wieder zum gleichen Ergebnis: Vorhersagen treffen nur insoweit ein, wie es nach dem Zufalls- oder Wahrschein­lich­keitsprinzip zu erwarten war.

Insgesamt verteilen sich die 98 Beratungsfälle der Esoterik auf 39 verschiedene Anbieter. Neben den Angeboten der Zukunftsvorhersagen kommt es im Bereich der Lebenshilfe häufig auch zu Gruppenbildungen, die einer Sekte gleichen. Eine Gruppierung, zu der die Bera­tungsstelle im letzten Jahr nicht nur vermehrt Anfragen, son­dern auch mehrere Fälle betreut hat, ist die Gruppe um den Geistheiler Ralf Beck. Beck kündigt ein für die gegenwärtige Gesellschaft apokalyptisches Szenario an. Demzufolge würden Veränderungen im Erdmag­netfeld sowie in den Frequenzen von Erde und Licht eine Entwicklung der Erde und ihrer Lebewesen hin zum Ätherischen bewirken. Diese Veränderungen seien derzeit dafür verant­wortlich, dass die Krebsneuerkrankungen und die Einweisungen in die Psychiatrie sprung­haft anstiegen. Die Mitmenschen, die sich nicht anpassen können oder wollen „werden ster­ben wie die Fliegen.“ Sicherheit und Schutz angesichts der bereits stattfindenden Kata­stro­phen ergeben sich nur durch Gründung von Lichtkreisen und Teilnahme an seinen Semina­ren.

An 2. Stelle der Beratungsfälle steht der Bereich der christlich fundamentalistischen Gruppen. Hier ist im Vergleich der letzten fünf Jahre ebenfalls ein stetiger Zuwachs zu verzeichnen. Die aktuellen 51 Fälle verteilen sich auf 25 unterschiedliche Gemeinden. Entgegen der These, die biblische Botschaft sei nicht mehr zeitgemäß, ist eine stetig wach­sende Bereitschaft zu einem wörtlichen Bibelverständnis und einer konservativen, restrik­tiven Wertehaltung zu beobachten. Vor diesem Hintergrund kann es in Einzelfällen zu einer Einstellung kommen, die zu Konflikten mit dem geltenden Jugendschutzgesetz führt. Ein Vater war der Meinung, er lasse sich weder von einer Beratungsstelle noch von einem Gericht sein von Gott gegebenes Recht auf Züchtigung seiner Kinder nehmen. In einem anderen Fall wollen Eltern ihre Kinder entgegen der Schulpflicht zu Hause erziehen, da der schulische Unterricht (insbesondere Sexualkunde und Evolutionslehre) ihrer Meinung nach nicht mit der Bibel übereinstimme.

Der Bereich Satanismus/Okkultismus ist gegenüber den Vorjahren deutlich rückläufig. Zum einen werden Betroffene von Wahrsagern inzwischen einheitlich zum Bereich der Esoterik mitgezählt. Zum anderen macht sich die intensive Präventionsarbeit mit Schulen bemerkbar. Die Funktionsweise des Gläserrückens oder des Pendelns können viele Schüler inzwischen erklä­ren und damit verlieren diese Praktiken ihren Reiz. Anders sieht es bei den Beratungs­fällen im Satanismus aus. Hier wird die Hilfe häufig zu spät geholt. 10 Jugendliche hatten sich mit der sata­nischen Ideologie beschäftigt und waren in der Schule auffällig geworden. In zwei Fällen kam es zu schweren Körperverletzungen, unter denen die betroffenen jungen Frauen noch lange zu leiden haben. Eine Angehörige benötigte Beratung, da der Partner sich einer Satansloge angeschlossen hatte. Drei weitere Beratungsfälle gehörten der Gothic Bewegung an, einer Jugendsubkultur, die häufig mit Satanismus verwechselt wird. Zwei niedergelassene Therapeuten brauchten unsere Einschätzungshilfe bei der Behandlung von Frauen, die berichtet haben, dass sie in der Kindheit rituell missbraucht wurden. Sechs weitere Frauen mit der gleichen Problematik wandten sich direkt an unsere Beratungsstelle. In fünf weiteren Fällen benötigte die Kriminalpolizei unsere Hilfe bei der Beurteilung von Grabschändungen und Tiertötungen mit satanischen Symbolen.

Bei der Kategorie der Psychogruppen ist in den letzten zwei Jahren ein Anstieg zu beo­bachten. Hier bezog sich der Beratungsbedarf vor allem auf Coaching Angebote. Auch diese boomen im Moment parallel zur Esoterik. Hier wird ebenfalls die schnelle Hilfe versprochen, allerdings ohne ausgeprägten weltanschaulichen Überbau und häufig für die berufliche Karriere. Es wird oftmals suggeriert, die Kniffe, die man für ein glückliches Leben braucht, seien in einem Seminarwochenende zu erlernen. Gerade deshalb können die Psychotricks der Karriere­berater auch Schaden anrichten, horrende Honorare verlangen sie allemal. Schon im letzten Jahr wurde dieser Bereich in einem Fachartikel ausführlicher beschrieben. Auch wenn der Bereich der Gruppierungen mit einem asiatischen Glaubenshintergrund eher rückläufig ist, so sind die Erfahrungen, die einzelne Betroffene machen, nicht weniger ent­täuschend oder gefährlich. Auch hier werden schulmedizinische Behandlungen, wie z.B. Impfungen abgelehnt, oder Mitgliedern eine angemessene Bezahlung für ihre Arbeit ver­wehrt. Manchmal wird man sogar genötigt, gegen seine eigene Überzeugung zu bleiben (vgl. Artikel "Gestern bin ich aus einer Art Sekte geflohen...").

Bei der Betrachtung einzelner Gruppen statt übergeordneter Kategorien ist zu erkennen, dass die Scientology-Organisation mit 33 Beratungsfällen und die Zeugen Jehovas mit 28 Beratungsfällen - wie in den letzten Jahren auch - den größten Beratungsbedarf auslösen.

Unabhängig von der jeweiligen Gruppierung, die den Beratungsbedarf ausgelöst hat, ist es interessant zu fragen, wer die Beratungsstelle mit der Bitte um Hilfe aufgesucht hat, Menschen, die selbst betroffen sind, oder Freunde und Angehörige? Hier variieren die Zahlen nur leicht von Jahr zu Jahr. Durchschnittlich ein Drittel aller Betroffenen sind Menschen, die für sich selbst eine Hilfestellung erwarten. Weitere 25% verteilen sich auf nahe Angehörige oder den Partner. Noch einmal 25% bitten uns im Rahmen eines institutio­nellen Arbeitsauftrages um Hilfe (z.B. Polizei, Schule, andere Beratungsstellen, Jugendhilfe, Psychiatrien). Der Rest verteilt sich auf Presseanfragen und Anfragen, die sich auf Bekannte und Kollegen beziehen. Die konkreten Daten für das Jahr 2009 sind in der folgen­den Grafik abgebildet.

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Diagramm 3: Informationsanfragen und Beratungsfälle aufgeteilt nach persönlicher oder institutioneller Betroffenheit

Rechtsberatung 2009

Seit Januar 2004 ist der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. in der Lage, ergänzend zur psycho-sozialen Beratung, kostenlos eine fundierte Rechtsberatung anbieten zu können. Von den 366 Klienten im Jahr 2009 haben 74 diese Möglichkeit in Anspruch genommen. Die Tabelle zeigt den Bedarf an Rechtsberatung, unterteilt in die auch sonst üblichen zehn Kate­gorien (vgl. Diagramm 4).

 

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 Diagramm 4: Rechtsberatung

Der größte Teil der Rechtsberatung hatte eine sorge- bzw. umgangsrechtliche Problematik zum Inhalt (vgl. Artikel "Die Zugehörigkeit zu neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften als Kriterium bei Sorgerechtsentscheidungen.") und betrifft alle Bereiche bis auf den der Strukturvertriebe. Fortgesetzt hat sich der erhöhte Bedarf an Rechtsberatung innerhalb der Kategorie Psycho­gruppen. Hier ging es darum, einen Ausweg aus Verträgen zu finden, die unter anderem viel zu hohe Geldforderungen beinhalteten. Bei den Beratungs­fällen im Zusammenhang mit der Scientology-Organisation ging es überwiegend um arbeits­rechtliche Probleme. Die Inha­ber verschiedener Firmen waren Scientologen und nutzten ihren Einfluss, um am Arbeits­platz die eigenen Mitarbeiter zu missionieren. Außerdem ging es um mögliche Geldrückforde­rungen im Zusammenhang mit bereits gebuchten Kurspa­keten oder Nachhilfe­stunden. Innerhalb der Esoterik gab es Bedarf an juristischer Fach­kenntnis und Unterstüt­zung bei Klienten, die sich auf unseriöse Heilungsangebote einge­lassen hatten. Bei der Beratung zu Strukturvertrieben ging es häufig um die Abgrenzung zum illegalen Schneeball­prinzip.

 

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Diagramm 5: Informationsanfragen im Vergleich der letzten fünf Jahre

 

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Diagramm 6: Beratungsfälle im Vergleich der letzten fünf Jahre

Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit

Von Januar bis Dezember 2009 wurden insgesamt 62 Präventionsveranstaltungen und Multiplikatorenschulungen durchgeführt. Insgesamt nahmen 2.148 Menschen an den Schulungen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e. V. teil.

Der größte Teil der Veranstal­tungen fand für Jugendliche statt (40). Ergänzend zu diesem Angebot erstreckte sich die Aufklä­rungsarbeit des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. auf weitere Vorträge in der Erwachse­nenbildung (Volkshochschulen, Gemeinden, Elternkreise) (14) und auf Fach­ta­gungen für Lehrer (4), sowie für Mitarbeiter in Einrichtungen der Jugend­hilfe und Polizei (4). Leider muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. seit 2009 Präventionsveranstaltungen für Jugendliche nicht mehr kostenlos anbieten kann. Es muss ein Unkostenbeitrag erhoben werden, um die Kürzungen der Fördermittel zum Teil auffangen zu können.

Um dem Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit in aktueller Weise gerecht zu werden, wurde die Zusammenarbeit mit den Medien in 52 Fällen genutzt.

 

Gremienarbeit

Der Informationsaustausch über Trends in der aktuellen Sektenszene fand wie jedes Jahr in zahlreichen Workshops mit anderen Sektenberatungsstellen, kirchlichen Sektenbeauftragten und Betroffeneninitiativen statt. Auch nehmen die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nord­rhein-Westfalen e.V. regelmäßig an den Fach­gesprächen im Landtag teil. Auf Essener und Bochumer Stadtebene ist der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. im „Arbeitskreis Bera­tungsstellen“ und im „Aktionskreis Jugendschutz“ integriert. Insgesamt konnten die Mitarbei­terInnen aus zeitlichen Gründen nur an 27 Gremiensitzungen teilnehmen.

Seit 2006 besteht die Möglichkeit, im Rahmen einer zweistündigen Sprechstunde in Bochum eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Sie findet nach Absprache in den Räumen der ehe­maligen Sekteninformationsstelle Bochum statt.
 
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