Aktueller Pfad: Home arrow Artikel, thematisch arrow Weitere Artikel arrow Statistische Daten und Aktivitäten des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. 2010
Statistische Daten und Aktivitäten des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. 2010 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Sabine Riede   
Insgesamt wurden im Jahr 2010 1.296 Anfragen beim Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. registriert. Zusätzlich zu diesen Anfragen nutzten viele Bürger die Webseite des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. als Informationsquelle. Im Jahr 2010 konnten 281.516 Besucher gezählt werden. Im Vergleich zu den Vorjahren ist dies ein weiterer Anstieg und zeigt, dass das Informationsbedürfnis zu neuen religiösen Bewegungen nach wie vor sehr hoch ist und viele Bürger es schätzen, sich selbständig und anonym mit Hilfe des Internets zu informieren (vgl. Diagramm 1). Aus diesem Grund bieten die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. seit 2006 zusätzlich zur bisherigen persönlichen Beratung die Möglichkeit der Online-Beratung an. Diese Möglichkeit wurde im letzten Jahr immerhin 25 Mal genutzt, bei weiteren 192 Fällen begann die Beratung mit einer E-Mail, wurde dann aber in einer persönlichen Beratung fortgesetzt.
 
Image
Diagramm 1: Besucher unserer Website

Neben allgemeinen Informationen zur Arbeitsweise der Beratungsstelle und zu neuen Aktivitäten waren im letzten Jahr hauptsächlich unsere Berichte zur Scientology-Organisation gefragt. Darüber hinaus hatte der Beitrag zum Coaching-Boom mit Abstand die meisten Zugriffe zu verzeichnen. Erst danach wurden die Infotexte über Exorzismus und rituellen Missbrauch im Satanismus angeklickt.

Von den insgesamt 1.296 Anfragen erhielten 846 Personen durch ausführliches Informationsmaterial und ein bis zwei klärende Gespräche Hilfestellung von den MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.. In 450 Fällen war ein intensiverer und längerer Beratungsverlauf mit bis zu 20 Fachkontakten notwendig.

Um einen besseren Vergleich mit den Vorjahren zu ermöglichen, sind wie jedes Jahr die 846 Informationsanfragen und die 450 Beratungsfälle in zehn Kategorien zusammengefasst worden. Insgesamt sind in den zehn Kategorien Anfragen mit der Bitte um Information und Beratung zu 227 verschiedenen Gruppen, Bewegungen und Aktivitäten enthalten (vgl. Diagramm 2).

Image
Diagramm 2: Summe Beratungsfälle und Informationsanfragen

 

Informationsanfragen 2010


Bei einem Vergleich der einzelnen Kategorien fällt auf, dass im Jahr 2010, wie in den letzten drei Jahren auch, die Informationsanfragen zur Scientology-Organisation besonders herausragen. Die Scientology-Organisation lässt nichts unversucht, um neue Mitglieder anzuwerben. Die mit hohem Aufwand betriebenen Werbe-Aktionen sollen in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken, dass es sich bei der Scientology-Organisation um eine Religionsgemeinschaft handele, die sich für karitative Zwecke engagiere, und nicht um eine auf Gewinn ausgerichtete menschenverachtende Organisation, die die Demokratie ablehnt. Für den uninformierten Bürger ist es nur schwer zu durchschauen, dass es sich z.B. bei den Aktionen der „ehrenamtlichen Geistlichen“ um Imagekampagnen handelt und nicht um den Einsatz für Menschen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist der Organisation jeder Anlass willkommen. Nach dem schweren Erdbeben in Haiti im Januar 2010 bietet auch die Scientology-Organisation ihre Methode der „Ersten Hilfe“ an. Mehr als 30 „ehrenamtliche Helfer“ hat die Organisation laut eigener Aussage im Internet nach Haiti geschickt, um den Menschen dort „spirituellen Beistand“ zu bringen. Den von der Katastrophe traumatisierten Menschen werden „Berührungsbeistände“ gegeben, deren Sinn es ist, den Thetan (Seele) in die Lage zu versetzen, den Körper selbst zu heilen und wiederherzustellen. Auch bei anderen großen Tragödien in der Vergangenheit waren die gelb gekleideten Scientologen vor Ort. Nach Aussage der Journalistin Marina Hyde vom Londoner Guardian gelang es Scientologen nach dem 11. September 2001 den Sender Fox-News hinters Licht zu führen. Der Sender blendete fünf Stunden die Nummer einer Scientology-Werbe-Hotline ein, in dem Glauben, es handele sich um eine offizielle Beratungshotline mit psychologischer Hilfe. Erst durch die National Mental Health Association wurde dies aufgedeckt. Der Journalist Frank Nordhausen von der Berliner Zeitung berichtet, dass Mitarbeiter des Roten Kreuzes sich mehrfach beklagt haben, dass die Scientologen die Arbeit seriöser Hilfswerke eher behindern als unterstützen.

Nicht so medienwirksam, aber deshalb nicht weniger gefährlich, waren andere Missionierungsversuche der Scientology-Organisation im letzten Jahr. Mit Hilfe ihrer Tarnorganisation „Jugend für Menschenrechte“ hat sie versucht, Jugendliche zu begeistern und die Initiative „Sag Nein zu Drogen, Sag Ja zum Leben“ hat ihre aus fachlicher Sicht gesehen fragwürdige Aufklärungsarbeit um ein weiteres Informationsheft, diesmal zum Thema Alkohol, erweitert und ebenfalls an Jugendliche verteilt. Zusätzlich hat der Verlag „New Era“ Stadtbibliotheken angeschrieben und ihnen kostenlos die DVD „Der Weg zum Glücklichsein“ zur Verfügung gestellt. Diese DVD ist eine vollständige Verfilmung der gleichnamigen Broschüre von L.R. Hubbard. Auch die Tarnorganisation „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“ war nicht untätig. Sie hat den Weltkongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Ende Juni in Leipzig getagt hat, genutzt, um ihre Ausstellung „Psychiatrie - Tod statt Hilfe“ zu präsentieren. In dieser Ausstellung werden psychiatrische Behandlungsmethoden auf eine Stufe mit Folter- und Vernichtungsaktionen der Euthanasie im dritten Reich gestellt. Auf diese Weise wird der gesamte Berufsstand der Psychiater diskriminiert. Außerdem hat die Scientology-Organisation ihre Aktivitäten im Internet in 2010 weiter ausgebaut. Besonders ansprechend für junge Menschen sind die Seiten, auf denen sich amerikanische Scientologen als nette, glückliche und erfolgreiche Personen vorstellen. Im ersten Moment irreführend sind Werbeblöcke der Scientology-Organisation, die wie aktuelle Nachrichten klingen, z.B. “Mexiko City erhält neue Scientology Kirche und ist stolz auf L.Ron Hubbard`s Methoden“. Diese Werbeblöcke erscheinen zwischen Werbung für Urlaubshotels oder Werbung für Neuerscheinungen von CD`s.

Aus diesem Grund ist es nach wie vor wichtig, durch sachliche Informationen Jugendliche und Erwachsene über die Gefährlichkeit der Scientology-Organisation aufzuklären. Das ist dem Fernsehsender ARD im letzten Jahr gelungen, indem er unter strengster Geheimhaltung einen spannenden, informativen Spielfilm produziert hat, der den Namen der Scientology-Organisation nicht verschwiegen hat und ihre Aktivitäten ohne Übertreibung korrekt und wirklichkeitsnah wiedergibt (vgl. hierzu unter Publikationen die Filmbesprechung "Bis nichts mehr bleibt"). Völlig zu Recht erhielt der Film den Bayrischen Filmpreis. 8,7 Millionen Zuschauer haben den Film nach Aussage der ARD verfolgt. Die anschließende Diskussionsrunde „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg haben 7,4 Millionen Zuschauer angesehen. Schon im Vorfeld hatten die Mitarbeiter unserer Beratungsstelle das Team von Herrn Plasberg bei Recherchearbeiten unterstützt. Als Expertin hat Frau Riede an der Sendung teilgenommen. Die Sendung hat in den folgenden Wochen zu einem enormen Anstieg der Anfragen zur Scientology-Organisation geführt. Darüber hinaus haben sich Betroffene der Scientology-Organisation, aber auch Betroffene anderer Psychokulte gemeldet, die bisher nicht gewusst haben, wo sie über ihre Erfahrungen reden und Unterstützung bekommen können. Das macht deutlich, dass der Bedarf an Hilfe weitaus höher liegt, als bisher angenommen. Ebenso empfehlenswert wie der Film, ist das neue Buch „Scientology - Wissen, was stimmt“ von Dirk Ritter-Dausend. Als Mitarbeiter des Innenministeriums von NRW gibt er seinen Lesern kurz und präzise Auskunft über die wichtigsten Fragen zur Scientology-Organisation. (vgl. hierzu die Buchbesprechung unter Publikationen).

An 2. Stelle stehen die Anfragen aus dem Bereich der Esoterik. Hier fällt auf, dass die Beratungsfälle die Anfragen übertreffen. Die Fülle der Anfragen und Beratungsfälle zeigt, dass dieser Bereich momentan in unserer Gesellschaft am meisten wächst. Viele Menschen haben Zukunftsängste, vor allem Frauen fühlen sich oft mit dem Spagat zwischen Familie und Beruf überfordert. Esoterik-Gurus greifen diesen Trend auf, bieten Kuschelgruppen an, in denen sie vordergründig die Sehnsüchte der Menschen aufgreifen, dass alles viel schöner wäre, wenn es einfacher wäre. Betroffene driften in eine Traumwelt ab und zeigen regressive und abhängige Verhaltensweisen. Wird zunächst noch offen auf Esoterik-Messen oder in Esoterik-Zeitschriften geworben, so finden die meisten Rituale und Angebote dieser Gruppen nach vorheriger Absprache in Privatwohnungen und Anwesen statt. Allein die Beratungsfälle verteilen sich auf 85 verschiedene Gruppen. Der Markt wird immer unüberschaubarer. Die in unserer Gesellschaft propagierte Suche nach ständigem Wohlempfinden endet für manche Menschen in der Abhängigkeit von Alkohol, für andere in der Abhängigkeit von einer esoterischen Gruppe. Das Ausmaß der Beratungsfälle zeigt, dass esoterische Angebote einerseits gesellschaftlich akzeptiert und weit verbreitet sind, anderseits in ihrer Gefährlichkeit unterschätzt werden (vgl. hierzu den Artikel "Die Esoterisierung der Gesellschaft – von Abhängigkeiten und anderen Gefahren"). Einen wirklichkeitsnahen Einblick in die schleichende Abhängigkeit gewährt der Erfahrungsbericht eines betroffenen Ehemannes in dem Buch „Ein Weg hinters Licht“ von Joachim Hüssner (vgl. hierzu die Buchbesprechung unter Publikationen).

Die Statistik unserer Beratungsstelle zeigt, dass an dritter Stelle Anfragen zu christlich fundamentalistischen Gruppen stehen. Hier gibt es immer wieder Anfragen aus Kindergärten und Schulen, die Probleme mit Eltern radikaler Freikirchen haben, da sie der Erzieherin oder Lehrerin Inhalte des Lernprogramms aufzwingen oder verbieten wollen. Besonders erfreulich ist in dem Zusammenhang ein Gerichtsurteil, das zunächst einmal für Schulen klargestellt hat, dass die religiöse Selbstbestimmung der Eltern nicht den Erziehungs- und Aufklärungsauftrag der Schule behindern darf. (Urteil vom12.02.2010, Az: 1 K 528/09, nicht rechtskräftig). Dass strenggläubige, bibeltreue Christen häufig sogar in einer Parallelwelt leben, hat eine Studie des kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen ergeben. Obwohl die gewaltfreie Erziehung in Deutschland seit 2000 gesetzlich verankert ist, folgen Eltern in fundamentalistischen christlichen Familien eher dem Bibelspruch: Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn, wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn (Sprüche 13, 20). Das hat zur Folge, dass Kinder in diesen Familien überdurchschnittlich oft Opfer von Kindesmisshandlungen werden.

Traurig ist auch der Tod eines jungen Familienvaters aus dem Sauerland, der nach seinem Motorrad-Unfall nur durch eine Bluttransfusion hätte gerettet werden können. Da er der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas angehörte, hat er dies abgelehnt.

Am 24. April 2010 verstarb Paul Schäfer im Alter von 88 Jahren an Herzversagen. Er war Gründer der Sekte „Colonia Dignidad“. Schäfer hatte sich 1961 mit gleichgesinnten christlichen Fundamentalisten aus dem Münsterland nach Chile abgesetzt und dort eine deutsche Kolonie gegründet. Die Siedlung in Süd Chile war hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt, und die Bewohner waren zu absolutem Gehorsam verpflichtet. Paul Schäfer bestimmte über alle Lebensbereiche seiner Anhänger. Während der chilenischen Militärdiktatur diente die Kolonie sogar als Folterlager für die chilenische Geheimpolizei. Nach dem Ende des Pinochet-Regimes konnten die Verbrechen aufgedeckt werden, über die die Menschen, denen die Flucht aus der Kolonie gelungen war, bereits in Deutschland jahrelang berichtet hatten. Schäfer wurde wegen Mordes, sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und weiterer Verbrechen zu 20 Jahren Haft verurteilt. Ein Teil der ehemaligen Bewohner der Kolonie sind nach Deutschland zurückgekehrt und leiden heute noch unter ihren schlimmen Erfahrungen. Einzelne Betroffene sind auch von unserer Beratungsstelle betreut worden. Trotz jahrelanger schwerer Arbeit haben sie keinen Anspruch auf Rente oder Opferentschädigung.

An vierter Stelle stehen die synkretistischen Neureligionen. Hier wurden altbekannte Missionierungsstrategien fortgesetzt. Die Vereinigungskirche des Koreaners Sun Myung Moon inszenierte im Oktober wieder eine Massenhochzeit in Südkorea, die über Satellitenfernsehen in 194 Ländern übertragen wurde. Und die Tarnorganisation „Universal Peace Federation“ hat versucht, deutsche Politiker von ihrer Sache zu überzeugen. Das Universelle Leben versucht weiterhin mit bundesweiten Plakataktionen, Bürger zum Kirchenaustritt zu bewegen. Die neuen deutschlandweit verbreiteten Plakate beinhalten folgenden Aufruf: “Kirchenskandale ohne Ende: Jetzt reicht`s! Kirchenaustritt jetzt!“. Verantwortlich für die Plakate ist die Initiative „Ein Mahnmal für die Millionen Opfer der Kirche“. Sie betreibt auch die auf dem Plakat genannte Internetseite www.spart-euch-die-kirche.de und ist den Anhängern des „Universellen Leben“ zuzurechnen. Das „Universelle Leben“ ist eine synkretistische Neureligion, deren Anhänger ausschließlich den Offenbarungen und Anweisungen ihrer Prophetin Gabriele Wittek glauben. Sie versuchen mit Werbung für Naturkost, Tierschutz und antikirchlicher Propaganda, Menschen auf sich aufmerksam zu machen und zu vereinnahmen.

Auch bei der Transzendentalen Meditation gibt es inhaltlich nicht viel Neues. Der Pressesprecher „Raja“ Emanuel Schiffgens bittet nach wie vor große Unternehmen in Deutschland, junge Mitarbeiter unter seiner Regie für den Frieden ausbilden zu lassen. Er benötigt momentan 200 junge Menschen in jedem Bundesland und 1.000 in Berlin. Die Ausbildung würde nach festgesetzten Regeln in Transzendentaler Meditation erfolgen und danach würden durch die Meditierenden Harmonie und Frieden auf das Kollektivbewusstsein der Deutschen ausgestrahlt. Erfreulicherweise gibt es aber auch kritische Stimmen in unserem Land, die sich von dem Angebot der TM-Bewegung wenig beeindrucken lassen und der Werbung auf den Grund gehen. (vgl. hierzu den Bericht "Wachsame Studenten decken TM-Missionierungsversuch an der Uni Düsseldorf auf")

 

Beratungsfälle 2010


Der seit Jahren große Bedarf an Beratung ist in 2010 gegenüber 2009 insgesamt um 25% gestiegen. An erster Stelle stehen die 161 Beratungsfälle der Esoterik, die gegenüber dem Vorjahr um 64% gestiegen sind. Neben den Angeboten der Zukunftsvorhersagen durch Astro-Hotlines kommt es im Bereich der Lebenshilfe häufig auch zu Gruppenbildungen, die einer Sekte gleichen. Zwei Gruppierungen, zu denen die Beratungsstelle im letzten Jahr nicht nur vermehrt Anfragen, sondern auch mehrere Fälle betreut hat, ist die Gruppe um den Geistheiler Gottfried Bresink, sowie die Gruppierung um Frank Eickermann. Beide nennen ihr Angebot und ihr Ziel für die Menschheit „Ein Weg ins Licht“ bzw. „Der Weg ins Licht“. Darüber hinaus spielen in der Esoterik die Angebote von Geistheilern und alternativen Heilmethoden eine große Rolle. In diesen Fällen wenden sich immer wieder Angehörige an uns, die besorgt sind, weil ein nahestehender Angehöriger die notwendige Behandlung der Schulmedizin ablehnt und stattdessen einer alternativen Heilmethode vertraut (vgl. hierzu den Artikel "Alternative Heilmethoden auf dem Prüfstand – das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zur Synergetik-Methode"). An zweiter Stelle der Beratungsfälle steht die Scientology-Organisation. Hier ist im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls ein Zuwachs zu verzeichnen.

Der Bereich Satanismus/Okkultismus ist gegenüber den Vorjahren deutlich rückläufig. Zum einen werden Betroffene von Wahrsagern inzwischen einheitlich zum Bereich der Esoterik mitgezählt. Zum anderen macht sich die intensive Präventionsarbeit mit Schulen bemerkbar. Die Funktionsweise des Gläserrückens oder des Pendelns können viele Schüler inzwischen erklären und damit verlieren diese Praktiken ihren Reiz. Allerdings gibt es immer wieder Menschen aus anderen Kulturkreisen, die sich auf abergläubische Praktiken einlassen oder Voodoo-Praktiken ausprobieren und Beratung benötigen. Ebenso sieht es bei den Beratungsfällen im Satanismus aus. Hier wird die Hilfe häufig sehr spät geholt, meistens erst, wenn es bereits zu Körperverletzungen oder traumatischen Erlebnissen gekommen ist. Acht Jugendliche hatten sich mit der satanischen Ideologie beschäftigt und waren in der Schule auffällig geworden. Zwei weitere Beratungsfälle gehörten der Gothic Bewegung an, einer Jugendsubkultur, die häufig mit Satanismus verwechselt wird. Zehn niedergelassene Therapeuten brauchten unsere Einschätzungshilfe bei der Behandlung von Frauen, die berichtet haben, dass sie in der Kindheit rituell missbraucht wurden. Vier weitere Frauen mit der gleichen Problematik wandten sich direkt an unsere Beratungsstelle.

In der Kategorie der Psychogruppen ist in den letzten drei Jahren ein Anstieg zu beobachten. Hier bezog sich der Beratungsbedarf vor allem auf Coaching Angebote. Auch diese boomen parallel zur Esoterik. Schon vor zwei Jahren wurde dieser Bereich in einem Fachartikel ausführlicher behandelt („Der Coaching-Boom“ von Karin Nachbar auf unserer Webseite). Bei der Betrachtung einzelner Gruppen statt übergeordneter Kategorien ist zu erkennen, dass die Scientology-Organisation mit 49 Beratungsfällen und die Zeugen Jehovas mit 29 Beratungsfällen - wie in den letzten Jahren auch - den größten Beratungsbedarf auslösen.

Unabhängig von der jeweiligen Gruppierung, die den Beratungsbedarf ausgelöst hat, ist es interessant zu fragen, wer die Beratungsstelle mit der Bitte um Hilfe aufgesucht hat, Menschen, die selbst betroffen sind, oder Freunde und Angehörige? Im letzten Jahr war der Anteil der Betroffenen, die für sich selbst eine Hilfestellung erwarten, mit 40% erstaunlich hoch. Weitere 28% verteilen sich auf nahe Angehörige oder den Partner. Noch einmal 21% bitten uns im Rahmen eines institutionellen Arbeitsauftrages um Hilfe (z.B. Polizei, Schule, Hochschule, andere Beratungsstellen, Jugendhilfe, Psychiatrien). Der Rest (11%) verteilt sich auf Presseanfragen und Anfragen, die sich auf Bekannte und Kollegen beziehen. Die konkreten Daten für das Jahr 2010 sind in der folgenden Grafik abgebildet.

 
Image
Diagramm 3: Informationsanfragen und Beratungsfälle aufgeteilt nach Art der Betroffenheit

 

Rechtsberatung 2010


Seit Januar 2004 ist der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. in der Lage, ergänzend zur psychosozialen Beratung, kostenlos eine fundierte Rechtsberatung anbieten zu können. Von den 450 Klienten im Jahr 2010 haben 85 diese Möglichkeit in Anspruch genommen. Die Tabelle zeigt den Bedarf an Rechtsberatung, unterteilt in die auch sonst üblichen zehn Kategorien (vgl. Diagramm 4).
 
Image
Diagramm 4: Rechtsberatung

Der größte Teil der Rechtsberatung hat, wie in den Jahren zuvor auch, eine sorgerechtliche und umgangsrechtliche Problematik zum Inhalt und betrifft alle Bereiche bis auf den der Strukturvertriebe. Fortgesetzt hat sich der erhöhte Bedarf an Rechtsberatung innerhalb der Kategorie Psychogruppen. Hier ging es darum, einen Ausweg aus Verträgen zu finden, die unter anderem viel zu hohe Geldforderungen beinhalteten. Bei den Beratungsfällen im Zusammenhang mit der Scientology-Organisation ging es überwiegend um arbeitsrechtliche Probleme. Auch Arbeitgeber fragen inzwischen verstärkt nach, wie sie sich vor einer Unterwanderung durch die Scientology-Organisation schützen können. Außerdem ging es um mögliche Geldrückforderungen im Zusammenhang mit bereits gebuchten Kurspaketen. Innerhalb der Esoterik ging es um den Schutz der einzelnen Persönlichkeit vor diffamierenden Äußerungen nach dem Verlassen der Gruppe. Auch generelle äußerungsrechtliche Streitigkeiten tauchen in diesem Zusammenhang verstärkt auf.
 

 
Image
Diagramm 5: Informationsanfragen im Vergleich der letzten fünf Jahre


 
Image
Diagramm 6: Beratungsfälle im Vergleich der letzten fünf Jahre

 

Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit


Von Januar bis Dezember 2010 wurden insgesamt 69 Präventionsveranstaltungen und Multiplikatorenschulungen durchgeführt. Insgesamt nahmen 2.267 Menschen an den Schulungen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e. V. teil.

Der größte Teil der Veranstaltungen fand für Jugendliche statt (42). Ergänzend zu diesem Angebot erstreckte sich die Aufklärungsarbeit des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. auf weitere Vorträge in der Erwachsenenbildung (Volkshochschulen, Gemeinden, Elternkreise) (14) und auf Fachtagungen für Lehrer (7), sowie für Mitarbeiter in Einrichtungen der Jugendhilfe, Psychiatrie und Polizei (6). Leider muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. seit 2009 Präventionsveranstaltungen für Jugendliche nicht mehr kostenlos anbieten kann. Es muss ein Unkostenbeitrag erhoben werden, um die Kürzungen der Fördermittel zum Teil auffangen zu können.

Um dem Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit in aktueller Weise gerecht zu werden, wurde die Zusammenarbeit mit den Medien in 55 Fällen genutzt.


Gremienarbeit


Der Informationsaustausch über Trends in der aktuellen Sektenszene fand wie jedes Jahr in zahlreichen Workshops mit anderen Sektenberatungsstellen, kirchlichen Sektenbeauftragten und Betroffeneninitiativen statt. Auch nehmen die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. regelmäßig an den Fachgesprächen im Landtag teil. Auf Essener und Bochumer Stadtebene ist der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. im „Arbeitskreis Beratungsstellen“ und im „Aktionskreis Jugendschutz“ integriert. Insgesamt konnten die MitarbeiterInnen aus zeitlichen Gründen nur an 21 Gremiensitzungen teilnehmen.

Seit 2006 besteht die Möglichkeit, im Rahmen einer zweistündigen Sprechstunde in Bochum eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Sie findet nach Absprache in den Räumen der ehemaligen Sekteninformationsstelle Bochum statt.
 
 
-.png   +.png