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Beeinflusste Erinnerungen an sexuellen Missbrauch in der Kindheit durch esoterische Therapieangebote PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Uta Bange   
 
In unserer Beratungsstelle Sekten-Info Nordrhein-Westfalen hatten wir in den letzten Jahren vermehrt Fälle, in denen es um die Aufdeckung eines angeblichen sexuellen Missbrauchs in der Kindheit durch esoterische Therapieangebote ging. Da die Folgen sowohl für die KlientInnen als auch für die Angehörigen in der Regel sehr einschneidend sind, soll diesem Phänomen hier nachgegangen werden.

Exemplarisch möchte ich zwei Fälle aus der Beratungsstelle des Sekten-Infos schildern:

Frau R. (40 Jahre) wendet sich aufgrund von Eheproblemen an eine Heilpraktikerin. Bald kommt das Gespräch auf die Scheidung der Eltern zu sprechen, und wie sehr die Klientin als Kind unter dieser Trennung gelitten hat. Die Beraterin gibt sich mütterlich und fürsorglich. Frau R. fühlt sich aufgehoben und fasst schnell Vertrauen zu der Heilpraktikerin. Nach einiger Zeit erläutert diese ihre Theorie, dass jeder Mensch entweder Täter oder Opfer von sexuellem Missbrauch sei. Ohne dass die Klientin das Thema selbst anspricht oder Erinne­rungen in diese Richtung hat, wird ihr immer wieder suggeriert, dass ein Missbrauch stattgefunden haben muss. Schließlich übernimmt Frau R. den Missbrauchsvorwurf, konfrontiert ihre Eltern und stellt schließlich eine Strafanzeige. Den Kontakt bricht sie ab.

Als Frau R. nach einigen Jahren das Umfeld der Heilpraktikerin verlässt, meldet sie sich in unserer Beratungsstelle. Nach all den Jahren ist sie sich sicher, dass die damaligen Vorwürfe haltlos sind. Vor allem schämt sie sich, dass sie sich hat manipulieren lassen. Große Schuldgefühle gegenüber den Eltern machen ihr zu schaffen. In den Beratungs­gesprächen werden die damalige Lebenssituation sowie die lebensgeschichtlichen Aspekte zu einem Erklärungsmodell herangezogen, um zu klären, warum die Klientin zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens für diesen Weg offen war. Langsam bringt Frau R. Verständnis für ihre damalige Notlage auf. Ihre Wut verlagert sich weg von der eigenen Person hin zu der unseriösen Beraterin. Diese hat die Bedürftigkeit der Klientin für ihre Zwecke ausgenutzt. Hinsichtlich der Zukunftsplanung wurden Überlegungen angestellt, wie Frau R. wieder Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen kann.



Frau B. (65 Jahre) meldet sich in großer Verzweiflung in unserer Beratungsstelle. Ihre erwachsene Tochter hatte auf Anraten ihres Arztes an einer sogenannten Familienauf­stellung teilgenommen, die von der Ehefrau des Arztes durchgeführt wurde. Diese war ebenfalls Ärztin, praktizierte allerdings nicht mehr als solche. Zu dieser Familienaufstellung hatte die Tochter auch eine ihrer Schwestern mitgenommen. Die Aufstellung hatte unter anderem ergeben, dass zwei weitere Geschwister angeblich nicht die leiblichen Kinder des Vaters seien. Diese seien nach Vergewaltigungen der Mutter durch deren Vater geboren worden. Dieses Familiengeheimnis sei nun gelüftet worden. Die Töchter hätten sie nach der Fami­li­enaufstellung völlig fassungslos mit dieser angeblichen Wahrheit konfrontiert. Es sei ihr nicht gelungen, die Töchter vom Gegenteil zu überzeugen. In ihrem Ärger und ihrer Hilflosig­keit sei sie am nächsten Tag mit zu dieser Veranstaltung gegangen, um das Ganze richtig zu stellen. Es habe einen großen Tumult gegeben, die Ärztin habe sie der Lüge bezichtigt und letztendlich aus der Praxis geschmissen. Die Töchter seien noch immer völlig aufgelöst und sie wisse nicht, was sie jetzt tun solle.

Frau B. konnte ihre Töchter motivieren, mit in unsere Beratungsstelle zu kommen. Die Fami­lie war sehr überrascht, dass uns Frau Dr. Sch. von früheren Beratungs­fällen bekannt war. In der Beratung konnten wir zunächst durch Informationen über die sehr unprofessionell durchgeführten Familienaufstellungen die Gemüter beruhigen. So stellte sich heraus, dass alle Familienaufstellungen an jenem Wochenende um Familien­geheimnisse kreisten, die die Themen Vergewaltigung und sexueller Missbrauch beinhal­teten. Auch wurden Informationen über den Unterschied zwischen einer professio­nell durchge­führten Familientherapie und der Pseudotherapie von Frau Sch. gegeben. Die Glaubwür­digkeit der Ärztin konnte angekratzt werden. Allerdings blieb bei einer der Töchter ein Rest von Skepsis der Mutter gegenüber. Auf Anregung der Beratungsstelle beschloss die Mutter, einen Vaterschaftstest durch­führen zu lassen. Dieser ergab das eindeutige Ergebnis, dass alle vier Kinder tatsächlich durch den Vater gezeugt wurden. Danach wurde von unserer Seite Anzeige bei der Staatsan­waltschaft Essen erstattet. Frau Sch. musste 3000 Euro Strafe bezahlen.


Gründe für die Suche nach traumatischen Erfahrungen in der Kindheit


Die meisten Menschen durchlaufen in ihrem Leben kritische Phasen, wie z. B. Trennungen, Arbeitslosigkeit oder schwere Krankheiten. Psychisch stabile Menschen meistern diese Phasen, reifen vielleicht dadurch und gehen mehr oder weniger gestärkt daraus hervor. Bei manchen Menschen ziehen sich aber Misserfolge durch das ganze Leben. Weder können Sie beruflich Fuß fassen noch haben Sie Glück in der Liebe. Es entwickelt sich das Gefühl ein ewiger Pechvogel zu sein. Auch psychische Störungen, wie Essstörungen, Ängste oder Depressionen können Anlass sein, nach tiefer liegenden Ursachen zu suchen. Bei einigen von ihnen stellt sich irgendwann die Frage, ob ihre heutigen Probleme möglicherweise auf verdrängte traumatische Erfahrungen in der Kindheit zurückzuführen sind. Bei manchen treten vielleicht düstere Träume auf, die sie nicht deuten können. Andere sind durch die Medien (Bücher, Filme, Internet) auf das Thema sexueller Missbrauch gestoßen. Sie beschließen, mit Hilfe einer Therapie, nach möglichen Erklärungen für ihre Probleme in der Kindheit zu suchen. Wie auch manche TherapeutInnen gehen sie davon aus, dass psychi­sche Probleme häufig mit Missbrauchserfahrungen in der Kindheit zu tun haben. Wenn eine TherapeutIn nun auf dem unübersichtlichen Esoterikmarkt gesucht wird, landen die Suchen­den möglicherweise bei einer spirituellen LebensberaterIn, FamilienaufstellerIn oder einer KinesiologIn. In tranceähnlichen Zuständen, durch Hypnose oder eine angeleitete Phantasie­reise tauchen erste Bilder auf, die zunehmend konkreter werden. Irgendwann erhärtet sich der Verdacht: Es muss einen sexuellen Missbrauch in der Kindheit gegeben haben.

Eingesetzt werden in der Esoterik häufig wissenschaftlich nicht anerkannte Methoden, wie z.B. Kinesiologie, Channeling, Familienstellen nach Hellinger, Rebirthing oder Reinkarna­tionstherapie. In der Kinesiologie beispielsweise werden Diagnosen mit Hilfe eines soge­nannten Muskeltests gestellt. Dem liegt zugrunde, dass die Muskelstärke angeblich in Zusammenhang mit der Psyche, ebenso wie mit Organen im Körper steht. Die AnwenderIn fordert die PatientIn auf, mit dem erhobenen Arm gegen den Druck seiner Hand Widerstand auszuüben. Durch Fragen, die während des Muskeltests gestellt werden, sollen konflikt­reiche Auslösesituationen aus der Kindheit aufgespürt werden. Gibt der Arm nach und sackt nach unten, so ist das angeblich ein Beweis für einen stattgefundenen Missbrauch. In unserer Beratungsstelle berichtete eine verzweifelte ältere Dame, dass ihre Tochter aufgrund von Eheproblemen zu einer Kinesiologin gegangen sei. Nach einigen Sitzungen habe der Muskeltest ergeben, dass die Tochter als Kind von ihrem Vater sexuell missbraucht worden sei. Als Beratungsstelle können wir natürlich nicht ausschließen, dass ein Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat. Aber ein kinesiologischer Muskeltest ist kein adäquates diagnostisches Mittel, um einen solchen feststellen zu können.

Durch das Vertrauen in die TherapeutIn, verbunden mit der verzweifelten Suche nach einer Erklärung für heutige Probleme, kann ein solcher Prozess verhältnismäßig leicht in Gang gesetzt werden. Unsere persönlichen Erinnerungen, vor allem wenn sie sich auf lange zurückliegende Zeiten beziehen, sind viel leichter manipulierbar, als wir es für möglich halten würden.


Falsche Erinnerungen und ihre Entstehung

Wir stellen uns das autobiographische Gedächtnis wie ein Archiv vor. Alle Erinnerungen sind dort abgespeichert. Dinge, an die wir uns nicht mehr erinnern können, halten wir für nur verschüttet oder verdrängt. Wir glauben, mit Hilfe einer Psychotherapie, Hypnose oder einer geführten Imaginationsreise Vergessenes freilegen zu können, in seiner echten und ursprünglichen Form. Die moderne Gedächtnisforschung hat jedoch herausgefunden, dass es nicht so einfach funktioniert. Das Gedächtnis schreibt das Drehbuch unseres Lebens ständig um. Aus der Gegenwart heraus bekommen vergangene Ereignisse eine neue Bedeutung. Unser Gedächtnis arbeitet im Dienst des menschlichen Bedürfnisses, dem Lebensweg einen erzählbaren Sinn zu geben. Dabei ist es deutlich anfälliger für Sugges¬tionen, als wir bisher glaubten. Unsere Erinnerungen sind keine Kopie der erlebten Geschehnisse. Sie sind nicht endgültig in unser Hirn eingraviert. Erinnerungen verändern sich mit jedem Tag neu (Kühnel, 2009). Jede neue Erfahrung hat auch Einfluss auf unsere Erinnerungen. Auch falsche Erinnerungen haben einen festen Platz in unserem Gedächtnis, wobei diese von den Gedächtnisforschern Kühnel und Markowitsch, „als das Erinnern an ein Ereignis definiert werden, das entweder nie oder auf eine andere Art und Weise erlebt wurde“ (Kühnel, 2009, S. 93).

Wie leicht sich Menschen falsche Erinnerungen zu eigen machen, zeigte die bekannte Psychologin Elisabeth F. Loftus in einer aufsehenerregenden Studie. Versuchsteilnehmer wurden aufgefordert, sich vier ihnen schriftlich vorgelegte Kindheitserlebnisse ins Gedächt­nis zu rufen, die von einem der engsten Verwandten berichtet worden seien. Drei der Geschehnisse waren tatsächlich vorgefallen. Eine Kaufhausszene war frei erfunden. Den Versuchteilnehmern wurde suggeriert, sie seien im Alter von fünf Jahren in einem großen Kaufhaus verloren gegangen. Das Szenario bestand aus folgenden Elementen: Verlorensein für längere Zeit, Weinen, Hilfe und Trost durch eine ältere Frau und glückliche Wieder­vereinigung mit der Familie. Im Anschluss daran sollten sie aufschreiben, woran sie sich bei jeder Geschichte erinnern konnten. Unmittelbar nach der Lektüre meinten 29 Prozent der Teilnehmer, sie könnten sich an das Verirren im Kaufhaus erinnern. In späteren Interviews beharrten auch nach der Auflösung immerhin noch 25 Prozent auf der falschen Erinnerung. Dieses Beispiel zeigt, wie leicht sich Menschen dazu verleiten lassen, komplett fiktive Ereignisse in ihr Gedächtnis aufzunehmen (Loftus, 1998).

In einer weiteren Studie stellte sich Loftus die Frage, inwieweit bestimmte psychothera¬peutische Verfahren ebenfalls die Entstehung falscher Erinnerungen fördern. In Phantasie¬übungen sollten sich einige der Versuchspersonen bestimmte Ereignisse ihrer Kindheit vorstellen, die sie tatsächlich nie erlebt hatten. Im Vergleich waren die Versuchspersonen, die sich ein Geschehen intensiv vorgestellt hatten, überzeugter es erlebt zu haben, als diejenigen, die keine Phantasieübung gemacht hatten. Offensichtlich wird einem ein intensiv vorgestelltes Ereignis scheinbar vertrauter, und diese Vertrautheit bringt man dann irrtümlich mit Kindheitserinnerungen in Verbindung anstatt mit dem Vorstellungsakt. Eine solche Quellenverwechslung, bei der man sich nicht mehr an die Herkunft der Information erinnert, ist in Zusammenhang mit den entlegenen Ereignissen der Kindheit oft besonders ausgeprägt (Loftus, 1998). 

Eine weitere Untersuchung bezieht sich auf Erinnerungen an das erste Lebensjahr, die nicht möglich sind, da der für das Langzeitgedächtnis besonders wichtige Hippocampus im Gehirn noch nicht genügend ausgereift ist. Versuchsteilnehmern wurde suggeriert, eine besonders gute Augenkoordination und visuelle Wahrnehmungsfähigkeit zu besitzen, weil in den ersten Tagen nach ihrer Geburt ein buntes Mobile über dem Säuglingsbett gehangen habe. Um das vermeintliche Erlebnis wachzurufen, setzte man die Probanden unter Hypnose und fragte sie, woran sie sich erinnern. 46 Prozent der Teilnehmer konnten sich an das Mobile erinnern. Andere konnten sich an Ärzte, Krankenschwestern, helles Licht oder Säuglingsbetten erinnern (beschrieben bei Loftus, 1998).

Um komplette, gefühlsbesetzte und aktiv ausgeschmückte Erinnerungstäuschungen herzustellen, braucht es laut Loftus sozialen Druck, z.B. durch den Versuchsleiter, eine Ermunterung, sich bestimmte Ereignisse vorzustellen, sowie die Ermutigung, nicht über deren Realitätsgehalt nachzudenken (Loftus, 1998).

Ein weiterer Faktor, der die Wahrscheinlichkeit falsche Erinnerungen zu bilden erhöht, ist psychischer Stress. Unter enormen Stress kann es passieren, dass sich sowohl bei der Einspeicherung neuer Erlebnisse, als auch beim Abruf Erlebtes mit Imaginärem vermischt. Daher finden sich die eindringlichsten Beispiele für falsche Erinnerungen bei Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben (Kühnel, S. 96).

Auch Träume können mit zur Entstehung falscher Erinnerungen beitragen. In unseren Träumen verarbeiten wir erlebte Ereignisse und damit auch Erinnerungen daran. Dabei können Erinnerungen in neue Zusammenhänge gebracht werden. Es entstehen Verknüp­fungen zwischen neuen und älteren Informationen, Erinnerungen und Erlebnissen. Dinge, die wir erlebt haben, werden vermischt mit Filmen, die wir gesehen haben, mit Büchern, die wir gelesen haben und mit Erfahrungen, die andere Menschen gemacht haben. Vor allem die Trauminterpretation in der Psychotherapie kann falsche Erinnerungen mit hervorbringen. Wir gehen davon aus, dass unsere Träume eine tiefe Bedeutung und einen Sinn haben. Sie wollen uns irgendetwas sagen. Mit Hilfe der Deutungen durch einen TherapeutIn kann es schnell zu Überinterpretationen und falschen Erinnerungen kommen (Kühnel, 2009).

Aus gedächtnispsychologischer Sicht lassen sich Erinnerungen von Pseudoerinnerungen nur sehr schwer unterscheiden. Hier einige Kriterien, die sich aus dem bisher Beschriebenen ableiten lassen, und aufzeigen, wann Skepsis angebracht ist (angelehnt an Stoffels, 2002):

  1. Art und Weise der Wiedererinnerung
    • Skepsis, wenn Erwartungsdruck und entsprechende Suche vorausgehen.

    • Skepsis, wenn die Erinnerungen in Zusammenhang mit dubiosen esoterischen Verfahren entstanden sind und mit Hilfe von nicht seriös ausgebildeten selbsternannten TherapeutInnen aufgedeckt wurden.

  2. Qualität der Wiedererinnerung
    • Skepsis, wenn diffuse Gefühle, Traumbilder und „Körpererinnerungen“ vorherrschen mit nachfolgendem visuellem Detailreichtum.

  3. Plausibilität des Vergessens
    • Skepsis, wenn Missbrauch in der späten Kindheit und Adoleszenz angeblich vergessen (verdrängt) wurde.
      Hier kommt es eher zu einer sogenannten Persistenz, d.h. zu einer Unfähigkeit etwas zu vergessen. Dieses Nicht-vergessen-können tritt häufig bei Ereignissen auf, die für uns sehr traumatisch waren. Wir möchten sie vergessen, denken aber ständig daran.

  4. Plausibilität des Erinnerns
    • Skepsis, wenn Erinnerungen an die Zeit vor dem 3. Lebensjahr angegeben werden, da zu diesem frühen Zeitpunkt das Gehirn noch nicht ausreichend entwickelt ist.

 

Die Gefahr von Beeinflussung und Suggestion durch esoterische und andere Therapiemethoden

Nicht nur in Experimenten, sondern auch in der therapeutischen Situation können falsche Erinnerungen erzeugt werden. Manche TherapeutInnen ermutigen ihre KlientInnen, sich bestimmte Kindheitserinnerungen auszumalen, um vermeintlich verdrängte Erinnerungen freizulegen. Die Annahme der TherapeutIn, was das ursächliche Trauma angeht, kann die KlientIn stark beeinflussen. Ist die TherapeutIn selbst der Überzeugung, dass die KlientIn einen Missbrauch in der Kindheit verdrängt hat, kann dies durch eine beeinflusste Vorstellung der möglichen Ereignisse zur Bildung einer falschen Erinnerung führen. Therapeutischer Erwartungsdruck und suggestive Deutungen sind weit verbreitet. Es ist eine verbreitete Annahme von TherapeutInnen, dass sexuelle Traumata die wesentliche Ursache seelischen Leidens sind. 

Um wie viel größer ist dann die Gefahr, dass esoterische Anbieter, die in der Regel über keine fundierte psychologische und psychotherapeutische Ausbildung verfügen, in diese Falle stolpern. In der Esoterik finden wir spirituelle BeraterInnen, EnergietherapeutInnen oder ganz allgemein LebensberaterInnen. Angeboten wird Lebenshilfe häufig mit Hilfe einer angeblich transpersonalen, spirituellen Dimension. Einige besuchten möglicherweise im Vorfeld ihrer Beratungstätigkeit einige Wochenendseminare, andere schildern göttliche Berufungs­erlebnisse als Vorbereitung auf ihr therapeutisches Arbeiten. Unwissenschaftliche Theorien und Techniken werden als Handwerkszeug angewendet, um mit zum Teil psychisch schwer gestörten Menschen zu arbeiten. Es liegt auf der Hand, dass hier die Gefahr induzierter Pseudoerinnerungen als deutlich größer einzuschätzen ist, als in seriösen Psychotherapien. Psychische Abhängigkeit und guruistische Charismatisierung, die in der Esoterik häufig auftreten, verstärken die Gefahr von Beeinflussungen und Suggestionen. Auch sekten­ähnliche Strukturen einer geschlossenen esoterischen Gruppierung können mit dazu beitragen, eine Welle von sexuellen Missbrauchsvorwürfen zu produzieren. Dazu ein markanter Fall aus unserer Beratungsstelle:

Vor zwei Jahren hatten wir mehrere Beratungsfälle in Zusammenhang mit einem esote­rischen Guru, der sich selbst als eine Art Gott verehren ließ. Mehrere Frauen hatten ihre Familien verlassen, um in die Nähe dieses selbsternannten Heilers zu ziehen. Nachdem ein Ehemann seine Erfahrungen als Buch veröffentlicht hatte und auch die Medien auf diese Gruppe aufmerksam wurden, trat vermehrt Kritik an der Gruppe auf. Daraufhin veröffent­lichten plötzlich mehrere Mitglieder ihre Missbrauchsgeschichten, die in einer internen Gruppentherapie aufgedeckt worden seien. Es wurden öffentlich und namentlich Miss­brauchsvorwürfe gegen Eltern gerichtet. Es schien so als reagiere die Gruppe auf die Anfeindungen der Außenwelt mit diesen schlimmen Vorwürfen, um sich von der bösen Welt da draußen abzugrenzen. Die vermeintlichen Missbrauchserfahrungen sollten möglicher­weise den Zusammenhalt der Gruppe fördern. Die heile und heilende Welt des Gurus widersetzt sich dem bösen Rest der Welt, der sich in diesem Fall aus Angehörigen und der Presse zusammensetzte. Auch ein Nachahmungseffekt in der Gruppe ist denkbar. Mit immer schlimmeren Schilderungen versuchten die Frauen möglicherweise unbewusst die Erwar­tungen des Gurus zu erfüllen und seine besondere Aufmerksamkeit zu bekommen. Nach­dem sich einige Angehörige entschlossen hatten gegen die Verleumdungen vorzu­gehen und rechtliche Schritte androhten, verschwanden alle Berichte aus dem Internet.

 

Konsequenzen für die Beratung

Falsche Erinnerungen haben einen festen Platz in unserem Gedächtnis, da sie sinnstiftend mithelfen, unser Leben erklärbar zu machen. Wie wir gesehen haben, ist es verhältnismäßig einfach, falsche Erinnerungen in unser Gedächtnis einzupflanzen. Immer wieder kommt es in esoterischen Therapien vor, dass vorher nicht erinnerte Missbrauchserfahrungen angeblich aufgedeckt werden. Dazu werden wissenschaftlich nicht anerkannte Methoden, wie z.B. Kinesiologie oder Familienstellen, genutzt. Die Unterscheidung zwischen echten und falschen Erinnerungen ist sehr schwierig und fast unmöglich, wenn die Schilderungen sehr detailliert und emotional sind. Im Gedächtnis der KlientInnen selbst fühlen sich die Erinne¬rungen in jedem Fall echt an, da sie im Laufe der Jahre in ihre Lebensgeschichte integriert wurden. In diesen Therapien haben die Frauen sehr emotionale Erfahrungen gemacht und bekamen eine Bestätigung für ihre Phantasien.

Wenn die Menschen in unsere Beratungsstelle kommen, haben sie in einigen Fällen schon selbst Zweifel an der suggerierten Missbrauchsgeschichte bekommen. In diesen Fällen helfen aufklärende Gespräche über die oben geschilderten Prozesse und eine Aufarbeitung des Erlebten. Manche KlientInnen haben jedoch in einer früheren Therapie eine sehr gefestigte Identität als Traumaopfer aufgebaut, so dass sie nicht bereit sind, die daraus entstehenden Vorteile, wie Aufmerksamkeit und Fürsorge, aufzugeben. In diesen Fällen sollte das traumatische Erlebnis zunächst nicht in Frage gestellt werden. Aufbauend auf dem erlebten Opfersein geht es in der Beratung um eine Stärkung des Ichs verbunden mit der Verbesserung des Selbstwertgefühls, der Förderung von Selbstwirksamkeit und das Übernehmen von Verantwortung für das eigene Leben.

In der Beratung ist es kontraproduktiv dem Wunsch mancher KlientInnen zu entsprechen und mit Hilfe von Hypnose, geleiteten Phantasiereisen oder Meditationen einen Missbrauch zu suchen oder aufzudecken, wenn es bisher keine Erinnerungen an einen tatsächlichen sexuellen Missbrauch gab. Gibt es nur einen Anfangsverdacht im Sinne von „da muss doch etwas gewesen sein“, ist beraterische Zurückhaltung gefragt. Natürlich sollen Vermutungen in diese Richtungen sehr ernst genommen werden. Behutsam kann die TherapeutIn die KlientIn begleiten, sich möglichen traumatischen Erlebnissen zu nähern. Dabei sollten aber aufgrund der obigen Ausführungen Suggestionen und Beeinflussungen jeglicher Art dringend vermieden werden.

 

Literatur:

Kühnel, S., Markowitsch, H.J. (2009). Falsche Erinnerungen. Die Sünden des    
Gedächtnisses. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.

Loftus, E. F. (1998). Falsche Erinnerungen. In: Spektrum der Wissenschaft, Januar.

Stoffels, H., Ernst, C. (2002). Erinnerung und Pseudoerinnerung. Über die Sehnsucht, Traumaopfer zu sein. Der Nervenarzt 5-2002, S. 445-451.


 
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