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Bericht über die Arbeit des Sekten-Info NRW und die Aktivitäten neuer religiöser Gemeinschaften 2011 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Sabine Riede   
Insgesamt wurden im Jahr 2011 1.102 Anfragen beim Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. registriert. Von den 1.102 Anfragen erhielten 667 Personen durch ausführliches Informa­tionsmaterial und ein bis zwei klärende Gespräche Hilfestellung von den Mitarbei­terInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.. In 435 Fällen war ein inten­siverer und längerer Beratungsverlauf mit bis zu 18 Fachkontakten notwendig.

Um einen besseren Vergleich mit den Vorjahren zu ermöglichen, sind wie jedes Jahr die 667 Informationsanfragen und die 435 Beratungsfälle in zehn Kategorien zusammengefasst worden. Insgesamt sind in den zehn Kategorien Anfragen mit der Bitte um Information und Beratung zu 360 verschiedenen Gruppierungen und Anbietern enthalten (vgl. Diagramm 1).

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Diagramm 1: Summe Beratungsfälle und Informationsanfragen
 
Zusätzlich zu diesen Anfragen nutzten viele Bürger die Webseite des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. als Informationsquelle. Dies zeigt, dass das Informationsbedürfnis zu neuen religiösen Bewegungen nach wie vor sehr hoch ist und viele Bürger es schätzen, sich selbständig und anonym mit Hilfe des Internets zu informieren. Aus diesem Grund bieten die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. seit 2006 zusätz­lich zur bisheri­gen persönlichen Beratung die Möglichkeit der Online-Beratung an. Diese Möglichkeit wurde im letzten Jahr immerhin 14 Mal genutzt, bei weiteren 115 Fällen begann die Beratung mit einer E-Mail, wurde dann aber in einer persön­lichen Beratung fortgesetzt.

Neben allgemeinen Informationen zur Arbeitsweise der Beratungsstelle und zu neuen Akti­vitäten waren im letzten Jahr hauptsächlich unsere Berichte zur Esoterik gefragt. Im Anschluss daran hatte der Beitrag über das Nachhilfeangebot der Scientology-Organisation mit Abstand die meisten Zugriffe zu verzeichnen. Erst danach wurden die Infotexte über Exorzismus und rituellen Missbrauch im Satanismus aufgerufen.


Informationsanfragen 2011

Bei einem Vergleich der einzelnen Kategorien fällt auf, dass im Jahr 2011 zum ersten Mal die Informationsanfragen zu den fundamentalistischen Gruppen besonders herausragen. Diese Kategorie bekam 2011 durch die Salafisten eine neue Gruppierung hinzu. Die Salafisten sind dem islamistischen Fundamentalismus zuzurechnen. Bisher bezogen sich bis auf wenige Ausnahmen alle Anfragen und Beratungsfälle auf den christlichen Fundamen­talismus. Aber nicht nur in unserer Beratungsstelle, auch in der öffentlichen Diskussion spielte die Thematik verstärkt eine Rolle. Selbst der Verfassungsschutzbericht des Bundes weist auf die schnell wachsende Gruppe der Salafisten hin. Die Gruppierung missioniert vor allem Jugendliche im Internet und erreicht durch den Prediger und Konvertiten Pierre Vogel die Aufmerksamkeit vieler deutscher Jugendlicher. Nachdem der salafistische Verein “Einladung zum Paradies“ in Mönchengladbach aufgelöst wurde, wird der Kontakt zur Bevölkerung nun über den Verein „Muslim aktiv e.V.“ gesucht, der sich in Münster ange­siedelt hat (vgl. hierzu den Artikel "Salafisten - Entstehung, Merkmale und die Situation in Deutschland"). Für viele christliche Fundamentalisten spielt die Endzeiterwartung eine große Rolle. Manch­mal verführt das dazu, dass Menschen sich hinreißen lassen, konkrete Daten über das Weltende der Menschheit mitzuteilen, wie es in der Vergangenheit auch die Führungsspitze der Zeugen Jehovas getan hat. Im Jahr 2011 wurde ein neues Datum bekannt gegeben, diesmal sagte der amerikanische Fundamentalist Harold Camping den Weltuntergang für den 21. Mai 2011 voraus. Es war bereits sein zweiter Versuch, den Weltuntergang zu bestimmen, den ersten datierte er auf 1994. Genau wie bei den Vorhersagen der Zeugen Jehovas passierte jedoch nichts, außer, dass einige hundert, christlich gläubige Menschen sich ängstlich in ihrer Wohnung eingeschlossen und zum Gebet versammelt hatten.

Darüber hinaus gibt es in unserer Beratungsstelle immer wieder Anfragen von Erzieherinnen und Lehrern, die über christlich-fundamentalistische Eltern klagen, weil diese Einfluss auf Ihre Unterrichtsgestaltung bzw. auf die Durchführung bestimmter Bräuche anlässlich von Feierlichkeiten in Kindergärten nehmen wollen. Hexen, Feen, Zwerge, Ostereier, Sexual­kundeunterricht, Buchbesprechungen von Harry-Potter, dies alles soll vermieden werden oder die Kinder werden nicht in die Schule bzw. den Kindergarten geschickt. Hier gibt es zumindest für die Schulen erfreulicherweise Rückendeckung durch ein Urteil des europä­ischen Gerichtshofs. Es hat die deutsche Schulpflicht gestärkt. Eltern aus NRW hatten geklagt, weil sie ein Bußgeld bezahlen mussten, nachdem sie ihre Kinder vom Sexualkunde­unterricht ferngehalten hatten. Das Bundesverfassungsgericht in Deutsch­land erklärte dies für rechtens, es bestehe eine Schulpflicht und mit dem Schulbesuch verbundene Spannun­gen zwischen religiöser Überzeugung und durch den Unterricht übermittelte Aufklärung sind grundsätzlich zumutbar (Aktenzeichen: 1BvR 2358/09). Daraufhin sahen die Eltern ihre Grundrechte der Religionsfreiheit in Gefahr und zogen vor den europäischen Gerichtshof. Der Gerichtshof in Straßburg stellte jedoch fest, die Menschenrechtskonvention gewähre keinen Schutz vor der Konfrontation mit Meinungen, die der eigenen Überzeugung wider­sprechen. Weiter hieß es, das deutsche Recht sehe eine Schulpflicht vor, um die Integration von Kindern in die Gesellschaft zu fördern.

An 2. Stelle stehen die Anfragen aus dem Bereich der Esoterik. Hier fällt auf, dass die Beratungsfälle die Anfragen übertreffen. Die Fülle der Anfragen und Beratungsfälle zeigt, dass dieser Bereich momentan in unserer Gesellschaft am meisten wächst und häufig nicht rechtzeitig als gefährlich angesehen wird. Nicht nur christliche Fundamentalisten warten auf den Weltuntergang, sondern auch ein Teil der esoterisch-gläubigen Menschen. Sie berufen sich auf den Maya-Kalender. Im Dezember 2012 endet der 13. Kalenderzyklus der Maya und damit verbunden soll es große Veränderungen auf der Erde geben. Bisher ist allerdings bei den Maya nichts von Weltuntergangsstimmung zu merken. Eher verbinden sie mit dem Datum ein besonderes Jubiläum, da die Kombination von x.0.0.0.0. in der „Langen Zählung“ mit den „4 Ahau“ des religiösen Kalenders fast die gleiche Kombination wie am Schöpfungstag trägt und somit ihre Zeitrechnung von vorne beginnt. (Mario Krygier, Weltun­tergang 2012 in: Skeptiker 1/2009, S. 21-25). Es bestehen also gute Chancen, dass die Menschheit völlig unbeschadet das Jahr 2013 erleben wird. Weltuntergangsvorstellungen hat es schon immer gegeben, und wird es auch weiterhin geben. Sie scheinen Menschen zu faszinieren, deshalb ist sicher der Film „2012“ von Roland Emmerich auch ein Kassen­schlager geworden. Vielleicht ist dadurch der Maya-Kalender erst ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit gerutscht.

Aber es gibt auch eindeutige Entscheidungen gegen gefährliche Entwicklungen im Bereich der Esoterik. Das Verwaltungsgericht Kassel schließt einen Esoterik-Kindergarten in Rothenburg. Das Gericht sah das Wohl der Kinder gefährdet, da er zeitweise überbelegt gewesen sei und zu wenige Fachkräfte eingesetzt habe. Darüber hinaus seien „magische und esoterische Elemente“ in die Erziehung eingeflossen. Konkret bedeutete das, erzieheri­sche Fragen wurden ausgependelt, ein virtueller Staubsauger sollte „Frauenhass-Implantate“ entfernen und auf dem Spielplatz sind giftige Pflanzen nicht entfernt worden, damit die Kinder sie kennenlernen (Aktenzeichen: 5K484/10.KS). Außerdem leitet die Ev. Kirche im Rheinland endlich ein Disziplinarverfahren gegen den Pfarrer i.R. Jürgen Fliege ein. Der hatte Esoterik-Scharlatanen immer wieder ungeprüft eine Werbe-Plattform für ihre Ideen ermöglicht. Zum Schluss hatte er sogar sein eigenes Heilwasser angeboten.

Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) zeichnete Peter Arthur Straubinger für seinen Film „Am Anfang war das Licht“ im Rahmen ihrer dreitägigen Tagung in Wien mit dem „Goldenen Brett vorm Kopf“ aus. Bei dem Film handelt es sich um eine Pseudodokumentation, in der behauptet wird, dass es Menschen gibt, die auf Essen und Trinken verzichten und sich nur von feinstofflicher Energie bzw. Licht ernähren. In der Begründung für die Auszeichnung wurde betont, jeder könne 12 Tage ohne Nahrung auskommen, aber bedenklich und lebensgefährlich sei der im Film geschilderte Verzicht der Flüssigkeitsaufnahme.

Von solchen Halbwahrheiten leben auch die Verschwörungstheorien, kaum jemand durch­schaut sie alle. Vor fast 11 Jahren krachten in New York zwei Flugzeuge ins World Trade Center. Seitdem gibt es immer mehr Theorien um diesen Terroranschlag. Verschwörungs­theorien erfüllen aber auch eine wichtige psychologische Funktion für manche Menschen. Wer Verschwörungstheorien besser durchschauen möchte, der wird in dem Buch „Freimau­rer, Illuminaten und andere Verschwörer“ von Thomas Grüter wertvolle Hinweise erhalten (vgl. hierzu die Rezension unter Publikationen).

Im Vergleich zu den letzten fünf Jahren sind die Anfragen zur Scientology-Organisation deutlich niedriger und nehmen in unserer Statistik nur noch Platz Drei ein. Nachdem in den letzten Jahren durch den Werbeträger Tom Cruise und die Erweiterung des scientologischen Nachhilfeangebotes das Thema Scientology öffentlich intensiv diskutiert wurde, scheint es jetzt etwas ruhiger um die Organisation geworden zu sein, obwohl immer mehr hochrangige Mitglieder und Prominente die Organisation verlassen und von ihren schlechten Erfahrungen berichten, die sie mit Scientology gemacht haben. Einer dieser Aussteiger ist der Sohn von Star-Tenor Placido Domingo. Nachdem er aus der Organisation ausgetreten war, haben laut seiner Aussage in der New-Yorker Wochenzeitung “The Village Voice“ 120 Menschen über Facebook ihre Freundschaft mit ihm gekündigt. Vorab seien persönliche Informationen über ihn und sein Leben veröffentlicht worden, u.a. über seine Untreue seiner Frau gegenüber, die er während der „Auditing-Sitzungen“ bei der Scientology-Organisation gebeichtet hatte.
 
Karen Jentzsch, Ex-Frau von Heber Jentzsch, einem ehemaligen Führungsmitglied der Scientology-Organisation, veröffentlichte im Juni auf scientology-cult.com, dass ihr gemein­samer Sohn Alexander im Alter von 12 Jahren in der Elite-Einheit der Scientologen in der Sea-Org sexuell missbraucht worden sei. Weder sie noch ihr Mann seien darüber informiert worden, stattdessen habe man versucht, den Missbrauch zu verschleiern.

Ebenso erhebt im Dezember 2011 die Schweizerin Valeska G. öffentlich schwere Vorwürfe gegen die Sea-Org. Sie sei angeblich 12 Jahre auf dem Schiff „Freewinds“ gefangen gehalten worden, das der Scientology-Organisation gehört. Ihre Eltern waren Scientologen und haben sie im Sinne der Scientology-Lehre erzogen. Sie unterschreibt 1992 mit Einwilli­gung der Eltern im Alter von 14 Jahren einen eigenen Vertrag mit der Sea-Org und verpflichtet sich, für eine Milliarde Jahre (Scientologen glauben an die Wiedergeburt) Scientology zu dienen. Als die Mutter 1996 nach dem Selbstmord des Vaters die Scientology-Organisation öffentlich kritisiert, erhält Valeska den Befehl, zukünftig auf der „Freewinds“ zu arbeiten. In einem Interview mit dem US-Fernsehsender ABC beschreibt sie, dass man ihr den Pass weggenommen habe, dass sie für 50 Dollar die Woche im Restau­rantbereich hart arbeiten musste, und dass sie das Schiff nur in Begleitung verlassen und keinen Kontakt zu ihrer Mutter haben durfte. Durch ihre wiederholten Arbeitsverweigerungen wird sie im Dezember 2007 in ein scientologisches Rehabilitationscenter nach Australien geschickt. Dort verliebt sie sich in einen Scientologen, heiratet ihn zwei Jahre später und verlässt mit ihm gemeinsam 2009 die Organisation. Jetzt ist sie entschlossen, die Öffentlich­keit über ihre schlimmen Erfahrungen aufzuklären.

Peter Bonyai, ein Aussteiger aus Ungarn, berichtet in der ungarischen Wochenzeitung „Heti Valasz“, dass er in Dänemark drei Monate in Gewahrsam gehalten wurde und unter Anwen­dung des E-Meters (eine Art Lügendetektor) Fragen beantworten musste. Ebenso bestätigt er, dass jeder Scientologe während des Auditings über private Geheimnisse redet und diese von der Organisation genutzt werden, um Mitglieder „in Schach zu halten“.

Der Bruch der Schweigepflicht, Kontaktsperren, Mobbing, Kindesmissbrauch, Zwangsarbeit und Freiheitsberaubung sind schwere Vorwürfe, die die Aussteiger erheben. Aussteiger aus früheren Jahren, M. Rinder, P. Haggis, W. Handl, bestätigen jedoch einen Teil dieser Aussagen und erweitern sie um den Vorwurf der Körperverletzung, so dass jetzt das FBI in den USA ermitteln soll (Short News vom 08.02.11). Dagegen klingt die E-Mail von Debbi Cook, einer überzeugten Anhängerin der Lehre von L.R. Hubbard, fast harmlos. Sie beklagt in ihrer E-Mail das massive Spendeneintreiben der Organisation, mehr als eine Milliarde Dollar hätte die Organisation bereits angehäuft, und verschickt ihre E-Mail an Tausende Mitglieder, um eine Diskussion auszulösen. Die Reaktion der Scientology-Organisation hierauf ist eine Klage gegen sie vor dem Gericht in San Antonio, Texas.

Während in Russland gerichtlich einzelne Schriften der Organisation als extremistische Literatur eingestuft und verboten wurden, hat Deutschland die Beobachtung durch den Verfassungsschutz fortgesetzt. Der NRW-Verfassungsschutz bringt in seinem Bericht 2010, der im April 2011 veröffentlicht wurde, die Sorge zum Ausdruck, dass die Scientology-Organisation immer häufiger über soziale Netzwerke Kontakte zu Jugendlichen knüpft. Dieses Vorgehen kann durch Berichte von Aussteigern, die beim Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. Hilfe gesucht haben, bestätigt werden. Immer wieder versuchen Scientologen durch persönliche Kontakte oder mit Hilfe ihrer Tarnorganisationen „Jugend für Menschen­rechte“ und „Sag Nein zu Drogen - Sag ja zum Leben“ Jugendliche über Facebook, Youtube oder in Foren zu missionieren.

Zusätzlich wurden Schulen in Berlin, Hamburg oder Nordrhein-Westfalen angeschrieben mit der Bitte, ein Gespräch mit Schülern im Unterricht zu ermöglichen oder Info-Material zu verteilen. Während in Deutschland die Scientology-Organisation immer wieder enttarnt wird, ist dies einer Schweizer Oberstufenschule nicht gelungen. Hier wurde mit den fragwürdigen Drogenaufklärungsbroschüren der Scientology-Organisation im Unterricht gearbeitet, bis Eltern die Schulleitung darauf aufmerksam gemacht haben. Die neueste Kampagne der Scientology-Organisation in Nordrhein-Westfalen hat zum Ziel, das Buch „Der Weg zum Glücklichsein“ an alle Schulbibliotheken kostenlos zu verteilen. Angeschrieben werden die Schulen von einer Organisation „The way to Happiness“. Ist einem Schulleiter diese Organi­sation nicht als Tarnorganisation präsent, wird er das Geschenk vielleicht annehmen und das Buch in die Schulbibliothek integrieren.

Außerdem lässt die Scientology-Organisation nach wie vor nichts unversucht, Macht und Einfluss in Deutschland zu erlangen. Einzelne Mitglieder haben sich als Mitglieder der Piraten-Partei eintragen lassen. Allerdings fiel einem Mitglied der Piraten-Partei dies auf und nach einer heftigen Debatte, ob Religion Privatsache sei oder nicht, hat zumindest die nordrhein-westfälische Piratenpartei entschieden, dass Scientology verfassungsfeindliche Ziele verfolge und deshalb keine Scientology-Mitglieder in der Partei geduldet werden (Positionspapier der Piratenpartei des Landes NRW vom 19.11.2011).

An vierter Stelle stehen die Anfragen zu den synkretistischen Neureligionen, die gegen­über den Vorjahren rückläufig sind. Nachdem das Universelle Leben bereits 2009 mit ihrer Klage gegen die beiden großen christlichen Kirchen gescheitert ist, hatte der Rechtsanwalt der Gruppe Christian Sailer eine neue Idee, er hat Anzeige gegen den Papst erstattet. Die Anklageschrift umfasst 59 Seiten und wurde im Februar an den Internationalen Strafge­richtshof in Den Haag geschickt. Das Universelle Leben ist eine synkretistische Neureli­gion, deren Anhänger ausschließlich den Offenbarungen und Anweisungen ihrer Prophetin Gabriele Wittek glauben. Sie versuchen mit Werbung für Naturkost, Tierschutz und antikirch­licher Propaganda, Menschen auf sich aufmerksam zu machen und zu verein­nahmen.

Auch bei den guruistischen Gruppierungen gibt es inhaltlich nicht viel Neues. Die Anhän­ger der Transzendentalen Meditation glauben nach wie vor an einen Zusammenhang zwischen ihrem „yogischen Fliegen“, das eher einem Hüpfen im Lotussitz gleicht, und sinkender Kriminalität und Wirtschaftswachstum. Eine Studie, die behauptet, dass durch die Transzendentale Meditation das Risiko eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls um die Hälfte reduziert werden könne, durfte in dem angesehenen Fachblatt „Archives of Internal Medicine“ nicht veröffentlicht werden. Der Alternativmedizin-Experte Ezard Ernst, emeritierter Professor der Universität in Exeter, bestreitet die Seriosität dieser TM-Studie (Tagesspiegel in Berlin, 26.06.2011).

Am 24.4.2011 starb der umstrittene indische Guru Sathya Sai Baba im Alter von 85 Jahren. Bei öffentlichen Auftritten konnte er auf wundersame Weise Goldmünzen oder Ketten herbeizaubern. Kritiker hatten dies mit Hilfe von Filmaufzeichnungen als Taschen­spielertricks entlarvt. Das Vermögen seiner Stiftung wird auf sechs bis sieben Milliarden Euro geschätzt.


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Diagramm 2: Informationsanfragen im Vergleich der letzten fünf Jahre


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Diagramm 3: Beratungsfälle im Vergleich der letzten fünf Jahre

 

Beratungsfälle 2011

Der seit Jahren große Bedarf an Beratung im Jahr 2010 hat sich auch 2011 fortgesetzt. An erster Stelle stehen die 138 Beratungsfälle der Esoterik. Bei den unseriösen Lebenshilfe­angeboten, die nach wie vor weit verbreitet sind, vom Familienstellen, über Engelseminare und Channeling bis zur Lichtarbeit in sektenähnlichen Gruppierungen, kommt es außerdem aufgrund der fehlenden Ausbildung und mangelnden Kompetenz der Anbieter zu erschre­ckenden Fehldiagnosen (vgl. hierzu den Artikel "Beeinflusste Erinnerungen an sexuellen Missbrauch in der Kindheit durch esoterische Therapieangebote").

Daneben boomt der Markt der alternativen Heilmethoden. Auch in diesem Bereich werden inzwischen immer raffiniertere und problematischere Methoden angewandt. Es werden äußerst fragwürdige Behandlungsmethoden bei schwerwiegenden Erkrankungen wie z.B. Krebs angeboten. Der Gründer des 3E-Zentrums Lothar Hirneise vertritt die Auffassung, dass Krebs in der Regel durch ungelöste Konflikte entsteht. Insofern können Erkrankte seiner Auffassung nach in erster Linie durch mentale Arbeit geheilt werden. Neben der Verabreichung einer Vitamin C Hochdosis, bietet er den Einsatz eines Colon-Hydro-Gerätes an, das angeblich der Entgiftung dienen soll. Schulmedizinische Maßnahmen werden von ihm in seinen Veröffentlichungen als nutzlos dargestellt. Eine ähnliche Argumentation vertritt die Synergetik-Methode. Hier soll Krebs durch Selbstorganisationsprozesse makrosko­pischer Systeme geheilt werden. Nach Joschkos Überzeugung, dem Erfinder der Synergetik-Methode, finden sich in der Innenwelt eines Menschen Erlebnisse, Ereignisse und Erfah­rungen, die einer Krankheit unmittelbar zugehörig sind und diese ausgelöst haben. Diese bestimmten Lebensereignisse sollen dann bearbeitet und aufgelöst werden. Dem Klienten werde durch die Veränderung der neuronalen Informationsstruktur ermöglicht, den Hinter­grund von Krankheiten aufzulösen und damit werde eine Besserung des körperlichen Leidens erreicht. Im Zustand der Tiefenentspannung soll der Klient begleitet von dem Therapeuten in seine Innenwelt hinabsteigen, um unverarbeitete Erlebnisse und Konflikte durch die innere Konfrontation neu zu gestalten. Durch den Einsatz von Geräuschen und Klängen werden dramaturgische Effekte erzielt, ferner wird ein Plastikstock eingesetzt, um auf innere Bilder einschlagen zu können. Einen wissenschaftlichen Beleg für diese Aussa­gen, die psychosomatische und neurobiologische Faktoren miteinander vermischen, gibt es nicht. Vielmehr widerspricht die Behauptung, dass alle Krankheiten in den neuronalen Energiebildern als innere Krankheitsstruktur repräsentiert sind und dort auch aufzufinden und zu verändern seien, dem aktuellen Wissensstand der klinischen Psychologie (vgl. hierzu den Artikel des letzten Jahres „Alternative Heilmethoden auf dem Prüfstand“). Beide Methoden behaupten, Krebs durch neuartige Methoden heilen zu können. Der einzelne Bürger kann nur sehr schwer erkennen, was der Wahrheit entspricht und was nicht. Die Hoffnung auf Heilung birgt die große Gefahr, dass notwendige wissenschaftlich abgesicherte medizinische Behandlungen nicht ausgewählt werden, was letztlich zum Tode der betroffenen Menschen führen kann. Häufig sind es die Angehörigen, Geschwister oder Partner, die unsere Beratungsstelle verzweifelt um Hilfe bitten. Neben der Unverfrorenheit vieler Anbieter auf dem Heilermarkt mit dem Leid kranker Menschen Geld zu verdienen, stimmt es noch nachdenklicher, dass Ordnungsbehörden und Gesundheitsämter nicht einschreiten. Neben diesen, wissenschaftlich klingenden, aber nicht evaluierten wirkungs­losen Methoden gibt es nach wie vor die üblichen Heilungen durch Handauflegen oder Fluchbeseitigungen mit Hilfe bestimmter Rituale. Diese können von 120 bis 50.000 Euro kosten (vgl. hierzu den Artikel "Kartenlegen vor Gericht - Das Urteil des Bundesgerichtshofs zur Wahrsagerei"). Manche Klienten berichten, dass sie von Geistheilern geradezu gedrängt wurden, neue Patienten aus ihrem Freundeskreis mitzubringen.

Der Bereich Okkultismus ist gegenüber den Vorjahren deutlich rückläufig. Zum einen werden Betroffene von Wahrsagern inzwischen einheitlich zum Bereich der Esoterik mitgezählt. Zum anderen macht sich die intensive Präventionsarbeit an den Schulen bemerkbar. Die Funkti­onsweise des Gläserrückens oder des Pendelns haben viele Schüler inzwischen in der Schule durchgenommen und damit verlieren diese Praktiken ihre Gefährlichkeit. Allerdings gibt es immer wieder Menschen aus anderen Kulturkreisen, die sich auf abergläubische Praktiken einlassen und dann meinen, Geister sehen zu können oder sich sogar von diesen verfolgt oder besessen fühlen. Auch Voodoo-Praktiken binden Menschen an ihren früheren Kulturkreis, lösen Ängste aus und erschweren die Eingliederung in unsere Gesellschaft. Obwohl der Bereich der Gothic Bewegung nach wie vor Zulauf hat, die Bewegung feierte Pfingsten in Leipzig ihr 20-jähriges Jubiläum, hatten wir im Jahr 2011 keine Beratungsfälle zu diesem Bereich.

Bei den Beratungsfällen im Satanismus wird die Hilfe häufig sehr spät geholt, meistens erst, wenn es bereits zu Körperverletzungen oder traumatischen Erlebnissen gekommen ist. Sechs Jugendliche hatten sich mit der sata­nischen Ideologie beschäftigt und waren in der Schule auffällig geworden. In zwei weiteren Beratungsfällen ging es um zwei junge Frauen, die sich durch eine Liebesaffäre auf eine Satansloge eingelassen und ihren Job bzw. ihre Ausbildung ohne jede weitere Erklärung aufgegeben haben. Vier niedergelassene Thera­peuten brauchten unsere Einschätzungshilfe bei der Behandlung von Frauen, die berichtet haben, dass sie in der Kindheit rituell missbraucht wurden. Drei weitere Frauen mit der gleichen Problematik wandten sich direkt an unsere Beratungsstelle.

Als Skandal empfinden ehemalige Mitglieder der Colonia Dignidad die Hilflosigkeit der deutschen Justiz gegenüber Hartmut Hopp. Hartmut Hopp war ein enger Vertrauter von Paul Schäfer und gehörte zur Führungsspitze der Sekte. Schäfer hatte sich 1961 mit gleichge­sinnten christ­lichen Fundamentalisten aus dem Münsterland nach Chile abgesetzt und dort eine deutsche Kolonie gegründet. Die Siedlung in Süd-Chile war hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt, und die Bewohner waren zu absolutem Gehorsam verpflichtet. Paul Schäfer bestimmte über alle Lebensbereiche seiner Anhänger. Während der chilenischen Militär­diktatur diente die Kolonie sogar als Folterlager für die chilenische Geheimpolizei. Nach dem Ende des Pinochet-Regimes konnten die Verbrechen aufgedeckt werden, über die die Menschen, denen die Flucht aus der Kolonie gelungen war, bereits in Deutschland jahrelang berichtet hatten. Schäfer wurde wegen Mordes, sexuellen Missbrauchs Minder­jähriger und weiterer Verbrechen zu 20 Jahren Haft verurteilt. Auch Hartmut Hopp wurde angeklagt und hatte eine Verurteilung von fünf Jahren Haft zu erwarten. Es gelang ihm jedoch die Flucht von Chile nach Deutschland. Als deutscher Staatsbürger darf er trotz internationalem Haftbefehl nicht an ein Land außerhalb der europäischen Union ausgeliefert werden. Einzelne Betroffene, die jetzt in Deutschland leben und immer noch unter ihren schlimmen Erfahrungen leiden, sind auch von unserer Beratungsstelle betreut worden. Sie sind empört, dass Hartmund Hopp sich in Deutschland frei bewegen darf.

Eine in Deutschland zahlenmäßig kleine Gruppierung aus Korea, die sich „Kirchengemeinde Gottes Weltmissionsverein“ nennt und zu den synkretistischen Neureligionen zählt, hat etliche Beratungsfälle in Essen verursacht. Die Mitglieder geben sich als Studenten aus und sprechen in der Essener Innenstadt junge Menschen mit der Bitte an, ihnen bei einer Aufgabe zu helfen. Im Laufe des Gesprächs versuchen sie junge Menschen in ihr Zentrum einzuladen und zu weiteren Treffen zu verpflichten. In einem Fall haben sie eine junge Frau so sehr verunsichert, dass sie bereit war, sofort eine neue Taufe durchführen zu lassen. Im Beratungsgespräch äußerte sie jedoch, dass sie die Taufe gar nicht gewollt habe und jetzt Angst habe, eine nicht gewollte Bindung an eine höhere Macht eingegangen zu sein. Außerdem fühlte sie sich durch die weiteren Telefonanrufe und Einladungen sehr bedrängt und unter Druck gesetzt. Durch unsere Beratung konnte die Betroffene so gestärkt werden, dass sie ihren Austritt erklärt und weitere Kontakte abgelehnt hat. Bereits vor vier Jahren war die Gruppierung durch eine intensive Missionierung und Vereinnahmung einer 15jährigen Jugendlichen aufgefallen. Auch hier konnte eine Loslösung aus der Abhängigkeit erreicht werden.

Bei der Betrachtung einzelner Gruppen statt übergeordneter Kategorien ist zu erkennen, dass die Scientology-Organisation mit 39 Beratungsfällen und die Zeugen Jehovas mit 28 Beratungsfällen - wie in den letzten Jahren auch - den größten Beratungsbedarf auslösen.

Unabhängig von der jeweiligen Gruppierung, die den Beratungsbedarf ausgelöst hat, ist es interessant zu fragen, wer die Beratungsstelle mit der Bitte um Hilfe aufgesucht hat, Menschen, die selbst betroffen sind, oder Freunde und Angehörige? Im letzten Jahr betrug der Anteil der Betroffenen, die für sich selbst eine Hilfestellung erwartet haben 32%. Weitere 32% verteilten sich auf nahe Angehörige oder den Partner. Noch einmal 20% baten uns im Rahmen eines institutio­nellen Arbeitsauftrages um Hilfe (z.B. Polizei, Schule, Hochschule, andere Beratungsstellen, Jugendhilfe, Psychiatrien). Der Rest (16%) verteilt sich auf Presseanfragen und Anfragen, die sich auf Bekannte und Kollegen beziehen. Die konkreten Daten für das Jahr 2011 sind in der folgen­den Grafik abgebildet.

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Diagramm 4: Informationsanfragen und Beratungsfälle aufgeteilt nach Art der Betroffenheit


Rechtsberatung 2011

Seit Januar 2004 ist der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. in der Lage, ergänzend zur psychosozialen Beratung, kostenlos eine fundierte Rechtsberatung anbieten zu können. Von den 435 Klienten im Jahr 2011 haben 78 diese Möglichkeit in Anspruch genommen. Die Tabelle zeigt den Bedarf an Rechtsberatung, unterteilt in die auch sonst üblichen zehn Kate­gorien (vgl. Diagramm 5).

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Diagramm 5: Rechtsberatung

Der größte Teil der Rechtsberatung hat, wie in den Jahren zuvor auch, eine sorgerechtliche und umgangsrechtliche Problematik zum Inhalt und betrifft alle Bereiche bis auf den der Strukturvertriebe. Bei den Strukturvertrieben und Psychogruppen wurde den Betroffenen geholfen, einen Ausweg aus Verträgen zu finden, die unter anderem viel zu hohe Geldfor­derungen beinhalteten. Bei den Beratungsfällen im Zusammenhang mit der Scientology-Organisation handelte es sich überwiegend um arbeitsrechtliche Probleme. Außerdem ging es um mögliche Geldrückforde­rungen im Zusammenhang mit bereits gebuchten Kurspa­keten. Innerhalb der Esoterik ging es ebenfalls um Rückforderungen von Honorarzahlungen bei unseriösen Esoterikanbietern. Auch generelle äußerungs­rechtliche Streitigkeiten tauchen in diesem Zusammenhang verstärkt auf. Bei den Heilergruppen ging es darum, Ordnungs­ämter stärker in die Pflicht zu nehmen, Geistheiler zur Rechenschaft zu ziehen, die an Krebs erkrankten Menschen Heilung versprechen und von ärztlicher Behandlung abraten.    


Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit

Von Januar bis Dezember 2011 wurden insgesamt 66 Präventionsveranstaltungen und Multiplikatorenschulungen durchgeführt. Insgesamt nahmen 1.641 Menschen an den Schulungen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e. V. teil.

Der größte Teil der Veranstal­tungen fand für Jugendliche statt (38). Ergänzend zu diesem Angebot erstreckte sich die Aufklä­rungsarbeit des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. auf weitere Vorträge in der Erwachse­nenbildung (Volkshochschulen, Gemeinden, Elternkreise) (12) und auf Fach­ta­gungen für Lehrer (7), sowie für Mitarbeiter in Einrichtungen der Jugend­hilfe, Psychiatrie und Polizei (7). An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Mitar­beiter des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. Lehrern gern Informationsmaterial für die Aufklärungsarbeit im Unterricht zur Verfügung stellen. Außerdem werden neue Veröffent­lichungen gesichtet und vorgestellt (siehe Rubrik Publikationen unter Artikel). Um dem Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit in aktueller Weise gerecht zu werden, wurden die Recherchearbeiten der Medien in 70 Fällen unterstützt. In 25 Fällen wurde durch eine direkte Mitwirkung in einem Fernseh/ Radiobeitrag oder Zeitungsartikel auf die Gefahren neuer religiöser Glaubensgemeinschaften hingewiesen.


Gremienarbeit

Der Informationsaustausch über Trends in der aktuellen Sektenszene fand wie jedes Jahr in zahlreichen Workshops mit anderen Sektenberatungsstellen, kirchlichen Sektenbeauftragten und Betroffeneninitiativen statt. Auch nehmen die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. regelmäßig an den Fach­gesprächen im Landtag teil. Auf Landes­ebene ist der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. im „Arbeitskreis Bera­tungsstellen“ des DPWV integriert. Insgesamt konnten die Mitarbei­terInnen aus zeitlichen Gründen nur an 22 Gremiensitzungen teilnehmen.

Seit 2006 besteht die Möglichkeit, im Rahmen einer zweistündigen Sprechstunde in Bochum eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Sie findet nach Absprache in den Räumen der ehemaligen Sekteninformationsstelle Bochum statt.
 
 
 
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