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Vorsicht Heiler - Ein Erfahrungsbericht PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von anonym   
Donnerstag, 20. März 2014
Zu diesem Erfahrungsbericht gibt es auch einen rechtlichen Kommentar:
"Risiken und Nebenwirkungen" selbsternannter Heiler - Rechtlicher Kommentar zum Erfahrungsbericht 
Anna Breslau
(alle Namen wurden geändert)
 

Der Arzt der Orthopädie sah abwechselnd mich an und dann die Röntgenaufnahmen meiner Halswirbelsäule. „Sie gehen nirgendwo mehr hin. Sie bleiben hier. Wir müssen Sie operieren.“ „Ich muss arbeiten“, protestierte ich. Ich war in meiner Mittagspause wegen unerträglicher Schmerzen an meiner Halswirbelsäule ins Krankenhaus gefahren. Schon seit Wochen plagte ich mich damit herum. Am Nachmittag noch hatte ich wichtige Arbeitstermine. Ich konnte nicht im Krankenhaus bleiben. Ich war freie Mitarbeiterin bei einer Zeitung und verdiente nichts, wenn ich nicht arbeitete. Der Arzt machte mir den Ernst der Lage mit drastischen Worten klar und ich sah es ein. Ich musste im Krankenhaus bleiben. Ich rief in der Redaktion an und sagte, dass Sie jemand anderen zu den Terminen schicken müssen, weil ich im Krankenhaus bin und operiert werden müsste. Die Reaktion war eine knappe Beschwerde: „Muss das jetzt so kurzfristig sein!“ „Ja, danke für die Genesungswünsche“, konterte ich und legte auf. Dabei war ich sehr enttäuscht über diese menschliche Fehlzündung am anderen Ende der Leitung. Der Ton in diesem Metier war immer schon rau und zynisch, aber muss das auch sein, wenn jemand in Not ist? Ich war enttäuscht und fertig. Fertig von der Diagnose, fertig von meinem Sieben-Tage-Job, fertig von der schlechten Bezahlung. Fertig von dem, was zu Hause lief. Alles hatte ich mir auf meine Schultern geladen, schon immer. Und jetzt war Ende. Mit hängenden Armen stand ich vor dem Arzt. Ich hatte eine Höllenangst vor einer Operation an meiner Halswirbelsäule. Er schickte mich auf die orthopädische Station. Die Ärzte waren sehr besorgt und freundlich. Ich bekam eine Halskrause, die ich nur nachts vorsichtig ablegte. Ich kam in ein Zwei-Bett-Zimmer und hatte zum ersten Mal seit einigen Jahren Ruhe. Jedenfalls kam es mir so vor.

Mit der OP sollte es allerdings nichts werden, da der Facharzt, der diese Operationen vornahm, in Urlaub war. Ehrlich gesagt, ich war froh darüber, denn ich hoffte, dass ich um eine OP herumkommen würde, irgendwie. Man behielt mich erst mal im Krankenhaus, versorgte mich. Ich war nicht nur körperlich, sondern auch seelisch ausgebrannt. Das Leben kostete mich viel Kraft. Ich hatte mir zu viel aufgehalst und nicht für einen erholsamen Ausgleich gesorgt. Das führt unweigerlich ins ‚Aus’ und jetzt konnte ich nicht mehr. Wieso eigentlich hatte ich nicht besser auf mich aufgepasst?! Ich hatte wohl insgeheim gehofft, irgendjemand würde das für mich tun. Irgendjemand würde sagen: ‚Anna, jetzt mach mal langsam. Du musst dich auch mal erholen.’ Klar sagt das keiner. Jeder muss auf sich selber aufpassen. Nach zwei Wochen verlegte man mich in ein anderes Krankenhaus, in die neurochirurgische Abteilung des Krankenhaus Merheim, wo man mir weiterhelfen sollte. Hier blieb ich wieder drei Wochen lang. Die Oberärztin der Station sagte mir, nach Sicht der Röntgenaufnahmen: „Wir werden die Gliederkette der Halswirbelsäule durch eine Operation stabilisieren.“ Sie erklärte mir ausführlich, was sie machen wollten. „Es wird keine einfache Operation.“ Ich bekam augenblicklich eine Höllenangst. Was ist, wenn es schief geht? Besteht die Gefahr, dass ich gelähmt werde? Ich will das Krankenhaus nicht im Rollstuhl verlassen. Die Ärztin ging und ich hatte ihr nichts von meinen Ängsten sagen können. Es wurden weitere Aufnahmen gemacht, CT, MRT, neue Besprechungen, neue Visiten. Fast jeden Tag kam sie und sagte mir, dass die Ärzte sich nicht hätten einigen können über die Art und Weise einer Operation. Ich hoffte jeden Tag, dass ich diese Klinik auf meinen beiden Beinen würde verlassen können. Jeden Tag erhielt ich durch die Ärzte eine andere Nachricht. Man war sich nicht einig. Jeden Tag die Angst vor einer Entscheidung. Jeden Tag Ungewissheit. Unterdessen wechselten die Patienten im Nebenbett. Patienten mit schlimmen Krankheiten – Notfalloperationen, Rückfällen, Krebserkrankungen. Ich bin nie so vielen tapferen Menschen in so kurzer Zeit begegnet.

Nach 21 Tagen kam die Oberärztin zum letzten Mal zu mir, lächelte und sagte: “Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Wir haben Ihre Bilder immer wieder angeschaut und diskutiert. Wir werden Sie aber nicht operieren. Ehrlich gesagt, ich bin froh darüber, denn es wäre auch für uns eine sehr schwere Operation geworden. Ich mache Ihnen die Entlassungspapiere fertig. Melden Sie sich, bevor Sie gehen, im Stationszimmer. Da bekommen Sie dann die Unterlagen von der Schwester.“ Ich war so überrascht, dass ich alle Fragen, die ich hätte haben können, vergaß. Im Schwesternzimmer erhielt ich meine Papiere. „Melden Sie sich in zwei Monaten wieder.“ Das war alles. Ich dachte: „Wozu? Um das gleiche Theater noch einmal durchzumachen? Sie können mir doch nicht helfen. Sie wissen nicht, was sie tun sollen.“ Ein Gedanke jagte den anderen. Trotzdem war ich froh: keine OP! Ich verließ das Krankenhaus auf meinen eigenen Beinen. Aber es meldeten sich gleich auch alle Unsicherheiten mit großer Wucht: Was ist mit meiner Halswirbelsäule? Wie gefährlich ist es? Was kann passieren, wenn ich die Halskrause abnehme. Was ist, wenn mich auf der Straße jemand anrempelt? Kann meine Halswirbelsäule brechen? Mein Gott, ich habe Angst. Wen kann ich fragen? An wen kann ich mich wenden? – Ich wusste es nicht. Zu Hause kamen mir alle Fragen und Gedanken, die man nur haben konnte. Ich fühlte mich so unglaublich alleine und total verängstigt. Ich rief eine Freundin an, die ich immer als aufrichtig und hilfsbereit empfunden hatte und erzählte ihr, was geschehen war. “Ich weiß nicht weiter! Ich weiß nicht, wie gefährlich die Situation für mich ist. Ich habe Angst auf die Straße zu gehen. Ich habe Angst mich zu bewegen.“ „Was haben die Ärzte denn zum Schluss gesagt?“ fragte mich Ilona. „Ja, nichts. Sie wussten selbst nicht weiter. Ich soll in zwei Monaten wiederkommen“. Stille. “Ich kenne da jemanden“, sagte Ilona. „Vielleicht kann sie dir helfen. Eine Heilerin. Ich bin selbst bei ihr in Behandlung wegen meiner Fibromyalgie. Sie ist mir auch empfohlen worden und ich finde, sie ist wirklich gut.“ Sie gab mir Namen und Telefonnummer. Eine Stunde später rief ich diese Heilerin an. Eine entspannte, angenehme Stimme meldete sich am Telefon. Sofort hatte ich einen guten Eindruck. Am nächsten Abend fuhr ich mit der Straßenbahn zu ihr. Sie wohnte nur wenige Kilometer entfernt. Wieder hatte ich panische Angst, dass mich jemand anrempeln würde. Alles hing an einem dünnen Faden; bei der geringsten Erschütterung könnte meine Halswirbelsäule brechen. Meine Furcht war übergroß. Als mein Mann erfuhr, dass ich eine Heilerin aufsuchte, regte er sich auf, aber diese Alternative wollte ich mir nicht nehmen lassen, denn ich hatte sonst keine. Die Heilerin Frau D. führte mich in ein geschmackvoll eingerichtetes Zimmer und ich setzte mich auf eine Korbbank. Ich wagte nicht, mich zu bewegen, aus Furcht, meine Knochen könnten brechen. Die breite Halskrause lag schützend, sichtbar um meinen Hals. Frau D. saß mir gegenüber. Eine gutaussehende Frau mit grauen Haaren, geschmackvoll gekleidet. Sie wirkte wie eine von den Frauen, die auch im Alter eine gewisse gesunde, natürliche Schönheit ausstrahlen. Ihre Stimme war angenehm und freundlich, aber bestimmt. „Ich war vorgestern noch im Krankenhaus“, begann ich. Sie nickte. „Ich weiß nicht, ob Sie mir helfen können.“ Sie sah mich eindringlich an. Sie nickte wieder, dann sagte sie in einem warmen, freundlichen Ton: „Ich kann Ihnen helfen. Ich bin eine Heilerin und ich habe bereits vielen Menschen geholfen. Ich bin nicht wie die Ärzte, die sich von einem Patienten abwenden, wenn Sie nicht weiter wissen.“ Ich war augenblicklich verwundert. Woher wusste sie...? Aber dann fiel mir ein: vielleicht hatte Ilona mit ihr geredet. “Bitte nehmen Sie die Halskrause ab.“ Ich griff sofort an den Schaumstoffring, in dem mein Hals steckte. „Nein!“ sagte ich entschieden. „Auf keinen Fall.“ „Sie sind verängstigt. Ich verspreche, es wir Ihnen nichts passieren.“ Und nach einer Pause fügte sie hinzu: “Es ist nicht so schlimm wie Sie glauben. Ich kann es sehen.“ Sie lächelte und wiederholte: „Ich kann es sehen.“ „Ich ziehe die Halskrause nicht aus.“ „Es wird Ihnen nichts geschehen. Sie nehmen Sie ab und Clara legt sie hinter die Tür, damit sie aus Ihrem Blickwinkel kommt. Sie sind wie erstarrt vor Angst. Wir müssen Ihre Erstarrung aufbrechen. Sie können nicht immer mit dem Ding herumlaufen. Sonst kommen Sie da nicht mehr raus. Glauben Sie mir, es ist nicht so schlimm, wie Sie glauben. Ihnen geschieht nichts. Bevor Sie gehen, bekommen Sie die Halskrause wieder und fahren nach Hause wie Sie gekommen sind. Ich verspreche es Ihnen.“ Keineswegs überzeugt, aber mit einem Schimmer der Hoffnung, löste ich langsam den Klettverschluss und nahm vorsichtig die Halskrause ab. Ihre Assistentin Clara nahm sie behutsam aus meiner Hand und ging aus dem Zimmer, um sie aus meinem Sichtfeld zu entfernen. „Bewegen Sie ein ganz klein wenig den Kopf“ forderte mich Frau D. auf. „Nein, antwortete ich sofort, „das geht nicht.“ Ich bewegte mich keinen Millimeter, blieb starr sitzen und achtete darauf, dass mein Kopf bewegungslos sicher blieb.

„Ich habe zuletzt einem älteren Mann, der Borreliose im fortgeschrittenen Stadium hatte, geholfen. Die Ärzte haben ihn aufgegeben. Er ist wieder gesund und arbeitet wieder.“ Erzählen kann man viel, dachte ich, aber wenig später lernte ich die Schwester dieses Mannes kennen und sie bestätigte alles, was die Heilerin mir über ihn erzählt hatte. Ihren Bruder hatte sie von der schweren Borreliose geheilt. (Jahre später dann, erfuhr ich, was es mit einer solchen Heilung bei Borreliose auf sich hat. Es würde den Platz sprengen, das hier zu erläutern.) “Ich verspreche Ihnen, Sie werden wieder gesund, wenn Sie genau das tun was ich sage.“ Ich hörte aufmerksam zu und rührte mich nicht, aber ein leiser Hoffnungsfunke stieg in mir auf. Ich war zu Vielem bereit, wenn ich nur wieder aus meiner Hölle herauskäme. „Während ich Sie behandele, dürfen Sie keinen Arzt aufsuchen. Sie dürfen auch keine bildgebenden Verfahren vornehmen lassen. Das würde Sie nur irritieren. Sie müssen sich ganz auf die Heilung konzentrieren und mitarbeiten. Wenn wir fertig sind, wenn Sie wieder gesund sind, können Sie all das tun, was Sie wollen. Aber bis dahin werden Sie meinen Anweisungen folgen, sonst kann ich Ihnen nicht helfen. Ich bin streng, das muss ich sein. Nur so kann ich helfen. Ich arbeite mit Gottes Hilfe. Auch wenn Sie nicht an Gott glauben, wird er hilfreich zur Seite stehen.“ Ihre Helferin nickte bekräftigend. Mir war es egal wer oder was half, solange es nicht der Teufel selber war. Ich nahm also diese Aussage der Heilerin hin und mehr nicht. Sie fuhr fort: „Es wird aber kein leichter Weg für Sie sein. Ich bin niemand, der dem Patienten die Arbeit abnimmt. Es wird ein harter, steiniger Weg der Prüfungen werden. Überlegen Sie es sich gut. Aber wenn Sie ihn gehen, dann wird ein wunderbar erfülltes und gesundes Leben auf Sie warten. Ich arbeite ganzheitlich. Sie werden körperlich, seelisch und geistig mitarbeiten, und Ihre Gesundheit zurückerlangen. Gott wirkt durch mich. Das mag sich für Sie jetzt erst mal seltsam anhören, aber Sie werden sehen, was sich alles ermöglichen lässt. Ich habe es jetzt oft genug bei meinen Patienten gesehen.“ Eine große Hoffnung stieg in mir auf. Diese Frau wirkte so harmonisch, sah so attraktiv gesund aus und sie war meine letzte Rettung. Ich stand mit dem Rücken zur Wand, ich hatte keine Wahl, dessen war ich mir sicher. Kein Arzt hatte mir helfen können. Natürlich würde ich alles tun, um wieder gesund und glücklich zu werden. Alles.    

Frau D. arbeitete offiziell als Lebensberaterin und Coach. „Als Lebensberaterin habe ich zuletzt zwei Herren geholfen, sich mit ihrer Selbstständigkeit erfolgreich zu etablieren.“ Als mein Mann davon hörte, begann er sich dafür zu interessieren, weil es für ihn beruflich nicht besonders erfolgreich verlief. Wochen nachdem ich regelmäßig bei ihr in Behandlung war, lud sie uns zu einer Sonntagsmatinee ein, die bei ihr stattfinden sollte. Jeder sollte einen kleinen kulturellen Beitrag leisten und etwas zum Essen mitbringen. So lernten wir ihre anderen Patienten kennen und mein Mann begann ebenfalls bei Frau D. ein und aus zu gehen. Schritt für Schritt gewann sie unser Vertrauen. Langsam und gemächlich nahm sie immer größeren Einfluss auf mein Leben und auf das meines Mannes. Manchmal ging mir das gefühlsmäßig zu weit, aber es war nicht so heftig, dass ich hätte wirklich protestieren wollen. Sie war ja eine von Gott geführte Heilerin, wie sie immer wieder betonte und bislang war an all ihren Handlungen nichts auszusetzen. Weder ließ sie eine Kritik zu, noch wagte es jemand aus ihrem Umfeld ein zweifelndes Wort an sie zu richten. Niemand durfte an ihr oder ihrer Kompetenz zweifeln. Wer das tat, zweifelte an Gott, denn alles, was sie tat, war „von Gott geführt“, wie sie immer wieder betonte. Es gab ab und zu Menschen, die nach einer Zeit die Behandlungen abbrachen. Frau D. beschrieb sie als Menschen, die halt „in ihrem alten Sumpf stecken bleiben wollen. Sie werden sich ihr Leben lang im Kreis drehen. Es braucht Mut sich zu verändern.“ Natürlich wollte ich nicht im Sumpf stecken bleiben. Ich würde durchhalten, egal wie steinig der Weg werden würde. Der ganzheitliche Ansatz, den sie verfolgte, war mir nicht fremd. Mein anthroposophischer Arzt hatte lange versucht, mir in Gesprächen meine Rheumaerkrankung unter seelisch-geistigen Gesichtspunkten zu erläutern, in der Hoffnung, ich könne durch eine Änderung meines Seelenlebens meine Krankheit überwinden. Ich sollte meine Selbstheilungskräfte stärken. Er empfahl mir hierzu Literatur, verschrieb mir homöopathische Mittel. Ich tat alles, aber es gelang mir nicht, mich zu ändern. Ich konnte nicht. Genauso war der Ansatz von Frau D. mit dem Unterschied, dass sie eine von „Gott berufene“ Heilerin war. Sie überzeugte mich, von ihren anatomischen Kenntnissen und von ihrem ganzheitlichen Ansatz, aber vor allem von der unbeschreiblichen Kraft, die durch Gottes Hilfe eine Wandlung des kränkelnden hoffnungslosen Lebens bringen würde. Mit dieser Kraft hätte sie den Mann mit der Borreliose heilen können; einen Kölner Geschäftsmann, der jetzt gesund wieder seinen Geschäften nachging.    

Von Anfang an hatte sie mir in verschiedensten Dingen des Lebens engagiert geholfen, sonst hätte ich ihr auch nicht später in diesem Ausmaß vertrauen können. Sie war psychologisch versiert, beherrschte Beratungstechniken, gab also hilfreiche Ratschläge in vielen Belangen des Lebens, analysierte Träume, Verhalten, Erlebnisse und so weiter. Kurz, sie schuf Vertrauen. In Rückführungssitzungen kamen tief verschüttete Erlebnisse an den Tag, die nicht einfach zu verkraften waren. Man konnte und sollte sie jederzeit anrufen, egal wie spät es war. Sie wollte da sein für ihre Patienten und nicht wie die Ärzte, „die heutzutage nicht mal mehr Hausbesuche machen, weil es ihnen nur ums Geld geht“, wie sie sagte.    

Sie war gewieft und es geschahen einige Male recht ungewöhnliche Dinge, die sie ihrer Kraft zuschrieb, bzw. Gottes Hilfe. Auch mein Mann geriet unter ihren Einfluss. Sie unterstützte ihn beruflich als Coach und wollte ihm helfen die eher erfolglose Selbstständigkeit zum Erfolg zu führen. Er begann sogar für sie zu arbeiten, im Haus und im Garten. So gerieten wir beide vollständig in ihren Bann. Mir hatte sie abverlangt, die Schmerzmittel vollständig wegzulassen und auch alle anderen Tabletten, die ich einnehmen musste (für meine Schilddrüse, Entzündungshemmer usw.). Der Heilungsweg sollte die Tabletten ersetzen. Sie machte eine gründliche Entgiftungskur mit mir, mit allerlei homöopathischen Mitteln und kruden Ritualen. Ich machte jeden Zirkus mit, denn am Ende erwartete mich wieder ein gesundes Leben. Das wollte ich erreichen. Durch das Rheuma, die Entzündungen in der Wirbelsäule, hatte ich sehr starke Schmerzen, die durch die ärztlich verordneten Schmerzmittel einigermaßen erträglich waren. Jetzt, da ich die Medikamente absetzte, hatte ich unbeschreibliche Schmerzen. Jede Bewegung tat höllisch weh. Aber sie wollte, dass ich das Schmerzmuster durchbreche, dass ich die Schmerzen ignoriere und mich bewege, weil nur die Bewegung mich aus der „Schmerzspirale heraus und zurück ins Leben bringt“, wie sie sagte. Das war jeden Tag ein quälender, kraftraubender Zustand. Sie setzte mich dermaßen unter Druck, machte den Erfolg der Behandlung von meinem Willen abhängig, von meiner Mitarbeit. Forderte mich auf, Schonhaltungen sein zu lassen. Aber, wer Schmerzen kennt, weiß wie schwer es ist Schmerzen zu ignorieren, wenn sie übergroß sind. Ich schaffte es nicht mit meiner Willenskraft aus dem Schmerz herauszukommen. Ich versuchte es weiter und glaubte, was sie mir vorwarf, dass ich meine Gesundung boykottierte, weil ich mit der Krankheit und mit den Schmerzen eben die Rücksichtnahme meiner Umgebung erpresste. Da könnte etwas Wahres dran sein, dachte ich. „Du musst alles geben“, schrie sie während einer Behandlungsstunde. „Es wird nicht mehr gepfuscht. Du wirst dich nicht mehr durchschlängeln, wie du es dein ganzes Leben lang gemacht hast. Jetzt ist Schluss damit. Du tust es jetzt einfach. Beweg dich. Geh auf und ab...“ Ich wusste nicht, woher sie das hatte, dass ich mich mein Leben lang durchgeschlängelt hatte, aber es war etwas Wahres dran. Sie trieb mich unerbittlich an. Später sagte sie in einem ruhigen Ton: „Glaub nicht, dass es mir Spaß macht so zu schreien. Aber ihr müsst wach werden. Ihr müsst was tun. Gott ist es, der euch wach rütteln will. Deshalb schreie ich. “Oft musste ich mich bei ihr auf die Liege legen und sie arbeitete an meinem Körper, was oftmals extrem schmerzhaft war. Bald hatte ich vor jeder dieser Knochenbrecherstunden höllische Angst, aber ich musste da durch. Sie hatte ja gesagt, dass der Weg steinig werden würde. Ich hatte damals sogar eine Karte unterschrieben, auf der stand, dass ich durchhalten werde. Datum. Unterschrift. Es war wie ein Vertrag. Mit wem? Mit Frau D.? Mit Gott? Ich versuchte das Menschenunmögliche. Aber ich schaffte es nicht. Meine Fortschritte waren zu gering. Sie waren nicht zu meiner Zufriedenheit und sie waren nicht zur Zufriedenheit von Frau D. Mit der Zeit baute sich in mir eine Angst vor dem eigenen Versagen auf, ein schlechtes Gewissen wegen meines Unvermögens, den an mich gestellten Ansprüchen nicht genügen zu können. Im Grunde wiederholte sich ein Muster meiner Kindheit. Ich konnte machen, was ich wollte, ich machte es nicht gut genug. So musste ich oft von Frau D. Kritik einstecken. Weil ich die Krankheit nicht losließ, plagte ich mich immer noch mit Schmerzen: “Du könntest längst woanders stehen, wenn du richtig mitarbeiten würdest. Pass nur auf, Gott wird dich noch ganz und gar verlassen, wenn du so weitermachst.“ Dann gab sie mir Aufgaben, wie und wie lange ich jeden Tag zu gehen hatte und auf welche Weise. Ich war vollkommen fertig, hatte aber die Hoffnung, dass doch noch alles gut werden würde.

Unterdessen hatte ich mein ganzes Erspartes an Frau D. gegeben. Sie ließ sich die Stunden nicht teuer bezahlen. 50 Euro pro Sitzung, egal wie lange sie dauerte. Nur für die ersten Sitzungen hatte sie 70 Euro verlangt. Jetzt hatte ich nichts mehr. Mehr als 5000 Euro Erspartes waren weg. Immer wieder warf sie mir vor, dass ich die Krankheit benutze. Alle müssten sich um mich kümmern. Ich würde den sterbenden Schwan spielen und alle müssten springen. Ich würde nicht richtig mitarbeiten, deshalb ginge es mir schlecht. Ich müsse endlich eine andere Einstellung zum Leben entwickeln und zu den anderen Menschen. Tatsächlich glaubte ich es. Ich strengte mich noch mehr an, aber ich merkte, ich konnte keine andere werden, als die, die ich war. Ich quälte mich mit Selbstvorwürfen. Ich war es selbst, die meine Gesundung boykottierte. Ich arbeitete nicht genügend mit. Ich müsste meine Negativität überwinden, ich versuchte es, aber es gelang mir nicht. Sie warf mir schließlich vor, ich würde meinen Mann behindern, sich zu entwickeln. Ich solle ihn frei geben, damit er sich endlich entfalten könnte. Wir sollten erst mal auseinander ziehen. Ich sollte ausziehen und mir ein kleines Zimmer nehmen. Tatsächlich schaffte sie es, meinen Mann gegen mich aufzubringen, er begann zu glauben, ich würde ihn bremsen und dass er dauernd auf mich Rücksicht nehmen müsste. Ich war fassungslos, war aber davon überzeugt, dass Frau D. Recht hatte. Sie hatte Recht und mein Mann auch. (Letzten Endes aber schaffte sie es nicht, uns auseinander zu bringen. Wir trennten uns von ihr.)

Sie vermittelte das Bild eines strafenden Gottes. Ihr Gott war ein alttestamentarischer: ein Gott der Rache; ein Gott der Vernichtung. Dies alles entwickelte sich allmählich, kaum merklich. Anfangs und zwischendurch hatte ich immer mal wieder kleine Erfolge. Diese zeigten, dass ich auf dem richtigen Weg war. Sonst hätte ich diese anstrengenden Torturen von Knochenarbeit, Übungen, Aufgaben und Lehrtiraden irgendwann nicht mehr mitgemacht.   

Für einen Samstag setzte sie eine außergewöhnliche Session an. Frau D. kündigte einen ganzen Tag intensivster seelischer und körperlicher Arbeit für mich und meinen Mann an, mit ihr und ihrer Helferin. „Es wird eure sämtlichen Blockaden befreien. Wenn ihr mitarbeitet, wird es euer Durchbruch sein. Ihr werdet sehen.“ Es ist hier kein Raum, dies ausreichend zu beschreiben. Sie kamen morgens um zehn Uhr und begannen zu trommeln auf mitgebrachten Drums. Es fanden Rollenspiele statt. Frau D. gab den Ton an. Sie rief uns Worte zu während sie trommelte. Irgendwann, nach Stunden, ging ich plötzlich in die Knie, weil ich keine Kraft mehr hatte. Sie packte mich unter den Armen, zog mich hoch und schrie mich an: „Steh aufrecht!!! Untersteh dich noch einmal jemals vor anderen in die Knie zu gehen.“ „Ja.“ Ich mache mich nicht mehr klein, ich gebe nicht mehr klein bei, ich lasse mich nicht mehr wie Dreck behandeln. Nie mehr’, dachte ich entschlossen. Ich hatte die Lektion verstanden und war dankbar, dass diese Frau mir meine dunkelsten Seiten zeigte, die ich überwinden wollte. Sie setzte mir im Verlauf des Tages mehr als zehn 200ml Spritzen. Auch meinem Mann wurden Spritzen gesetzt. Aber sie spritzten sich auch gegenseitig die Mittel. Sie hatten die Spritzen schon zu Hause aufgezogen und brachten sie mit. Nie desinfizierte Frau D. die Haut der Patienten. „Das ist einfach unnötig“, und würde nur aus falsch verstandener Hygiene von den Ärzten gemacht.

Es ereigneten sich extrem merkwürdige Dinge an diesem Nachmittag. Plötzlich fand ich mich regungslos auf dem Sessel wieder. Ihre Helferin Clara verdrehte meine Arme und Beine. Mit verdrehtem Körper lag ich wie eine Gummipuppe im Sessel und konnte mich nicht mehr bewegen und nicht mehr sprechen. Ich atmete schwer. Die Vase mit den Tulpen, die vor mir stand, sah ich doppelt und verschwommen und ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Zum ersten Mal hatte ich ein verschwommenes Gefühl davon, dass es etwas scheußlich Hässliches war, was da geschah. Frau D. sagte zwei Tage später: „Das war eine Offenbarung für euch am letzten Samstag! Gott hat euch den Himmel aufgerissen. Ihr konntet in die Ewigkeit sehen.“ Ich wunderte mich über diese Beschreibung, denn meine Wahrnehmung war eine ganz andere: Nicht Gott war an jenem Tag anwesend gewesen, sondern eher der Teufel. Aber ich sagte nichts. Die „Heilerin“ Frau D. hatte eine Welt der Zeichen aufgebaut, ein Irrgarten an Irrglauben. Ich habe lange gebraucht, um da wieder hinauszufinden. Aber nicht nur ich war unter ihren Bann geraten, sondern auch andere gestandene Frauen und Männer. Nicht nur ich habe mein Erspartes an diese Frau vergeudet.

Immer wieder scheiterte ich in meiner Gesundungsarbeit. Ich schaffte es einfach nicht durchzuhalten, diszipliniert das zu tun, was Sie mir abverlangte. So empfand ich. “Du aber“, schrie mich Frau D. an, „Du machst nicht richtig mit. Du hast kein Vertrauen ins Leben. Du musst endlich mitarbeiten. Ich sage dir das so streng, damit du verstehst, dass es ernst ist.“

Sie gab immer wieder homöopathische Mittel, die wir in ungewöhnlich hohen Dosen zu uns nehmen mussten. Sie hatte uns den Eindruck vermittelt, dass ihre Kenntnisse über die eines Heilpraktikers hinausgehen. Als ich später erfuhr, dass sie keine Heilpraktikerprüfung hatte und ich sie darauf ansprach, meinte sie: „Mein Wissen geht über das Wissen eines Heilpraktikers hinaus. Ich habe auch überlegt, ob ich noch eine Heilpraktikerprüfung machen soll, aber dann werde ich keine Zeit haben zu helfen und zu heilen. Aber genau das ist meine Aufgabe.“

Eines Tages begann ich an Gewicht zu verlieren. Ich wog 55 Kilo und verlor - trotz normalem Essen - acht Kilo innerhalb von zwei Wochen. Ich berichtete ihr und ihrer Helferin sofort davon. Frau D. riet mir vermehrt Eiweiß zu mir zu nehmen. Ich sollte gehaltvoller kochen. Sie selbst bereitete mir gelegentlich Mahlzeiten zu, die sie mir zukommen ließ, wenn ich nicht gerade bei ihr war. Die waren tatsächlich sehr schwer und gehaltvoll.

Sehr viel später erfuhr ich, dass der extreme Gewichtsverlust ein Symptom der Krankheit Amyloidose ist. Diese Krankheit zerstört die Nieren und führt zur Dialysepflichtigkeit, wenn sie nicht gestoppt wird. Ich hätte sofort behandelt werden müssen. Vermehrte Eiweißzufuhr ist in so einer Situation genau das Falsche, wie mir später ein Nierenarzt erklärte. Man sollte also so wenig Eiweiß wie möglich zu sich nehmen. Neben dem Gewichtsverlust begann mein Körper immer mehr Wasser anzusammeln.

Jetzt sammelte sich auch in meinem rechten Bein das Wasser. Ich sagte Frau D.: „Ich hole mir Entwässerungsmittel in der Apotheke.“ „Bloß nicht! Das schadet den Nieren“, sagte sie. Sie empfahl mir stattdessen ein homöopathisches Mittel zur Stärkung des Lymphsystems. „40 Tropfen morgens und abends und trinke dazu täglich drei Liter Wasser.“ „Aber ich kann nicht mehr trinken. Ich habe schon so viel Wasser im Körper.“ „Tu, was ich dir sage. Die Nieren müssen angeregt werden, damit das Wasser aus dem Körper kommt.“ Ich trank keine drei Liter. Ich konnte gar nicht. Das Wasser ging nicht aus meinem Körper trotz des homöopathischen Mittels und trotz der Pumpübungen, die ich mit den Beinen machen sollte. Nach zwei Monaten waren auch meine Hüften, mein Po und mein Bauch voll Wasser. Ich bekam die Hose gar nicht mehr zu und ich konnte nur noch schwerfällig gehen. Es bedeutete eine ungeheure Mühe für mich, mich fortzubewegen. Auch entstellte mich das Wasser so sehr, auch im Gesicht, dass ich den Leuten auf der Straße auffiel und sie mich fragten, ob sie mir helfen könnten. Das nervte mich, aber natürlich war ich auch berührt von der Hilfsbereitschaft der Menschen. „Du arbeitest nicht richtig mit - Tu, was ich dir sage. Wir müssen für die Osmose [der Nieren] etwas tun“, sagte mir Frau D., mit der ich jetzt auch telefonisch ständig in Kontakt war. “Komm Morgen zu mir, dann behandele ich dich noch mal.“ Obwohl ich mittlerweile immer schlechter gehen konnte und durch die Wasseransammlung entstellt war, schleppte ich mich zu ihr. Sie verpasste mir Spritzen in die Beine, schimpfte, dass ich mich nicht genug bewege und gab mir den Auftrag, mich jetzt täglich um 12 Uhr, 15 Uhr und 17 Uhr jeweils in die Badewanne mit kaltem Wasser zu legen und danach, in ein feuchtes Badetuch eingewickelt, ins Bett zu legen. Die Arme sollte ich wie ein Soldat neben den Körper legen und ruhen. Dann sollte ich hinaus gehen und rechtsherum im Karree um den Wohnblock gehen und danach linksherum. Ich schaffte es nicht. Ich schaffte es nur zur nächsten Straßenecke, dann konnte ich nicht mehr. Als ich ihr das gestand, schrie sie mich an: „Du tust einfach nicht, was ich dir sage! Du machst, was du willst. Wie willst du dann gesund werden?!“ „Ich schaffe es nicht weiter.“ „Du boykottierst mich. Das ist, was du tust. Aber im Grunde boykottierst du dich selbst.“ Sie war außer sich.

Es war unmöglich mit ihr ein vernünftiges Gespräch zu führen. Es lief immer darauf hinaus, dass einzig und alleine sie die Wahrheit kannte, denn sie war „geführt von Gott.“ Allmählich fand ich ihr Verhalten überdenkenswert. Aber ich war schon als Kind konditioniert, dass Loyalität und Treue wichtige Tugenden sind. Frau D. verlangte, das zu tun, was sie anordnete. All jene, die zweifelten, wurden als Abtrünnige angesehen, die sich, schwach und uneinsichtig, dem Glück, das vor ihnen lag, verwehrten. Eines Tages rief Frau D. mich an. Sie hatte immer vermittelt, sie könne Dinge sehen, die andere nicht sehen können. Sie könne auch die Zukunft sehen. Sie sagte am Ende des Gesprächs zu mir in einem eigentümlich ruhigen, sanften Ton: “Jetzt lebst du noch ein bisschen und dann...----“ Sie stockte. Ich verstand. Sie wollte mir wohl meinen Tod voraussagen. Aber dieser Pfeil schoss an mir vorbei, denn hier ging sie zu weit. Was mit dem Himmel ausgemacht ist, soll der Mensch nicht wissen.

Als ich Tage später zu Frau D. zur Behandlung kam, behandelte sie mich so verächtlich, als verdiene ich ihre Zuwendung gar nicht. Sie gab mir Spritzen in die Ober- und Unterschenkel und einen Heilplan, der aus Absurditäten bestand. Aber damals ging es mir so schlecht und ich wusste nicht wohin ich sonst gehen konnte, dass ich es noch einmal versuchen wollte. Ich dachte immer noch, sie sei es, die mir helfen könnte, sonst hätte ich niemanden.   

Als ich ihr Haus verließ, rief sie mir hinterher: „Und geh ja nicht zu einem Arzt. Denk an dein Versprechen.“ Auf dem Weg zurück fragten mich immer wieder alle möglichen Passanten: Brauchen Sie Hilfe? Geht es Ihnen nicht gut? Mein Körper war von dem Wasser so schwer, dass ich kaum gehen konnte. Durch die große Wasseransammlung war ich in einem Zustand, den ich nur als vernebelt bezeichnen kann. Zu Hause angekommen, tat ich alles, wie mir aufgetragen war, in der Hoffnung, es endlich zu schaffen, und wieder gesund zu werden. Ich wollte alles dafür tun. Ich schleppte mich während meines Gangs durch das Viertel voran, stützte mich an den Hauswänden ab, an den parkenden Autos; ich brauchte eine Stunde für eine Strecke, die ich normalerweise in fünf Minuten geschafft hätte. Ich war am Ende. Eine Woche später gab es einen Eklat zwischen meinem Mann und Frau D.. Er arbeitete immer noch fast jeden Tag für sie. Als mein Mann vorzeitig nach Hause kam, war er sehr wütend und erzählte, Frau D. hätte ihn beschimpft und das ließe er sich nicht gefallen – er hatte alles stehen und liegen lassen und war gegangen. Sie hätte geschäumt vor Wut. An jenem Abend ging es mir selbst so schlecht, dass ich den Notbereitschaftsdienst der Ärzte anrief. Mitternacht kam der Arzt. Er sagte: “Sie müssen ins Krankenhaus. Das Wasser hat schon Ihre Lunge erreicht.“ Er gab mir als Sofortmaßnahme starke Entwässerungsmittel. Als er ging, sagte er meinem Mann leise, denn ich sollte es nicht hören: “Der Zustand Ihrer Frau ist sehr ernst. Es ist lebensbedrohlich.“ Mein Mann brachte mich ins Krankenhaus. Ich bekam weiter starke Entwässerungsmittel. Die Ärzte stellten fest, dass ich hohe Mengen an Eiweiß verlor. Es wurden viele Untersuchungen durchgeführt bis man endlich herausfand, was ich hatte. Da man den Eiweißverlust nicht unter Kontrolle bekam, verlegte man mich in die Universitätsklinik. Auch hier musste ich weiterhin Entwässerungsmittel nehmen. Immer noch war ich aufgeschwemmt von all dem Wasser. Der leitende Arzt sprach von über 30 Liter Wasser, die ich im Körper gehabt hatte und es sei immer noch zu viel Wasser im Körper. Da mein Körper kein Eiweiß bei sich behielt, wurde ich immer schwächer. Die Ärzte hatten zunehmend Schwierigkeiten meinen Kreislauf zu stabilisieren. Ich sprach auf keine Medikamente an, die den Eiweißverlust hätten stoppen können. Dann musste ich, da meine Nieren nur noch zu 8% arbeiteten, relativ schnell an die Dialyse. Es war ein Alptraum. Mein Kreislauf war so schwach, dass jede Dialyse zu einer Achterbahnfahrt wurde. Zweimal verlor ich das Bewusstsein, es fühlte sich an, als wenn ich taumelnd ins Nichts falle. Mir wurde schwarz vor Augen und in meiner Todesangst griff ich nach der Hand der Schwester, die an meinem Bett stand. Sie befreite sich von meinem Griff und schüttelte meine Hand ab. In diesem Moment wusste ich, dass ich alleine war. Ich kam wieder zu mir, überstand diesen Augenblick und ich verstand: Niemandem kann es so wichtig sein, dass ich lebe, als mir selbst. Keiner kann mich retten, außer ich mich selbst. Und nur ich kann mich entscheiden für oder gegen das Leben, wenn meine Zeit noch nicht vorüber ist. Niemand sonst. Den anderen, die mich nicht kennen, ist es letztendlich ‚wurscht’, ob ich lebe oder sterbe. Das ist die banale Realität. Alles, was mich rettete war meiner Realität ins Auge zu sehen. Es dauerte, aber ich kam wieder auf die Beine. Dabei war mir eine Krankengymnastin der Uniklinik eine sehr wichtige Hilfe und ich glaube, dass sie nicht mal wusste, was für wichtige Impulse sie mir gab. Einmal kam sie ins Krankenzimmer, um mit mir eine Runde zu gehen. Ich konnte nur mit einem Rollator gehen und da ich auch, als ich noch bei Frau D. war, die ganze letzte Zeit nur mit Stütze, niemals freihändig hatte gehen können, fragte ich die Krankengymnastin: „Glauben Sie, dass ich jemals wieder ohne Hilfe gehen kann?“ Sie sagte: „Ja, Sie trauen sich das nur nicht zu.“ Da wusste ich, dass es genau das ist, was mich hinderte frei zu gehen: Die Angst, es nicht zu können. Und mir wurde klar, dass Frau D. mich nur durch kalte Angst, die sie erzeugte, so in Schach halten konnte, dass Selbstverständlichkeiten mir unerreichbar schienen, weil ich es mir nicht zutraute. Dadurch wurde ich abhängig von ihr und sie hatte die Macht zu bestimmen, wo es in meinem Leben hingehen sollte. Das war die Sackgasse.

Nach meinem Krankenhausaufenthalt brauchte ich drei Jahre, um mit Mühe und Geduld wieder auf die Beine zu kommen. Ich habe alles überstanden und mich zurück ins Leben gekämpft. Dreimal die Woche gehe ich zur Dialyse. Ich habe aus dem Erlebten meine Lehre gezogen; immerhin das. Die Alternative wäre gewesen aufzugeben. Die Oberärztin der Uniklinik, die mir während einer großen Visite eiskalt ins Gesicht sagte, ich würde keine fünf Jahre mehr leben, habe ich nie vergessen können. Wenn ich 2015 überlebe, habe ich diese Aussage der Oberärztin ad absurdum geführt und genau das habe ich vor. Ich werde ihr noch schreiben. Man kann mit so einem Satz, so kaltschnäuzig dahin gesagt, einen Menschen auch vernichten.

Man mag mir vorwerfen, dass ich mich selbst unverantwortlich verhalten habe. Mit Recht. Natürlich ist jeder Erwachsene verantwortlich für sich selbst. Aber wenn man in einer Notsituation ist, greift man nach jedem Strohhalm. Ich habe meiner inneren Stimme nicht vertraut, die so manches Mal das Verhalten dieser Frau in Zweifel zog. Heute könnte mir so etwas nicht mehr passieren. Ganz sicher nicht. Ich begebe mich nicht mehr in eine solche Abhängigkeit. Extreme Narzissten und das ist Frau D. zweifelsfrei, können andere Menschen grandios manipulieren. Auf die eine oder andere Weise spielen sie aus selbstsüchtigen Gründen mit dem Leben ihrer Mitmenschen und deshalb müssen solche Menschen enttarnt und gestoppt werden. Ich bin durch meine Angst in die Fänge dieser Frau geraten, aber ich konnte mich wieder selbst befreien. Darüber schreibe ich gerade ein Buch („Vorsicht Heiler - Mein Weg zurück ins Leben“), um andere zu warnen und zu ermutigen, und ich schreibe es natürlich auch für mich selbst.

 

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