Aktueller Pfad: Home arrow Artikel, thematisch arrow Betroffenenberichte arrow Mein Weg zum Unglücklichsein - Erfahrungsbericht zur Scientology-Organisation
Mein Weg zum Unglücklichsein - Erfahrungsbericht zur Scientology-Organisation PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von anonym   
Donnerstag, 20. März 2014

Der letzte Trauerkranz trieb immer weiter vom Schiff weg und das letzte Mal ertönte das Horn vom Schiff. Die Urne ist auch nicht mehr zu sehen. Jetzt ist es vorbei. Mein Vater ist für immer weg. Jetzt wird alles anders, nichts ist mehr so, wie es einmal war.

Ich hatte ein schönes Leben. Ich hatte meine erste eigene kleine Wohnung. Ich hatte mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg absolviert und war im zweiten Semester meines evangelischen Theologiestudiums. Für mich war mein Leben rund um schön. Plötzlich veränderte sich mein Leben von einem Tag auf den anderen. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich die Nachricht bekam, dass mein Vater bei einem Autounfall ums Leben kam. Von da an war nichts mehr so, wie es war. Ich habe in dieser Zeit jegliche Hilfe oder Gespräche, die sich um den Tod meines Vaters drehten, gemieden. Ich habe der evangelischen Kirche und zuletzt meinem Studium den Rücken gekehrt und wollte von alledem nichts mehr wissen und hören. Ich war einfach enttäuscht und fühlte mich von allen verlassen.

Die nächsten fünf Jahre verbrachte ich damit, dass ich mich in meine Ausbildung und danach in meinen Job gestürzt habe. Damit aber mein Leben irgendeinen Sinn hat, habe ich mich neben meinem Job um ältere Menschen gekümmert. Damit war mein Leben so ausgefüllt, dass ich gar keine Zeit hatte, mich mit dem Tod meines Vaters auseinander zu setzen. Die einzige Zeit, in der es mir bewusst wurde, dass mein Vater mir fehlte, war an Tagen wie sein Todestag, sein Geburtstag, Weihnachten oder in der dunklen Jahreszeit.

Vor drei Jahren lernte ich dann bei meinem neuen Job eine Kollegin kennen. Wir haben uns sehr schnell angefreundet, haben sehr viel nach der Arbeit telefoniert und uns auch private Dinge anvertraut. Mit dieser Freundin habe ich das erste Mal so richtig über den Schicksalsschlag mit meinem Vater gesprochen. Gerade dann, wenn wieder diese Zeiten kamen, in denen es mich bewusster beschäftigte, habe ich sehr oft und sehr intensiv mit ihr darüber gesprochen. In diesen Telefonaten gab meine Freundin mir zu verstehen, dass sie vielleicht etwas für mich hätte, womit es mir bald besser gehen würde. Was sie damit zu diesem Zeitpunkt gemeint hatte, war mir damals nicht klar. Aber ich fühlte mich bei ihr gut aufgehoben und hatte auch volles Vertrauen zu ihr. Trotzdem hatte ich immer noch Tage, an denen mich mein Schicksal und die Gedanken immer wieder bewegten und ich mich nicht gut fühlte. Es waren Gefühle von Traurigkeit, aber auch Wut, dass Gott so etwas zugelassen hat, und auch Wut, dass mein Vater mich verlassen hat, und natürlich auch ein Gefühl von Einsamkeit. Wenn ich wieder so einen Tag hatte, dann habe ich mich in mein Auto gesetzt und bin sinnlos umher gefahren. An einem Sonntag im September vor drei Jahren, also September 2010 fuhr ich mit meinem Auto durch die Straßen, bis dieser Anruf von meiner Freundin kam, der mein Leben verändern sollte. Meine Freundin hielt mit mir ein wenig Small Talk am Telefon und erkundigte sich nach meiner Befindlichkeit. Als sie hörte, dass es mir nicht so gut ging, passierte es. Sie lud mich in die „Scientology – Kirche“ nach Düsseldorf ein.

Ich fragte nur „Was machst du da?“ Statt auf meine Frage zu antworten, bekam ich von ihr eine Gegenfrage: „Vertraust du mir?“ Natürlich habe ich ihr vertraut. Sie sagte, dass sie mir doch gesagt habe, dass sie für mich etwas habe, womit es mir bald besser gehen würde. Sie gab mir die Adresse und ich machte mich auf den Weg dorthin. Während der Autofahrt gingen mir schon einige Gedanken durch den Kopf. „Was zum Teufel macht sie da und wie will sie mir helfen?“

Klar hatte ich schon ein paar Dinge über Scientology gehört, aber ich habe mich damit nie wirklich beschäftigt, weil Sekten eigentlich in meinem Umfeld nie eine Rolle gespielt haben. Da ich ein sehr aufgeschlossener Mensch bin, und ich meiner Freundin vertraut habe, bin ich dort hin gefahren und habe gedacht, dass ich mir mal anschaue, was sie da so macht. Denn sie will mir ja schließlich helfen. Ich hatte auch kurzzeitig den Gedanken, vielleicht stimmt alles gar nicht, was man so hört, dass es eine Sekte ist, denn sie nennen sich ja „Kirche“ und Kirche war für mich etwas Gutes, etwas, was ich kannte. Außerdem dachte ich noch, dass es besser sei, dass ich mir selbst ein Bild von dieser Kirche mache, denn immerhin ist meine Freundin dabei und sie macht bestimmt nichts, was nicht gut tut.

Ich kam in Düsseldorf in dieser „Scientology-Kirche“ an und wurde von meiner Freundin sehr herzlich empfangen. Sie stellte mir ein paar Mitarbeiter vor. Auch diese waren sehr nett. Ich hatte aber auch ein mulmiges Gefühl. Ich dachte, der Kirche, die ich einst gerne besucht und in der ich auch gern ehrenamtlich gearbeitet habe, habe ich den Rücken gekehrt und nun stehe ich hier in einer andern „Kirche“. Na ja, vielleicht ist so ein Neuanfang gut. Sie zeigte mir das ganze Haus. Die Bibliothek, in der die vielen Bücher standen, die man „studieren“ kann. Diese Bücher haben mir gut gefallen, weil sie sehr ansprechend und modern aussahen. Mir wurde erklärt, dass ich hier Dinge studieren kann, die es nur hier gibt, die meinem Leben wieder einen Sinn geben und die mich wieder glücklich machen werden. Natürlich war ich daran interessiert, denn wer will nicht ein schönes Leben haben. Als sie mir das Haus zeigte, fiel mir allerdings sofort etwas auf, was mich zum Nachdenken brachte.

Es gibt dort einen Raum, der zum Studieren genutzt wird. Dort saß ein Mann, der sich mit einem Stofftier unterhalten hat. Das war für mich eine sehr komische Situation. Meine Bedenken wurden sofort zerstreut, indem man mir erklärte, dass ich diese Übung noch nicht verstehe und sie daher für mich komisch aussieht. Dieser Erklärung schenkte ich dann auch Glauben. Denn ich wusste ja noch nicht mal, dass man bei Scientology überhaupt etwas studieren kann. Zuletzt wurde ich in einen Raum im unteren Teil der „Kirche“ geführt. Dort wurde mir eine DVD „Dianetik“ gezeigt. Der Film war sehr schön, überzeugend gemacht und mit Beispielen so aufbereitet, dass der Zuschauer den Wunsch bekommt, er möchte auch so ein glückliches Leben haben. Meine Freundin fragte mich, ob ich diesen Kurs nicht machen möchte. Da ich aber immer noch ein komisches Bauchgefühl hatte, als ob ich meine Kirche betrügen würde, konnte ich nicht sofort ja sagen.

Da war meine Freundin enttäuscht, sie hatte mich hierher geholt, weil sie mir helfen wollte, also habe ich mich kurzerhand doch für diesen Kurs angemeldet. Ich habe keine Gefahr sehen können. Alle waren sehr nett. Ich bekam sogar einen „Touch-Assist“ von einer Dame, die schon seit mehr als 15 Jahren dabei war. Dieser Assist ist eine Übung, in der diese Dame in gleichmäßiger Form meinen Körper von oben nach unten mit einem Finger berührt, was ich bei jeder Berührung bestätige. Diese Übung soll den Zweck erfüllen, dass mein komisches Bauchgefühl sich auflöst. Meine Befindlichkeit war zwar nicht weg, aber mir war sehr warm geworden. Dadurch, dass ich mich auf die Berührungen konzentriert habe, konnte ich mich nicht mehr so auf mein Bauchgefühl konzentrieren.

Ich habe bei der Kursanmeldung gleichzeitig meine Mitgliedschaft unterschrieben, also gehörte ich jetzt dazu und dachte, mein Leben würde sich wieder positiv wenden. Dies wurde mir auch immer wieder von Mitarbeitern der Scientology-Kirche bestätigt. Ich würde mich besser fühlen als je zuvor. Ich könne hier Gutes tun und ich würde auf alle Fragen, die ich in meinem Leben habe, eine Antwort bekommen und alles klären können. Ich habe als erstes den Einführungskurs „Dianetik“ gemacht. Das war alles sehr fremd für mich. Denn die Scientologen haben eine eigene Sprache. Es gibt sogar eine eigene Wortschatzsammlung als Buch. Ich habe nicht wirklich viel verstanden, weil alles so neu war. Aber mir wurde immer versichert, dass das mit der Zeit kommt. Ich habe das damals geglaubt.

Nach diesem Kurs kam dann noch ein „Dianetik-Kurs“, da lernte ich dann auch das „Auditing“ kennen, das aus meiner Sicht das Schlimmste ist, was es gibt, aber das erkläre ich später. Einen Kommunikationskurs habe ich auch gemacht. Da die Scientologen kein Weihnachten feiern, saß ich an den Weihnachtstagen dort und habe diesen Kurs gemacht. Jetzt im Nachhinein betrachtet waren es die schlimmsten Weihnachten, die ich je hatte. Im Dezember 2010 wurde ich sogar schon Mitarbeiterin. Neben meinem Vollzeitjob von 40 Stunden habe ich dort weitere 25 Stunden pro Woche verbracht. Ich war so ausgelastet, dass ich für private Dinge wie Freunde oder Familie keine Zeit mehr hatte. Auch schöne Dinge, wie mal ins Kino gehen, oder einfach mal nichts tun, waren nicht mehr möglich. Am Anfang war mir das egal, weil ich ja mein Leben verändern wollte. Aber ich wollte dennoch frei leben. Ich wollte mein eigenes Leben haben und das hatte ich nicht mehr. Im Gegenteil, seitdem ich dort Mitarbeiterin geworden war, war es alles gar nicht mehr so schön wie am Anfang und sie waren auch nicht mehr so nett zu mir. Ich stand so unter Kontrolle. Ich musste z.B. dafür sorgen, dass jeder dort seine Arbeit verrichtet, ist das nicht passiert, musste ich einen sogenannten „Wissensbericht“ schreiben, quasi den Mitarbeiter verpetzen.

Wenn ich dann mal zu viel hinterfragt habe, musste ich einen „Security-check“ machen. Das ist ein Fragenkatalog, den ich beantworten musste, während ich gleichzeitig an einen Lügendetektor angeschlossen wurde. Das kam sehr oft vor. Ich habe oft Widerstände geleistet, weil ich nicht bereit war, meine Familie oder Freunde dort hin zu bringen. Ich habe niemanden dort hingebracht, weil ich ja selber skeptisch war und das war auch gut so, sonst wäre ich möglicherweise später nicht so gut davon weg gekommen.

Keiner wusste, dass ich dort war. Ich glaube ich habe mich auch ein wenig geschämt, weil man die Reaktionen der Leute kennt und ich wollte mir auch die Rechtfertigungen ersparen. Ich habe es einfach über mich ergehen lassen. Dieser „Check“ hat gefühlte 300 Fragen. Fragen, bei denen ich mein ganzes Leben preisgeben musste. Beispiel: Hast du einen Overt (in unserer Sprache sagt man Fehler/ Sünde) begangen? Antwort: Ja! Dann wurde man gefragt: Was ist passiert? Du musst deinen Fehler erzählen. Darauf kommt eine neue Frage: Wie hast du das gerechtfertigt? Du gibst dort wirklich dein ganzes Leben mit allen Fehlern preis, obwohl du das nicht willst. Als ich das das erste Mal machen musste, kam ich mir wie in einem Kreuzverhör vor. Ich musste meine Fehler jemandem erzählen, den ich nicht wirklich kenne, und sie wurden auch noch dokumentiert.

Als ich das gemacht habe, habe ich mich wieder an meine alte Kirche erinnert, denn da brauchte ich nie jemandem von meinen Fehlern erzählen, wenn ich es nicht wollte, schon gar nicht einer fremden Person. Und es war auch kein Kreuzverhör, nach dem man anschließend denkt, dass man ein Schwerverbrecher ist, denn das belastet die Psyche ganz schön. Ich merkte immer mehr, dass es nicht das war, was ich mir vorgestellt hatte, was ich unter einem besseren Leben verstehe. Für mich ist ein Leben ein lebenswertes Leben, wenn ich bestimme, was mir gut tut, und nicht, wenn andere das für mich entscheiden. Nun war ich aber in dieser Lage und musste wohl das Beste daraus machen. Denn ich konnte nicht einfach gehen, weil ich Mitarbeiterin für die nächsten fünf Jahre und meine Freundin auch noch da war. Also nahm ich es so hin und hoffte, dass es besser würde.

Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass ich alles, was ich dort an Arbeit verrichten sollte, mit meiner alten Kirche verglichen und festgestellt habe, dass es sich hier nicht um eine Kirche handelt, wie sie sich ein normaler Mensch vorstellt. Der Hauptunterschied, den ich festgestellt habe, ist der, dass jeder einzelne, der dort arbeitet, sich selbst der Nächste ist. Dass man sich außerdem gegenseitig „Wissensberichte“ in die Schuhe schiebt, damit derjenige mit einem Ethikprogramm bestraft wird. Ich habe diese Programme als Strafe empfunden, da man in diesen Programmen zusätzliche „Arbeiten“ als Wiedergutmachung auferlegt bekommt.

Zusätzlich kann man einen Zustand „Zweifel“ oder „Nichtexistenz“ zugewiesen bekommen. Das fand ich einem Menschen gegenüber als sehr abwertend. Denn wer bezeichnet sich als normaler Mensch gerne so, als ob er nichts wert wäre. In meiner evangelischen Kirche wurde noch nie jemand so behandelt und in solche abwertenden Schubladen gesteckt, das ist für mich auch menschenunwürdig.

Noch ein Unterschied, den ich festgestellt habe, ist, dass ich ständig für alles dort Geld bezahlen musste, für die ganzen Materialien, die Kurse und das war nicht wenig. Menschen, die dort hinkommen und sich noch nicht mal ihren Rollstuhl leisten können, der lebensnotwendig ist, werden bearbeitet, dass sie 1000 Euro spenden sollen, damit diese Kirche ein größeres Gebäude bekommen kann. Und da reden die von Ethik?

Meine Empfindung ist, dass Scientology eine Organisation ist, in der es nur um Geld und Macht geht und nicht um den Menschen selbst. Sie versuchen aus einem Menschen, der emotionale Schwachpunkte hat, einen Menschen zu machen, der emotional kalt ist und einfach nur noch für Scientology arbeitet. Aus meiner Sicht geht es hier nicht um das Wohl des Menschen, sondern um das Wohl der Organisation, dass sie möglichst schnell wächst und viel Geld einnimmt. Die Spendenevents haben mich ganz stark an diese Kaffeefahrten erinnert, bei denen auch das Blaue vom Himmel versprochen wird, gegen einen kleinen Unkostenbeitrag. Ich habe mich zum Glück davor bewahrt, jemandem das Geld aus der Tasche zu ziehen, der um sein Überleben kämpfen muss. Das konnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.

Aber das Schlimmste, was ich dort erlebt habe, ist das „Auditing“. Beim Auditing sitzt du jemandem gegenüber, dem du dein „Schicksal“ erzählst. Das machst du solange, bis du irgendwann eine „Erkenntnis“ hast und fröhlich aus dieser Sitzung heraus gehst. Derjenige, der dir gegenüber sitzt, hat bestimmte Anweisungsfragen und Aussagen, die er dir nur in dieser Sitzung sagen darf. Es findet kein Gespräch statt, sondern wieder eine Art des Ausfragens. Ich habe so eine Sitzung mehrfach durchgemacht und eine ging bis zu 12 Stunden. Es wurden zwar kleine Pausen gemacht, damit ich etwas essen konnte, aber man muss solange von einem Erlebnis erzählen bis man eine „Erkenntnis“ hat. In meinem Fall ging es darum, dass der Unfalltod von meinem Vater nicht so schlimm sei.

Ständig diese Fragen - Was riechst du? Oder was schmeckst du? - haben bei mir starke Emotionen ausgelöst. Wie soll es in einer Leichenhalle schon riechen, bestimmt nicht wie in einer Parfümerie. Ich habe während dieser Sitzung so Bauchschmerzen und Weinkrämpfe bekommen, dass ich aus der Sitzung raus gelaufen bin und das Auditing nicht mehr machen wollte. Mein Ziel war, dass ich Trauerarbeit mache, die mir hilft, den plötzlichen Tod meines Vaters zu verkraften, so dass ich im Laufe der Zeit gut mit dieser Situation umgehen und auch drüber reden kann, aber immer noch mit Gefühl. Das hat nicht funktioniert. Ich habe seit dem nie wieder so ein Auditing gemacht und empfehle es keinem. Denn das Resultat war, dass ich sehr starke Alpträume bekommen habe. Meine Zweifel an der Organisation, so nenne ich sie jetzt, da sie für mich keine Kirche ist, wurden immer stärker. Aber ich habe mich zunächst nicht getraut, sie zu verlassen, da ich meine Freundin dort hatte. Außerdem haben sie mir Angst gemacht, dass man ohne die Organisation nicht weit kommt im Leben.

Aber eines Tages, genau genommen am 24. Juli 2011, habe ich dann doch den Mut gehabt, diese Organisation zu verlassen. Während meiner ganzen Zeit dort, hat sich meine Freundin sehr verändert. Sie wurde immer gefühlskälter, was für mich sehr schwierig war, da ich solche Menschen nicht mag und ich wusste, wie sie vorher war. Ich saß morgens an der Rezeption und bekam von meiner Freundin eine SMS, in der sie schrieb, dass sie mit mir nicht mehr befreundet sein kann, weil ich ethisch und moralisch nicht mehr in ihr Weltbild passe.

Plötzlich hat es in meinem Kopf klick gemacht und das war der Zeitpunkt, an dem ich dachte, jetzt reicht es, jetzt geh ich. Ich wartete noch eine Stunde bis zur Pause und ging dann ganz normal spazieren und habe auch nichts von der SMS erwähnt. Ich stieg in mein Auto und fuhr weg. Ich wollte einfach nur weg. Ich war natürlich tief enttäuscht von meiner Freundin, schließlich hat sie mich dahin gebracht und wollte angeblich nur mein Bestes und jetzt bin ich ethisch und moralisch nicht vertretbar. Das hat mich so sehr verletzt, dass ich wusste, jetzt kann ich gehen. Ich hatte einen kurzen Moment das Gefühl von Freiheit und Erleichterung, weil ich innerlich wusste, da gehe ich nie wieder hin. Rein kommt man schnell, aber wenn man raus möchte, dann hat man im Grunde mehr Ärger als vorher.

Aber diese Illusion von Freiheit änderte sich nach nur einer Stunde. Ich wurde mit Anrufen, SMS und Mails zugeschüttet. Jeder wollte mit mir reden, jeder wollte, dass ich zurück komme und dass wir reden. Ich hätte etwas missverstanden. Eine Standard-Ausrede in Scientology, aber ich habe die Worte klar verstanden und mein Bauchgefühl hat gut reagiert. Über Wochen und Monate hatte ich Stress mit den Meldungen von denen. Ich wollte doch einfach nur meine Ruhe haben und eigentlich wollte ich ein schöneres Leben haben, aber das war ordentlich in die Hose gegangen. Stattdessen hatte ich jetzt Probleme, die ich vorher nicht hatte und ich hatte niemanden, dem ich mich anvertrauen konnte. Ich hatte keine Freunde mehr, denn ich hatte diese Kontakte abgebrochen, weil ich nicht wollte, dass die Scientologen mit ihnen Kontakt aufnehmen, um sie zu missionieren.

Auch am Arbeitsplatz hatte ich die besondere Herausforderung mit meiner Freundin, weil sie den Auftrag hatte, mich zurück zu holen. Aber ich war gedanklich weit entfernt davon, noch mal zu Scientology zu gehen. Heute müsste ich mich eigentlich bei ihr bedanken, dass sie mir diese SMS geschrieben hat, denn das war meine Chance, dort zu gehen, und die habe ich genutzt.

Heute ist es bereits zwei Jahre her, dass ich von Scientology geflüchtet bin und ich bereue keine Sekunde. Im Gegenteil heute kann ich sogar sagen, dass es mit Abstand die schlimmste Zeit meines Lebens war. Denn das, was ich dort gesehen und erlebt habe, wünsche ich keinem.

Nachdem ich im Juli 2011 ein Stück weit meine Freiheit wieder hatte, wusste ich nicht, dass das was jetzt folgen sollte, auch noch mal eine starke Herausforderung für mich wird. Nach dem ich Scientology den Rücken gekehrt habe, fing der Stress erst richtig an. E-Mails, Anrufe, SMS bis hin zu Hausbesuchen und natürlich Gespräche mit meiner Freundin auf der Arbeit, weil sie nun die Aufgabe hatte, mich zurück zu bringen. Ich fand innerlich überhaupt keine Ruhe, weil ständig irgendetwas mit Scientology um mich herum war. Ich konnte gar nicht wirklich Abstand gewinnen, weil ständig Mails, Anrufe oder SMS folgten. Es war nicht nur ab und zu, sondern ständig rief jemand an und wollte mit mir reden. Ich habe versucht, das alles zu ignorieren, was mir sehr schwer fiel, weil ich mit jeder Meldung an die schlechten Erlebnisse erinnert wurde. Meine Nächte wurden teilweise zum Tag und wenn ich zum Schlafen kam, dann hatte ich Alpträume. Zudem hatte ich bereits einen erheblichen Mangel an Schlaf, als ich dort weg gegangen bin. Denn monatelang zu meinem Vollzeitjob noch 25 Stunden extra arbeiten, raubt einem den Schlaf und auch Kraft. Ich stand nun da und wusste nicht so recht, wie es weiter gehen soll, denn eins war klar: „Zurück gehe ich nie wieder“. Aber ich hatte auch noch keine Vorstellung wie es weiter gehen sollte. Niemand wusste, was passiert war, und ich hatte auch Angst, etwas zu sagen, denn ich habe mich auch geschämt.

Als meine Kollegin im Dezember dann in die Sea-Org (Eliteorganisation der Scientologen) nach Dänemark gegangen ist, habe ich mich einem Kollegen anvertraut und ihm erzählt, was vorgefallen ist. Er hat mir dann die Adresse von der Beratungsstelle „Sekten-Info Nordrhein-Westfalen“ in Essen gegeben, bei der ich mich melden sollte. Ich habe mich aber dort nicht gemeldet, weil ich nicht so recht was damit anfangen konnte und im Grunde wollte ich nur meine Ruhe haben. Und von „Hilfe“ hatte ich erst mal genug. Das einzige, was ich wollte, war, dass meine Freundin aus Dänemark wieder kommt. Ich hatte mich im Internet über die Sea-Org erkundigt, und was da passiert, ist unvorstellbar. Also ging ich doch zur Sekten-Info mit dem Ziel, dass die mir vielleicht helfen könnten, meine Freundin da raus zu holen.

Als ich bei der Sekten-Info ankam, war mir schon sehr mulmig, weil es mich zuerst an den ersten Besuch bei Scientology erinnerte, weil die Mitarbeiter dort auch so nett waren. Aber während des Gespräches merkte ich, dass es hier eine ernst gemeinte Freundlichkeit ist und nicht eine vorgespielte. Frau Riede hat erst mal nur zugehört und sich von der ganzen Situation ein Bild gemacht. Ich bin dann regelmäßig zur Beratungsstunde gegangen, weil ich immer noch das Ziel hatte, meiner Freundin zu helfen. Frau Riede hat mir dann in den Gesprächen klar gemacht, dass wir erst mal für meine Freundin nichts tun können. Sie aber gerne mit mir weitere Gespräche führen möchte. Ich habe mich dort auch gut aufgehoben gefühlt. Ich hatte endlich jemanden, mit dem ich über alles reden konnte, der mich versteht und weiß, worüber ich rede. Zuerst habe ich gar nicht daran gedacht, dass sie mir helfen könnte, denn ich hatte für mich gar nicht erkannt, dass ich Hilfe gebraucht habe. Aber die Gespräche haben mir richtig gut getan. In den Beratungsstunden konnte ich ihr erzählen, warum ich überhaupt an Scientology geraten bin und was ich da alles erlebt habe. Ich habe gute Tipps bekommen, damit ich mein Leben wieder auf die Reihe bekomme. Vor allem habe ich dort auch gelernt, mit dem Tod von meinem Vater umzugehen und auch zu verstehen, warum ich bei Scientology gelandet bin. Denn es war schon ein Problem für mich, dass mir das passiert ist. Langsam habe ich gelernt, wieder Kontakt mit meinen Freunden aufzunehmen und habe auch nach und nach angefangen, darüber zu reden. Natürlich waren die Reaktionen unterschiedlich, aber keine war so, dass jemand mich abgelehnt hat. Es brauchte natürlich viele Erklärungen, aber das ist auch gut so, damit die Außenstehenden auch verstehen, dass so etwas schnell geht, dass so etwas jedem passieren kann. Durch die vielen Gespräche hab ich es geschafft, dass mein Leben wieder in die richtige Bahn kommt. Vor allem habe ich jede Menge Schlaf nachgeholt. Mein Körper war völlig erschöpft von der Zeit bei Scientology.

Ich konnte nach und nach alles gut verarbeiten, weil ich Antworten auf meine Fragen bekommen habe und weil ich einfach mal reden konnte, ohne denken zu müssen, dass ich jetzt wieder in den nächsten Schlamassel rein gerate. Während ich regelmäßig zu den Beratungsstunden gegangen bin, hatte ich sogar mehrmals Besuche von den Scientologen aus Dänemark. Sie hatten die Absicht, mich wieder zurück zu holen. Aber mit der Hilfe von Frau Riede habe ich es geschafft, sie immer an der Tür abzufertigen. Solange man den Scientologen das Gefühl gibt, dass es einem gut geht und dass man sich nichts daraus macht, wenn sie kommen, dann geben sie auch auf.

Von Woche zu Woche wurde mein Leben wieder zu einem schönen Leben. Ich lernte, mir wieder Zeit für mich zu nehmen und das Leben einfach mal zu genießen. Ein größeres Problem für mich war, dass ich es mir nicht verzeihen konnte, dass mir das passiert ist, dass ich in eine Sekte abgerutscht bin, weil ich ja eigentlich einen „Glauben“ hatte. Auch zu meinem Glauben habe ich zum Glück durch die vielen Gespräche zurück gefunden. Mittlerweile bin ich in der Kirche wieder aktiv und tue das, woran mein Herz hängt.

Insgesamt war ich etwas über ein Jahr in der Beratung bei der Sekten-Info in Essen. Ohne diese Hilfe und Unterstützung stände ich jetzt nicht da im Leben, wo ich jetzt bin. Diese Zeit habe ich auch gebraucht, um wieder am „normalen“ Leben teilzunehmen. Natürlich ist es nicht immer einfach gewesen, aber ich konnte alles so gut verarbeiten, dass ich es akzeptieren kann, dass diese Erfahrungen nun Teil meines Lebens sind. Auf diesem Wege möchte ich mich bei allen Mitarbeitern der Beratungsstelle bedanken, die dafür gesorgt haben, dass ich mein Leben wieder habe.

Ganz Besonders möchte ich mich bei Frau Riede bedanken, für die vielen guten Gespräche und die Unterstützung, die ich während der Beratung erfahren durfte. Für mich und mein Leben war diese Beratung wichtig, um die Erfahrungen mit Scientology zu verarbeiten. Zu Beginn der Beratung habe ich nicht gedacht, dass die Zeit bei Scientology Spuren in meiner Seele hinterlassen hat. Gerade das Auditing war für mich eine Grenzerfahrung, die nicht spurlos an mir vorbeigegangen ist. Ich hoffe, dass ich vielen Mut machen kann, die vielleicht schon ausgestiegen sind, aber noch keine Hilfe bekommen haben, oder Menschen, die Angst haben, Scientology zu verlassen. Es gibt immer einen Weg raus. Und es gibt auch die nötige Hilfe dazu. Es kann so befreiend sein, einfach wieder leben zu können. Zurückblickend kann ich sagen, dass ich auch froh bin, dass ich diese Erfahrung gemacht habe, denn ich weiß jetzt, was ich nicht will. Ich will nicht, dass jemand über mein Leben bestimmt. Ich will nicht lernen, keine Emotionen zu haben und ich will nicht, dass Andere völlige Macht und Kontrolle über mich haben. Denn dass ist es, was Scientology aus einem macht.

Mittlerweile habe ich die Beratung abgeschlossen und ich habe mich noch nie so gut gefühlt wie jetzt. Ich habe wieder rundum ein schönes Leben und bestimme selber, wie ich mein Leben gestalten möchte. Ich habe meine Freunde wieder, habe wieder Hobbys, engagiere mich in der Kirche und das allerschönste ist, ich kann mich ganz entspannt ins Cafe setzen, meinen Kaffee schlürfen, die Zeit genießen und sagen:

„Mir schmeckt mein Leben“.



 
-.png   +.png