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"Sektenkinder" in der Schule PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Sabine Riede   

Laut Endbericht der Enquete - Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ des Deutschen Bundestages, der am 19.06.1998 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, wachsen in der Bundesrepublik Deutschland etwa 100.000 bis 200.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren bei Eltern auf, die einer neuen religiösen Gemeinschaft oder Psychogruppe angehören. Ein kleiner Teil dieser Kinder und Jugendlichen besucht eine Privatschule, der größere Teil nimmt am Unterricht einer staatlichen Schule teil.

Anfragen von Lehrern, bei denen es im Unterricht zu Problemen mit solchen Kindern gekommen ist und die sich hilfesuchend an unsere Beratungsstelle wenden, beziehen sich bisher schwerpunktmäßig auf Kinder und Jugendliche von den Zeugen Jehovas und fundamentalistischen christlichen Gruppen. Gelegentlich gibt es auch Anfragen zu Schülern, deren Eltern Scientologen sind.

Die Probleme, über die Lehrer klagen, sind, dass das entsprechende Schulkind verschiedene schulische Belange nicht mitvollziehen darf, z.B. Teilnahme an einer Klassenfahrt oder Teilnahme an bestimmten Unterrichtsinhalten. Zuweilen wird aber auch über Missionierungsversuche bei Mitschülern berichtet.
Empfehlenswert an dieser Stelle ist es, sich als Lehrer mit der Weltanschauung und den Praktiken der jeweiligen Gruppierung, der der „Problem-Schüler“ angehört, vertraut zu machen. Das wird helfen, manche Verhaltensweisen besser zu verstehen. Am Beispiel der Zeugen Jehovas soll dies aufgezeigt werden.
 

Was sind die grundlegenden Merkmale der Erziehung bei den Zeugen Jehovas?

Erziehung findet bei den Zeugen Jehovas primär in den einzelnen Familien statt. Allerdings kontrollieren auch die Ältesten der Versammlung (Leiter einer Gemeinde), inwieweit ein Kind oder Jugendlicher in seiner Entwicklung den Ansprüchen der Wachtturmgesellschaft entspricht. Alle Erziehungskonzepte, die in den Zeitschriften „Wachtturm“ und „Erwachet“ als für die Zeugen Jehovas verbindlich dargestellt werden, streben das eine wesentliche Ziel an, ein Kind so aufzuziehen, dass es ein treuer Diener Jehovas wird. Die wichtigsten Glaubensinhalte müssen auch schon den Kindern und Jugendlichen vereinfacht beigebracht werden, verbunden mit dem Versprechen, dadurch ewiges Leben zu erlangen.

  1. Harmagedon (Weltuntergang) steht unmittelbar bevor.
     
  2. Gott ist allwissend und sieht alles.
     
  3. Die leitende Körperschaft ist der Kanal Gottes, verkündet die Wahrheit und hat dadurch bedingt immer recht.

Die Kinder werden in der Regel zu den Versammlungen und manchmal sogar zur Haustürmission mitgenommen. Außerdem müssen sie ab dem Grundschulalter die Broschüren „Erwachet“ und „Der Wachtturm“ mit den Eltern lesen und teilweise auswendig lernen. Im Kindergartenalter wird vorgelesen.

Da Hierarchie und Gehorsam eine zentrale Bedeutung bei den Zeugen Jehovas haben, überträgt sich das auch auf die Kindererziehung. Kinder stehen in der Hierarchie ganz unten. Über ihnen steht die Mutter, die die Aufgabe hat, Mutter, Ehefrau und Hausfrau zu sein. Sie ist dem Manne untertan. Der Mann ist das Familienoberhaupt und über ihm stehen die Ältesten, denen das Kind mit besonderem Respekt zu begegnen hat.
„Jugendlichen wird der Rat gegeben, sich die vernünftige Unterweisung gottergebener Eltern zu Herzen zu nehmen, besonders die des Vaters. Auf ihm ruht die biblische Verpflichtung für die körperlichen und geistigen Bedürfnisse der Familie zu sorgen. Ohne eine solche Unterweisung wird es für einen Jugendlichen äußerst schwierig sein, zur Reife heranzuwachsen.“ (Der Wachturm vom 15.05.2000, Seite 20)

Auch können getaufte Jugendliche, die ein Fehlverhalten zeigen, bereits von der Zeugen Jehovas Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Damit dies erst gar nicht passiert, ist bei der Erziehung darauf zu achten, dass die eigenen Kinder keinen zu intensiven Kontakt zu weltlichen Kindern aufbauen, um nicht durch diese beeinflusst zu werden. Da die Welt als satanisch angesehen wird, birgt jeder Kontakt zu Weltmenschen Gefahr, von Satan vereinnahmt zu werden.
„Welch ein krasser Gegensatz doch zwischen einem Großteil der heutigen Jugend und den tüchtigen jungen Leuten in den Versammlungen der Zeugen Jehovas besteht! Das heißt nicht, dass sie vollkommen sind, denn auch sie haben mit „den Begierden, die der Jugend eigen sind“, zu kämpfen. .... Damit ihr in eurem Kampf gegen das Böse weiterhin siegreich seid, müßt ihr jedoch mit aller Kraft dem widerstehen, was die Bibel den „Geist der Welt“ nennt. .... Was für einen Geist offenbart denn die heutige Welt? Da „die ganze Welt ... in der Macht dessen liegt, der böse ist“, das heißt in der Macht Satans, des Teufels, kann der Geist der Welt unmöglich förderlich sein.“ (Der Wachturm vom 01.09.1999, Seite 8)

Aus der Sicht der Erziehungswissenschaft geben diese Erziehungsziele der Zeugen Jehovas bzw. der Wachtturmgesellschaft durchaus zu Kritik Anlass.
Durch das Eingebundensein in das wöchentliche Pflichtprogramm der Zusammenkünfte und in den obligatorischen Predigtdienst wird es den Kindern erschwert, individuelle Fähigkeiten und Interessen zu entdecken. Es bleibt wenig Zeit, Freundschaften zu pflegen und ein kindgerechtes Freizeitangebot wahrzunehmen.
Diese Einbindung in die Gemeinschaft führt außerdem zu einer Einschränkung individueller Denkmuster. Die Wachturmgesellschaft erreicht durch die Forderung, sich permanent mit ihrer eigenen Ideologie zu beschäftigen, ein Denken, das ausschließlich auf das Weltende und die damit verbundenen Pflichten gerichtet ist.

Aus der Beratungsarbeit mit ehemaligen Zeugen Jehovas und den Texten der Zeitschriften „Wachturm“ und „Erwachet“ wird deutlich, dass selbst das Lesen von Jugendzeitschriften und Kinobesuche eine Gefahr darstellen, Satan zu verfallen.
„Es ist eine Sache, jemand zu einer verwerflichen Handlung zu zwingen, aber ihn dazu zu bringen, dass er es von sich aus tut, ist etwas ganz anderes. Genau das will Satan, der „Herrscher der Welt“, erreichen. Um sein verdorbenes Gedankengut Sinn und Herz von Unvernünftigen oder Ahnungslosen aufzudrücken - besonders jungen Menschen, die am leichtesten angreifbar sind, bedient er sich beispielsweise fragwürdiger Lektüre und Musik, anrüchiger Filme und Computerspiele.“ (Der Wachturm vom 01.11.2001, Seite 5)
Wenn solche Kinder als Erwachsene die Religionsgemeinschaft verlassen wollen, haben sie das Gefühl, über die meisten Themen überhaupt nicht mitreden zu können. Dadurch wird der Umgang mit Kritik, Diskussionen, andersdenkenden Menschen nur bedingt gelernt. Die strikte Ablehnung von Geburtstagsfeiern und die Verteufelung eines Großteils der heutigen Jugendkultur können zu einer Isolation im schulischen Bereich führen. Die Kinder und Jugendlichen leiden dann unter ihrer Außenseiterrolle.
„Ausschweifungen in Verbindung mit der Entspannung sind ebenfalls ein Merkmal des Geistes dieser Welt. Discotheken sowie Tanzveranstaltungen und andere Formen ausgelassenen Feierns sind unter jungen Leuten allgemein beliebt. Auch Extreme in der Kleidung und der sonstigen äußeren Erscheinung sind weit verbreitet. Durch übergroße Kleidung im Hip-Hop-Stil oder durch schockierende Modeerscheinungen, wie zum Beispiel Piercing, identifizieren sich viele der heutigen Jugendlichen mit dem rebellischen Geist der Welt.“ (Der Wachturm vom 01.09.1999, Seite 10)

Die vielen Einschränkungen bei den Zeugen Jehovas und die von den Mitgliedern geforderte totale Ausrichtung auf die Lehre der Zeugen Jehovas führen unweigerlich zur Unterdrückung von eigenen Bedürfnissen und Emotionen. Auf die Frage nach eigenen Wünschen oder Träumen bekommt man in Beratungsgesprächen mit ehemaligen Zeugen Jehovas kaum eine Antwort. Werden doch einmal Gebote übertreten, so plagt sich das Kind oder der Jugendliche mit massiven Schuld- und Angstgefühlen.
Darüber hinaus führt die Einteilung aller Normen und Werte in richtig oder falsch (Schwarz - Weiß - Denken) zur Verminderung der eigenen Urteilsfähigkeit. Unmündige Menschen werden geschaffen. Der absolute Gehorsamsanspruch der Wachtturmgesellschaft hat zur Konsequenz, dass das eigene Handeln nicht mehr reflektiert werden kann. In einer normal verlaufenden, kindlichen Entwicklung wird eine anfänglich heteronome Gewissensinstanz durch eine spätere autonome abgelöst. Die Lehre und die Praktiken der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas erschweren jedoch die Entwicklung eines solchen autonomen Gewissens. Vielmehr bringt sie Menschen hervor, die in vielen Lebensbereichen fremdbestimmt sind, da sie die Wachtturmgesellschaft als Gewissensinstanz internalisiert haben. Bei anstehenden Lebensproblemen fragt man einen Ältesten.

Die hierarchische Struktur der Familien und die damit verbundene geschlechtsspezifische Erziehung führt bei Frauen erfahrungsgemäß verstärkt zu einem Mangel an Selbstbewusstsein und psychischer Stabilität. Es werden patriarchale Familienstrukturen fortgeführt ohne Berücksichtigung fortschreitender gesellschaftlicher Emanzipationsentwicklungen.
Außerdem werden die Kinder ständig verbal zurechtgewiesen, häufig mit dem Hinweis auf höhere Autoritäten (Älteste) oder mit dem Hinweis auf Harmagedon.
Dieses Mittel der „geistigen Züchtigung“ stellt keine Erziehung, sondern eine Dressur dar, und kann in etlichen Fällen bis zur Kindesmisshandlung gehen. Die Gefahr dieser Erziehungsmethode liegt vor allem darin, dass sie leicht zum Ventil für die unterdrückten Aggressionen der Eltern werden kann.
Ist ein Kind in der Versammlung unruhig, wird es zurecht gewiesen und ermahnt. Es wird dabei aber nicht berücksichtigt, was es für ein Kind bedeutet, zwei Stunden lang still zu sitzen, während ein Programm stattfindet, dass ausschließlich auf Erwachsene ausgerichtet ist. Kindergottesdienste sind bei den Zeugen Jehovas nicht vorgesehen.
 

Welchen Stellenwert hat die Bildung bei den Zeugen Jehovas und welche Probleme ergeben sich daraus in der Schule?

Die Wachtturmgesellschaft hat zahlreiche Broschüren zum Thema "Schulbildung" herausgegeben, um Lehrern darzulegen, welchen Stellenwert die Bildung für die Zeugen hat. Hauptsächlich gehen Zeugen Jehovas zur Schule, weil sie einen Schulabschluss brauchen, um einen Beruf ausüben zu können, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdienen können.
Eine Hochschulausbildung wird nicht gern gesehen mit der Begründung, dass dafür zuviel Zeit verloren geht, in der man nicht missionieren kann und der Kontakt mit sog. unchristlichen Lehren zu intensiv wird.
Darüber hinaus ist die Teilnahme an schulischen Aktivitäten streng reglementiert, z.B. dürfen Kinder und Jugendliche der Zeugen Jehovas Geburtstage in keiner Weise feiern und nicht an Advents- und Weihnachtsfeiern teilnehmen.
Das alles wird als heidnisch oder unmoralisch bezeichnet, genau wie der Sexualkundeunterricht, oder bestimmte Inhalte des Musik-, Bastel- oder Kunstunterrichtes.
Ein Problem, das sich aus den Bildungszielen der Zeugen Jehovas ergeben kann, ist, dass die Konzentration auf Harmagedon für die Kinder und Jugendlichen eine Hemmung der Lernmotivation zufolge haben könnte. Die Bildung verliert ihren Stellenwert, da in naher Zukunft eine neue Welt hereinbricht.
Des weiteren kann es dem Lehrer passieren, dass die Kinder und Jugendlichen generell wenig Interesse am Unterricht zeigen, das hängt damit zusammen, dass "weltlicher Unterricht" kein besonderes Ziel darstellt. Oder dass häufig Hausaufgaben nicht vollständig gemacht werden, da ja zusätzlich das Studium der Wachtturmliteratur zählt und von den Eltern kontrolliert wird. Dadurch bedingt hat das Kind oder der Jugendliche wenig Zeit für die Hausaufgaben.
Disziplinschwierigkeiten mit Kindern und Jugendlichen der Zeugen Jehovas dürfte es nicht geben, sie sind es ja gewohnt, sich unterzuordnen. Außerdem werden sie dazu angehalten, in der Schule und in der Öffentlichkeit einen guten Eindruck zu hinterlassen. Wird das Kind/ der Jugendliche jedoch mit Lernsituationen konfrontiert, in denen Phantasie oder Kreativität gefordert sind, kann dies eine Überforderung darstellen.

Auch die Vorbildfunktion des Lehrers, die besonders in der Grundschule noch gegeben ist, kann das Kind, den Jugendlichen in eine Konfliktsituation stürzen, da der Lehrer etwas anderes vermittelt, als es/er zu Hause gelernt hat.
In der Regel wird das Kind oder der Jugendliche durch seine Eltern und durch die Schriften der Zeugen Jehovas aufgefordert, auch schon in der Schule zu missionieren. Das kann zu Ablehnung und Außenseitertum führen, aber auch zu Beschwerden durch andere Eltern. Außerdem werden einige Eltern von Zeugen Jehovas Schülern versuchen, Einfluss auf den Unterricht des Lehrers zu nehmen.
Auch mit seinen Mitschülern wird es Probleme haben, da es häufig nicht mitreden kann, wenn es um bestimmte Themen geht (z.B. Fernsehsendungen, Musik).
Im Extremfall kann es sogar zu Hänseleien durch Mitschüler kommen. Da ein Zeugen Jehovas Schüler nicht genügend gelernt hat, sich zu wehren, können die Hänseleien zu einer Belastung werden, die schließlich in Schulangst mündet. Diese Angst könnte sich auch auf die Unterrichtsbeteiligung auswirken. Aus Angst, etwas Falsches zu sagen und ausgelacht zu werden, wäre es denkbar, dass sich der Schüler vom Unterrichtsgeschehen zurückzieht und seine Beteiligung abnimmt.
 

Welche Handlungsmöglichkeiten ergeben sich daraus für Lehrer?

  1. Den Schüler akzeptieren, loben, anerkennen, sooft es möglich ist, denn er hat es bedingt durch die zwei Weltanschauungen mit denen er konfrontiert wird, schon schwer genug.
     
  2. Nicht versuchen, das Kind oder den Jugendlichen aus der Gruppierung zu lösen, weil das die Trennung von den Eltern zur Folge hätte.
     
  3. Das Kind, der Jugendliche sollte auch nicht zu Aktivitäten gezwungen werden, die es nicht tun darf, um keine Gewissenskonflikte zu schüren.
     
  4. Der Unterricht sollte so gestaltet werden, wie man es sonst auch tun würde, aber es sollten alternative Aufgaben für den Zeugen Jehovas Schüler bereit gehalten werden, falls er sich nicht beteiligen darf.
     
  5. Missionsversuchen der Kinder und Jugendlichen in der Schule sollte man im ruhigen, aber klaren Gespräch entgegentreten. Eventuell muss in einem Gespräch mit den Eltern ebenfalls diese Klarstellung erfolgen.
     
  6. Der Lehrer darf seinen eigenen Glaubensstandpunkt ruhig vertreten und auch Kritik an den Zeugen Jehovas allgemein äußern. (Organisation, Inhalte kritisieren, Erziehungsmethoden, aber den Schüler nicht ablehnen)
     
  7. Bei Gesprächen mit den Eltern sollte man nicht versuchen, die Eltern von ihrer Überzeugung abzubringen, aber zugleich selbstbewusst die eigene Meinung vertreten. Konflikte mit den Eltern möglichst vermeiden. Was aber nicht bedeuten soll, alle Wünsche der Eltern zu erfüllen, sonst macht der Lehrer sich zum Erfüllungsgehilfen der Wachtturmgesellschaft. Ebenso ist es nicht nötig, sich Missionsgesprächen auszusetzen.
     
  8. Es kann hilfreich sein, das Thema im Kollegium anzusprechen und sich Unterstützung bei den Kollegen zu holen.
     
  9. Auch wenn es schwer ist, sollte der Lehrer versuchen, den Schüler in die Klassengemeinschaft zu integrieren. Sofern es zu Hänseleien kommt, sollte die Problematik aufgegriffen und versucht werden, Verständnis bei den Mitschülern zu erreichen.
     
  10. Insgesamt ist es hilfreich, die Persönlichkeit des Schülers zu stärken, so dass er Selbständigkeit und Selbstvertrauen entwickeln kann, eventuell trägt das auch zur Integration bei.
     
  11. Aber wendet sich ein Schüler mit der Bitte um Hilfe an eine Lehrkraft, vielleicht weil die strengen Regeln der Gruppierung oder die Angst vor Harmagedon oder die körperliche Züchtigung der Eltern unerträglich geworden sind, dann sollte der Lehrer sich in einem solchen Fall an eine Sektenberatungsstelle oder das Jugendamt wenden und den Schüler dorthin begleiten.

In letzter Zeit versuchen geschulte Zeugen Jehovas Mitglieder mit Hilfe des Videofilmes „Standhaft trotz Verfolgung, Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime“ die Schule als Plattform für ihre Missionszwecke zu nutzen. Das Problematische an diesem Film ist, dass er als Propagandafilm geschaffen wurde und wesentliche Fakten des Verhaltens der Zeugen Jehovas im Dritten Reich verschweigt. Neben den trotz Verfolgung standhaft gebliebenen Zeugen Jehovas gab es auch solche, die sich angepasst haben, um so einer Inhaftierung zu entgehen. Niemand sollte diesen Menschen einen Vorwurf machen, sie haben sich nur so verhalten wie viele andere unterdrückte Menschen im Dritten Reich auch, sie wollten ihr Leben retten.
Was jedoch viel gravierender ist, die Wachtturmgesellschaft selbst versuchte zu Beginn 1933, sich an das nationalsozialistische Regime anzupassen, was gegen ihre eigene Überzeugung der viel beschworenen Neutralität dem Staate gegenüber ist. Bei einer Großveranstaltung am 25. Juni 1933 in Berlin war der Veranstaltungsort mit Hakenkreuzfahnen geschmückt. Es wurde eine Erklärung, die persönlich an Adolf Hitler adressiert war, verabschiedet. In dieser Erklärung wurde die völlige Übereinstimmung mit den hohen ethischen Zielen und Idealen des Nationalsozialismus betont sowie die Ablehnung der Geschäftsjuden und Katholiken.
In dem Film "Standhaft trotz Verfolgung" wird dieser Vorgang mit keinem Wort des Bedauerns erwähnt. Erst als der damalige amerikanische Präsident der Wachtturmgesellschaft, Rutherford, merkte, dass die Politik der Anpassung keine Früchte zu tragen schien, änderte er seine Meinung und ging auf Konfrontationskurs.
Wohlgemerkt, nicht die Zeugen Jehovas formierten sich zum Widerstand gegen das Hitler Regime aus Überzeugung oder solidarisierten sich mit den verfolgten Juden, sondern sie folgten einer Anweisung ihrer eigenen Obrigkeit.
Durch die nüchterne Vergegenwärtigung dieser historischen Tatsachen soll und darf das brutale Vorgehen des NS-Staates gegen gutgläubige Zeugen Jehovas nicht verharmlost werden. Aber bei aller Bewunderung gehört es zur Wahrhaftigkeit dazu, dass historische Sachverhalte, die unangenehm sind, nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden. (vgl. Twisselmann, Jehovas Zeugen im "Dritten Reich"- Zwischen Anpassung und Martyrium, in Heft 5 des Materialdienstes der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, 1997)
Solange die amerikanische Führung der Wachtturmgesellschaft es mit der von ihr immer wieder beschworenen Wahrheit anders hält, sollte sehr sorgfältig abgewogen werden, ob Lehrer oder Schulleiter sich für Propagandazwecke der Zeugen Jehovas funktionalisieren lassen. Zumindest sollte die Schule sich auf die Vorführung gut vorbereiten und eine Diskussion anregen.

Unabhängig von den Missionierungsversuchen der Zeugen Jehovas ist es sicher gut, grundsätzlich in der Schule die Thematik der neuen religiösen Bewegungen zu behandeln. Dies kann in Form einer Lehrerfortbildung oder auch einer Schulpflegschaftsveranstaltung sein. Auf alle Fälle sollte jedoch im Unterricht die Thematik aufgegriffen werden, wobei dies nicht allein dem Religionsunterricht vorbehalten bleiben muss.
 
Besonders empfehlenswert und hilfreich für dieses Vorhaben ist die Arbeitsmappe:
Bausteine für Jugendarbeit und Schule zum Thema „So genannte Sekten und Psychogruppen“ (Hrsg. Vom Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit NRW Düsseldorf/Köln 2000, 306 S., Schutzgebühr 13,00 EUR)
Diese Arbeitsmappe kann beim Sekten-Info Essen e.V. bestellt werden oder direkt beim IDZ / AJS, Landesstelle NRW, Poststraße 15-23, 50676 Köln.
 
Unterstützung in Form von weiteren Informationsmaterialien oder Hinweise auf geeignete Unterrichtsmaterialien erhält jeder Lehrer durch den Sekten-Info Essen e.V.. Ebenso bietet die Einrichtung kostenlose Beratung bei bereits aufgetretenen Problemfällen an. Lehrertagungen zur Fortbildung und Präventionsveranstaltungen für Schulklassen können auch vereinbart werden.

 
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