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Erfahrungsbericht zu einer christlichen Freikirche und eine kurze Erläuterung zu „Freikirche" PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Anonym & Christoph Grotepass   
Donnerstag, 19. März 2015

Eine kurze Erläuterung zum Themenbereich „Freikirche“


In diesem Artikel wird ein Erfahrungsbericht zu einer christlich-fundamentalistisch orientierten freikirchlichen Gemeinschaft thematisiert. Da viele Informationsanfragen zu christlichen Freikirchen grundsätzlicher Art sind, geht eine kurze Einführung auf das Themenfeld „Freikirche“ ein. Der Fokus der Beratungsstelle liegt hierbei nicht bei der Mehrheit der offenen und gut vernetzten Freikirchen, die einen ökumenischen Dialog pflegen, sondern bei den fundamentalistisch ausgerichteten, strengeren. Unter ihnen gibt es eine Reihe von Gemeinden mit problemträchtigen Strukturen. Ein Teil unserer Beratungsarbeit hat mit Erfahrungen in solchen Gemeinschaften zu tun.

Die Unterteilung in landeskirchliche und freikirchliche Gemeinschaften ist eine spezifisch deutsche Besonderheit und ein Überbleibsel staatskirchlicher Verhältnisse. Freikirchen sind strukturell unabhängig von den Groß- oder Landeskirchen und finanzieren sich durch Spenden. In vielen Ländern ist dies der kirchliche Normalfall. Bei aller Unterschiedlichkeit in den Traditionen und Formen der eigenständigen Freikirchen gehört meist die bewusste Glaubensentscheidung zur Voraussetzung für eine aktive Mitgliedschaft. Hierher rührt auch die Bezeichnung für eine der Strömungen, der Baptisten (griechisch für Täufer). Während bei den Gemeinden der katholischen und evangelischen Großkirchen die Familien ihre Kinder oft kurz nach der Geburt in die Gemeinschaft „hineintaufen“, soll der freikirchlichen Taufe eine mündige Glaubensentscheidung vorausgehen. Dadurch bekommt die missionarische Tätigkeit zur Gewinnung neuer Mitglieder eine besondere Bedeutung.

Der für viele dieser Gemeinschaften oft verwendete Begriff "evangelikal" bezeichnet im Unterschied zum „evangelisch“ der deutschen protestantischen Kirchen meist die gesamte Bandbreite konservativer Bewegungen. Beide Begriffe haben ihre Herkunft im griechischen Wort für „frohe Botschaft“ dem Evangelium, und beziehen sich auf die Reformationszeit. Evangelikale Gläubige verstehen sich häufig als bibeltreu und möchten die Schrift unmittelbar auf sich beziehen. Eine historisch-kritische Auslegung durch die universitäre Theologie wird dabei insbesondere bei den konservativeren Gemeinden abgelehnt. Interreligiöse Gespräche sind nicht erwünscht, andere Religionsgemeinschaften werden nicht anerkannt. Der damit einhergehende Absolutheitsanspruch ist kennzeichnend für einen christlichen Fundamentalismus.

Diese fundamentalistische Strömung entwickelte sich im 19. Jahrhundert. Vom wörtlichen Bibelverständnis ausgehend bot sie angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen und Umbrüche Halt in konservativen Werten und stemmte sich der „Moderne“ entgegen. Hier liegen die Wurzeln evangelikaler Orientierung. Auch heute gelten Scheidungen, Sex außerhalb der Ehe, sowie Homosexualität vielfach als Sünde, ein Verstoß hat unter Umständen den Gemeinde-Ausschluss zur Folge. Die Vermittlung von Sexualkunde in Schulen wird oft ebenso abgelehnt wie die Evolutionstheorie. Kinder werden mitunter von den entsprechenden Schulstunden ferngehalten. Viele Mitglieder solcher Gemeinden glauben an eine bald bevorstehende Apokalypse, an die Realexistenz der Hölle, Satans und seiner Dämonen.

Der ab Mitte des 20. Jahrhunderts entstandene charismatische Arm gehört heute insbesondere in Südamerika und Afrika zu den wachstumsstärksten religiösen Bewegungen überhaupt mit derzeit rund 400 Millionen Menschen. Diese pfingstkirchlichen Gruppen beziehen sich auf das in der Bibel überlieferte Pfingstwunder. Die dort beschriebenen Segnungen des Heiligen Geistes sollen auch heute erlebbar sein. Die sogenannten Charismen sind Wunderheilung, Prophezeiung, das vom Geist bewirkte unverständliche „Sprachengebet“, sowie die Macht, Dämonen auszutreiben. Die Zusammenkünfte zeichnen sich durch moderne Musik und Lebendigkeit aus. Insbesondere größere Veranstaltungen haben nicht selten einen regelrechten „Happening“-Charakter.

In dieser charismatischen Szene dominiert die fühlbare und hierin auch sicht- und hörbare Dimension des Glaubens. Diese Erlebniskomponente hat für viele Angehörige dieser Richtung einen ihren Glauben qualifizierenden Beweischarakter. Ein spontanes Zucken oder zu Boden Sinken wird dann als segnende Berührung durch den Heiligen Geist gewertet. Bei neu Hinzukommenden lösen diese ungewohnten und eben verstandesmäßig nicht zu begreifenden Äußerungen in ihrer Unmittelbarkeit und elementaren Körperlichkeit oft Irritationen aus, manchmal aber auch Faszination. Anderen scheint dieser (mitunter rituell zelebrierte) Kontrollverlust ein erschreckendes Zeichen von „Sektierertum“. Dadurch ruft diese Form christlichen Selbstverständnisses häufiger Kritik hervor. Die zugrunde liegenden Glaubensgrundsätze unterscheiden sich von denen der „stilleren“ Gemeinschaften allerdings weniger als es äußerlich erscheinen mag.

Die charismatische Erneuerung reicht als konfessionsübergreifende Strömung bis in die volkskirchlichen Großkirchen hinein und hat hier auch zu einer Belebung beigetragen. Während die traditionellen Kirchen in Deutschland dennoch seit Jahren Anhänger verlieren, steigen die Mitgliederzahlen bei Freikirchen, evangelikalen Gemeinden und charismatischen Bewegungen. Viele Gemeinden dieser Strömungen sind unter dem Dach der "Evangelischen Allianz in Deutschland" (DEA) zusammengefasst. Daneben gibt es etliche kleinere Verbände. Das Netzwerk der DEA vertritt nach eigenen Angaben 1,3 Millionen Menschen. Die freikirchliche Szene weist eine hohe Dynamik aus. Manche kleine Gemeinschaften entstehen scheinbar über Nacht, Gläubige schließen sich charismatischen (manchmal selbsternannten) Pastoren an, wechseln aber auch bei Richtungsstreitigkeiten oder bilden neue Gemeinden. Daneben stehen Gemeinschaften, die sich teils über Generationen hinweg wenig verändert haben. Für größere Projekte (z.B. Großevangelisationen) können sich viele Gemeinden auch kurzfristig zusammenschließen.

Die Anzahl der Gemeindeglieder einer typischen Freikirche macht oft nur einen Bruchteil gegenüber einer landeskirchlichen Gemeinde aus. Für diese kleineren Gemeinden ist allerdings eine höhere Verbindlichkeit konstituierend. Dazu gehört neben dem selbstverständlichen Besuch des Gottesdienstes auch ein höheres Engagement an Zeit und Geld bei den verschiedenen Gemeindeaktivitäten, Hilfs- und Missionswerken. Insbesondere für Jugendliche und Kinder werden Bibel- und Erlebniscamps, Missionsreisen und Rockkonzerte angeboten. Hier fühlen sich Jugendliche und junge Familien angesprochen, die von den Landeskirchen nicht erreicht werden oder dort entsprechende Angebote vermissen. Es gibt durch den engeren Zusammenhalt, aber auch durch strengere Regeln eine klarere Orientierung. Eine Anbindung dient bisweilen auch als Familienersatz.

Bei diesen Angeboten ist es nicht leicht, zwischen den gemäßigten – die zahlenmäßig überwiegen – und den strengeren Gemeinden zu unterscheiden. Der Name einer Gemeinschaft allein lässt kaum einen Rückschluss auf ihre Glaubensvorstellungen zu. Daher können Familien Überraschungen erleben, wenn sie ihre Kinder auf eine Freizeit einer ihnen nicht genauer bekannten Gemeinde mitschicken. Auch wenn Gemeinden, die sich offen gegen Homosexualität und Gleichberechtigung von Mann und Frau äußern, Dämonenaustreibungen praktizieren und mit dem höllischen Schwefelsee drohen eher selten sind - intern tauchen derartige Themen öfter auf. Dies belegen unsere Beratungsfälle mit Ehemaligen verschiedenster Gemeinden. Dabei gilt es zu unterscheiden, welche Verhaltensweisen eine Gemeinschaft einfordert und inwiefern Mitglieder dies aufgrund individueller Probleme verstärken.

Der Eigenanspruch, mit Gottes Hilfe viele Probleme lösen zu können, führt nicht selten zu einer Überforderung von Angehörigen bzw. Mitarbeitern einer Gemeinschaft. Auch wenn das hohe Engagement bewundernswert ist, ergibt sich aus beraterischer Sicht eine Problemlage: Ohne ausreichende Qualifikation oder eine Begleitung durch geschulte Fachkräfte kann der missionarische Eifer sowohl bei den Helfenden selbst als auch bei den Hilfsbedürftigen Schaden anrichten. Gerade weil viele Christen aufgrund ihres Verständnisses einer tätigen Nächstenliebe auf Bedürftige wie z.B. Suchtkranke zugehen, bedarf dieses ehrenamtliche Engagement einer professionellen Begleitung.

Ideologische Erklärungen von Krankheit oder Fehlverhalten können körperlich und psychisch schädigende Wirkungen haben. Im nachfolgenden Erfahrungsbericht erzählt Frau „A“ von einer 15-jährigen Zugehörigkeit zu einer freikirchlichen Gemeinschaft. Sie wurde über das gemeindeeigene Hilfsangebot für Suchtbetroffene in eine Wohngemeinschaft vermittelt. Damals war sie Anfang zwanzig und blickte auf eine problematische Kindheit zurück. Sie war nicht gläubig und wurde über ihre Alkoholprobleme „missioniert“.


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Erfahrungsbericht zu einer christlich-fundamentalistischen Freikirche


Der Alkohol war seit einigen Jahren mein Freund. Ich brauchte also eine Therapie. Ich war angetrunken und traf diesen […] zufällig in der Stadt. Er brachte mich mit der Gemeinde in Kontakt. Da ich wegen einiger Probleme dringend weg musste, nahm ich das Angebot an und fuhr nach […] zu einem sogenannten Aufnahmegespräch. Man setzte mich zunächst in ein Wohnzimmer und gab mir die Hausordnung zu lesen. Ehrlich gesagt habe ich beim Lesen die Krise gekriegt, weil da ständig was von beten und Jesus drinstand. Dann wurde ich zum Leiter gebracht, der mir direkt sagte, wenn ich weiter saufen wollte dann könnte ich direkt in die nächste Kneipe gehen und das tun. Wenn ich aber befreit leben wollte, dann sollte ich hier und jetzt die Augen schließen und meine Hände öffnen, damit der Heilige Geist kommen kann. Das fühlte sich nicht gut an, es war hart und autoritär. Man ließ mir gar nicht wirklich die Entscheidung. Aber dieses Gefühl, der Leiter weiß was Gott über mich denkt und der weiß auch genau was ich jetzt tun sollte um im Plan Gottes zu laufen fühlte sich richtig und wichtig an. Diese Dynamik, für ein gemeinsames Ziel und für eine gemeinsame Vision zu leben, das war attraktiv. Ich packte meine Sachen und zog im März 1991 ein. Die erste Zeit, das gemeinsame Essen und Arbeiten, hat mir ganz gut getan – einfach nicht mehr alleine sein.

Aber schon bald fingen die Probleme an. Täglich gab es Andachten direkt nach dem Frühstück. Da war immer so ein subtiler Druck, beim Singen aufzustehen aus Respekt vor Gott und die Hände zu heben und laut zu beten. Ich konnte aufgrund meiner Vergangenheit mit dem Alkohol und dem vielen Rauchen nie lange stehen. Meistens hab ich mich an der Wand angelehnt und dann doch wieder hingesetzt, mein Kreislauf hat das nicht mitgemacht. Da hat der Leiter mittendrin die Andacht abgebrochen und - ohne mich anzusehen gesagt: „Du stehst nicht auf, du hebst nicht die Hände und du betest nicht und lass dir gesagt sein, dass du so nicht weiter kommen wirst in deinem Leben.“ Ich hab gezittert und war voller Angst, es tat so verdammt weh. Diese Art habe ich x-mal in meiner Zeit in der Gemeinde erlebt. Das ging von kleinen Meetings bis hin zu Gottesdiensten, dass über eine Situation von Menschen öffentlich gesprochen wurde ohne mit diesen Leuten persönlich zu reden, meistens ging es dabei um Sünde und Fehlverhalten.

Da ich von klein auf versucht hatte, eine richtige Familie zu finden und trainiert war, mich anzupassen, um irgendwo dazu zugehören, machte ich es hier auch so. Vor allem es fühlte sich so „richtig“ an wie noch nie in meinem Leben, vor allem wenn ich dann den Pastor in den Meetings erlebte und er immer wieder sagte, dass zu der Gemeinde zu gehören das Beste ist, was dir passieren kann und Samstag Abend im Gottesdienst zu sein, der beste Platz in der ganzen Stadt ist. Irgendwie kam es, dass die Familie des Hausleiters mich dazu auserkoren hatte, ganz eng an ihrer Familie sein zu dürfen. Das hieß, jeden Tag war ich nicht in den normalen Arbeitsbereichen im Haus wie die anderen, sondern war immer oben bei denen in der Wohnung. So fing es an, dass ich jeden Tag die Wohnung putzte, den Abwasch machte, die Wäsche bügelte, die Tiere versorgte und sehr oft in der Woche auf die Kinder aufpasste und sie ins Bett brachte, damit das Ehepaar […] „freigesetzt“ war, an den geistlichen Treffen teilzunehmen. Das Putzen auch des Autos ging bis Samstagmittag. Der Leiter meinte dann öfters zu mir, dass jemand der „keine Vision“ hat, immer jemandem „mit Vision“ dienen muss, damit er auch eine bekommt. Den Leitern zu dienen wird ja auch immer besonders gesegnet. Ich habe 15 Jahre gedient und während dieser Zeit habe ich immer auf den besonderen Segen gewartet. Der Pastor sagte ja immer, dass Gott mit uns noch lange nicht da ist, wo er uns haben will. Gerade in der Anfangszeit, die ersten Monate im Missionshaus, ging es mir oft psychisch sehr schlecht, ich hatte öfters Situationen, in denen ich dachte, ich dreh gleich durch. An einem Montag war es mal wieder soweit, aber ich hatte die Situation gut überstanden. Am Abend hatten wir Gesamtmitarbeiter-Treffen, da waren alle Leute die zu der Gemeinde gehören. Der Pastor stellte sich vorne hin und sagte. “Wisst ihr was. Gott braucht keine Leute, die gerade so den Tag überstehen!“ Das fühlte sich an, als wenn mit einer Kanone auf einen Überlebenden geschossen wurde. Ich rannte raus, ich heulte mir die Seele aus dem Leib und war am Ende. Am nächsten Tag musste ich antreten und dann hat er mich zusammengeschissen, wie ich es wagen konnte, die Versammlung zu verlassen.

Das Leben wurde bis ins Kleinste bestimmt und kontrolliert. Jeder musste einen Seelsorger haben. Wenn sich zwei Leute ineinander verliebt hatten, sprachen erst die Seelsorger miteinander darüber und wenn die das „nicht sehen“ konnten, dann durften die beiden sich nicht befreunden. Es gab sowieso eine eigene Sprache, die Außenstehende gar nicht verstanden. Als ich raus war, musste ich richtig neu sprechen lernen.

Immer wenn ich aus dem Urlaub zurückkam, realisierte ich, in welcher Geschwindigkeit wir dort lebten und ich hatte dann große Probleme wieder in diesem irren Tempo mitzulaufen. Wenn man sich die Arbeitszeiten angesehen hat, ist es einem nicht als besonders viel aufgefallen. Aber wir hatten ja fast jeden Abend ein Meeting und die gingen normalerweise bis 23.00 Uhr. Mittwochs nachmittags war eigentlich frei doch oft wurden dann Aktionen gemacht, wo jeder da zu sein hatte, d.h. ich hatte kaum Zeit, mich mal um meine Sachen zu kümmern und sei es so banales Zeug wie mal Zahncreme kaufen oder so. Auch rhetorische Fragen waren normal, also wenn der Leiter zu mir sagte „Bei der Aktion bist du doch dabei, oder?! Dann gab es keine Wahl für mich, meine Zustimmung war ja schon eingeplant.

Nach ca. 5-6 Jahren erkannte man, dass ich gut Gitarre spielen konnte und eine gute Stimme hatte. Ich durfte dann immer öfter in kleineren Treffen spielen. Irgendwann war es dann soweit, dass der Bandleiter bei meiner Seelsorgerin nachfragte, ob ich soweit wäre, in die Band kommen zu können. D.h. ob ich ordentlich lebte, ob ich am Licht lebte, ob ich regelmäßig Buße tat und so was. Sie sagte mir dann noch, dass ich mich immer ordentlich anziehen sollte, denn in erster Linie stand ich ja vor Gott und dann aber auch vor den Menschen. Ich liebte es in der Band zu sein!! Im Laufe der Zeit hatte ich mir aber abgewöhnt irgendwo verlauten zu lassen, wenn mir etwas gefiel oder ich Spaß an etwas hatte, denn dann bekam ich Probleme. Wegen einer solchen Aussage musste ich zum Leiter ins Büro und er sagte mir dann sehr deutlich, dass die Nachfolge Jesu nichts mit Spaß zu tun hätte. Das zeigte sich auch als der Hausleiter mal wieder einen „prophetischen Traum“ hatte: Noch ein neues Seminar sollte ins Leben gerufen werden. Dies sollte am donnerstags sein, zur Zeit meiner Bandprobe. Also hatte ich mich auch nicht angemeldet. Ich saß gerade im Büro und bastelte die Namensschilder für dieses Treffen, da kam der Leiter rein, stellte sich hinter mich und sagte: „Ich glaube da fehlt noch ein Name.“ Daraufhin sagte ich, dass ich da wegen der Bandprobe nicht kann. Da sagte er autoritär bestimmend „Aber wer hat denn gesagt, dass du immer in der Band bleiben wirst!“ Er bestimmte, was in meinem Leben sein durfte und was nicht und ich hatte keine Chance, dem zu entkommen. Denn hätte ich widersprochen, wäre ich rebellisch gewesen und sich dem Leiter zu widersetzen das war Sünde pur, denn du widersetzt dich Gott und dann wäre das ganz schnell bei der „Leiterschaft“ gelandet. Als nächstes hätte man vor der ganzen Gemeinschaft Buße tun müssen. Solche Erlebnisse gab es unzählbar viele und an denen bin ich zerbrochen. Die Enttäuschung wagte ich nicht zu zeigen, hab sie immer weggedrückt. Der Pastor wollte uns ja lachen sehen vor lauter Freude über unsern Gott, denn wer mit einem traurigen Gesicht rumlief, ehrte ja seinen Gott nicht!

Immer wieder wurden wir durch den Pastor aufgeheizt für das nächste große Zusammentreffen wo wahnsinnig Heilige von Gott Gesandte kommen würden, und wir alle mussten natürlich dabei sein denn das wird unser Leben verändern. „Ihr werdet nie wieder dieselben sein, die ihr vorher wart, Gott wird euch auf eine neue Ebene bringen und sein Geist wird stärker werden als das Fleisch. Wir werden Wunder sehen, Lahme werden gehen, Blinde werden sehen, ja wir werden erleben, dass die Toten auferstehen.“ Diese Dinge sind dann nicht passiert, aber durch dieses Aufheizen und die Vorstellung, das Jesus all das ja durch uns tun will, blieb ich fast immer mit immensen Schuldgefühlen zurück, denn an Gott konnte es ja nicht liegen. Immer wieder kam der Pastor mit neuen Phrasen an, durch die wir heiliger werden sollten und auf die nächste geistliche Ebene kommen würden. ER war ja sowieso auf einer ganz anderen Ebene als wir alle und deshalb war es immer ein ganz besonderer Moment wenn er uns mitteilte, wie er da hingekommen ist.

Eine Erklärung, die er uns lieferte war, dass er täglich mindestens 20 Minuten „in Sprachen bete“ und von diesem Tag an wurde genau das von uns verlangt. Das fiel alles unter Gehorsam und Unterordnung, welche zu den Hauptthemen gehörten, neben Selbstaufgabe, Hingabe, Treue, das Kreuz auf sich nehmen usw. In der Mitarbeiterrunde, in die ich ja mittlerweile „aufgestiegen“ war, mussten wir dann also jeden Tag diese 20 Minuten in Sprachen beten. Die ersten ca. 2 Wochen war das noch Euphorie denn wir alle waren ja „heiß“, in neue geistliche Sphären aufzusteigen. Je länger es dauerte und keine Engel erschienen oder wir uns geistlicher fühlten, umso zäher wurde das. Immer kürzer wurde in den Mitarbeiterstunden in Sprachen gebetet, es war eine unglaubliche Zähigkeit und Müdigkeit im Raum, unfassbar was das für ein Krampf wurde. Aber der Pastor hatte das ja angeordnet, also krampften wir noch Wochen weiter, bis wir – endlich – damit aufhörten. Und das war typisch, das erlebte ich Jahre lang, egal was wir alles machten, es reichte nie, es reichte nie, um dem Pastor näher zu kommen, also auf seine Ebene und es reichte nie für diesen Gott und diesen Jesus, NIE. Deshalb kann ich bis heute nicht mal in die Nähe einer Kirche gehen, weil ich mit diesem Gott nichts mehr zu tun haben will!!! Ich bin froh, dass mein Inneres nicht mehr diesem permanenten Stress und den ununterbrochenen Ängsten ausgesetzt ist.

Wie kam es, dass ich da rausgegangen bin – nach 15 Jahren? Ich fühlte, ich konnte es buchstäblich spüren, dass ich innerlich anfing zu sterben. Der Tod kam und breitete sich aus und dann habe ich nicht mehr rational denken können, ich habe nur noch nach Instinkt gehandelt und hab zu meiner Seelsorgerin gesagt, dass ich dringend also sofort eine Auszeit brauche, und dann bin ich direkt weg geblieben, um dem Zugriff von […] zu entkommen. Es war für mich eine „Nahtoderfahrung“ auch wenn das verrückt klingt!!!

Die Zeit als ich rausgekrochen war aus diesem Scheiß-Verein, war für mich unmenschlich hart, denn ich hatte ja keine Kontakte außerhalb der Gemeinde, da war nix! Ich bin in eine Wahnsinns-Einsamkeit gefallen, in ein riesiges Loch, das mich verschlang. Beladen mit der Sünde, die Gemeinschaft und damit auch Gott verlassen zu haben. Ich fühlte mich verflucht!! Denn ich hatte jetzt auch den Plan verlassen, den Gott für mich vorgesehen hatte, denn ich war nicht bereit als Weizenkorn zu sterben, so wie Gott das wollte, sondern ich bin rausgesprungen. Deshalb war ich jetzt mit Einsamkeit und Schutzlosigkeit gestraft, denn wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein!!!

Gewünscht hätte ich mir natürlich, wenn mir damals schon irgendwie eine Anlaufstelle bekannt gewesen wäre, aber man geht ja nicht als erstes zu einer Sektenberatung, denn man ist ja noch gar nicht soweit, das einschätzen zu können. Ich wusste nicht mehr wo oben, wo unten ist, was wahr und was gelogen ist, es war ein völliges Durcheinander. Ich habe angefangen mich zu schneiden, weil ich so vollgepumpt war mit Schuldgefühlen! Für mich sind es 15 verlorene Jahre meines Lebens, in denen ich verarscht wurde, ausgequetscht und missbraucht wurde für die Visionen anderer. Es geht mir beschissen damit und ich kann die Seelenschmerzen und diese Wahnsinns-Ängste unter denen ich die ganze Zeit gelitten habe wie ein Hund, dieser Seelenterrorismus, nicht wirklich in Worte fassen und nicht wirklich verarbeiten, auch wenn ich schon weiter bin, als noch vor 5 Jahren!!!

So, ich hoffe es gibt Ihnen weitere Einblicke und Erkenntnisse. Ich bin froh, dass es Menschen wie Sie gibt!!! Es tut am meisten gut, wenn andere dieses Wahnsinns-Leid anerkennen, wirklich sehen und nicht klein diskutieren, relativieren und sagen „Es war doch nicht alles schlimm!“ Das kommt mir vor, als wenn mich jemand im Gefängnis besucht und dann zu mir sagt: “Aber das Essen war doch ganz gut!“ Und am Schwierigsten ist es, mit „Christen“ darüber zu reden, das ist nicht zu ertragen, deshalb meide ich Christen. Diese Diskussionen würde ich nicht aushalten.


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Kommentar zum Erfahrungsbericht


Der Anknüpfungspunkt für das langjährige Engagement in der Gemeinde ist ein Hilfeangebot angesichts ihrer Suchtproblematik. Der Erfahrungsbericht macht die Verbindung von Hilfe und Mission gut sichtbar. Die Klientin hat zudem ein biografisch bedingtes starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Dieses menschliche Grundbedürfnis ist ein mächtiger Anker für gruppenspezifische Abhängigkeitsstrukturen. Das Thema einer „familiären“ Anbindung an eine Gemeinschaft ist hier durch die „Aufnahme“ in die Familie des Hausleiters auf die Spitze getrieben. Eine familiäre „Nachversorgung“ im Sinne einer Begleitung zum Eigenständig-Werden wurde hier aber erkennbar nicht geleistet. Auch wenn einerseits anerkannt werden muss, dass hier eine Familie bereit ist, einen Menschen mit Problemen am Familienleben teilhaben zu lassen, überwiegt der Eindruck, dass man hier von einer kostenlosen Haushaltshilfe profitiert.

Zusätzlich lassen sich deutliche Anzeichen für eine psychische Abhängigkeit erkennen: Der Pastor und der Hausleiter besitzen für die Klientin absolute Autorität und ihre Entscheidungen sind nicht hinterfragbar. Die Klientin bricht mit ihrer Lebensgeschichte, das neue Leben wird von der Gemeinschaft her definiert und stark reglementiert. Leicht sind im Bericht die vollständige Unterordnung an die allumfassenden Bestimmungen erkennbar, sowie die zeitliche Beanspruchung durch die Gemeinschaft. Die Glaubensvorstellungen und Projekte gelten als vom Heiligen Geist inspiriert. Es wird das euphorisierende „Sprachengebet“ beschrieben. Diese und die Prophezeiungen, Heilungen, Befreiungsgebete dienen auch als gruppendynamische Gemeinschaftserfahrung. Man weiß sich hierin – intern – anderen Gemeinden überlegen. Kritik von außen wird als die biblisch prophezeite Verfolgung der Gerechten interpretiert. Auf ein eigenständiges Leben außerhalb der Gemeinschaft wird mit der Klientin nicht hingearbeitet. Alleine traut sie sich dies zunächst auch nicht zu. Von der Gemeinschaftsdisziplin abweichende Meinungen und Bedürfnisse erfahren keinen Respekt. Eigene Impulse und Gefühlsäußerungen unterdrückt die Klientin. Eindrücklich wird dies wie als ein Absterben beschrieben. Aus dieser abtötenden Reglementierung kann sich Frau A. letztlich befreien, indem sie ihrem ureigensten Lebensimpuls vertraut und die Gemeinde fluchtartig verlässt. Das selbstbewusste Eintreten für die eigenen Bedürfnisse war innerhalb der Gemeinschaft ebenso wenig möglich wie ein Abschied, der von gegenseitigem Dank und Respekt getragen gewesen wäre.  

Uns liegen weitere Erfahrungsberichte aus dieser Gemeinschaft vor, welche diesen Bericht bis in die Details bestätigen. Ähnliche Erfahrungen berichten uns Klienten aber auch von einigen anderen freikirchlicher Gemeinden. Es sind sowohl Menschen, die aufgrund einer Suchtproblematik ein Hilfsangebot wahrgenommen haben, als auch solche, die bereits aus Glaubensüberzeugung in die Gemeinden eintraten und Menschen, die leitend mitarbeiteten. Viele Betroffene kämpfen wie Frau A. nach ihrem Ausstieg aus einer solchen Gemeinschaft noch längere Zeit mit den Nachwirkungen ihrer Mitgliedschaft. Viele haben Angst, sich offen zu ihrer Gemeinde zu äußern. Nicht immer sind die beschriebenen problematischen Aspekte für alle deutlich im Gemeindealltag sichtbar. Manches findet in kleinerem Kreise oder im familiären Umfeld statt.

In einem Fall erlitt ein Junge während eines „Befreiungsgebetes“ eine körperliche Misshandlung in Form von Schlägen auf den Rücken. Der von einer freikirchlichen Gemeinde eingeladene US-amerikanische Pastor gilt als begabt, durch solche Rituale Menschen von Dämonen zu befreien. Die auf dem Handy des Jungen mitgefilmten Szenen sollten ihn auch künftig moralisch festigen. In einem anderen Fall schilderte eine Ratsuchende, wie sie eine Freundin nur mit Flehen davon überzeugen konnte, ihr Kind zum Arzt zu bringen. Es litt aufgrund einer Mittelohrentzündung unter hohem Fieber. Die Mutter begegnete der Krankheit bisher nur mit Beten. Diese kurzen Fallbeispiele und der Erfahrungsbericht zeigen, wie sehr Menschen sich (und ihre Kinder) einem ideologischen Konstrukt und ihren Vertretern anvertrauen können und dabei Schaden erleiden. Und sie zeigen, wie verletzlich sie bei selbst „gutgemeinten“ Interventionen sind. Es ist leicht ersichtlich, weshalb manche Menschen hierbei von einem „geistlichen Missbrauch“ sprechen und sich psychisch und seelisch tief verletzt fühlen.

In dieser wie einigen weiteren Gemeinden gibt es trotz eines Hilfsangebotes für Menschen mit Suchtproblematik keine geschulten Mitarbeiter. Die eigene einschlägige Erfahrung, sowie das grenzenlose Vertrauen in die heilende Kraft des Gebetes sind bisweilen die einzige Qualifikation. Im Erfahrungsbericht wird deutlich, wie problematisch sich eine Vermischung von Hilfsangebot und missionarischem Engagement auswirken kann. Die größeren freikirchlichen Verbände (sowie die karitativen Werke der Großkirchen) lehnen eine solche Verknüpfung zu Recht ab. Eine größere Aufmerksamkeit für diese Themen wäre bei allen Freikirchen wünschenswert. Schulung von Mitarbeitern und Ehrenamtlichen, sowie fachliche Kooperationen sollten selbstverständlich sein.


„Radikale Christen in Deutschland“?


Die von der ARD am 4.8.2014 ausgestrahlte (NDR) Dokumentation „Mission unter falscher Flagge – Radikale Christen in Deutschland“ rief eine ungeahnte Welle an Reaktionen hervor. Mehrere tausend Briefe, E-Mails und Anrufe (darunter etliche mit gleichlautendem Inhalt) erreichten die Redaktion. Diese sah sich zu einer Stellungnahme genötigt, in der sie insbesondere auf ungerechtfertigte Vorwürfe (u.a. unerlaubtes Filmen, mangelnde Äußerungsmöglichkeit der Gemeindeleiter) Bezug nahm und diese sachlich zurückwies. Neben der Kritik erreichten auch Erfahrungsberichte die Redaktion, die den in der Dokumentation geschilderten ähnelten, sowie Dankesschreiben ehemaliger Mitglieder und Angehöriger, dass man diese Thematik aufgegriffen habe. (Stellungnahme der Redaktion. Abrufbar unter: http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/ndr/stellungnahme-mission-unter-falscher-flagg-100.html, Stand 13.02.2014)

Der große Anteil kritischer Reaktionen lag unter anderem sicher daran, dass – anders als der Filmtitel vermuten ließe – keineswegs „sektiererische“ Extremgruppen gezeigt wurden. Die problematisierten fünf charismatischen Gemeinschaften sind Teil der „Evangelischen Allianz in Deutschland“ (DEA), zu der sich neben freikirchlich organisierten auch nicht wenige landeskirchlich gebundene Christen zählen. Die DEA stand ebenfalls in der Kritik der Dokumentation. Verständlich, dass sich viele Christen damit unter Generalverdacht und konträr zur eigenen Glaubenseinstellung in die radikale Ecke gestellt sahen. Das formulierte Selbstverständnis der DEA spricht eine offenere Sprache:
„In ihr pflegen Christen – über ihre Zugehörigkeit zur eigenen Gemeinde hinaus – Gemeinschaft mit anderen Christen aus anderen Denominationen. Dies ist möglich, soweit solche Kirchengemeinschaften nicht für sich und ihre Erkenntnisse die Ausschließlichkeit beanspruchen und auch nicht durch Überbetonung einzelner biblischer Erkenntnisse dem neutestamentlichen Gesamtzeugnis widersprechen bzw. durch ungeistliches Konkurrenzstreben die geistliche Gemeinschaft gefährden.“ (http://www.ead.de/die-allianz/auftrag.html, Stand 13.02.2015)

Die von der DEA am 16.10.2014 veröffentlichte Stellungnahme weist einerseits die Vorwürfe der Dokumentation zurück. Daneben enthält sie durchaus auch selbstkritische Töne: „Hier sollte unter allen Umständen durch eine einseitige Darstellung (…) ein negatives und kritikwürdiges Bild (…) gezeichnet werden. In diesem Sinne liefert der NDR in einem Sendebeitrag über Machtmissbrauch und Manipulation selbst ein eindrückliches Beispiel für Machtmissbrauch eines öffentlich-rechtlichen Senders und der Manipulation seiner Zuschauer. Zugleich kann und will die Deutsche Evangelische Allianz nicht bestreiten, dass Machtmissbrauch und Manipulation in Werken ihres Netzwerkes und eben auch in den im Film angesprochenen Organisationen wirklich vorkamen und leider weiterhin vorkommen können. Auch der DEA liegen als Reaktion auf diesen Filmbeitrag Schreiben betroffener Menschen vor, teils aus im Film dargestellten Gemeinden, teils auch aus ganz anderen Gemeinden und Organisationen. (…) In den Gesprächen zwischen der Deutschen Evangelischen Allianz und den im Filmbeitrag dargestellten Werken haben wir Einvernehmen darüber erzielt, dass ein charismatisches Glaubensprofil, in dem hohe Emotionalität sich durchaus mit einem hierarchischen Leitungsverständnis verbinden kann, eine besondere Sensibilität für mögliche Manipulationen und Machtmissbrauch erfordert.“ (http://www.ead.de/nachrichten/nachrichten/einzelansicht/article/ abschliessende-stellungnahme-der-deutschen-evangelischen-allianz.html, Stand 13.02.2015)

Eine Konsequenz soll sein, dass „… sogenannte „Obleute“ benannt werden, die es Menschen, die Machtmissbrauch oder Manipulation erlebt haben, ermöglichen, sich zur Aufarbeitung oder Lösung eines Konfliktfalles vertraulich an sie zu wenden.“ (ebenda)

Auch in Gesprächen mit unserer Beratungsstelle wurde auf die Sendung Bezug genommen. Die Fragen bezogen sich auf die dort vorgestellten oder ähnliche Gemeinschaften. Manche teilten ihre eigenen Erfahrungen mit, nicht wenige waren um Angehörige besorgt, welche in eine dieser Gemeinden gehen. Andere zeigten sich entsetzt, dass es solchen Fundamentalismus in Deutschland gebe. Die in der Dokumentation genannten Gruppen sind auch uns durch Beratungsgespräche bekannt. Sofern Allianzgemeinschaften von unserer Arbeit durch mehrere oder besondere Fälle betroffen sind hat dies unter Berücksichtigung der Schweigepflicht auch Rückmeldungen an die Regional-Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz zur Folge. Erheblich mehr Beratungsbedarf lösen aber Gemeinschaften aus, welche keinem oder einem sehr exklusiven Gemeindeverbund angehören.

 
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