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Beratung im weltanschaulichen Bereich PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Uta Bange   
Donnerstag, 19. März 2015
Die Informations- und Beratungsstelle Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. ist eine psychosoziale Beratungsstelle mit einer Spezialisierung auf den Themenbereich „neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen“. In diesem Artikel werden die Besonderheiten der Beratungsarbeit im weltanschaulichen Bereich dargestellt sowie die Herausforderungen, die an die MitarbeiterInnen gestellt werden.

In den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts kam es zu einem verstärkten Auftreten der damals sogenannten Jugendreligionen im Straßenbild westdeutscher Städte. Exotische religiöse Bewegungen wie Hare Krishna, Moon-Sekte, Kinder Gottes oder die Bhagwan-Bewegung bekamen viele AnhängerInnen. Die Scientology-Gruppierung zeichnete sich durch Demokratiefeindlichkeit aus, für die Zeugen Jehovas stand der Weltuntergang (Harmagedon) unmittelbar bevor, und viele Jugendliche fühlten sich von satanistischen und okkultistischen Ideen und Gruppen angezogen. Die Sorge der Bevölkerung hinsichtlich der Gefährlichkeit solcher Bewegungen nahm zu. Aus diesem Grund setzte der deutsche Bundestag im Jahre 1996 eine Enquete-Kommission zum Thema „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ ein, um die Gefährdung der Gesellschaft durch diese Gruppierungen zu untersuchen. Im Abschlussbericht der Kommission wurde festgehalten, dass die Gesellschaft als Ganzes durch diese Gruppen nicht in Gefahr ist, ein Gefährdungspotential für Einzelne aber sehr wohl besteht. Es wurde die Notwendigkeit einer professionellen Beratungsarbeit für diesen Bereich herausgestellt mit einem multidisziplinären Ansatz aufgrund der besonderen Ansprüche an diese Aufgabe. Auch wurde vorgeschlagen, den umstrittenen Begriff „Sekte“ nicht mehr zu verwenden, da dieser gesellschaftlich sehr negativ besetzt ist und zu Vorverurteilungen führt (Deutscher Bundestag, 1998, vgl. S. 20-22, S. 69).

Mit dem Ziel, eine Anlaufstelle für betroffene Angehörige und Aussteiger aus Neuen Religiösen Bewegungen (im Folgenden auch NRB) anzubieten, wurde bereits im Jahr 1984 der Verein Sekten-Info Essen gegründet. Aus dem anfänglich ehrenamtlichen Engagement Einzelner wurde innerhalb weniger Jahre eine professionell arbeitende Informations- und Beratungsstelle, die inzwischen seit über 30 Jahren besteht. Inzwischen existiert ein multidisziplinäres Team bestehend aus zwei Pädagoginnen, einer Psychologin, einem Theologen sowie einer Juristin. Die MitarbeiterInnen verfügen über psychotherapeutische oder beraterische Zusatzqualifikationen und es gibt eine zertifizierte Kinderschutzfachkraft. Die Einrichtung wird zu einem großen Teil vom Land NRW finanziert sowie zusätzlich von der Stadt Essen unterstützt. Darüber hinaus finanziert sie sich über Vorträge der MitarbeiterInnen und Spenden. Die Beratungsstelle ist weltanschaulich neutral und unterliegt der Schweigepflicht. Die Beratung ist freiwillig und kostenlos. Im Jahr 2007 wurde die Beratungsstelle umbenannt in Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e. V..
 

Zu folgenden Themenbereichen wird informiert und beraten:

•    Scientology und andere Psychogruppen,
 
•    Synkretistische Neureligionen,
 
•    Fundamentalistische Bewegungen,
 
•    Guruistische Bewegungen,
 
•    Heilergruppen und bedenkliche Aktivitäten im (psycho-) therapeutischen Bereich,
 
•    Esoterische Angebote und Bewegungen,
 
•    Okkultismus/Spiritismus und Satanismus,
 
•    Strukturvertriebe.


Unser Beratungsangebot richtet sich an

  • Menschen, die sich in einer krisenhaften Lebenssituation befinden und Orientierung auf dem Lebenshilfemarkt suchen,
     
  • Menschen, die aus einer konfliktreichen Gruppierung austreten möchten oder ausgetreten sind und Ihre Erfahrungen verarbeiten möchten,
     
  • Angehörige/Freunde, die sich Sorgen machen um Menschen in einer konflikthaften Gruppierung,
     
  • Menschen, die Informationen über oder Einschätzungen zu einer bestimmten Gruppierung suchen,
     
  • MitarbeiterInnen in anderen Institutionen, die im Rahmen einer kollegialen Beratung/Supervision Unterstützung wünschen.


Beratung im weltanschaulichen Kontext


Die Beratung im Sekten-Info soll Menschen, deren Persönlichkeit, zwischenmenschliche Beziehungen, soziale Gefüge, Normen, Werte und Wirklichkeitsdeutungen durch Neue Religiöse Bewegungen in irgendeiner Form erschüttert und/ oder verändert wurden, unterstützen und sie bei der Erarbeitung eigener Lebenswege begleiten. Das Vorgehen ist klientenzentriert, ressourcen- und lösungsorientiert. Es geht hierbei ausdrücklich nicht um eine Beratung gegen eine bestimmte Bewegung oder Weltanschauung, sondern um eine Hilfe zur Klärung der weltanschaulichen Lebensentwürfe von Menschen, die nach Orientierung in diesem Bereich suchen. Die Beratungsarbeit umfasst Einzel- und Paargespräche, Familiengespräche, Kriseninterventionen, Hilfen bei der Reintegration sowie kollegiale Beratungen von anderen Institutionen.

Überlegt ein Mensch, sich von einer NRB zu lösen, so befindet er sich in der Regel in einer psychischen Krisensituation. Oftmals ist er hin- und hergerissen zwischen seinen Zweifeln an der Richtigkeit der Ideologie der Gruppe und der Angst oder Überzeugung, sie könne doch den einzig wahren Glauben verkörpern. Der Schwerpunkt einer solchen Beratung liegt zunächst darin, dem Klienten zu helfen das Für und Wider zu benennen, und gemeinsam mit ihm daran zu arbeiten, seine eigenen Ansichten in Bezug auf den Glauben und die Handlungen in der Bewegung zu finden und zu festigen. So kann er ohne Druck und durch eigenständiges Abwägen zu einer Entscheidung gelangen. Nach dem Austreten aus einer NRB treten oft Schuld- und Schamgefühle auf, die thematisiert und bearbeitet werden können. Häufig tritt im Laufe der Beratung die Sektenproblematik in den Hintergrund. Dann stehen die Entwicklung eigener Ziele, Perspektiven und Ressourcen für die Bewältigung des eigenen Lebens im Vordergrund.

Bei ratsuchenden Angehörigen ist es wichtig, Hilfen zu einer realistischen Einschätzung des Problems zu geben, um übermäßige Ängste abzubauen und vorschnellen Interventionen (z.B. Beschuldi¬gungen, Ablehnung, Belehrungen) vorzubeugen. Angehörige fühlen sich oft hilflos und ohnmächtig den Betroffenen und der Gruppe gegenüber. Es treten Gefühle von Wut, Enttäuschung und auch Schuldgefühle auf. In dieser Situation kommt es häufig zu gegenseitigen Vorwürfen und Schuldzuweisungen. Eskaliert die Situation kann es zu Kontaktabbrüchen kommen. Oft ist es unerlässlich, die grundsätzlichen Kommunikations- und Interaktionsstrukturen innerhalb der Familien zu hinterfragen und zu verändern. Wichtig ist es, dass die Angehörigen versuchen nachzuvollziehen, warum jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens diesen Weg in eine NRB gegangen ist. Den Kontakt zu den Betroffenen aufrechtzuerhalten oder gar zu intensivieren, ist der erste Schritt und ein erstes Beratungsergebnis in der Arbeit mit Angehörigen.


Psychische Abhängigkeit und Suchtverhalten in Neuen Religiösen Bewegungen (NRB)


In Beratungsgesprächen mit Menschen, die intensive Erfahrungen auf dem Esoterikmarkt gemacht haben und mit AussteigerInnen aus Neuen Religiösen Bewegungen entsteht der Eindruck, dass es ähnlich wie bei stoffungebundenen Süchten, wie z.B. Spielsucht, Computersucht oder Arbeitssucht, auch im Bereich der NRB zu einem Suchtverhalten bzw. einer psychischen Abhängigkeit kommen kann.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt den Suchtbegriff zugunsten des Begriffs der Abhängigkeit aufzugeben. Beide Begriffe werden allerdings sowohl von Fachleuten als auch von Laien weiter synonym verwendet. Es gibt bisher keine offiziellen Diagnosekriterien für substanzungebundene Abhängigkeiten. Die „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD-10-GM) der WHO nennt unter der Codierung F63 „Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ exzessive Verhaltensweisen, die Merkmale einer psychischen substanzungebundenen Abhängigkeit aufweisen und von Betroffenen nicht mehr vollständig kontrolliert werden können. Unter F63.0 wird das Pathologische Spielen genannt.

Der Begriff Abhängigkeit bezieht sich streng genommen nur auf stoffgebundene Süchte, wie Alkohol oder Drogen. Im Diagnoseschlüssel ICD-10-GM der Weltgesundheitsorganisation wird von einem Abhängigkeitssyndrom gesprochen, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien während des letzten Jahres erfüllt gewesen sind:

  1. starkes, oft unüberwindbares Verlangen, die Substanz einzunehmen
     
  2. Schwierigkeiten, die Einnahme zu kontrollieren (was den Beginn, die Beendigung und die Menge des Konsums betrifft)
     
  3. körperliche Entzugserscheinungen
     
  4. benötigen immer größerer Mengen, damit die gewünschte Wirkung eintritt
     
  5. fortschreitende Vernachlässigung anderer Verpflichtungen, Aktivitäten, Vergnügen oder Interessen (das Verlangen nach der Droge wird zum Lebensmittelpunkt)
     
  6. fortdauernder Gebrauch der Substanz(en) wider besseres Wissen und trotz eintretender schädlicher Folgen (ICD-10-GM, F10-F19, Version 2015)

Bezogen auf Menschen in NRB zeigt sich, dass die genannten Kriterien, die für die Diagnosestellung einer Abhängigkeit notwendig sind, in vielen Fällen zutreffen. So besteht ein sehr starkes Verlangen nach der Anwesenheit in einer Gruppe/ Gemeinde und vor allem den religiösen Praktiken, wie beten, meditieren oder chanten (Kriterium 1).

Ein Kontrollverlust setzt dann ein, wenn die Betreffenden die Kontrolle über ihr Verhalten und ihre Einstellungen an einen Guru, Führer, eine Gruppe oder ein geistiges Wesen abgeben. Problematisch wird es, wenn jegliche Lebensentscheidung in Abhängigkeit von dem Ratschlag des Gurus gefällt wird, oder Entscheidungen ausgependelt werden und eine magische Bindung an eine imaginierte Macht entsteht (Kriterium 2).

Entzugserscheinungen zeigen sich, wenn eine Person aus einer NRB aussteigen will oder jemand versucht bewusstseinserweiternde Praktiken, wie z.B. meditieren zu unterlassen. Im Gegensatz zu stoffgebundenen Süchte zeigen sich die Entzugserscheinungen weniger körperlich als vielmehr auf der psychischen Ebene. Ängste, Stress, Depressionen oder generelle Unsicherheit können auftreten. So kann es zu massiven Ängsten kommen, wenn jemand aus einer Gruppe mit einem strafenden Gottesbild, es unterlässt regelmäßig zu beten (Kriterium 3).

Zu einer Dosissteigerung kommt es, wenn jemand immer mehr und intensivere spirituelle Erfahrungen in immer weiteren Seminarbesuchen sucht, oder eine immer intensivere Anbindung an eine Gruppe gesucht wird (Kriterium 4).

Die NRB oder die Beschäftigung mit esoterischen Praktiken nimmt einen immer größeren Raum im Leben der Menschen ein. Die Lehre, die Gruppe, die Missionierung werden zum einzigen Lebens¬inhalt. Beruf, Familie, selbst die eigenen Kinder, Freunde, Hobbies werden massiv vernachlässigt. Der Kontakt außerhalb der Gruppe wird auf ein Minimum eingeschränkt (Kriterium 5).

Trotz der Konsequenzen, wie Scheidung, Vernachlässigung der Kinder oder finanzieller Probleme wird an der Berufung zu einem neuen, spirituellen Leben festgehalten (Kriterium 6) (vgl. Gross, 2000, S. 297-299).

Die Ursachen für die Entstehung einer Abhängigkeit finden sich in der Lebensgeschichte eines Menschen. Frühkindliche Erfahrungen spielen dabei eine große Rolle. Werden beispielsweise die Bedürfnisse eines Kindes nicht wahrgenommen, so kann sich kein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln. Später werden dann Gefühle von Wertlosigkeit und Leere durch das süchtige Verhalten gefüllt. Auch die religiösen Einstellungen und Verhaltensweisen der Eltern sind mitentscheidend. Ob und wieweit kritische Lebensphasen wie Pubertät, Ausbildung oder Studium angemessen bewältigt werden kann ebenfalls eine Rolle hinsichtlich der Gefährdung einer Abhängigkeitsentwicklung spielen. Der Auslöser, sich einer bestimmten Gruppe anzuschließen, ist dann sehr häufig ein akutes Krisenereignis im Leben eines Menschen. Dazu gehören Situationen wie eine Trennung, eine Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Neben akuten persönlichen Krisen kann auch eine spirituelle Sinnsuche oder eine generelle Orientierungslosigkeit zum Eintritt in eine NRB führen.

Ob es zu einer psychischen Abhängigkeit kommt, hängt zum einen von den oben genannten individuellen Faktoren ab und zum anderen von der Gruppierung in die jemand eingetreten ist. Die Konfliktträchtigkeit einer Gruppierung lässt sich anhand verschiedener Bereiche einschätzen. Je extremer die einzelnen Punkte ausgeprägt sind, desto wahrscheinlicher kommt es zu einer psychischen Abhängigkeit.

1.    Ideologie
Eine überwertige Idee leitet das Handeln der Gruppe. Beispielsweise glaubt man daran, dass das Paradies auf Erden oder der „neue Mensch“ mithilfe der Lehre kurzfristig herstellbar ist. Die Gruppe hat das Wahrheitsmonopol. In der Gruppe herrscht ein Schwarz-Weiß-Denken vor. Die Welt soll gerettet werden.

2.    Die zentrale Figur
Es gibt einen Guru, einen Meister oder ein Medium, der bzw. das verehrt wird und absolute Autorität ausübt. Eine Charismatisierung der Führungsfigur wird betrieben.

3.    Gruppenstruktur
Die Gruppe hält fest zusammen und schottet sich nach außen hin ab. Es herrscht ein Elitebewusstsein. Ein Missionierungszwang und/oder eine Märtyrerideologie prägen das Gruppenbewusstsein

4.    Einfluss auf das Mitglied
Es wird eine Entindividualisierung betrieben. Die Gruppe ist wichtiger als der Einzelne. Es wird totale Hingabe gefordert. Die Lebensgestaltung ist stark reglementiert. Das Gruppenmitglied bricht mit seiner Lebensgeschichte. Beziehungen werden abgebrochen. Eine Gruppenidentität wird angenommen verbunden mit dem Verlust der Realität und der Tauglichkeit für ein Leben außerhalb der Gruppe.

5.    Techniken zur Persönlichkeitsveränderung
Es werden emotionsmobilisierende, emotionsblockierende, euphorisierende und bewusstseinserweiternde Techniken eingesetzt (z.B. Chanten, Meditation, Hyperventilation, Zungenreden). Ein spirituelles Erlebnis wird angestrebt. Zu Labilisierungen kann es durch Fasten, Schlafentzug oder Überforderung kommen.

6.    Kontakte nach außen und Umgang mit Ehemaligen und Kritikern
Die Gruppe kapselt sich ab. Verschwörungstheorien herrschen vor. Ehemalige oder Kritiker werden zu Unpersonen erklärt oder auch massiv eingeschüchtert (vgl. Gross, 2000, S. 293-296).


Das Passungsmodell: Ein Interaktionsmodell


Unser Beratungsansatz beruht auf einem Interaktionsmodell. Die Mitgliedschaft und psychische Abhängigkeit in NRB und in der Esoterikszene ist das Ergebnis der Interaktion zwischen Individuum und Gruppierung. Dabei müssen die Lebensgeschichte der betroffenen Person, die Dynamik ihres sozialen Umfeldes, ihre persönlichen Bedürfnisse und Ängste und die Angebote der weltanschaulichen Gruppe auf ihre Wechselwirkung hin untersucht, verstanden und bewertet werden. Denn es ist davon auszugehen, dass „kein Mensch einer weltanschaulichen Gruppe beitritt, um sein Leben zu ruinieren, sondern eine Gemeinschaft sucht, von der er hofft, dass sie ihn bei der Erreichung seiner Ziele und Erfüllung seiner Wünsche hilft, die er in seinem bisherigen Leben, mit seinen bisherigen Möglichkeiten, nicht erreichen konnte“ (Busch; Poweleit, 2004, S. 223f). Eine Passung zwischen dem Betroffenen und der NRB besteht dann, wenn die Bedürfnisse des Suchenden optimal zu den Angeboten der Gruppe passen.

Das Besondere an der Beratungsarbeit im Sekten-Info ist, dass unsere BeraterInnen neben der beraterischen/ psychotherapeutischen Kompetenz zusätzlich über ein umfangreiches und fundiertes Wissen über die einzelnen Gruppierungen besitzen müssen. Diese sogenannte Feldkompetenz beinhaltet das Wissen darüber, woran die Gruppe glaubt, wie das Leben in der Gruppe abläuft, welche Strukturen vorherrschen, welche Rituale praktiziert werden, welcher Umgang untereinander gepflegt wird, welchen Beeinflussungs- und Manipulationstechniken verwendet werden und vieles mehr. Viele Klienten sind zu Beginn der Beratung misstrauisch den BeraterInnen gegenüber. Manche fühlten sich mit ihren Erfahrungen bei früheren Therapieversuchen nicht verstanden oder ernst genommen. Über das gruppenspezifische Wissen der BeraterIn entsteht in der Regel das Vertrauen, sich auf den Beratungsprozess einzulassen. Dies ist ein wichtiger und entscheidender Faktor für den Erfolg der Beratung.

Beratung im weltanschaulichen Bereich ist Beratung mit drei Einflussgrößen. Zum einen die Person, die Hilfe sucht, ihre Befürchtungen und Erwartungen und die Einflüsse ihres Umfeldes. Zum anderen die beteiligte Weltanschauungsgruppe mit ihren Überzeugungen und Methoden. Zum dritten noch die BeraterIn mit ihrer persönlichen Ausbildung und ihrer weltanschaulichen Position.


Die Bedeutung der Spiritualität in der Beratung


Für Menschen, die in unsere Beratungsstelle kommen, spielen in der Regel spirituelle Erfahrungen eine große Rolle. Aber nicht nur hier: Rückblickend geben bis zu 90% der Erwachsenen an, in ihrem Leben spirituelle Erfahrungen gemacht zu haben. Diese sind subjektiv real und können eine entscheidende Rolle für das Leben und auch die Bewältigung späterer Krisen bilden (Gotard, 2013, zit. nach Utsch, 2014a, S. 2). Insofern wäre es wünschenswert, wenn diese in Beratung und Therapie eine größere Rolle spielen würden. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist jeder Mensch spirituell, weil er spätestens angesichts des Todes existentielle Erfahrungen im Umgang damit macht. Spiritualität ist die Reflexion der Erfahrung, die im Umgang mit existentiellen Krisen gemacht wird. Inzwischen gibt es immer mehr wissenschaftliche Studien, die belegen, dass sich psychologische Effekte religiöser Glaubensüberzeugungen wie Vertrauen, Hoffnung, Sinngebung oder Vergebensbereitschaft positiv auf die Gesundheit auswirken können. Menschen mit stabilen Glaubensüberzeugungen können Lebenskrisen wie eine schwere Erkrankung oder Verluster¬fahrungen besser bewältigen (Pargament, 1997, zit. nach Utsch, 2014b, S. 15). In einer Studie wurde Sinnfindung als Bewältigungsmöglichkeit bei einer lebensbedrohlichen Darmkrebserkrankung untersucht. Religiösen Menschen gelang es schneller und besser, mit der Bedrohung „Krebs“ umzugehen als Personen, bei denen Religiosität keine Rolle spielte. Angst und Depression waren geringer ausgeprägt und die Lebensqualität war höher. Häufig konnte der Krankheit ein Sinn abge¬rungen werden (Groß, 2009, zit. nach Utsch, 2014b, S. 15). Allerdings sind einige Formen der Religion hilfreicher als andere. Eine verinnerlichte überzeugungsgeleitete Religion, die auf einer vertrauensvollen Gottesbeziehung beruht, wirkt sich positiv auf das seelische Gleichgewicht aus, während eine rein anerzogene und unreflektierte Religion sowie eine schwach ausgeprägte Gottesbeziehung das Wohlbefinden beeinträchtigen. Auch kontroverse Formen der Religion wie etwas der Fundamentalismus haben neben Nachteilen auch Vorteile. Fundamentalistische Religiosität stillt die Sehnsucht nach Gewissheit und bietet klare Handlungsanweisungen angesichts unübersichtlicher Vielfalt. Besonders hilfreich erweist sich Religion für soziale Randgruppen und für solche Menschen, die Religion ganzheitlich in ihr Leben einbeziehen (Pargament, 2000, zit. nach Utsch, 2014a, S. 4f). Ambivalente Ergebnisse zeigte eine Studie von Zwingmann et al., 2006 (zit. nach Utsch, 2014a, S. 4f): Hier wurden 200 deutsche Frauen zur Bedeutung ihrer Religiosität bei der Verarbeitung von Brust¬krebs befragt. 36 Prozent der Frauen gaben an, dass ihnen ihr Glaube hilft, auch in scheinbar aussichtslosen Situationen einen Sinn zu sehen, und 45 Prozent fanden durch ihren Glauben Trost und Hoffnung. Bei einem kleinen Teil der Stichprobe kam es zu negativen religiösen Emotionen, weil diese Frauen die Erkrankung als Strafe Gottes erlebten und dadurch mit Schuldfragen belastet wurden. Auch in anderen Studien konnte gezeigt werden, dass sich ein positives Gottesbild eher gesundheitsfördernd auswirkt, während ein negatives Gottesbild mit einem strafenden Gott auch zu psychischen Problemen führen kann. Um der religiösen Vielfalt und den individuellen Bedürfnissen der Klienten gerecht zu werden ist eine spirituelle Kompetenz in Beratung und Therapie wichtig. Dazu gehört auch eine Reflexion der eigenen spirituell-religiösen Biografie und des eigenen weltanschaulichen Standpunktes.


Juristische Beratung


Zusätzlich zur psycho-sozialen Beratung besteht im Sekten-Info Nordrhein-Westfalen die Möglichkeit einer juristischen Beratung. Familienrechtliche Fragen in Zusammenhang mit NRB beziehen sich häufig auf Sorge- oder umgangsrechtliche Regelungen nach Trennungen von Eltern, bei denen ein Elternteil Mitglied in einer NRB ist. Häufig wird nach den Gefahren einer Kindeswohlgefährdung durch die Mitgliedschaft der Eltern oder eines Elternteils in einer solchen Gruppierung gefragt. Weiterhin gibt es Beratungsfälle zum Arbeitsrecht, Erbrecht, Vertragsrecht und zum Äußerungsrecht


Vernetzung


In einem so vielschichtigen Bereich wie dem der NRB, in dem es immer wieder zu Veränderungen kommt, ist es unerlässlich, sich mit anderen Fachleuten auszutauschen, um immer auf dem neuesten Stand der Entwicklungen zu sein. Fachberater aus dem Bereich NRB sind europaweit in Kontakt und tauschen Informationen aus. Der Sekten-Info ist in mehreren Arbeitskreisen psychosozialer Einrichtungen vertreten. Als Spezialberatungsstelle ist unsere Einrichtung in ganz NRW bekannt und kann als Ansprechpartner für psychosoziale Berater anderer Beratungsstellen fungieren.


Literatur


Deutscher Bundestag, Referat Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.) (1998). Abschlussbericht der Enquetekommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“: Neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen in der Bundesrepublik Deutschland, http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/13/109/1310950.pdf, abgerufen am 19.1.20015

Dlubis-Mertens, K. (2003): Stoffungebundene Süchte: Verändertes Suchtverständnis.
Deutsches Ärzteblatt, http://www.aerzteblatt.de/archiv/39336/Stoffungebundene-Suechte-Veraendertes-Suchtverstaendnis, abgerufen am 25.9.2014

Gross, W. (2000) Psychische Abhängigkeiten in Esoterikszene und neureligiösen Gruppierungen – Theorie und Therapie. In: Poppelreuter, S. und Gross, W. (Hrsg.), Nicht nur Drogen machen süchtig. Entstehung und Behandlung von stoffungebundenen Süchten. Weinheim: Psychologie Verlags Union

Busch, H.; Poweleit D. (2004) Seelisches Gleichgewicht und weltanschauliche Konversion:
Das Modell der Relativen Psychischen Balance (RPB) in der weltanschaulichen Beratung.
In: Busch, H.; Schubert, F. (Hrsg.), Lebensorientierung und Beratung. Sinnfindung und weltanschauliche Orientierungskonflikte in der (Post-)Moderne. Schriften des Fachbereichs Sozialwesen der Hochschule Niederrhein. Band 39

Utsch, M. (2014a) Einleitung. In: Utsch, M.; Bonelli M. Raphael; Pfeifer, S. (Hrsg.), Psychotherapie und Spiritualität. Mit existentiellen Konflikten und Transzendenzfragen professionell umgehen. Berlin. Heidelberg. Springer-Verlag

Utsch, M. (2014b) Existentielle Krisen und Sinnfragen in der Psychotherapie.
In: Utsch, M.; Bonelli M. Raphael; Pfeifer, S. (Hrsg.), Psychotherapie und Spiritualität.
Mit existentiellen Konflikten und Transzendenzfragen professionell umgehen. Berlin. Heidelberg. Springer-Verlag
 
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