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Präventionsarbeit an Schulen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Christoph Grotepass & Sabine Riede   
Donnerstag, 19. März 2015
Der Artikel widmet sich der unvermindert wichtigen Aufklärungsarbeit zu weltanschaulichen Themen an Schulen. Diese muss den sich verändernden Entwicklungen und Strukturen des Weltanschauungsmarktes Rechnung tragen. Die statistische Auswertung der Beratungsarbeit zeigt, dass weltanschauliche Angebote in unserer Gesellschaft immer vielfältiger werden. Für die Präventionsarbeit bedeutet das eine Abkehr von rein gruppenorientierten Ansätzen, welche sich darin erschöpft, einige bekannte sogenannte „Sekten“ darzustellen. Der inzwischen unüberschaubare Markt weltanschaulicher Angebote kann so nicht mehr praktikabel beschrieben werden. Hilfreicher ist die Sensibilisierung für konfliktträchtige Strukturen, um sie frühzeitig als solche zu erkennen. Hier gilt es Schulkinder so zu stärken, dass sie später ihrer Wahrnehmung trauen und selbstverantwortlich für ihren Selbstschutz eintreten können. Die Aufklärungsarbeit soll Jugendliche in die Lage versetzen, unrealistische Versprechungen zu durchschauen und entsprechende Angebote einordnen zu können. Hierfür braucht es praktische Hilfestellungen und Übung. Die Beratungsstelle des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen unterstützt Schulen und Familien mit Fachwissen und Beratung. Eine Materialsammlung für Lehrkräfte soll zusätzlich Hilfestellung bieten.

Präventionsarbeit des Vereins Sekten-Info Nordrhein-Westfalen

Seit Gründung des Vereins 1984 (damals noch Sekten-Info Essen e.V.) gehört die Präventions- und Aufklärungsarbeit zum Aufgabenbereich der Informations- und Beratungsstelle des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.. Ab und zu erzählen Ratsuchende, dass sie sich in einer aktuellen Problemlage an eine Aufklärungsveranstaltung des Vereins in der Schulzeit erinnern und sich deshalb nun an uns wenden. Hinzu kommen von uns durchgeführte Seminare für Lehrkräfte, sowie deren Unterstützung bei der Vorbereitung von Unterrichtseinheiten und Schulprojekten. Da die Hauptaufgabe, die Informations- und Beratungstätigkeit, nicht vernachlässigt werden darf, erfährt die Präventionsarbeit leider in den letzten Jahren eine natürliche Grenze durch die Arbeitskapazitäten der Mitarbeiterinnen.

Wandel der Inhalte der Präventionsarbeit

Die Effekte der Globalisierung tragen zur Verbreitung und Vermischung weltanschaulicher Ideologien bei. Die wachsende Akzeptanz gegenüber einem Pluralismus von Weltdeutungen führt zu bedürfnisorientiertem Konsum weltanschaulicher Angebote. Die oft an familiäre Traditionen geknüpfte Bindekraft der großen Kirchen nimmt dagegen ab. An der Statistik der Beratungszahlen lässt sich auch ein Rückgang von Konflikten mit den in den 80er Jahren sogenannten Jugendreligionen ablesen. Die kontinuierliche Aufklärungsarbeit konnte, auch in Zusammenarbeit mit den Medien, sicherlich einen Beitrag dazu leisten. Der Rückgang betrifft beispielsweise auch die Scientology Organisation. Aber aufgrund der Unübersichtlichkeit der verschiedenen Tarnorganisationen bleibt die Notwendigkeit zur Aufklärung erhalten. Der Einzelne kann leicht auch ganz unverhofft in Kontakt mit dieser Organisation kommen. Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas bleibt in der Präventionsarbeit ebenfalls darstellenswert. Die gerichtlich erstrittene Zuerkennung des Status einer Körperschaft öffentlichen Rechtes (gleich anderen großen Religionsgemeinschaften) in den meisten Bundesländern hat bisher nicht zu einer nennenswerten Öffnung gegenüber der Gesellschaft geführt.

Zusätzlich zu diesen beiden Glaubensgemeinschaften gibt es eine nicht unerhebliche Anzahl kleiner, wenig bekannter Gruppierungen mit konfliktträchtigen Strukturen. Ihre Zahl nimmt ständig zu, ebenso wie die Anzahl unseriöser Angebote auf dem alternativen Gesundheits- und Lebenshilfemarkt. Die fortschreitende Individualisierung schlägt sich im wachsenden Angebot nieder. Ehemals tragfähige gesellschaftliche Normen und Lebenskonzepte werden weiterhin hinterfragt und fragmentiert. Wir erleben einen gesellschaftlichen Trend, bei dem Menschen unabhängig von verbindlichen (lebens-) langen Gruppenzugehörigkeiten das aktuelle religiöse oder spirituelle Erleben in den Vordergrund rücken. Einerseits lassen die Annahme verborgener Kräfte und der Wunsch nach Hilfestellungen durch übersinnliche Wesenheiten den Esoterik-Markt mit Büchern und Seminaren nach wie vor boomen. Manche „Geistheiler“ und Coachs genießen Kult-Status. Andererseits zeigt das Wachstum kleiner christlich-fundamentalistischer Gemeinden den Bedarf nach fühlbarer Begleitung durch die Glaubensgeschwister und den heiligen Geist. Verbindliche Lebensregeln geben dabei eine klare Orientierung. Daneben etablieren sich extremistische Gruppierungen. Die fanatischsten Prediger der sogenannten „Salafisten“ rechtfertigen zu deren Durchsetzung auch Gewalt oder motivieren junge Menschen zur „gottgewollten“ Teilnahme an Bürgerkriegen, wie aktuell in Syrien. Es lockt die Macht der Gruppe und eine gesteigerte Eigenbedeutung in einem apokalyptischen Szenario.

Inzwischen kann man sich gut und kritisch im Internet über neue religiöse Bewegungen informieren. Voraussetzung ist hierbei aber eine entsprechende Medienkompetenz. Denn auch diese Bewegungen haben ihre Internetpräsenz aufgepeppt und werben über soziale Netzwerke wie Facebook und Youtube. Unübersichtlich wird es insbesondere bei den vielen kleinen Grüppchen und Angeboten, zu denen es oft noch keine kritischen Erfahrungsberichte gibt. Ungeachtet ihrer geringen Größe kann gerade von ihnen beträchtliche Gefahr ausgehen. Detaillierte Informationen zu möglichst vielen Gruppierungen sind nicht mehr praktikabel vermittelbar. Besser ist die Vermittlung einiger wichtiger Konfliktmerkmale und die Befähigung zur Selbsthilfe (an wen kann ich mich bei was für Fragen und Problemen wenden?). Idealerweise kann eine „gesunde Skepsis“ vor großen Versprechungen und schnellen Problemlösungen eingeübt werden. Bei einem schulischen Training wissenschaftlichen Denkens soll keineswegs dumpfe „Wissenschaftsgläubigkeit“ eingeimpft werden, die nur gelten lässt, was beweisbar ist. Dies würde auch dem prinzipiell offenen Charakter des wissenschaftlichen Forschens widersprechen. Für die Orientierung in einer pluralistischen Gesellschaft wird neben der Toleranz Andersdenkenden gegenüber auch die Fähigkeit des kritischen Hinterfragens gebraucht. Wer die Möglichkeit hat, sich seinen Bedürfnissen gemäß zu informieren, kann sich besser vor Betrug und Abhängigkeit schützen.
 

Warum wird „so etwas“ nicht verboten? Demokratie & mündige Bürger

Jugendliche fragen bei Schulveranstaltungen - insbesondere angesichts mancher Fallbeispiele, bei denen Menschen zu Schaden kamen - warum „so etwas“ nicht verboten werden könne. Nachweisbare Straftaten und Betrug können natürlich geahndet werden. Doch lassen sich Gefahren nicht ausräumen. Es ist die manchmal schwer verständliche Kehrseite unserer freiheitlichen Demokratie. Der selbstverantwortliche Bürger genießt weitreichchende und unveräußerliche Rete. Diese erfreuliche Tatsache bedeutet im Umkehrschluss, dass er auch die Freiheit und das „Recht“ hat, sich in ideologische Abhängigkeiten zu begeben. Er hat das Recht eine rettende Bluttransfusion (z.B. Zeugen Jehovas) oder eine andere Therapie aus Glaubensgründen abzulehnen. Wie auch bei anderen Gefahren (Extremsportarten, Alkohol, Rauchen) kann und soll der Staat den Bürger nicht einfach bevormunden. Staatliche Fürsorge stellt aber Beratungsmöglichkeiten und Präventionsmaß-nahmen bereit. Die Öffentlichkeit kann vor schädlichen gesellschaftlichen Entwicklungen gewarnt werden. Für Schutzbedürftige, insbesondere Kinder und Jugendliche, gelten gesonderte Bestimmungen. Unter Umständen kann der Staat mit Hilfe des Jugendamtes eingreifen. So etwa 2013 nach dem Beweis der Züchtigung von Kindern in der Gemeinschaft der „Zwölf Stämme“ in Bayern. Die Kinder wurden in Obhut genommen.

Tatsächlich gibt es im Bereich der weltanschaulichen Beratungsarbeit einige strukturelle Ähnlichkeiten mit stoffungebundenen Süchten. Autoritäre Strukturen können abhängig machen und das Selbstwertgefühl zerstören. Stundenlanges Meditieren, Mantren- oder Lobpreis-Singen kann zur Flucht vor Problemen, zum Ausschalten negativer Emotionen benutzt, bzw. missbraucht werden. Magische Denkweisen und Ängste vor übersinnlichen Wesenheiten machen unfrei. Daher ist Aufklärung zum Selbstschutz und zum Auffinden passender Hilfe wichtig. Auch in der Beratungsarbeit wird die aufgeklärte Entscheidungsfähigkeit und Eigenverantwortlichkeit gefördert.

Weltanschauliche Themen an der Schule aufgrund eigener Betroffenheit

Bei den Präventionsveranstaltungen der letzten Jahre zeigte sich: Neben dem Wunsch, Informationen zu verschiedenen Gruppierungen zu bekommen, gibt es nach wie vor Interesse an „okkulten“ Themen und Praktiken. Beim Thema Gläserrücken und Pendeln kann stets mit eigenen Erfahrungen gerechnet werden. Auch „Geisterbeschwörungen“, beispielsweise in einem dunklen Raum mit Kerzen vor dem Spiegel, werden noch in der Schülerschaft ausprobiert. Vermindert erscheint die Faszination an der Astrologie. Auffallend ist dagegen ein verstärktes Interesse in den letzten fünf Jahren an Verschwörungstheorien, z.B. über die Illuminaten. Hierbei fällt gerne auch der Begriff Satanismus, wobei ihm inhaltlich oft wenig zugeordnet werden kann. Nur vereinzelt verfügen Schüler über detailliertes Wissen. Entsprechende satanistische Schriften sind leicht über das Internet verfügbar. Ein Nachgespräch mit dem Lehrer über eventuelle belastende, persönliche Hintergründe, die zu diesem Interesse geführt haben, kann sinnvoll sein.

Angesichts der Vielfalt der Themen ist eine umfassende Behandlung für Lehrer nicht ohne zusätzliche Beschäftigung leistbar. Eine Besprechung von „okkulten Praktiken“ wie Pendeln, Gläserrücken, Geisterbeschwören im Unterricht muss intensiv vorbereitet werden und klar strukturiert sein, will man keine ungewünschte Verunsicherung oder Verselbständigung bewirken. Wichtige Themen sind die Relativität der Wahrnehmung, Koinzidenzen (zeitgleiche Geschehnisse müssen nicht in ursächlichem  Zusammenhang stehen), physiologische Aspekte wie der Carpenter-Effekt, psychologische Verarbeitungsmuster (Barnum-Effekt), sowie Tricks und Täuschungsmöglichkeiten. Es muss zudem mit entsprechenden Erfahrungen gerechnet werden, auch wenn auf Nachfrage keine genannt werden. Manche Jugendliche behalten diese aus Sorge um ihr Ansehen in der Klasse lieber für sich. Entsprechend müssen Schüler bei Schilderung von eigenen Erfahrungen unter Umständen vor Häme der Mitschüler geschützt werden. Wenn zunächst unerklärliche Erlebnisse geschildert werden kann es zudem nicht allein darum gehen, die geschilderten Phänomene von oben „wegzuerklären“. Besser ist es, unter Einbezug der Mitschüler zunächst andere, schlüssigere Erklärungsmöglichkeiten daneben zu stellen. Wenn etwa ein vermeintliches Geistererlebnis sehr eindrücklich war, wird aufgrund der starken Empfindungen an der eigenen Sichtweise festgehalten. Außerdem gilt es zu berücksichtigen, dass manche „Erfahrungen“ auch einem anderen Zweck dienen können (etwa bei der konflikthaften Verarbeitung eines Todesfalls in der Familie). Über den Lehrer können eventuell Gespräche mit Schulkind oder Eltern in unserer Beratungsstelle vereinbart werden.

Die Eltern mancher Schulkinder sind selbst Anwender esoterischer Verfahren, Anbieter alternativ-medizinischer Therapien oder Mitglieder konfliktträchtiger Gruppierungen. Wenn ein Schulkind einer bestimmten Gemeinschaft angehört können sich hieraus Fragen für den Umgang ergeben. Kinder aus fundamentalistischen Gemeinschaften fallen gelegentlich durch vehemente Ablehnung der Evolutionstheorie auf. Eltern formulieren nicht selten Vorbehalte gegen bestimmte Unterrichtsthemen oder lassen ihre Kinder an einem Tag, an dem Sexualkunde unterrichtet werden soll, nicht zur Schule. Auch Filmvorführungen und Unterrichtslektüre mit Bezügen zu Magie und Zauberei (Harry Potter oder Krabat) werden boykottiert. Hier bieten wir LehrerInnen nicht nur Informationen, sondern auch supervisorische Hilfestellung in Bezug auf den Umgang mit Kindern und Eltern an.

Zum schwierigen Umgang mit dem Thema Esoterik

Eine kritische Distanz gegenüber esoterischen Themen fällt vielen Menschen zunehmend schwer. Wurden esoterische Vorstellungen früher eher belächelt, so gibt es heute keinen Lebensbereich mehr, der von solchen Angeboten ausgenommen wäre. Diese beobachtbare Esoterisierung der Gesellschaft fördert eine unkritische Toleranz auch gegenüber Angeboten, die auf wissenschaftlich widerlegten Konzepten basieren. Die oft mit Pseudo-Fachvokabular (Schwingungsfrequenzen) und Verweisen auf wissenschaftliche Konzepte (Relativitätstheorie, Quantenmechanik) gespickten Angebote machen es den Verbrauchern zusätzlich schwer, ohne eigenes Fachwissen gut begründete, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Deshalb kann es passieren, das esoterische Verfahren, wie z.B. die Edu-Kinestetik (Brain-Gym), unreflektiert auch von Lehrern an der Schule angewandt werden.
 

Hinweis auf aktuelle Materialsammlung für den Unterricht auf unserer Webseite

Die Vielfalt der Themen bietet Möglichkeiten zur Thematisierung in verschiedenen Fächern wie Philosophie, Ethik, Politik und Religion. Aber auch in den naturwissenschaftlichen Fächern können mit Versuchsanordnungen esoterische Angebote überprüft, oder die pseudo-wissenschaftliche Verwendung von Fachbegriffen entlarvt werden (z.B. bei „strahlenmindernden“ Handy-Chips oder den mit „quantenphysikalische Effekten“ arbeitenden Benzinsparhilfen). Für einen leichteren Zugang zu hilfreichen Materialien für den Unterricht wird eine übersichtliche Materialsammlung erstellt. Bereits vorhandene Materialien sollen nach und nach durch weitere ergänzt werden. Die Sammlung ist auf der Webseite (www.sekten-info-nrw.de) zu finden unter dem Stichwort: Material Präventionsarbeit.

Auf der Webseite befinden sich weitere vertiefende Artikel zu den Themenbereichen Esoterik, alternative Therapien, Coaching, Christlicher Fundamentalismus, Zeugen Jehovas, Scientology, Salafismus, sowie Artikel zu rechtlichen Fragestellungen. Diese Artikel sind zudem in der Beratungsstelle erhältlich.

2008 haben wir in Zusammenarbeit mit dem Referat „Sekten- und Weltanschauungsfragen“ der rheinischen Landeskirche und dem Bergmöser & Höller Verlag eine Arbeitshilfe für Schulen erstellt. Neben einem an individuellen menschlichen Bedürfnissen orientierten Erklärungsansatz werden auch einige Gruppierungen vorgestellt. Sie ist inzwischen nur noch als PDF im Download beim Verlag oder bei uns erhältlich.

 
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