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2014 - Erfahrungsbericht: Im Paradies der grasfressenden Löwen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heike Heinz   
Freitag, 20. März 2015
Rezension zum Erfahrungsbericht:

Im Paradies der grasfressenden Löwen

Meine Jugend bei den Zeugen Jehovas
Wer kennt sie nicht, die Zeugen Jehovas? Sie werben auf den Straßen, mittlerweile mit modernen, fahrbaren Zeitschriftenständern, klingeln an unseren Türen oder gehen gezielt und geschickt auf Menschen in Krisensituationen zu, mit dem Ziel, alle Nichtgläubigen vor dem nahenden Weltuntergang zu retten. Denn bei Harmageddon, der angeblich bald zu erwartenden Apokalypse, werden ihrem Glauben nach, alle Nicht-Zeugen vernichtet.

Der breiten Öffentlichkeit sind die Charakteristiken dieser Glaubensgemeinschaft weitgehend bekannt. Ob es die Nachbarn sind, der Arbeitskollege oder der Mitschüler, man weiß, dass sich die Zeugen Jehovas auf die Bibel berufen. Freundschaften mit Andersgläubigen sind schwierig zu pflegen, Feiertage, egal ob es sich um staatliche oder christliche, oder um Geburtstage handelt, werden abgelehnt und bei medizinischen Eingriffen kommt es immer wieder zu Debatten wegen des Verbotes der Bluttransfusion. Die zeitliche Einbindung der Mitglieder in die eigene Entwicklung und der Missionsdienst, lässt ihnen wenig Zeit, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. All das ist bekannt. Weniger bekannt sind allerdings die Auswirkungen dieser Vorgaben auf den Einzelnen.

Um so wichtiger ist es, dass es Menschen gibt, die aus welchen Gründen auch immer, Mitglieder solcher Gemeinschaften waren, und nach ihrem Ausstieg bereit sind, ihre Erfahrungen und Innenansichten Anderen mitzuteilen.

So auch die Geschichte von Esther Fieber. Ihre Erinnerungen reichen bis weit in Ihre Kindheit zurück, die durch eine streng gläubige Familie der Zeugen Jehovas bereits früh von Angst geprägt war. Esther entwickelt frühzeitig Taktiken, um die strengen Glaubensgrundsätze der Eltern zu umgehen, wie zum Beispiel ihre Freundschaft zu Anna. Trotz der Warnungen der Mutter vor Andersgläubigen, entwickelt sich zwischen Esther und der Nichtzeugin Anna, eine tiefe Freundschaft. Anna, aus einem problembehafteten Elternhaus stammend, findet bei ihrer Freundin Hilfe und Unterstützung. Sie darf Esther sogar zu Hause besuchen und Zeit mit ihr verbringen. Grund für dieses Wohlwollen ist eine ausgeklügelte Lüge der beiden Mädchen, indem sie Esthers Mutter Annas Interesse an Jehovas Wort vortäuschen. An solchen und einigen anderen Beispielen verdeutlicht die Autorin, welche Strategien bereits Kinder entwickeln, um den strengen Regeln der Glaubensgemeinschaft zu entkommen und zu lernen, eigene Gedanken und Gefühle zu verbergen.

 Trotz des ständigen Glaubensdrucks innerhalb der Familie und der Einmischung der Kirche in die Familiengestaltung, lernt Esther immer wieder Menschen kennen, die sie zum Nachdenken anregen und ihr Hilfe und Unterstützung anbieten. Nicht zuletzt ihre Großeltern väterlicherseits oder eine Tante mütterlicherseits. Aber der Einfluss der Glaubensgemeinschaft ist umfassender und stärker. Esthers Leben verläuft weiter in fortwährenden emotionalen Auf und Abs, die schließlich in der Abwendung von der Gemeinschaft gipfeln. Enttäuscht vom neuen Partner und von der eigenen Familie entfremdet, nicht zuletzt von einer mittlerweile radikalisierten Schwester und deren Familie, wird sie mit der ernsthaften Erkrankung ihres Vaters konfrontiert. Ester und zwei ihrer Geschwister wird ein Besuch beim Vater verwehrt, um einer befürchteten Konfrontation, wegen der medizinischen Betreuung des Vaters, zu vermeiden. Und wieder überschlagen sich die Ereignisse in Esthers Leben. Ihr geliebter Vater stirbt, die Glaubensgemeinschaft übernimmt, gewünscht und geduldet von der Witwe und Esthers Schwester, alle Formalitäten. Esther stürzt sich in neue berufliche Aktivitäten, als sie schließlich von einem erneuten Todesfall innerhalb der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas erfährt, der auch in der Öffentlichkeit hohe Wellen schlägt. Eine Wöchnerin verblutete innerhalb weniger Stunden, weil sie und ihre Familie eine notwendige Bluttransfusion ablehnten. Esther nimmt an einer, eigens zu diesem traurigen Anlass angesetzten, Talkrunde teil, in der sie endlich alle Ereignisse um den Tod ihres Vaters der Öffentlichkeit mitteilen kann.

 Gegen den ausdrücklichen Willen ihrer Schwester, nimmt Esther heimlich Kontakt zu ihrer Mutter auf. Nachdem einige Versuche für ein Treffen manipuliert und letztendlich verhindert wurden, brach der Kontakt erneut ab. Erst einige Zeit später erfuhr Esther von einer Erkrankung und von dem Krankenhausaufenthalt ihrer Mutter. Ohne Rücksicht auf die verhängten Besuchsverbote ihrer engsten Verwandten, fährt sie ins Krankenhaus. Mutter und Tochter sind glücklich über ihr Wiedersehen. Mit einem besseren Gefühl verlässt Esther ihre Mutter und hält täglichen Telefonkontakt zum Krankenhaus. Bereits nach fünf Tagen erhält sie die schockierende Nachricht vom Tod ihrer Mutter. Dieser plötzliche und unerwartete Verlauf dieser Krankengeschichte veranlasst Esther zu Nachforschungen, die wiederum neue menschliche Abgründe auftun. Das Buch endet an dieser Stelle – die Geschichte nicht.

Eine ganz besondere Lebensgeschichte und ein ganz besonderer Bericht darüber. Anrührend, spannend und emotional, aber zugleich auch eine Lektüre, die den Leser wütend und fassungslos werden lässt. Empfehlenswert für alle am Thema Interessierten und Menschen, die einen privat oder beruflich orientierten tieferen Einblick in die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas erlangen möchten.

Die Autorin:
Esther Fieber
Gebundene Ausgabe:       157 Seiten
Verlag:Persimplex Verlagsgruppe, Wismar; 2014
ISBN:978-3-86440-240-1
Preis: 16,20 €

 
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