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Geschrieben von Heide-Marie Cammans   

Januar 2003

Wenn dieser Jahresbericht erscheint, bin ich seit einigen Wochen aus meinem Dienst beim Sekten-Info Essen e.V. ausgeschieden und werde dann bereits ein wenig erfahren haben, wie der Abschied bei mir nachwirkt. Jetzt - im Januar 2003 - bin ich sehr neugierig, wie mein Leben ohne „Info“ sein wird. Immerhin waren die vergangenen 25 Jahre meines Lebens von der Arbeit im Problemfeld der „neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen“, wie die Gruppen heute offiziell genannt werden, geprägt. Ich hoffe jedenfalls, dass ich Zeit für einige Interessen und Experimente haben werde, die ich wegen der intensiven Anforderung in meiner Tätigkeit immer nur in Richtung Ruhestand verschieben konnte.

Ich denke, ein Abschied ist immer auch ein Anlass zur Rückbesinnung. So bietet mein Ausscheiden aus dem Dienst beim Sekten-Info die Gelegenheit, die Geschichte der Einrichtung und die Entwicklung der Problematik ein wenig wachzurufen.

 

Entstehung und Entwicklung der Einrichtung

Ahnungslos, was sich daraus entwickeln würde, hörte ich im Frühjahr 1978 während des Fluges von Tel Aviv nach Rom einer Reise-Kollegin zu, die mir erzählte, wie sie eines ihrer Kinder vor einigen Jahren an die Mun-Sekte (heute Vereinigungskirche) verloren habe. Der Bericht machte mich sehr betroffen. Bis dato hatte ich die Sektenproblematik weit von mir geschoben. Ich war eher der Meinung, dass sie unserer Familie nicht gefährlich werden könne, eher die „Anderen“ beträfe. Gerade in dieser Hinsicht beunruhigte mich das Schicksal dieser Familie. Meine Sicherheit geriet sehr ins Wanken und ich begann, mir alle möglichen Informationen zu besorgen und mich intensiv mit der Problematik auseinander zusetzen. Über den Kontakt mit meiner Reisegefährtin kam ich mit anderen Betroffenen in Kontakt und wir trafen uns bald zu Gruppengesprächen im Kath. Stadthaus in Essen. Da ich zu dieser Zeit in diesem Haus in der Erwachsenenbildung tätig war, fand ich dort sofort Unterstützung.

Schon im Flugzeug, umso mehr natürlich bei der folgenden Auseinandersetzung mit dem Thema war mir klargeworden, dass die „Jugendsekten“ gezielt junge Menschen bei ihren altersspezifisch bedingten Fragestellungen, Problemen und Wünschen, bei ihren Idealen und Visionen, bei ihrer Sehnsucht Heimat im Glauben zu finden, erreichen und hereinholen können, um Nutzen für die Bewegung zu gewinnen.

Nicht nur als Mutter, sondern als Mitglied der Gesellschaft und auch der Kirche fühlte ich mich wachgerüttelt. Je mehr ich mich in die Thematik vertiefte, desto deutlich wurde mir, dass wir als Gesellschaft diese Problematik mitzuverantworten haben.

Aufgrund meiner damaligen Arbeit mit Frauengruppen und jungen Menschen erschien mir naheliegend, diesen Personenkreisen Informationsgespräche zum Thema „Jugendsekten“ anzubieten. Mein Anliegen war, das Problem dadurch in der Gesellschaft zu thematisieren, zur Auseinandersetzung anzuregen, bei jungen Menschen die Gefahr unbedachter Beitritte zu den „Jugendsekten“ herabzusetzen und Eltern die Möglichkeit zur Früherkennung zu vermitteln.
Schon bevor das Thema in den Programmen der Bildungsarbeit angeboten werden konnte, setzte die Mundpropaganda ein und machte auf mich als Referentin aufmerksam. Die Nachfrage vor allem von Kirchengemeinden und Jugendgruppen war groß und ich machte mich - anfangs mit klopfendem Herzen - auf den Weg.

Im gleichen Zug meldeten sich weitere betroffene Familien bei mir privat, die dringend nach Hilfe suchten. Sie hatten manchmal bereits eine regelrechte Odyssee hinter sich, da sich seinerzeit in der Gesellschaft nur sehr vereinzelt kundige Helfer fanden. Alle hatten natürlich den konkreten Wunsch, nämlich, dass es da jemanden gäbe, der „das Kind aus der Sekte holt“. Mit dieser Erwartung sah ich mich konfrontiert. Dem konnte ich so nicht entsprechen, doch fanden sich Möglichkeiten der Hilfestellung in Form von beratenden Gesprächen und der Teilnahme an den Gruppenabenden im Kath. Stadthaus in Essen.

Zu dieser Zeit hatten sich weit verteilt über Deutschland die ersten Elterninitiativen gebildet. Sie hatten sich meist dort zusammengefunden, wo Pfarrer der Evang. Landeskirchen der Thematik gegenüber offen waren und ihr engagiert begegneten. Allen voran war es Herr Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack in München (verst. 1991), der Sekten- und Weltanschauungsbeauftragte der Bayer. Landeskirche, der mit seiner Münchner Elterninitiative (EI) rasch in Deutschland bekannt geworden war. Herr Pfr. Haack verfügte vor allen anderen schon über ein immenses Wissen bezüglich der neuen „Jugendsekten/Jugendreligionen“. Er war einer meiner ersten Ratgeber. Wer ihn noch kannte, weiß: kurz und knapp, aber unverzüglich und präzise kam die benötigte Information. Weitere Unterstützung, vor allem, was den beratenden Umgang mit betroffenen Familien anbelangte, erhielt ich von der damals in Bonn entstandenen „Aktion für geistige und psychische Freiheit“, in der betroffene Angehörige zusammenarbeiteten.

Für das seinerzeitige Missionsverständnis der in den Sechziger- und Siebziger-Jahren neu entstandenen „Jugendsekten“ war das Ruhrgebiet als Ballungszentrum sehr interessant. Viele Menschen lebten auf engem Raum zusammen und waren folglich auf kurzen Wegen schnell erreichbar. Es ging den Gruppen darum, junge Menschen zügig zu missionieren und möglichst bald in den Kult zu integrieren. Dies bedeutete, dass sehr junge Menschen, oftmals Minderjährige (die Volljährigkeit trat damals noch mit 21 Jahren ein) vor allem in Fußgängerzonen, auf Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen von gut geschulten „Missionaren“ (= Werber) der Gruppen mit Fragen nach Gott oder dem Sinn des Lebens kontaktiert wurden. Ziel war, die Neugeworbenen möglichst binnen kurzer Zeit mitzunehmen, um sie wiederum in anderen Städten oder im Ausland als „Missionare“ einzusetzen. Es kam meist zu abrupten, völlig unverständlichen und schmerzhaften Trennungen von der Familie, von Freunden und dem Umfeld, es kam zum Abbruch von Schule, Ausbildung oder Studium. In der Regel waren die Neumissionierten nicht mehr zu erreichen. Sofern zu Telefon- oder Briefkontakt die Möglichkeit bestand, wurde die Kommunikation durch die Gruppen kontrolliert. Appelle gingen ins Leere, Rückholversuche der Eltern scheiterten in der Regel dramatisch.

Die Stadt Essen, sozusagen als „Herz“ des Ruhrgebietes, bot sich strategisch als Mitte der Missionsaktivitäten in der Region an. Einige der Grupperungen ließen sich mit Zentren in Essen nieder:
z.B. die „Kinder Gottes“ des Mose David Berg (heute „Die Familie“), sowie die „Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums“ (heute „Vereinigungskirche). San Myung Mun, der Gründer selbst, verlieh seinem „Standort“ Essen besondere Bedeutung, in dem er im Essener Stadtwald einen „Heiligen Hain“ weihte, der den Mitgliedern als besondere Andachtsstätte dienen sollte. Ein ehemaliger Leiter des Mun-Zentrums in der Essener Vereinsstraße erklärte mir, dass durch die Existenz des „Heiligen Hains“ in Essen diese Stadt für die Mun-Bewegung so wichtig sei, wie für die Katholiken die Stadt Rom.

Im wesentlichen gestaltete sich die Szene der damaligen „Jugendreligionen“ - verglichen mit der heutigen Situation - recht überschaubar. Neben den beiden oben erwähnten Gruppierungen handelte es sich um die „Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein“ (Iskcon), Ananda Marga, die Divine Light Mission, sowie die „Transzendentale Meditation“ des Inders Maharishi Mahesh Yogy. Auch die Scientology-Organisation, seit 1970 in Deutschland, hatte von München aus ihren Einzug in NRW gehalten.

Es dauerte nicht lange, bis sich auch die Arbeit mit ehemaligen Kultmitgliedern einstellte. Durch meine Besuche in den Zentren der Bewegungen bzw. durch meine Teilnahme an den Veranstaltungen der Gruppierungen, die ich im Sinne von Feldforschung unternahm, war ich den Mitgliedern durchaus als Kritikerin bekannt. So kam es vor, dass ein Mitglied in arger Bedrängnis sich dann gerade an mich erinnerte und Hilfe zum Ausstieg erbat. Gerade von diesem Personenkreis erhielt ich die besten Lektionen über die Internas in den Bewegungen: Darüber, wie die Mitglieder in geistige und seelische Abhängigkeit gebracht und darin gehalten werden, welche Kontrollmechanismen eingesetzt werden, welche Leistungen unter den unglaublichsten Bedingungen abgefordert werden. Und immer wieder Berichte von innerer und äußerer Not, Angst und Verzweiflung ...

Mein anfänglicher Wunsch, lediglich einen Beitrag zur Aufklärung über die „Jugendreligionen“ zu geben, erwies sich als zu eng gefasst. Vor mir zeigte sich ein breites Arbeitsfeld, das bereits die Struktur aufwies, die heute der Arbeit des Sekten-Info Essen zugrunde liegt: Information - Beratung Co-Betroffener - Beratung und Hilfe für ehemalige Gruppenmitglieder/ sowie die Begleitung von Ausstiegsprozessen. Wie sollte ich als einzelne Privatperson diesen Anforderungen gerecht werden? So ließ ich mich damals von der Hoffnung leiten, die Anbindung dieses Arbeitsfeldes an eine Institution - naheliegend natürlich an eine Kirche - zu erreichen.

Ein Gespräch mit dem damaligen Stadtvikar Heinrich Heming (heute Leiter des Seelsorgeamtes des Bistums Essen) zeigte einen ersten Weg. Er versprach Unterstützung. Wir organisierten im Herbst 1979 eine Informationsveranstaltung für Lehrer und Multiplikatoren im Kath. Stadthaus. Als Referent hatten wir Herrn Martin Blachmann eingeladen, der zu dieser Zeit im Auftrag des Erzbistums Köln das Haus Altenberg betreute (eine Aussteigerinitiative unter Leitung von Inge Mamay, heute Odenwälder Wohnhof). Im Anschluss an diese Veranstaltung, zu dem auch Vertreter der Kirchen und des kommunalen Jugendamtes erschienen waren, kam es zur Gründung des „Arbeitskreises Jugendsekten Essen“ (AK-JS Essen), ein ökumenisch-kommunales Gremium, zu dem sich neben den Mitarbeitern der Jugendämter auch evangelische und katholische Seelsorger, sowie Betroffenenvertreter zusammentaten. Die Geschäftsstelle des AK-JS Essen wurde im Kath. Stadthaus in Essen eingerichtet. Alle mitarbeitenden Institutionen waren bereit, als Kontaktstellen zu fungieren. Mir wurde die Leitung des „Arbeitskreises Jugendsekten Essen“ übertragen.

In der Folgezeit erwies sich dieses Gremium als gutes Instrument zur Prävention, da aktuelle Informationen zügig in die unterschiedlichen Arbeitsbereiche der AK-Mitglieder weitergelangten und den Aktivitäten der Gruppen auf kurzen Wegen ohne zeitliche Verzögerung wirksam begegnet werden konnte. Der AK-JS Essen stellte ein effektives kommunales Netzwerk dar, das auf breiter Ebene aufdeckend arbeiten und so der weiteren Ausbreitung der damaligen Sekten-Szene in Essen entgegenwirken und Neuniederlassungen erschweren konnte.

Bald gab es auch sichtbare Ergebnisse: Im Jahre 1980 erschien die erste 16-seitige Informationsbroschüre des AK-JS Essen, die der damalige Theologie-Student Ulrich Holste (heute Pfarrer Ulrich Holste-Helmer, Ev. Kirchengemeinde Margarethenhöhe) zusammen mit dem damaligen Synodaljugendpfarrer Manfred Rompf, beide Gründungsmitglieder des AK-JS Essen, verfasst hatte. Die Broschüre konnte kostenlos verteilt werden und wurde weit über Essen hinaus nachgefragt. Im Jugendinformationszentrum der Stadt Essen (JIZ) wurde ein Sektenkoffer zusammengestellt, der vom Schul- und Jugendbereich ausgeliehen werden konnte.

Die Arbeit des AK-JS Essen wurde durch die Lokalpresse begleitet. Durch diese Öffentlichkeit stieg die Nachfrage nach Informationsveranstaltungen enorm. Auch jenseits der Stadtgrenzen wurde man aufmerksam und meldete Bedarf an.

Mittlerweile schien sich Essen zu einem Geheimtipp für Betroffene entwickelt zu haben. Neben der Arbeit mit betroffenen Angehörigen zeigte sich zunehmend deutlicher die Hilfestellung für ehemalige Kultmitglieder als weiterer Schwerpunkt. Etwa ab 1980 kam es regelmäßig zu mehrtägigen Aussteigerseminaren, die in umliegenden Tagungshäusern stattfanden. 18 - 20 Teilnehmer aus ganz Deutschland waren dabei keine Seltenheit. Die „Exies“, wie sie sich selbst nannten, kamen damals meist aus den klassischen Jugendsekten, wie Mun, Kinder Gottes, Krishna und vereinzelt auch aus guruistischen Yoga- und Meditationsbewegungen. Unterstützung bei der Durchführung dieser Begegnungen fand ich durch die Selbsthilfe-Initiative „Jugend hilft Jugend“ in Bonn.

In diesen Jahren vermittelte unsere Privatwohnung manchmal wohl eher den Eindruck eines Herbergsbetriebes. Gerade Aussteiger standen ja beim Verlassen eines Kultes regelrecht auf der Straße, der Gang zu den eigenen Eltern war meist in den ersten Wochen durch allerhand Vorstellungen und Empfindungen versperrt. Hier musste erst eine Zeit der Verarbeitung und ein Brückenbau von beiden Seiten aus stattfinden.

Eine Ausstiegssituation gestaltete sich zur damaligen Zeit in der Regel dramatisch. Man musste den Kult unentdeckt, sozusagen Knall auf Fall, verlassen, wenn man nicht sogar ausgestoßen wurde. Dies konnte der Fall sein, wenn die Leistung des Mitglieds nicht ausreichte, seine Persönlichkeit in die „Sektenfamilie“ nicht integrierbar war oder das Mitglied krank wurde. Jetzt, wenn ich diese Zeilen schreibe, kommen mir viele Menschen in den Sinn, denen ich in dieser Zeit begegnet bin. Z.B. denke ich an S., damals 25 Jahre alt, der nach 7-jähriger Zeit bei der Mun-Organisation die Sekte nach vielen Enttäuschungen verlassen hat. Nachdem er Ende 1979 bei einem Matching (= Paarzusammenstellung durch Herrn Mun) keine Frau bekommen hatte, verließ er tief verletzt, aber endgültig noch in New York die Bewegung und fand sich einige Zeit später bei uns (Familie Cammans) ein. Er war lediglich im Besitz einer Plastiktüte mit Bildern von San Myung Mun und Frau, sowie einigen Büchern. Am Leibe trug er seinen Anzug, der aus dem Gemeinschaftsschrank der Sekte stammte. Etwas Eigenes hatte er nicht mehr. Mir wird immer in Erinnerung bleiben, wie S. durch die Wohnung tanzte und jubelte „ich bin ein neuer Mensch“, als er die erste selbstausgesuchte und selbstgekaufte Jeans trug. Nach einigen Monaten in unserer Familie fand er den Weg zurück zu seinen Eltern, absolvierte ein Studium und hat seinen Weg gemacht. Ich bin sehr froh, dass meine Familie so großzügig war und diese Aktivitäten mitgetragen hat.

Die Sitzungen des AK-JS Essen fanden reihum in den Räumen der verschiedenen teilnehmenden Institutionen statt. Bei einem Treffen im Haus der Evangelischen Kirche nahm die junge Pädagogik-Studentin Sabine Linn teil. Sie interessierte sich sehr für die Problematik, ganz besonders für die Arbeit mit Aussteigern. Kurz: Es dauerte nicht lange, bis Sabine Linn die regelmäßig stattfindenden Treffen der Aussteigergruppe übernommen hat. Sabine Linn ist der Arbeit treu geblieben. Seit 1987 ist sie Mitarbeiterin im Sekten-Info Essen und hat die Arbeit wesentlich mitgetragen und mitgeprägt. Ich freue mich ganz besonders, dass sie als meine Nachfolgerin die neue Geschäftsführerin des Sekten-Info Essen geworden ist: Sabine Riede, geb. Linn.

Doch zurück: Da ich mich in der Zeit meiner Anfänge weniger als Beraterin, eher als Not-Helferin verstand, machte ich mich auf den Weg, eine professionelle Versorgung dieses Klientels zu erreichen. Hinzu kam, dass die Ratsuchenden mich zuhause anrufen mussten, die persönlichen Gespräche in unserer Privatwohnung stattfanden, wodurch unser Familienleben empfindlich beeinträchtigt wurde. Meine Vorstellung war, dass die Beratung Betroffener aus der Ehrenamtlichkeit und der Privatheit herausgenommen werden und in ein bestehendes Beratungssystem integriert werden müsse.

Es folgte ein jahrelanger, sehr beschwerlicher Weg, der 1983 in der Gewissheit mündete, dass die Arbeit nicht von einer Institution übernommen wird. Da tat sich eine Türe auf. Eine sehr bekannte, große und zu dieser Zeit sehr bedenkliche Guru-Organisation versuchte, sich in Essen zu etablieren. Mein Rat war seitens der Stadt gefragt und so lernte ich sehr engagierte Essener Politiker kennen. Vor allem Andreas Andor (verst. 1994), der damalige Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses verstand mein Anliegen sofort. Mit seiner Unterstützung ging alles in Windeseile. Kurz vor Weihnachten 1983 fand ein Betroffenenhearing im Rathaus statt, das die anwesenden Politiker überzeugte. Hilfe wurde zugesagt.

Im Januar 1984 erfolgte die Gründung des Vereins „Sekten-Info Essen e.V.“, im April 1984 trat der neue Verein dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV) bei. Schon im März 1984 hielt ich die Schlüssel für die heutigen Beratungsräume in der Rottstraße 24 in Händen, d.h. nur die Schlüssel, ohne schriftlichen Beschluss seitens der Stadt Essen, ohne Mitarbeiter, ohne Möbel, ohne Telefon und ohne Geld ... doch mit viel Zuversicht. Es folgte eine aufregende Zeit: Ich nutzte die Möglichkeiten alter Gruppenkontakte (aus meiner früheren Arbeit mit Frauen) und sammelte auf diese Weise das Grundinventar.

Teilnehmer aus den Betroffenengruppen standen mit Rat und Tat zur Seite, rückten mit Nähmaschinen, Putzeimer und Werkzeugkästen an, andere tippten die ersten Briefe. Und zwischen all diesen Aktivitäten fanden sich bereits die Vertreter der verschiedenen Gruppierungen ein, um einzuschätzen, welche Gefahr wohl künftig von der „Rottstraße“ ausgehen werde. Ich erinnere mich an den Besuch einer Zentrumsleiterin der Mun-Organisation. Wir saßen auf Klappstühlen, rund um uns Farbeimer und fleißige Helfer, die werkelten ...

Am 24. Mai 1984 war es dann soweit. Der Verein „Sekten-Info Essen e.V.“ eröffnete mit 140 Gästen und vielen guten Wünschen sein Informations- und Beratungszentrum. Es war ein freudiger Tag! Die Arbeit, wenn auch noch auf vollständig ehrenamtlicher Basis, hatte endlich Raum gefunden und Gestalt angenommen. Die Stadt Essen trat in die Förderung ein. Mittels AB-Maßnahmen konnten die ersten Mitarbeiter gefunden werden. Nach Erstellung einer Konzeption unserer Arbeit wurde mit Unterstützung des DPWV beim Land NRW die Anerkennung der Einrichtung und somit die Integration in das bestehende psychosoziale Beratungsnetz des Landes erreicht. Zunächst wurde eine Anlaufstellenförderung gewährt, die ermöglichte, meine ehrenamtliche Tätigkeit ab November 1985 mit einem Teilgehalt zu beenden.

Zur gleichen Zeit stellten sich neue Sorgen ein. Die „Wioska Rajneesh Neo Sannyas Commune e.V.“, Köln, (deutsche Zentrale der Osho-Bewegung/früher Bhagwan) verklagte die Stadt Essen wegen Unterlassung der Förderung. Beigeladen war der Verein „Sekten-Info Essen e.V.“ Das Verfahren zog sich durch alle Instanzen. Am 27. März 1992 (Az.: BverwG 7 C 28/90) bestätigte das Bundesverwaltungsgericht in Berlin die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Münster vom 22. März 1990 (Az.: OVG 5 A 2694/88), in der festgestellt war, dass der Osho-Bewegung der Schutz von Art. 4 des Grundgesetzes zusteht und die Förderung des Beigeladenen durch die Stadt Essen das Grundrecht des Klägers auf ungestörte Ausübung des religiösen Bekenntnisses berührt. Weiter wurde die Rechtswidrigkeit der Förderung der Beigeladenen bestätigt. Dies wurde mit der fehlenden gesetzlichen Eingriffsermächtigung begründet und führte zur Konsequenz, dass uns ab 1992 untersagt ist, zur Osho-Bewegung tätig zu werden.

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass der Verein „Sekten-Info Essen e.V“ mit seinem Arbeitsansatz auf religiös- und weltanschaulich neutraler Basis von sich aus besorgt ist, den Schutz von Art. 4 GG zu gewährleisten. Der Glaube einer Bewegung bzw. die Religionsausübung an sich sind nicht Grund der Tätigkeit. Vielmehr sind es die bedenklichen Praktiken einer Bewegung, die der geistigen und seelischen Freiheit entgegenstehen und somit eine Hilfestellung erfordern.

Die folgenden Jahre waren durchgängig von ständigen Geldsorgen geprägt. Den Arbeitsanforderungen entsprechend kam es darauf an, einen gut qualifizierten und längerfristig stabilen Mitarbeiterstamm zu erreichen. Über lange Zeit schien dies nahezu unmöglich zu sein. Trotz verhältnismäßig hoher Spendeneingänge war die Einrichtung jahrelang in relativ kurzen Abständen von der Schließung bedroht. Frau Riede und ich waren in dieser Zeit auf vielen Bittgängen unterwegs. Es blieb uns nur „fundraising“ ohne Ende. Und damit hatten wir immerhin soviel Erfolg, dass es immer irgendwie weitergehen konnte. In den Jahren 1992 bis 1996 trat die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung in eine hohe Förderung ein, die dazu gedacht war, uns so lange über Wasser zu halten, bis unsere Arbeit auf einer finanzielle Grundlage steht. Auch die beiden großen Kirchen haben durch finanzielle Unterstützung dazu beigetragen, unsere Arbeit zu erhalten.

Viele weitere Förderer und Unterstützer sind zu nennen: So die Elisabeth-Wagner-Stiftung die verschiedenen Essener und auswärtigen Lions-Clubs, die Rotary-Organisation, Firmen, private Spender, unsere Vereinsmitglieder und jene, die sich über unsere Aktion „Personalbausteine“ über Jahre zu regelmäßigen Spenden verpflichtet haben. Allen Gebern sind wir zu großem Dank verpflichtet. Ganz besonders erwähnen möchte ich jene evangelischen und katholischen Kirchengemeinden, die uns mit jährlichen Spenden bzw. mit der Überweisung einer Kollekte sehr geholfen haben und - ich darf meine Bitte gleich anschließen - hoffentlich auch weiterhin mit Zuwendungen bedenken werden.

So war der Kampf um den Fortbestand der Einrichtung von Anfang an ein ständiger Begleiter. Nur die Gewissheit um die Notwendigkeit unserer Arbeit gab das Motiv und die Kraft, nicht aufzugeben. Wesentlich mitgetragen wurde dieses Bemühen durch den Vorstand des Vereins „Sekten-Info Essen e.V.“, dessen 1. Vorsitzender seit 19.3.1990 Herr Jürgen Weber ist. Diese Kontinuität in der Verantwortung, verbunden mit einer hohen Risikobereitschaft, aber immer auch im Zusammenhang mit einer realistischen Einschätzung der Situation war erforderlich, um jeweils herauszufinden, ob ein weiterer mutiger Schritt gewagt werden konnte. Ich darf dem Vorstand, ganz besonders Herrn Weber, für diese entscheidende Unterstützung danken.

Im Jahr 1993 kam es zur Bildung des satzungsmäßig vorgesehenen Beirates, der den Vorstand in wesentlichen Fragen berät. Er wird zu einzelnen Vorstandssitzungen hinzugezogen ohne Stimmrecht zu haben. Dem Beirat des Sekten-Info Essen gehören Delegierte der beiden Kirchen, Vertreter aus Politik und Wissenschaft, sowie andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens an. Dieses Gremium hat sich vor allem in seiner Verbindungsfunktion zu den verschiedenen gesellschaftlichen Strukturen bewährt. Wir sind sehr froh für diese Begleitung und Unterstützung unserer Arbeit.

Im Zuge der Konsolidierung des Sekten-Info Essen e.V. gelang es, uns einen langgehegten Wunsch zu erfüllen, nämlich einen jährlichen Bericht herauszugeben, der in Form einer Broschüre der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden kann. Nachdem wir einen Sponsor für Druck und Material gefunden hatten, erschien unser erster Jahresbericht für das Jahr 1996 und seitdem regelmäßig. Anhand dieser Publikation können wir die Entwicklung der Problematik aufzeigen, Hinweise auf aktuelle Ereignisse und Strömungen geben, sowie durch erhellende und kritische Beiträge zur Auseinandersetzung beitragen.

Mit intensiver Unterstützung aus dem politischen Raum, sowie durch den Paritätischen Wohlfahrtsverband und durch Vermittlung der Kirchen wurde nach und nach seitens des Landes NRW eine gute Fördergrundlage geschaffen. Auch die Stadt Essen, die sich zwischenzeitlich aus der Förderung zurückgezogen hatte, trat zu Beginn des Jahres 1997 wieder ein.

Im Hinblick auf die knappen Ressourcen des Landes und im Sinne einer effizienten Arbeitsteilung, wünschte das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) den Abschluss einer Kooperations-Vereinbarung zwischen dem Sekten-Info Essen e.V. und dem „Informations- und Dokumentationszentrum Sekten/Psychokulte (IDZ)“ in Köln, das ebenfalls aus Landesmitteln gefördert wird. Diese Vereinbarung, die im Februar 1997 unterzeichnet wurde, regelt die Arbeitsschwerpunkte der beiden Einrichtungen, um Doppelarbeit zu vermeiden.

Trotz der nun wesentlich verbesserten Förderbedingungen, hat der Verein für ein beachtliches jährliches Spendenaufkommen zu sorgen, um die Finanzierung jeweils bis zum Jahresende zu erreichen. Immerhin sind ein Teil der Personalkosten sowie die gesamten Betriebskosten (außer Miete) beizubringen.

Hier möchte ich ganz besonders den Lokalredaktionen der Essener Zeitungen, sowie Radio Essen und dem WDR (Hörfunk und TV) für die redaktionelle Begleitung danken. Ich musste mich manchmal sehr überwinden, wenn es galt, immer wieder zu Presseterminen einzuladen und zu klagen, um mittels einer Berichterstattung auf unsere Not aufmerksam zu machen.

Beim Schreiben dieser Zeilen kommen mir verschiedene alte Sprichwörter in den Sinn: z.B. „Gut Ding braucht Weile“! Vor allem in Bezug auf die Personalsituation scheint sich dies zu bewahrheiten. Endlich ist es im Jahr 1997 aufgrund der verbesserten Förderausstattung seitens des Landes NRW dazu gekommen, dass der Verein drei Beraterstellen und zusätzlich das Sekretariat mit festangestellten Kräften besetzen konnte. Damit war die Kontinuität eines qualifizierten Teams gegeben. Es war sehr unbefriedigend, über Jahre hinweg immer wieder gut eingearbeitete Mitarbeiter auf den Arbeitsmarkt zu entlassen.

Neben diesem Kern-Team in Trägerschaft des Vereins besteht eine Arbeitsunion mit der in zweiter Periode eingerichteten Stelle des Pastors im Sonderdienst für Sekten- und Weltanschauungsfragen beim Stadtkirchenverband Essen. Die Aufgabe, die in den Jahren 1993 - 2001 durch Frau Annette Stolte wahrgenommen wurde, ist seit März 2002 Herrn Christoph Grotepass übertragen und auf fünf Jahre ausgelegt.

Seit 1997 wurde das wissenschaftliche Projekt zur „Beratung und Hilfe für Menschen mit außergewöhnlichen Erfahrungen“ des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg in die Arbeit des Sekten-Info Essen e.V. implementiert. Ziel des Projektes ist es, in einer explorativen Studie aus der Vielzahl von unterschiedlichen Fällen des Sekten-Info Essen e.V. eine Analyse darüber zu erstellen, welchen Bedarf es für eine spezielle Beratung gibt, welcher Art die von den Klienten beschriebenen außergewöhnlichen Erfahrungen sind, welche Themen angesprochen werden und in welchem Zusammenhang sie zu anderen psychologischen Merkmalen der Klienten stehen.

Leiter des Projektes waren ab 1997 PD Dr. med. Lic. Phil. et theol. Ulrich J. Niemann SJ von der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen und Dr. med. Gerd Schallenberg, Brilon. Mit Ende des Jahres 2002 ist Herr Dr. Schallenberg aus der Projektleitung ausgeschieden. Heutiger Mitarbeiter des Projektes ist Herr Gregor Müller, Diplom-Psychologe.

Somit steht dem Sekten-Info Essen ein interdisziplinäres Team zur Verfügung, das eine qualifizierte Arbeit sichert.

Zum Selbstverständnis des Sekten-Info Essen gehörte von je her, offen für Begegnung und Miteinander zu sein und zur Zusammenarbeit anzuregen. Der Sekten-Info Essen e.V. ist Mitglied der AGPF (Aktion für Geistige und Psychische Freiheit, Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung e.V.), Bonn, sowie Gründungsmitglied der FECRIS, (Federation Europienne des Centres de Recherche et d`Information sur le Sectarisme), dem Zusammenschluss europäischer Institutionen, die in der Sekten- und Kultproblematik tätig sind, mit Sitz in Paris.

Da die Räume der Einrichtung für Gruppentreffen sehr gut geeignet sind, konnte im Jahre 1987 in Zusammenarbeit mit Herrn Pfarrer Wilhelm Knackstedt, seinerzeit Sekten- u. Weltanschauungsbeauftragter der Niedersächsischen Landeskirche, ein Workshop eingerichtet werden, der allen in der Problematik tätigen Personen, Initiativen und Institutionen, die an Zusammenarbeit interessiert sind, die Möglichkeit gibt, im kollegialen Kreis Themen gemeinsam zu bearbeiten und Informationen auszutauschen.

Der Sekten-Info Essen beteiligt sich an den Fachgesprächen zur Thematik im Landtag und ebenso am Informations- und Beratungsnetzwerk zu Sekten und Psychogruppen NRW.

Soweit mein Rückblick auf die Entstehung und die Entwicklung der Arbeit und Einrichtung des Sekten-Info Essen. Wer weiß: Hätte ich damals während des Fluges von Tel Aviv nach Rom auch nur annähernd geahnt, was sich daraus ergeben könnte, wäre mir sicher angst und bange geworden. Sehr wahrscheinlich hätte der Mut mich verlassen. So aber ging es stets orientiert an der Notwendigkeit der Arbeit, Schritt für Schritt immer weiter, bis die Arbeit die heutige Form erreicht hat.

Bei der Eröffnung der Einrichtung am 24. Mai 1984 nannte ich als Intention unserer Arbeit

         „Wir verstehen uns nicht als   Kampftruppe gegen  Sekten,
         sondern als  Hilfsgruppe für  Menschen.“

Mit dieser Aussage wollte ich dem Verständnis entgegenwirken, wir seien „Sektenjäger“, wie es so oder ähnlich immer wieder in Schlagzeilen zu lesen war. Die Erklärung sollte deutlich machen, dass wir unsererseits jedenfalls alles tun wollen, um Fronten zu vermeiden. Weder ein Zerschlagen, Verbieten oder Ausgrenzen der entsprechenden Gruppierungen schien uns zur Bearbeitung der Problematik geeignet. Ein solches Anliegen hätte unserem Selbstverständnis und unserem eigenen Menschenbild nicht entsprochen. Die Headline unserer Arbeit war vielmehr, das Gespräch mit den Bewegungen zu suchen, das Konfliktpotential kultintern offen zu legen und zur Einsichtigkeit und Veränderung einzuladen. Verständlicherweise wurde uns bei diesem Ansinnen von mancher konfliktträchtigen Bewegung die „rote Karte“ gezeigt. Wir mussten und müssen akzeptieren, wenn der Dialog verweigert wird und wir als Feinde angesehen werden.

Mit unserer Grundsatzerklärung vom 24. Mai 1984 wollte ich jedoch im wesentlichen darauf hinweisen, dass unsere Arbeit von der Würde des Menschen und dem Recht auf Freiheit und Unversehrtheit geleitet ist. Sowohl Prävention wie Beratung und selbstverständlich auch der Umgang mit den Menschen in den Bewegungen sind in diesem Verständnis begründet. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

 

Persönliches Resümee

Vor 25 Jahren habe ich mich einer Herausforderung gestellt. Ich habe dies damals bewusst getan, ohne jedoch zu ahnen, dass diese Aufgabe mich für so lange Jahre binden und mein ganzes Engagement fordern wird. Über all die Jahre hindurch gab es für mich zwei Bereiche, die ich verbinden musste: meine Familie und die Sektenarbeit. Zu Hilfe kam mir das Verständnis meines Mannes, der sich zwar an der aktuellen Tagesarbeit im AK-JS und im späteren Sekten-Info Essen nicht aktiv beteiligte, mir jedoch den nötigen Freiraum gab, den die Arbeit erforderte. Wenn jemand Hilfe brauchte, hielt er stets die Türe offen. So war es immer wieder möglich, junge Menschen in Übergangssituationen einfach in unsere Familie zu nehmen, über Tage, Wochen und wenn es sein musste über Monate. Mir ist bewusst, dass wir unseren Kindern, die mittlerweile lange schon erwachsen sind, dadurch allerhand zugemutet haben. Mein Mann, der den „Verein Sekten-Info Essen e.V.“ von Anfang an durch Vorstandstätigkeit unterstützt hat, hat auch die langen Jahre meiner ehrenamtlichen (vollzeitlichen) Tätigkeit mitgetragen und ich denke, dadurch einen wesentlichen Beitrag gegeben, dass die Arbeit die heutige Gestalt annehmen konnte.

Wenn ich die Zeit Revue passieren lasse, kommen mir viele Situationen bzw. Ereignisse in den Sinn, die allemal geeignet waren, mein Leben in Spannung zu halten. Es galt wirklich, immer neue Herausforderungen anzunehmen und vor allem, in Bewegung zu bleiben. Wahrscheinlich ist dies das Charisma jedes Beginns. Ich, bzw. später wir, konnten uns in unserer Arbeit ja kaum auf irgendwelche Erfahrungen verlassen, sondern mussten selbst herausfinden, was zu tun ist. Da wir nicht an starre übergeordnete Strukturen gebunden waren, konnten wir diese neue, in unserer Zeit entstandene not-wendige Aufgabe aufnehmen und mit unserer Intention beantworten. Gerade die Möglichkeit, flexibel auf Situationen zu reagieren und zu entscheiden, wie am besten damit umgegangen werden kann, stellte für mich einen hohen Wert in meinem Arbeitsalltag dar. Nach all den Jahren kann ich sagen, Langeweile hat sich bis zum letzten Tag meiner Tätigkeit nicht eingestellt.

Natürlich kommen mir beim Schreiben dieser Zeilen einige markante Erlebnisse in den Sinn. Etwa mein Horrorerlebnis bei Okonfo im Essener Afrikahaus, Erfahrungen bei Besuchen in Sekten und Kulten, dramatische Situationen mit Menschen, die eine Bewegung verlassen haben, Satanisten, Scientologen u.a.. Ich bin sicher, dass meine Erlebnisse Stoff für ein spannendes Büchlein sein könnten. Wer weiß, vielleicht setze ich diese Idee in die Tat um. Am eindrucksvollsten waren für mich jedoch die Begegnungen mit Menschen, die bei uns Hilfe suchten und die ich begleiten durfte. Die Erfahrungen in dieser Beratungsarbeit haben mich immer wieder darin bestärkt, für den Erhalt der Einrichtung zu kämpfen.

Ich freue mich, dass die Beratungsstelle des Sekten-Info Essen e.V. nun auf einer relativ festen finanziellen Grundlage steht, mit einem qualifizierten Team arbeitet und eine gute öffentliche Akzeptanz erfährt. Ich übergebe das Steuer gern an Frau Riede, die mir lange Jahre als Stellvertreterin zur Seite stand.

Ich schaue sehr gern auf meine Zeit im Sekten-Info Essen zurück. Es waren für mich Jahre, die mich sehr gefordert haben, in denen ich jedoch auch einiges bewirken konnte. Dies war nur möglich, weil mir viel Vertrauen entegegengebracht wurde. So bleibt mir nur zu danken: Allen, die meinem Anliegen gegenüber offen waren, die mich unterstützt aber auch persönlich bestärkt haben und dadurch einen Beitrag zum Gelingen des Sekten-Info Essen gegeben haben. Es erfüllt mich mit Freude, dass so etwas sein konnte.