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Bericht über die Arbeit des Sekten-Info NRW und die Aktivitäten neuer religiöser Gemeinschaften 2016 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Sabine Riede   
Freitag, 17. März 2017
Die hohe Anzahl an Beratungsfällen in den letzten Jahren hat sich auch im Jahr 2016 nicht verändert. Die Arbeit im Konfliktfeld der neuen religiösen und ideologischen Bewegungen und Psychogruppen gestaltet sich fortwährend spannend und arbeitsintensiv. Die Gruppen versprechen Glück, Lebenserfüllung und einfache Antworten auf komplexe Fragen.

Neu ist die steigende Zahl von Menschen, die bereit sind, Verschwörungstheorien Glauben zu schenken. Ob Reichsbürger, Impfgegner, Verschwörungstheoretiker oder Esoteriker, immer mehr Menschen richten sich nicht nach Evidenzen, sondern nach Gefühlen. Neben der konsumorientierten Esoterik, die nach wie vor den größten Zulauf zu verzeichnen hat, bilden sich immer wieder neue kleine Gruppen mit einer hohen Abhängigkeit der Mitglieder. Auch gibt es erschütternde Beispiele von Menschen, die abseits der Schulmedizin nach Heilungsmöglichkeiten suchen oder Menschen, die aus Glaubensgründen einen Kontaktabbruch zu den eigenen Kindern zulassen. Die großen bekannten Gemeinschaften der 80er Jahre haben eher rückläufige Mitgliederzahlen.

Insgesamt wurden im Jahr 2016 963 Anfragen beim Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. registriert. Von den 963 Anfragen erhielten 489 Personen durch ausführliches Informationsmaterial und ein bis zwei klärende Gespräche Hilfestellung von den MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.. In 474 Fällen war ein intensiverer und längerer Beratungsverlauf mit bis zu 27 Fachkontakten notwendig. Um einen besseren Vergleich mit den Vorjahren zu ermöglichen, sind wie jedes Jahr die 489 Informationsanfragen und die 474 Beratungsfälle in zehn Kategorien zusammengefasst worden. Insgesamt sind in den zehn Kategorien Anfragen mit der Bitte um Information und Beratung zu 350 verschiedenen Gruppierungen und Anbietern enthalten (vgl. Diagramm 1).

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Diagramm 1: Summe Beratungsfälle und Informationsanfragen


Zusätzlich zu diesen Anfragen nutzten viele Bürger die Webseite des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. als Informationsquelle. Dies zeigt, dass das Informationsbedürfnis zu neuen religiösen Bewegungen nach wie vor sehr hoch ist und viele Bürger schätzen es, sich selbständig und anonym mit Hilfe des Internets zu informieren. Aus diesem Grund bieten die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. seit 2006 zusätzlich zur bisherigen persönlichen Beratung die Möglichkeit der Online-Beratung an. Diese Möglichkeit wurde im letzten Jahr immerhin 14 Mal genutzt, bei weiteren 231 Fällen begann die Beratung mit einer E-Mail, wurde dann aber in einer persönlichen oder telefonischen Beratung fortgesetzt. Neben allgemeinen Informationen zur Arbeitsweise der Beratungsstelle und zu neuen Aktivitäten war im letzten Jahr hauptsächlich der Bericht über Robert Betz und seine esoterische Pseudotherapie gefragt. Im Anschluss daran hatte der Beitrag über Aktivitäten und Hintergründe der Transzendentalen Meditation und der Erfahrungsbericht zu einer christlichen Freikirche mit Abstand die meisten Zugriffe zu verzeichnen. Erst danach wurden die Infotexte zur Präventionsarbeit und zum Coaching aufgerufen.

 

Informationsanfragen 2016


Bei einem Vergleich der einzelnen Kategorien fällt auf, dass im Jahr 2016 die Informationsanfragen zu den fundamentalistischen Gruppen besonders herausragen. Diese Kategorie bekam 2011 durch die Salafisten eine neue Gruppierung hinzu. Die Salafisten sind dem islamistischen Fundamentalismus zuzurechnen und laut Burkhard Freier, dem Leiter des NRW Verfassungsschutzes, ist die Zahl der Anhänger dieser radikal-islamistischen Bewegung in den letzten vier Jahren in NRW auf etwa 2850 angestiegen. 650 Salafisten stuft der Verfassungsschutz als gewaltbereit ein.

Besonders besorgniserregend ist, dass extremistische Salafisten im letzten Jahr gezielt Kontakt zu muslimischen Flüchtlingen aus Syrien gesucht haben. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung wurde vom Verfassungsschutz NRW eine Broschüre „Extremistischen Salafismus erkennen“ als Aufklärungshilfe für Mitarbeiter in Flüchtlingsunterkünften herausgegeben. Diese Maßnahme zeigte Erfolg, es sind danach deutlich mehr Anwerbeversuche durch Salafisten erkannt und unterbunden worden (vgl. Verfassungsschutzbericht 2015, S. 161).    

Ebenso alarmierend ist die zunehmende Radikalisierung unter Jugendlichen. Der überwiegende Teil der Salafisten ist zwischen 14 und 30 Jahren alt. Neben der perfiden Propaganda seien fehlende Anerkennung und ein schwaches Selbstwertgefühl die Hauptgründe, die junge Menschen in die Arme der Salafisten treiben. Deshalb will das Land NRW das Präventionsprojekt „Wegweiser“ weiter ausbauen. Bis Ende 2017 soll es 25 Anlaufstellen in NRW geben (www.verfassungs-schutz.nrw.de). Hier können sich Eltern, Lehrer, oder Sozialarbeiter informieren, wenn sie das Gefühl haben, dass ein junger Mensch in die radikale Szene abzugleiten droht. Gemeinsam mit dem Betroffenen und dem sozialen Umfeld helfen die Mitarbeiter von „Wegweiser“ eine Lösung zu finden.    

In unserer Beratungsstelle gab es vermehrt Anfragen nach Präventionsveranstaltungen zum Thema Salafismus aus dem schulischen Bereich. Neben diesen Präventionsanfragen gab es auch Beratungsfälle, allerdings nicht in mehr in dem Umfang wie in den Jahren zuvor.

Darüber hinaus bezieht sich der größte Teil der Anfragen auf den christlichen Fundamentalismus. Die Anfragen verteilen sich auf 26 verschiedene Gemeinden. Häufig sind es Angehörige, die sich melden, weil der Partner, die Partnerin oder das inzwischen erwachsene Kind sich nach dem Kontakt zur neuen Gemeinde verändert hat. Sie wollen eine Einschätzung, ob und wie gefährlich die jeweilige Gemeinde ist. Viele dieser Gemeinden faszinieren besonders junge Erwachsene, weil ihre Gottesdienste erlebnisorientierter ablaufen als die Gottesdienste in den beiden großen Kirchen. Diese Erlebnissehnsucht kann schnell zur Erlebnissucht werden.

Gefährlich wird es, wenn einige christliche Fundamentalisten so fanatisiert sind, dass sie ihren Kindern ganz oder teilweise den Schulbesuch verbieten oder sogar die körperliche Züchtigung befürworten und praktizieren. Die Gruppierung „Zwölf Stämme“ hat genau aus diesen Gründen in den letzten drei Jahren für viel Aufregung gesorgt. Nachdem es ihnen jahrelang gelungen war, ihre Kinder von öffentlichen Schulen fern zu halten, wurden 2013 vierzig Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen. Bereits im Jahresbericht 2013 wurde darüber berichtet (vgl. Sabine Riede, Kindeswohlgefährdung bei der Glaubensgemeinschaft der „Zwölf Stämme“ auf unserer Webseite). Inzwischen haben die letzten Mitglieder der Glaubensgemeinschaft Deutschland verlassen, um in der Tschechischen Republik eine neue Heimat zu finden. Hintergrund für diese Entscheidung ist, dass es wegen der angewandten Erziehungsmethoden immer wieder Probleme gab. Kinder wurden aus religiösen Gründen regelmäßig mit einer Rute geschlagen und die Schulpflicht wurde nicht eingehalten. Einigen Eltern wurde eine dauerhafte Kindesmisshandlung vorgeworfen und das Sorgerecht entzogen.

Zusätzlich zu den Sorgerechtsverfahren hat inzwischen die Staatsanwaltschaft ermittelt und Anklage erhoben. Am 29.01.2016 wurde eine 55-jährige Lehrerin wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten vom Amtsgericht Nördlingen verurteilt. Gegen das Urteil hat die Betroffene Berufung eingelegt. Am 21.06.2016 wurde sie vom Landgericht Augsburg zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Ihre Revision gegen das Urteil wurde vom Oberlandesgericht München abgelehnt. Damit ist das Urteil von Augsburg rechtskräftig und die inzwischen 56jährige Frau bleibt in Haft. „Die Frau hatte vor Gericht zugegeben, dass sie als Lehrerin der sekteneigenen Schule ihre Schüler wiederholt mit Ruten geschlagen hatte. Bei der Beweiserhebung waren schreckliche Zustände ans Licht gekommen. Ein Junge habe bis zu 30 Schläge bekommen, weil er gestottert habe.“ (Spiegel Online, 23.12.2016)

An zweiter Stelle stehen die Anfragen aus dem Bereich der Esoterik. Hier fällt auf, dass die Beratungsfälle die Info-Anfragen übertreffen. Die Fülle der Anfragen und Beratungsfälle zusammen zeigt, dass dieser Bereich momentan in unserer Gesellschaft am meisten wächst und häufig nicht rechtzeitig als gefährlich angesehen wird. Umfragen zufolge interessiert sich ein Fünftel aller Deutschen für Esoterik und meint, dass da etwas dran sein müsste, obwohl wissenschaftliche Tests immer wieder das genaue Gegenteil beweisen. Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP) führt einmal jährlich einen Psi-Test in den Räumen der Uni Würzburg durch. Seit 2004 testen Wissenschaftler so die besonderen Fähigkeiten der Bewerber. Für einen erfolgreich bestandenen Test gibt es ein Preisgeld von 10.000 Euro. Jedes Jahr melden sich Hellseher, Wünschelrutengänger und andere Esoteriker, um ihre Talente unter Beweis zu stellen. Bis heute hat kein Kandidat den Test bestanden und das Geld erhalten (EZW 12/2016, S. 460).

Deutlich schlimmer als verlorene Psi-Tests sind allerdings Äußerungen von selbsternannten Heilern, die Menschen mit falschen Behauptungen so sehr verunsichern, dass es sogar lebensgefährlich werden kann. Ryke Geerd Hamer behauptet, Krankheiten wie Krebs, Masern oder Mittelohrentzündungen seien „biologische Sonderprogramme des Körpers“ und hätten ihre Ursache in inneren seelischen Konflikten, die nur gelöst werden müssen. Für seine Behauptungen hat er im Oktober 2016 völlig zu Recht das „Goldene Brett vorm Kopf 2016“ für den größten antiwissenschaftlichen Unfug des Jahres bekommen. Dieser Negativpreis wird jedes Jahr von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) in Wien vergeben (vgl. www.goldenesbrett.guru). Was sich humorvoll anhört, hat einen sehr ernsten Hintergrund. Pseudowissenschaftliche Behauptungen kosten manchmal Menschenleben. Eine betroffene Tochter und unsere Beratungsstelle haben bereits im letzten Jahresbericht über die verheerenden Folgen der „Neuen Germanischen Medizin“ berichtet (vgl. Christoph Grotepass, Die Germanische Neue Medizin von Ryke Geerd Hamer und Jacqueline Klaus, Mein Vater, ein Opfer der „Germanischen Neuen Medizin“ – Ein Erfahrungsbericht auf unserer Webseite).

Besonders besorgniserregend ist, dass der Knautsch-Verlag inzwischen elf Kinderbücher mit dem Titel „Familie Knautsch und ihre medizinischen Abenteuer“ herausgegeben hat. In diesen bebilderten Heftchen werden der von Hamer propagierte, nicht haltbare „Konfliktschock“ und das „sinnvolle biologische Sonderprogramm der Natur“ mit Hilfe von Beispielgeschichten erklärt. Nicht nur bei Krebs auch bei Erkrankungen, wie Röteln, Mittelohrentzündung, Mumps und Bronchitis wird als Ursache der Erkrankung des Kindes ein „unerwartetes konfliktives Schockerlebnis“ behauptet. Nur durch Konfliktlösung und ohne ärztliche Hilfe könne die Heilung eingeleitet werden. „Milliarden von Vorgängern sind ohne ärztliche Behandlung durch das Sonderprogramm der Mittelohrentzündung gegangen und nur der allerkleinste Teil erlitt als Folge eine dauerhafte Hörverminderung.“ Am Ende wird nur aus rechtlichen Gründen darauf hingewiesen, dass die erwähnten Vorschläge den Arztbesuch nicht ersetzen (Familie Knautsch, Band 2, S. 32).

Auf eine weitere nicht ganz so gefährliche Pseudomedizin macht eine Plakataktion in Heidelberg, München und Hamburg vom 22.11. bis 05.12.2016 aufmerksam. Unter dem Titel „Susannchen braucht keine Globuli“ möchte das „Informationsnetzwerk Homöopathie“ Eltern verdeutlichen, dass für ein natürliches, gesundes Aufwachsen von Kindern eine Pseudomedizin wie die Homöopathie nicht nötig ist. Globuli, das sind die kleinen Kügelchen, die im Wesentlichen außer Zucker keinen Wirkstoff enthalten. Die Aktion soll dazu anregen, sich kritisch zu informieren. Es ist nicht sinnvoll, für jede Kleinigkeit ein Mittelchen einzunehmen und es kann lebensgefährlich werden, bei ernsten Erkrankungen notwendige medizinische Medikamente und Heilbehandlungen zu unterlassen (www.netzwerk-homoeopathie.eu/neuigkeiten/175-). Auch der emeritierte Professor für Alternativmedizin Edzard Ernst ist der Meinung, dass Homöopathie von Anfang an mehr Religion als Medizin gewesen sei (Spiegel online, 23.05.2016).

In diesem Zusammenhang ist das im Oktober 2016 erschienene Buch „Wunder wirken Wunder“ von Dr. med. Eckart von Hirschhausen hilfreich und sehr empfehlenswert. Zu Recht ist es auf Platz 1 der Sachbücher der Spiegelbestsellerliste. Eckart von Hirschhausen erklärt auf humorvolle und gut verständliche Art und Weise die Wirkung von evidenzbasierter Medizin und magischen Heilsversprechen. Das Buch ist gut recherchiert und umfasst alle wichtigen, heute gängigen alternativen Gesundheitstipps. Mit viel Verständnis für menschliche Unzulänglichkeiten und Bedürfnisse zeigt er auf, was der eigenen Gesundheit gut tut und wo gefährlicher Humbug anfängt. Das Buch regt zum Nachdenken und Schmunzeln an. Spannend und interessant ist, dass er den Leser an seinen eigenen Erfahrungen teilhaben lässt. Undedingt lesen und weiterempfehlen. Es ist im Rowohlt-Verlag erschienen.

An dritter Stelle stehen die Anfragen zu den synkretistischen Neureligionen. Über die Hälfte der Anfragen in dieser Kategorie, nämlich 36, beziehen sich auf die Gruppierung der Zeugen Jehovas. Zeugen Jehovas feiern keinen Geburtstag, lehnen Bluttransfusionen ab und gehen nicht zur Wahlurne. Trotzdem ist Ihnen die Anerkennung als Körperschaft öffentlichen Rechts wichtig. Diese haben sie inzwischen in allen Bundesländern erreicht. NRW stimmte als letztes Bundesland Ende November zu. Am 26.01.2017 wurde die Anerkennung offiziell verliehen. In NRW gibt es zurzeit 474 Gemeinden mit ca. 35.000 Mitgliedern (www.wz.de/home/politik/ 09.02.2017). Die rechtliche Anerkennung hat jedoch nicht zu der erhofften Imageaufwertung geführt. Trotz des großen Missionierungseifers sind die Mitgliederzahlen leicht rückläufig, viele junge Mitglieder informieren sich in Internetforen und steigen aus. Sie werden dann von den übrigen Zeugen Jehovas als Abtrünnige tituliert, gemieden und leiden unter dem Verlust ihres bisherigen sozialen Umfeldes. Diese Situation spiegelt sich auch in unserer Beratungsarbeit wieder.

Beim Jahreskongress der Zeugen Jehovas, der Ende Mai 2016 an 38 Orten in Deutschland veranstaltet wurde, wurde diese Praxis noch einmal verschärft. Sie wurde erweitert auf ehemalige Zeugen Jehovas, die sich nur still zurückgezogen hatten, ohne ihren Austritt offiziell zu erklären, um bestehende Kontakte nicht zu verlieren. Unter dem Motto „Bleibe Jehova gegenüber loyal“ wurden neben den „Sündern“ auch die „Untätigen“ (Mitglieder, die nicht missionieren) angeprangert (vgl. EZW-Newsletter 6/2016). Als Sünde zählt neben außerehelichem Geschlechtsverkehr auch die Teilnahme an einer Geburtstagsfeier oder Kritik an der leitenden Körperschaft. Durch emotionalen Druck sollen weitere Ausstiege verhindert werden. Ob dieses Konzept der Führungsspitze aufgeht, bleibt abzuwarten.

Zusätzlich zeichnet sich eine weitere Veränderung ab. Die Wachtturmgesellschaft bietet ihre Hauptzentrale im New Yorker Stadtteil Brooklyn zum Verkauf an, diese soll eine Milliarde Dollar wert sein. Die neue Zentrale der Zeugen Jehovas wird gerade in Warwick, einer Stadt knapp 300 Kilometer nordöstlich von New York, gebaut (vgl. FAZ vom 03.02. 2016).

Ein kleinerer, aber nicht unerheblicher Teil der Anfragen in dieser Kategorie bezog sich im Jahr 2016 auf die Colonia Dignidad. Der Film „Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück“ mit Emma Watson und Daniel Brühl in den Hauptrollen, der am 18. Februar 2016 in den deutschen Kinos startete, erinnert an ein längst vergessenes Thema und verdeutlicht das ganze Ausmaß der begangenen Menschenrechtsverletzungen in dieser Sekte. Die Siedlung in Süd-Chile war hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt, und die Bewohner waren zu absolutem Gehorsam verpflichtet. Erst nach dem Ende des Pinochet-Regimes konnten die Verbrechen aufgedeckt werden, über die Aussteiger in Deutschland bereits jahrelang berichtet hatten. Paul Schäfer, der inzwischen verstorbene Gründer der Sekte wurde wegen Mordes, sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und weiterer Verbrechen zu 20 Jahren Haft verurteilt. Auch Hartmut Hopp wurde angeklagt und ist zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Er war als Arzt ein enger Vertrauter von Paul Schäfer und gehörte zur Führungsspitze der Sekte. Es gelang ihm jedoch die Flucht von Chile nach Deutschland. Da er als deutscher Staatsbürger nicht ausgeliefert werden darf, hat die chilenische Justiz die deutschen Kollegen um Vollstreckung des chilenischen Urteils gebeten. Die Krefelder Staatsanwaltschaft hat dem zugestimmt und inzwischen die Vollstreckung der Strafe in Deutschland beim Landgericht beantragt.

Die Anfragen zur Scientology-Organisation sind nicht mehr so hoch wie in früheren Jahren und nehmen in unserer Statistik momentan nur noch Platz vier ein. Einerseits sind die Mitgliederzahlen der Scientology-Organisation laut Verfassungsschutzbericht rückläufig, 4.000 Mitglieder sind es bundesweit und 450 in NRW (vgl. Verfassungsschutzbericht NRW, 2015, S. 200). Andererseits darf nicht unberücksichtigt bleiben, dass sich die 48 Anfragen aus der Bevölkerung auf nur eine Gruppierung beziehen, während die beiden anderen Kategorien mehrere Gruppen umfassen, so dass die Scientology-Organisation immer noch ein großes Konfliktpotential beinhaltet und mit 21 Beratungsfällen nach wie vor einen großen Beratungsbedarf verursacht.

Im letzten Jahr gab es eine wichtige juristische Entscheidung in Bezug auf die Scientology-Organisation. Ein Scientologe darf von Betriebsgeheimnissen ausgeschlossen werden, ohne dass sich der Arbeitgeber der Diskriminierung schuldig macht. Da es Zweifel an der Verfassungstreue von Scientology gebe, hätten Angehörige der Organisation keinen Anspruch auf Einsicht in Verschlusssachen, entschied das Berliner Verwaltungsgericht am 12.07.2016. Es bestehe die Gefahr, dass ein Mitglied beim Auditing Geheimnisse verraten würde (Az.: VG 4 K 295.14).

Auch in den USA bröckelt das Ansehen der Organisation. Nachdem in 2015 die Filmdokumentation „Going Clear: Scientology and the Prison of Belief“ wesentlich dazu beigetragen hat, gab es in 2016 weitere Enthüllungen. Die US-Schauspielerin Leah Remini verließ nach 30 Jahren Mitgliedschaft die Scientology-Organisation. In ihrem Buch „Troublemaker“, das im September 2016 auch in deutscher Übersetzung erschienen ist, gibt sie erschreckende Einblicke hinter die Kulissen von Scientology. Schon mit 13 Jahren sei sie durch ihre Mutter mit der Organisation in Berührung gekommen und verpflichtete sich zum Dienst in der Sea Org, der Elite Einheit der Scientologen. Sie musste für 15 Dollar die Woche putzen, während ein Zimmermädchen in den USA durchschnittlich 125 Dollar bekommt. Gleichzeitig machte es ihr zu schaffen, dass kritische Gedanken und Fragen nicht erlaubt gewesen seien. Wenn sie eine Ungerechtigkeit beobachtete, dann habe sie diese benannt und sich für andere Scientologen eingesetzt. Aus dieser Zeit berichtet sie auch, wie entsetzt sie über die Behandlung kleiner Babys und Kinder sei. Weibliche Sea-Org-Mitglieder geben ihre Kinder von 7.00 bis 22.00 Uhr in einem Raum ab, in der nur eine Betreuerin ist. Die Kinder sind sich selbst überlassen und sie findet ihre eigene Schwester weinend in einem Urin durchtränkten Bettchen wieder. Sie verlässt die Sea-Org und träumt davon, Schauspielerin zu werden, um so der Scientology-Organisation zu dienen. Sie bekommt eine kleine Nebenrolle und arbeitet sich zum gefeierten Serienstar hoch. Sie berichtet weiter, ihre Karriere als Schauspielerin habe ihr Halt und Selbstbewusstsein gegeben.

Je prominenter sie wurde, desto mehr wurde von ihr erwartet, dass sie viel Geld für Scientology spendet und neue Mitglieder anwirbt. Nach einer besonders großzügigen Spende lernt sie David Miscavige und seine Ehefrau Shelly persönlich kennen. Als sie bei der Hochzeit von Tom Cruise, Shelly vermisst und unangenehme Fragen stellt, wird sie innerhalb der Organisation degradiert und zur Ethikabteilung zitiert. Sie muss wochenlang 12-stündige Auditing Sitzungen überstehen, bis sie rehabilitiert ist. Als ihre Mutter ihr erzählt, wie enttäuscht sie von der OT-Stufe 8 sei, weil sie weder durch Geisteskraft Gegenstände bewegen, noch mit ihrem Willen Krebs heilen könne, wie es von Scientology versprochen worden sei, ist dies für sie der Anlass, endgültig auszusteigen. Danach seien Lügen über sie verbreitet worden, ihr Haus überwacht und sie selbst von ehemaligen Freunden, die der Scientology-Organisation angehören, angefeindet worden. Sie berichtet, dass sie immer schon Zweifel gehabt habe, besonders auch, weil sie bemerkt habe, dass durch ihren Einsatz für Scientology zu wenig Zeit für ihr Privatleben und ihre Tochter übrig geblieben sei. Es wurde von ihr verlangt, sich täglich, zusätzlich zu ihrer Berufstätigkeit, drei Stunden mit den Lehren der Scientology Kirche zu beschäftigen. Ein interessantes und lesenswertes Buch, das einen guten Einblick in die Welt der Scientologen bietet (vgl. Leah Remini, Troublemaker: Wie ich Hollywood und Scientology überlebte, mvg Verlag, München 2016).

Ein weiterer Punkt, den sie in ihrem Buch erwähnt, ist, dass sie nach ihrem Ausstieg ständig gedacht habe: „Jetzt werden mir schlimme Dinge zustoßen.“ (vgl. s.o. S. 230) Unter den gleichen quälenden Gedanken leiden auch Aussteiger, die uns in unserer Beratungsstelle um Hilfe bitten. In Deutschland versucht die Scientology-Organisation weiterhin, durch raffinierte Werbe-Aktionen Menschen zu ködern. Besonders die Tarnorganisation “Sag Nein zu Drogen, sag Ja zum Leben“ versucht immer wieder, an Schulen Fuß zu fassen und ihre Broschüren mit dem Titel „Fakten über Drogen“ in privaten Briefkästen zu verteilen. In der Publikation werden Theorien über Ursachen und Wirkungen von Drogen verbreitet. Nichts, was dort steht, hat etwas mit seriöser Suchthilfe zu tun. Neben den vielen Aktionen weiterer Tarnorganisationen „Jugend für Menschenrechte“, „Der Weg zum Glücklichsein“ und der „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“ betätigen sich Anhänger der Organisation in letzter Zeit verstärkt in sozialen Netzwerken, um zunächst unerkannt neue Mitglieder zu werben.

Bei den guruistischen Gruppierungen gibt es eine wichtige neue Gerichtsentscheidung. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hat am 04.08.2015 entschieden, dass der „Guru von Lonnerstadt“ und seine Lebensgefährtin für drei Jahre in Haft müssen und damit das Urteil vom 04.08.2014 des Landgerichtes Nürnberg-Fürth bestätigt. Beide haben sich der Misshandlung Schutzbefohlener strafbar gemacht. Sie haben es unterlassen, dem an Mukoviszidose leidenden Jungen die notwendigen Medikamente zu geben. Stattdessen vertrauten sie auf alternative Heilmethoden und Meditation. Der damals 15 Jahre alte Sohn der Lebensgefährtin ist dadurch in eine lebensbedrohliche Lage geraten. Vermutlich wäre er gestorben, hätte sein leiblicher Vater ihn nicht aus der Gemeinschaft herausgeholt (vgl. Bundesgerichtshof, Urteil vom 4.8.2015 – 1StR 624/14). Der 57-jährige Guru hatte immer wieder Haftaufschub aus gesundheitlichen Gründen beantragt, diese wurden abgelehnt, seit April 2016 sitzt er nun im Gefängnis (vgl. Focus Online vom 29.04. 2016).

Auch bei einer anderen durch die Medien bekannten Gruppierung gab es eine Neuigkeit. Der esoterische Guru Arno W. und dessen Lebensgefährtin Julie R. sind in Uruguay von Zielfahndern des Bundeskriminalamtes und der dortigen Polizei festgenommen worden. Die beiden waren die Führer einer Gruppierung, die unter dem Namen „Ramtha“ und „Licht-Oase“ bekannt geworden ist. Den Anhängern wurden eine baldige Endzeit, Erleuchtung und der Aufstieg in göttliche Sphären versprochen. Im Jahr 1994 soll Arno W. die damals 13-jährige Lea Saskia Laasner Vogt missbraucht haben. Die Betroffene hat ihr Schicksal in einem Buch veröffentlicht, nachdem ihr mit 21 Jahren die Flucht aus der Gruppierung gelang. Das Buch ist 2005 unter dem Titel “Allein gegen die Seelenfänger“ erschienen. Für die Detmolder Staatsanwaltschaft ist es ein großer Erfolg, dass nach acht Jahren Suche die Festnahme geglückt ist. Allerdings hat das zuständige Gericht in Uruguay die Auslieferung mit der Begründung abgelehnt, die Verbrechen seien nach lokalem Recht bereits verjährt. Inzwischen ist die Leiche des 61-jährigen Arno W. Ende August 2016 am Strand der Ortschaft La Floresta (Uruguay) aufgefunden worden. Es deutet alles auf ein Verbrechen hin (vgl. EZW 10/2016, S. 388).

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Diagramm 2: Informationsanfragen im Vergleich der letzten fünf Jahre

 

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Diagramm 3: Beratungsfälle im Vergleich der letzten fünf Jahre
 


Beratungsfälle 2016


Der seit Jahren große Bedarf an Beratung in der Esoterik hat sich auch 2016 nicht verändert. Es konnten 165 Beratungsfälle gezählt werden, die sich auf 70 verschiedene Anbieter verteilen. Bei der Vielfältigkeit esoterischer Angebote bietet es sich an, diese in drei bzw. vier Bereiche zu unterteilen. Wir unterscheiden:

  1. Die Lebensberatung, sie umfasst viele Angebote vom Familienstellen über Engelseminare und Channeling bis zu Schenkkreisen.

  2. Die Zukunftsdeutung, dazu zählen Astrologie, Wahrsagen, Hellsehen, Kartenlegen.

  3. Die Heilung von körperlichen Beschwerden, Geistheiler oder Schamanen bieten Hilfe zur Heilung von körperlichen Krankheiten an, Reiki oder Homöopathie ebenfalls.

  4. Sektenähnliche Gruppierungen, die ein esoterisches Gedankengut vertreten, die sich aber aufgrund ihrer Größe von den drei anderen Bereichen unterscheiden.

Zahlenmäßig sind die Bereiche eins und drei fast gleich, sie machen jeweils ein Drittel der genannten Beratungsfälle aus. Die beiden anderen Bereiche teilen sich das letzte Drittel.

Fast jedes Wochenende findet irgendwo ein Seminar mit esoterischen Glücksverheißungen statt. Eine Studie des Bochumer Religionswissenschaftlers Markus Hero hat im Jahr 2008 allein in NRW über 1000 esoterische Lebenshilfeangebote gefunden. Diese Seminare werden von Menschen besucht, die fast alles haben und doch unglücklich sind. Die esoterische Lebensberatung füllt die geistige und seelische Orientierungslosigkeit mancher Menschen aus (vgl. Michael Utsch, Der Esoterik-Boom, Psychologie Heute 02/2017, S. 35).

Das Gefährliche in diesem Zusammenhang ist, dass häufig Entscheidungen über das eigene oder familiäre Schicksal an einen spirituellen Führer delegiert werden. Ambivalentes Erleben und Handeln, z. B. dass ein Partner das Beste für die Beziehung wollte, aber seine Partnerin mit seinem Verhalten verletzte, hat in esoterischen Ansätzen keinen Platz. Das Urteil über andere fällt häufig hart aus. Es wird auch nicht akzeptiert, dass ein Mensch unglücklich ist, weil er das Gefühl hat, von seinem Umfeld nicht genügend beachtet zu werden. Es muss als Erklärung etwas Schlimmes her, z. B. eine angebliche Vergewaltigung in einem früheren Leben. Auf diese Weise werden Phantasien beflügelt und ein Mensch erfährt mit Hilfe von aufwühlenden esoterischen Methoden Neues über sein eigenes Leben und Sein. Diese neue Erkenntnis hat allerdings nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun. So gesehen ist esoterische Lebenshilfe das Gegenteil von Lebenshilfe und seriöser psychologischer Verarbeitung.

Innerhalb der Esoterik ragte ein Lebenshilfeguru im letzten Jahr besonders heraus. 22 Beratungsfälle standen im Zusammenhang mit dem deutschen Psychologen Robert Betz. Er bietet eine neue, von ihm selbstentwickelte Transformationstherapie an, die mit wissenschaftlicher Psychologie nicht viel zu tun hat. Er behauptet, dass seine Therapie Menschen in die Lage versetze, Leidenszustände aller Art zu verwandeln. Die Menschen werden dabei begleitet von der Kraft der Engel und Ahnen. Er zieht Menschen in seinen Bann, indem er ihnen viele bekannte Allgemeinplätze mitteilt, „Jede Krise ist eine Chance“, „Materielle Güter allein machen nicht glücklich“, „Nimm dir Zeit für dich selbst“. Da Gesundheit ein wichtiges Thema im Leben eines Menschen ist, greift er auch dieses Thema auf und behauptet, dass jede Erkrankung in erster Linie eine seelische Ursache habe. „Selbst Gelenkkrankheiten, Lebensmittelunverträglichkeiten oder Gebärmutterhalskrebs könnten mittels Selbstheilung verschwinden. In 20 Jahren sind unsere Krankenhäuser so leer wie jetzt unsere Kirchen“, behauptet Betz auf seiner Veranstaltung in Heidelberg am 21.03.2016. Das Problematische an dieser Lehre ist, dass Menschen sich möglicherweise ganz auf ihre Selbstheilungsfähigkeiten auf geistiger Ebene verlassen und notwendige medizinische Behandlungen vernachlässigen und zweitens die Ursache für ihre Erkrankung nur in sich selbst statt in ungünstigen Umweltfaktoren suchen. Schon im Jahresbericht 2013 haben wir in einem Fachartikel ausführlich vor Robert Betz gewarnt (vgl. Uta Bange, Robert Betz und die Transformationtherapie, auf unserer Webseite).

Eine weitere nach wie vor populäre pseudowissenschaftliche Lebenshilfemethode hat mehrere Beratungsfälle verursacht, das Familienstellen nach Hellinger. Im Anschluss an eine Familienaufstellung werden Missbrauchsvorwürfe erhoben oder Vaterschaften in Frage gestellt und es kommt zu schwerwiegenden Familienkonflikten. Eine betroffene Angehörige war bereit, ihre negativen Erfahrungen in einem anonymen Bericht mitzuteilen (vgl. „Und die Jungs repräsentieren den geschiedenen Vater“ - Die Auswirkungen einer unseriösen Familienaufstellung). Wir haben dies zum Anlass genommen, die Gefahren dieser Methode aus wissenschaftlicher Sicht zu erläutern und von der seriösen Aufstellungsarbeit der Systemischen Psychotherapie abzugrenzen (vgl. Uta Bange: Ordnungen der Liebe oder lieber selber Ordnung schaffen? Familienaufstellungen und Systemische Therapie im Vergleich).

Bei den 23 Fällen der Kategorie Heilergruppen standen über die Hälfte (12) im Zusammenhang mit dem Bruno Gröning Freundeskreis. Die Lehre besagt, es gibt kein unheilbar. Nur wer vom göttlichen Weg abkommt, der wird krank. Man muss den Willen zur Gesundheit haben, dann wird man auch gesund, egal unter welcher Erkrankung man leidet, Krebs, Querschnittslähmung, Blindheit. Zweifel sind nicht erlaubt, auch Angehörige dürfen keine Zweifel haben, das verhindert die Heilung. Man darf auch nicht an seine Erkrankung denken. Geworben wird neuerdings über den Verein „Kreis für natürliche Lebenshilfe“.

Bei den 34 Fällen der Kategorie Psychogruppen steht die Hälfte der Beratungen im Zusammenhang mit Coaching-Angeboten. Viele der Coaching-Angebote sind nicht wissenschaftlich fundiert. So kann es passieren, dass Menschen mit ernstzunehmenden Problemen ihre Sorgen aufschreiben oder ihre Depressionen einfach weg tanzen sollen. Ein seriöser Coach sollte seine Grenzen kennen und Menschen auch zu einem Psychotherapeuten oder Arzt schicken. Menschen, die ein Coaching-Angebot in Anspruch nehmen wollen, sollten sich gründlich informieren. Mehrere Fachartikel und ein Bericht aus der Sicht einer betroffenen jungen Frau sind auf unserer Internetseite zu finden und bieten eine erste Informationshilfe und Orientierung (vgl. Anja Gollan, Coaching, mehr schlecht als Recht? Karin Nachbar, Der Coaching-Boom auf unserer Webseite).

Die andere Hälfte der Beratungen in dieser Kategorie bezog sich auf verschiedene Verschwörungstheorien. Geheime Wahrheiten und Komplotte üben auf viele Menschen eine große Faszination aus. Besorgniserregend wird diese Faszination erst, wenn Verschwörungsgläubige glauben, dass das Böse oder die Bösen in der Welt immer mehr zunehmen und sowohl das Gute als auch die Betroffenen selbst dadurch akut bedroht sind. Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen oder einen schweren Schicksalsschlag erlitten haben, neigen eher dazu, Verschwörungstheorien Glauben zu schenken. Das eigene erlebte Leid in ihrem Leben erhält dadurch eher einen Sinn. Sie entwickeln ein beträchtliches Misstrauen gegenüber anderen Menschen und staatlichen Institutionen. Die Szene ist sehr heterogen. Eine Gemeinschaft, die Verschwörungsglaube mit christlichem Fundamentalismus verbindet, hat im letzten Jahr intensive Beratungsfälle verursacht, die Organische Christus Generation (vgl. Christoph Grotepass, Fundamentalismus und Verschwörungsglaube am Beispiel der Organischen Christus-Generation).

Bei den 24 Beratungsfällen im Satanismus ging es häufig um supervisorische Hilfestellung. Zwei Jugendliche hatten sich mit der satanischen Ideologie beschäftigt und waren in der Schule auffällig geworden. Die jeweiligen LehrerInnen und SchulsozialarbeiterInnen haben sich von uns beraten lassen. In zwei weiteren Beratungsfällen ging es um zwei junge Männer, die sich auf eine Satansloge eingelassen haben. Zwei Therapeutinnen verschiedener Beratungsstellen brauchten unsere Einschätzungshilfe bei der Behandlung von Klienten, die berichtet haben, dass sie in der Kindheit rituell missbraucht wurden. Zehn weitere Frauen mit der gleichen Problematik wandten sich direkt an unsere Beratungsstelle (vgl. Uta Bange, Ritueller Missbrauch im Satanismus auf unserer Webseite).

Überraschend war die Nachricht, dass der Satanist Daniel Ruda noch nicht freigelassen wird. Er bleibt weiterhin in Haft, da die Staatsanwaltschaft Bochum eine neue Anklage gegen ihn erhoben hat. Der inzwischen 41-jährige soll aus der Haft heraus die Ermordung seiner damals mitverurteilten Ex-Frau geplant haben (vgl. WAZ 09.12.16). Daniel Ruda hatte vor 15 Jahren zusammen mit seiner damaligen Ehefrau einen jungen Mann in seiner Wohnung in Witten mit Hammerschlägen und Messerstichen brutal getötet. Die grausam zugerichtete Leiche musste mit Hilfe des genetischen Fingerabdrucks identifiziert werden.

Bei der Betrachtung einzelner Gruppen statt übergeordneter Kategorien ist zu erkennen, dass die Zeugen Jehovas mit 44 Beratungsfällen im letzten Jahr den größten Beratungsbedarf ausgelöst haben und zum vierten Mal die Scientology-Organisation mit 21 Beratungsfällen überholt haben. Der größte Teil der Menschen, die die Unterstützung der Beratungsstelle benötigten, sind als Kinder in der Organisation aufgewachsen. Darüber hinaus gibt es immer wieder Betroffene, die Hilfe wollen, weil ein Elternteil nach dem Tod des anderen von den Zeugen Jehovas missioniert wurde. 

Unabhängig von der jeweiligen Gruppierung, die den Beratungsbedarf ausgelöst hat, ist es interessant zu fragen, wer die Beratungsstelle mit der Bitte um Hilfe aufgesucht hat, Menschen, die selbst betroffen sind, oder Freunde und Angehörige? Im letzten Jahr betrug der Anteil der Betroffenen, die für sich selbst eine Hilfestellung erwartet haben, 29%. Weitere 33% verteilten sich auf nahe Angehörige oder den Partner. Noch einmal 19% baten uns im Rahmen eines institutionellen Arbeitsauftrages um Hilfe (z. B. Polizei, Schule, Hochschule, andere Beratungsstellen, Jugendhilfe, Psychiatrien). Der Rest (19%) verteilt sich auf Presse-Anfragen und Anfragen, die sich auf Bekannte und Kollegen beziehen (vgl. Diagramm 4).


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Diagramm 4: Informationsanfragen und Beratungsfälle aufgeteilt nach Art der Betroffenheit


 

Rechtsberatung 2016


Seit elf Jahren ist der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. in der Lage, ergänzend zur psychosozialen Beratung, kostenlos eine fundierte Rechtsberatung anbieten zu können. Von den 474 Klienten im Jahr 2016 haben 91 diese Möglichkeit in Anspruch genommen. Die Tabelle zeigt den Bedarf an Rechtsberatung, unterteilt in die auch sonst üblichen zehn Kategorien (vgl. Diagramm 5).
 
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Diagramm 5: Rechtsberatung

Der größte Teil der Rechtsberatung hat, wie in den Jahren zuvor auch, eine sorgerechtliche und umgangsrechtliche Problematik zum Inhalt und betrifft alle Bereiche bis auf den der Strukturvertriebe. Bei den Strukturvertrieben ging es um Kündigungsmöglichkeiten von Verträgen bzw. um Rückgabe von bestellten Waren. Bei der Rechtsberatung im Zusammenhang mit esoterischen Heilern stand die Frage im Vordergrund, inwieweit es möglich ist, Heiler juristisch zur Rechenschaft zu ziehen, nachdem sie durch falsche Ratschläge und durch das Abraten vom Arztbesuch, z. B. bei einer Krebserkrankung zu gesundheitlichen Gefährdungen von Menschen beigetragen. haben Hier wurden die entsprechenden Gewerbeaufsichtsämter angeschrieben, um Heiler in ihre Schranken zu verweisen. Bei der Kategorie Psychogruppen ging es um die Einschätzung von Coachingangeboten, z. B. um die Fragen, was darf ein Coach, wo sind seine rechtlichen Grenzen und welche Beendigungsmöglichkeiten gibt es. Außerdem nimmt der Bedarf nach einer rechtlichen Einschätzung von religiöser Kindererziehung zu.

 

Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit


Von Januar bis Dezember 2016 wurden insgesamt 14 Präventionsveranstaltungen und Multiplikatorenschulungen durchgeführt. Insgesamt nahmen 393 Menschen an den Schulungen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. teil. Der größte Teil der Veranstaltungen waren ganztägige Fachtagungen für Lehrer und Schulsozialarbeiter (7). Ergänzend zu diesem Angebot erstreckte sich die Aufklärungsarbeit des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. auf weitere Vorträge in der Erwachsenenbildung (Volkshochschulen, Gemeinden, Elternkreise) (1) und für Mitarbeiter in Beratungsstellen und Einrichtungen der Jugendhilfe (3). Außerdem fanden Präventionsveranstaltungen direkt mit Schülern (3) statt.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Mitarbeiter des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. Lehrern gern Informationsmaterial für die Aufklärungsarbeit im Unterricht zur Verfügung stellen. Dafür haben wir auf unserer Homepage eine neue Spalte „Material Präventionsarbeit“ eingerichtet. Hier können Lehrer zu den verschiedensten Themen unserer Beratungsstelle sowohl aktuelles Unterrichtsmaterial, als auch Fallberichte und Hintergrundinformationen erhalten. Die Spalte wird zukünftig ständig aktualisiert. Selbstverständlich beraten wir Lehrer auch gern telefonisch. Leider ist es aufgrund des ständig sich erweiternden und wachsenden Beratungsbedarfes in unserer Einrichtung nicht mehr möglich, grundlegende Informationsveranstaltungen zum Thema an Schulen durchzuführen. Im Moment sind es gezielte Aufklärungsveranstaltungen, die in Zusammenhang mit einer bestimmten Problemsituation an einer Schule stehen.

Um dem Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit in aktueller Weise gerecht zu werden, wurden die Recherchearbeiten der Medien in 46 Fällen unterstützt. In 15 Fällen wurde durch eine direkte Mitwirkung in einem Fernseh-/ Radiobeitrag oder Zeitungsartikel auf die Gefahren neuer religiöser Glaubensgemeinschaften hingewiesen.

 

Gremienarbeit


Der Informationsaustausch über Trends in der aktuellen Sektenszene fand wie jedes Jahr in zahlreichen Workshops mit anderen Sektenberatungsstellen, kirchlichen Sektenbeauftragten und Betroffeneninitiativen statt. Auch nehmen die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. regelmäßig an den Fachgesprächen im Landtag teil. Auf Landesebene ist der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. im „Arbeitskreis Beratungsstellen“ des DPWV integriert. Trotz der großen zeitlichen Belastung konnten die MitarbeiterInnen insgesamt an 22 Gremiensitzungen teilnehmen. Seit 2006 besteht die Möglichkeit, im Rahmen einer zweistündigen Sprechstunde in Bochum eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Sie findet nach Absprache in den Räumen einer Psychotherapeutischen Praxis in Bochum Wattenscheid statt.

 
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