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Fanatischer Fundamentalismus in christlichen Gemeinschaften PDF Drucken E-Mail

 

Merkmale und Entstehungsbedingungen

Spätestens seit dem 11. September 2001 ist der Fundamentalismus ein viel genannter und diskutierter Begriff. In diesem Zusammenhang denkt man meist an dessen religiöse islamische Ausprägung, die dann mit Fanatismus, Mord, Selbstmord und Zerstörung im Namen einer religiösen Idee gleichgesetzt wird.

Religiöser Fundamentalismus kann jedoch sehr unterschiedliche Ausprägungen und Richtungen haben. Hier in Deutschland handelt es sich meist um einen christlichen Fundamentalismus unterschiedlich starker, oft fanatischer, in der Regel jedoch nicht gewalttätiger Ausprägung. Im Sekten-Info Essen e.V. ist ein Trend zum Fanatischen in christlich-fundamentalistischen Gemeinschaften und deren Konfliktpotential an der relativ hohen Zahl der Anfragen und Beratungen in diesem Bereich erkennbar.
Daher soll im Folgenden der religiöse christliche Fundamentalismus mit fanatischer Ausprägung einmal ausführlicher beleuchtet werden.

Der Begriff "Fundamentalismus" wird in der Literatur sehr unterschiedlich beschrieben. Grundsätzlich bedeutet er jedoch zunächst einmal eine Orientierung bzw. eine Rückkehr zu den Fundamenten in bezug auf die Glaubens- bzw. Überzeugungswelt eines Menschen oder einer Gruppe, ohne dass zerstörerische oder gewalttätige Tendenzen bestehen müssen. Fundamentalismus beinhaltet allerdings ein bedingungsloses, kompromissloses Festhalten an politischen, kulturellen, lebensweltlichen und / oder religiösen Grundsätzen (vgl. Jaschke, S. 39).
Diese Grundsätze zeichnen sich im religiösen Fundamentalismus dadurch aus, dass sie sich gegen Pluralität, gegen eine moderne, sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierende Gesellschaft sowie gegen eine emanzipatorische und demokratische Haltung richten (vgl. Steuerwald S. 9). Entsprechende Tendenzen finden sich sowohl im christlichen als auch im islamischen Fundamentalismus.

Gefährlich und zerstörerisch wird eine fundamentalistische Bewegung v.a. dann, wenn sie sich fanatisiert. Die dem Fanatismus eigene Eingeengtheit im Denken und Handeln schlägt sich in fehlender Dialog- und Kompromissbereitschaft nieder und verwandelt die ursprünglich hohen (fundamentalen) Ideale und Glaubenssätze in ein absolutistisches Schwarz-Weiß-Denken, in dem Feindbilder entstehen, die unter allen Umständen bekämpft werden müssen. Wolfgang Schmidbauer spricht hier von einer "Destruktivität von Idealen" (1980).

Merkmale des christlichen Fundamentalismus

Entstanden ist der Begriff des christlichen "Fundamentalismus" Ende des 19. Jahrhunderts innerhalb der konservativen protestantischen Bewegung der USA als Gegenbewegung zu den als zu weitgehend erachteten modernistischen und liberalistischen Tendenzen von Kultur und Wissenschaft innerhalb der Gesellschaft. In einer Schriftenreihe mit dem Titel "The Fundamentals" wurden seit 1910 fünf fundamentale christliche Glaubenssätze festgelegt, an denen unter allen Umständen - auch oder gerade entgegen der von der Aufklärung geprägten, modernen, wissenschaftlichen Erkenntnisse - festgehalten werden musste (vgl. Hole, S. 32).

Die sogenannten "Fundamentalismen" waren folgende:
  • Die Unfehlbarkeit der Bibel;

  • die Jungfrauengeburt bzw. die Göttlichkeit Jesu;

  • der Sühnetod Jesu;

  • seine leibliche Auferstehung;

  • die sichtbare Wiederkunft Christi.

Diese Richtlinien sind auch heute für christlich-fundamentalistische Gemeinschaften bindend. Sie finden ihren Ausdruck in dem Glauben, die Bibel sei durch Eingebung des Heiligen Geistes entstanden und daher "wortwörtlich" zu verstehen. Eine Folge davon ist die Anerkennung der biblischen Wunder und Begebenheiten als tatsächliche, nicht anzweifelbare Geschehnisse. Typisch für eine fundamentalistisch geprägte Frömmigkeit ist auch die Ablehnung aller neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse, die im Gegensatz zur biblischen Lehre stehen (v.a. die Evolutionstheorie). Alle genannten Dogmen gelten als exklusiv und wahrhaftig, d.h. nur derjenige, der die o.g. Punkte glaubt, glaubt richtig.

Das Ziel der Fundamentalisten war und ist es, die "urchristlichen" Lebensregeln zu bewahren bzw. wieder herzustellen. Diese enthielten die Vorstellung von der Unmittelbarkeit göttlichen Handelns, von einer autoritären Ordnung der Gesellschaft (der Mann steht über der Frau, der Leiter der Gemeinde steht über dem Mitglied und Gott steht über allem) sowie von der Allgegenwärtigkeit des Kampfes zwischen Gut und Böse, Gott und Satan (vgl. auch Hempelmann, S. 165f).
Das Extreme, Verabsolutierende dieser Glaubenselemente begünstigt dabei eine Fanatisierung der religiösen Lehre.

 

Religiöser Fanatismus - wenn aus Fundamentalisten Fanatiker werden

"Fanatismus ist eine durch die Persönlichkeitsstruktur mitbedingte, auf eingeengte Inhalte und Werte bezogene persönliche Überzeugung von hohem Identifizierungsgrad, die mit stärkster Intensität, Nachhaltigkeit und Konsequenz festgehalten oder verfolgt wird, wobei Dialog- und Kompromissunfähigkeit mit anderen Systemen und Menschen besteht, die als Außenfeinde auch unter Einsatz aller Mittel und in Konformität mit dem eigenen Gewissen bekämpft werden können." (Hole, S. 39)

Hieraus wird ersichtlich, welch extremistisches Gedankengut entstehen kann, wenn christlich-fundamentalistische Dogmen und Fanatismus zusammentreffen. An der Idee einer Exklusivität des Glaubens und dem Gedanken der absoluten Unfehlbarkeit und "wahren" Auslegbarkeit eines religiösen Buches wird nicht nur die eingeengte Haltung gegenüber anderen Glaubensformen und -ausprägungen offensichtlich, sondern auch die oben beschriebene Unwillig- und Unfähigkeit zum Dialog oder Kompromiss. Kommen zu einer solchen christlich-fundamentalistischen Denkweise noch verschiedene individuelle und soziale Komponenten des Fanatismus (s.u.) hinzu, so können leicht die oben beschriebenen Feindbilder entstehen, die dann bedingungslos, unter allen Umständen und mit allen Mitteln bekämpft werden müssen. So entsteht ein religiöser Fanatismus, der mit der ursprünglichen christlichen Botschaft nur noch wenig zu tun hat.

Man kann zwei Formen des Fanatismus unterscheiden: Essentieller Fanatismus beschreibt ein Persönlichkeitsmerkmal, das einen Menschen aufgrund seiner individuellen Entwicklung zum Extremen neigen lässt und wie ein innerer Drang wirkt. Unter induziertem Fanatismus dagegen versteht man das Fanatische als soziales Phänomen bzw. als Gruppenphänomen, wo Menschen, die zuvor von ihrer Persönlichkeitsstruktur her nicht zum Fanatismus neigten, "durch die erlebte Aktivität von Fanatikern oder fanatischen Bewegungen" (Hole, S. 53) selber fanatisch werden.
Das bedeutet, dass der Führer einer fanatischen Bewegung möglicherweise aufgrund seiner Persönlichkeit zu den "essentiellen" Fanatikern gehört. Die Menschen, die sich ihm anschließen, lassen sich aufgrund verschiedenster Hoffnungen und Sehnsüchte mit Begeisterung anstecken, bilden entsprechend "induziert" fanatische Denk- und Handlungsmuster heraus und leben diese als Gruppe / Gemeinschaft aus.
Der "induzierte" Fanatismus ist deshalb besonders gefährlich, weil ihn jeder Mensch entwickeln kann, sobald er begeisterungsfähig ist und gewillt, mit einer gewissen Konsequenz für seine Ideale einzutreten. So ist es möglich, dass wir alle - unter bestimmten Umständen - dem Fanatismus in einer Gruppe verfallen könnten. Dabei ist jede Form des Glaubens, der Weltanschauung - gerade wegen ihrer grundlegenden Bedeutung für Sinnfragen im Leben des einzelnen - in besonderer Weise für den Fanatismus anfällig. Daher ist es wichtig zu wissen, wie es zu einem solchen Phänomen kommen kann und unter welchen Bedingungen religiöser Fundamentalismus fanatisch wird.

 

Entstehungsbedingungen des religiösen fanatischen Fundamentalismus

Gemeinhin wird der fanatische Fundamentalismus als Flucht vor dem Modernen, als Rückwendung ins Vergangene gesehen. Dies wird auch deutlich, wenn man sich in Erinnerung ruft, wie der Begriff des Fundamentalismus entstanden ist. Das Festhalten an althergebrachten Werten und die Abwehr gegen neue Entdeckungen und Erkenntnisse waren der Auslöser für die christlich-fundamentalistische Bewegung. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Schlussfolgerung des Sozialethikers Stephan Pfürtner, dass diese Fluchttendenz einhergeht mit der Verleugnung einer geschichtlichen Entwicklung sowohl in bezug auf die Gesellschaft als auch in bezug auf die Lebensgeschichte des einzelnen Menschen (vgl. S. 106f). Die Anerkennung geschichtlicher Abläufe kann nur geschehen, wenn der Blick nicht nur zurück, sondern auch nach vorn, in die Zukunft gerichtet wird - denn Geschichte entsteht erst in Verbindung mit der Zukunft und ist ohne sie nicht möglich.

Die Haltung der Fundamentalisten ist jedoch von dem Wunsch geprägt, alles möge so bleiben wie es ist, und damit von der Furcht vor allem Neuen. Hier kann die fundamentalistische Grundhaltung mit ihrer Orientierung am Alten (vermeintlich) Gewissheit, Sicherheit und Halt vermitteln. In dem Maße, in dem die Furcht zunimmt, wird die Gefahr größer, diesen Halt zu verlieren, was wiederum die Furcht steigert. Wird diese zu stark, so kann sie in Aggression bis hin zu fast grenzenloser Wut umschlagen (vgl. Pfürtner S. 104ff). In diesem Moment wird der Fundamentalismus fanatisch. Denn nun gilt es, nahezu zwanghaft das zu schützen und zu bewahren, was Sicherheit und Halt gewährt. Damit werden nicht nur Kritiker des fundamentalistischen Gedankengutes, sondern auch diejenigen, die das Neue, die geschichtliche und wissenschaftliche Entwicklung vorantreiben und die Toleranz sowie einen Pluralismus v.a. der Werte vertreten, als Gefahr bzw. als Feind angesehen.

Wie kann es dazu kommen? Deutlich ist, dass Menschen, die fanatisch-fundamentalistisch glauben, Halt und Sicherheit nicht in sich, sondern außerhalb ihrer selbst (hier: im Glauben) suchen. Dies kann verschiedene Ursachen haben.
Zum einen kann das Gefühl von innerer Sicherheit, das Vertrauen in sich selbst, durch äußere soziale Faktoren, wie z.B. wirtschaftliche Armut oder die politischen Verhältnisse im Heimatland, stark erschüttert werden. Weiß ein Mensch nicht, ob er morgen noch etwas zu essen hat, oder weiß er nicht, ob er morgen noch arbeiten oder sogar leben wird, so fühlt er sich in seinem Alltag nicht mehr geborgen und ist damit sehr anfällig für fanatisch-fundamentalistische Ideen. Zum anderen können auch innerpsychische Faktoren den Mangel an Vertrauen bedingen. Hat ein Mensch z.B. nie erlebt, dass er aus eigener Kraft Dinge gestalten, sein Leben beeinflussen kann und ist er nie ermutigt worden, Zuversicht zu entwickeln in bezug auf seine eigenen Fähigkeiten, aber auch in bezug auf eine gute Zukunft im allgemeinen, so wird er Sicherheit und Geborgenheit eher außerhalb seiner selbst suchen. Solche äußeren Werte sind, im Gegensatz zum Vertrauen in innere Werte, sehr zerbrechlich, da sie jederzeit wieder entzogen werden können. Dies führt dazu, dass ein Mensch, dessen "Fundament" des Grundvertrauens außerhalb seiner selbst liegt, dazu neigt, dieses aus Angst vor dessen Verlust bzw. Entzug um so vehementer zu verteidigen.
Die absolute Identifizierung mit einer Idee oder einer Glaubenslehre, die als allmächtig und vollkommen erlebt wird, erinnert überdies an die im Kindesalter vorhandene, hier auch entwicklungspsychologisch notwendige Idealisierung der Eltern oder anderer Bezugspersonen aus dem Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit heraus. Ein solches Bedürfnis haben zwar auch Erwachsene, im Prozess der seelischen Reifung findet jedoch eine schrittweise Entidealisierung bzw. Loslösung von den unmittelbaren Bezugspersonen statt, die mit der zunehmenden Bildung und Festigung eigener Wertvorstellungen und Lebensentwürfe verbunden ist. Bei fanatisch religiösen Menschen dagegen erfolgt anscheinend eine Regression in eine eher kindliche Form der Auslebung dieser Bedürfnisse.

Hole nennt sechs psychische Bedürfnisse, die für fundamentalistisch eingestellte Menschen typisch sind:
  1. Das Bedürfnis nach Sicherheit,
  2. das Bedürfnis nach Verankerung,
  3. das Bedürfnis nach Autorität,
  4. das Bedürfnis nach Identifikation,
  5. das Bedürfnis nach Perfektion,
  6. das Bedürfnis nach Einfachheit (S. 28).

Alle diese Bedürfnisse versucht er durch eine Orientierung an äußeren Werten bzw. Idealen zu befriedigen. Und je stärker er diese Befriedigung in Gefahr glaubt (z.B. durch die Lehre innerhalb der Gemeinschaft, Glaubensfeinde, Kritiker oder Satan lauerten überall und warteten nur darauf, ihm alles wegzunehmen), desto heftiger / fanatischer wird er sie verteidigen.
Wie kann man dem fanatischen Fundamentalismus nun entgegenwirken? Im Folgenden wird versucht, Wege aufzuzeigen, die einen intensiven Glauben ohne fanatischen Ausprägungen zulassen.

Lösungswege

Ein Junge hatte Bonbons genascht, und seine Mutter hatte ihn erwischt. Da sie eine fromme Frau war und ihre Kinder religiös erzogen hatte, verwickelte sie ihren Sohn in folgendes Gespräch:

"Aber Junge, weißt du denn nicht, dass der liebe Gott dich immer sieht und alles beobachtet, was du tust!"
"Sicher Mama, das weiß ich."
"Dann ist dir ja auch klar, dass er dich eben in der Küche gesehen hat!"
"Natürlich hat er mir zugesehen!"
"Und was hat er wohl gesagt, als er sehen musste, wie du genascht hast?"
"Nun, er hat gesagt: Mein Lieber, du und ich, wir sind gerade allein hier in der Küche; nimm ruhig zwei Bonbons!"
(Niehl, F.W.: Die vielen Gesichter Gottes. München 1991, S.98)

In dem hier dargestellten Dialog wird deutlich, wie eine enge Beziehung zu Gott und seinen Geboten auf eine ganz selbstverständlich, natürlich und vertrauensvoll anmutende Weise gesehen und gelebt werden kann. Obwohl der Junge Gott als allgegenwärtig, allmächtig und allwissend erlebt, sieht er ihn nicht als "Paragraphenreiter", der nur bei peinlich genauer Auslegung seiner Anweisungen liebevoll ist und der ansonsten rächend und strafend über die Menschen wacht. Dieser Junge erweckt den Eindruck, als habe er selbstbewusst ein ganz persönliches, vertrauensvolles Bild von seinem Gott, der für ihn anscheinend eher Güte und Großzügigkeit als Strenge und Diktatur verkörpert.

In den Beratungsgesprächen mit Betroffenen aus fanatisch-fundamentalistischen Gemeinschaften wird immer wieder deutlich, dass ihnen ein solches persönliches und auch vertrauensvolles Bild von Gott, Jesus und anderen biblischen Figuren fehlt. Immer stehen die in der Bibel tatsächlich oder vermeintlich aufgestellten Vorschriften im Mittelpunkt. In der Regel kann ein Betroffener z.B. auf die Frage was seiner Meinung nach Jesus für ein Mensch war, was ihn vielleicht gefreut oder verletzt hat, keine Antwort geben. Viele erklären auch, noch nie darüber nachgedacht zu haben. Die Bedeutung der biblischen Geschichten und Personen für das eigene In-der-Welt-sein sowie der individuelle Bezug zur persönlichen Lebenswelt und -geschichte wird zugunsten von starren und für allgemein gültig und wahr erklärten Lehrmeinungen vernachlässigt oder sogar ganz aufgegeben. Eine Sicht der biblischen Lehren und Erzählungen, die dazu geeignet wäre, dieses ureigene Bild, diese individuelle Beziehung herzustellen oder eine solche zu ermutigen, wird in den entsprechenden Bibel- bzw. Hauskreisen meist weder vermittelt noch gefördert.

So verleugnen Betroffene oftmals in o.g. Manier damit auch ihre eigene lebensgeschichtliche Entwicklung. Sei es, weil sie sich nicht mit ungelösten, unverarbeiteten Problemen beschäftigen wollen oder können, sei es, weil sie aufgrund von ungewissen Lebensbedingungen oder unsicheren Bindungen in der Kindheit grundsätzlich keinen Halt, keine Sicherheit in sich selbst finden können, konzentrieren sie ihr gesamtes Denken, Fühlen und Handeln auf regressiv ausgerichtete Lehren. Diese bieten durch vereinfachte, starr strukturierte Glaubensmuster zumindest vermeintlich das Gefühl von Stabilität und Geborgenheit, berücksichtigen aber nicht den Menschen als individuelles, geschichtliches, sich fortwährend weiterentwickelndes Wesen. Insofern wird der Mensch in fanatisch-fundamentalistischen Gruppen in einem entscheidenden Punkt, der ihn als Menschen ausmacht, nicht gesehen und wohl auch nicht gewollt.

In Gesprächen mit einem solchen Menschen ist es wichtig, die Sehnsucht nach Halt und Sicherheit - Hempelmann spricht auch von "Glaubensversicherung" - anzuerkennen (S. 170). Um seinen Blick wieder mehr auf sein individuelles Erleben und seine eigenen Gedanken zu lenken, gilt es, immer wieder bestimmte Glaubensansichten auf ihren persönlichen Bezug zum Betroffenen hin zu hinterfragen und ihn zu ermutigen, diesen Bezug herzustellen. Die Konzentration bzw. Rückbesinnung auf das innere Erleben und die damit verbundene Ich-Stärkung macht es möglich, die jeweilige fanatisch-fundamentalistische Glaubenslehre mit mehr Abstand zu betrachten. Diese Distanz schafft Raum für eine kritischere und v.a. selbstbestimmte Auseinandersetzung sowohl mit der Doktrin als auch dem Menschenbild der betreffenden Gemeinschaft.

In der Beratungssituation wird zudem der lebensgeschichtliche Hintergrund, der zu einer Fanatisierung geführt hat, thematisiert: Wie ist es zu der inneren Unsicherheit und Suche nach Rückhalt und Stabilität gekommen? Wie kann der Betroffene für sich Möglichkeiten entdecken, sein Vertrauen in sich selbst zu stärken und sich aus diesem Selbstvertrauen heraus an der Vielfalt der Werte, der Vielfalt der verschiedenen Glaubensbewegungen so wie an der Vielfalt des Lebens in unserer Welt zu freuen? Denn genau diese Vielfalt und ihre Bewahrung wird als Weg gesehen, dem Fanatismus entgegenzuwirken (Hole, S. 163ff).

 

Literatur:

  • Hempelmann, Reinhard: Christlicher Fundamentalismus. Materialdienst der EZW 6/97. S.162 - 172
  • Hole, Günter: Fanatismus. Freiburg i. Br. 1995
  • Jaschke, Hans-Gerd: Fundamentalismus in Deutschland. Hamburg 1998
  • Niehl, F.W.: Die vielen Gesichter Gottes. München 1991
  • Pfürtner, Stephan, H.: Fundamentalismus. Die Flucht ins Radikale. Freiburg i. Br. 1991
  • Schmidbauer, Wolfgang: Alles oder Nichts. Über die Destruktivität von Idealen. Hamburg 1980
  • Steuerwald, Helmut: Fundamentalismus und religiöser Fanatismus in der Welt von heute. Vortrag beim Bund für Geistesfreiheit (bfg) Fürth K.d.ö.R am 16.11.2001
 
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