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Psychologische Aspekte des Phänomens "Jugendsatanismus" PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Gregor Müller   
Als am 31. Januar 2002 um 11.40 Uhr der vorsitzende Richter Arnjo Kerstingtombroke im Landgericht Bochum das Urteil verkündete, atmeten viele auf. Es war vorbei, hofften die meisten und waren froh, dass der größte Medienaufwand in der Bundesrepublik Deutschland bei einem Gerichtsverfahren seit den Nürnberger Prozessen (!) sein gerechtes Ende fand. Das sogenannte "Satanistenpaar" Daniel und Manuela Ruda wurden zu 13 bzw. 15 Jahren Haft bei gleichzeitiger Sicherungsverwahrung verurteilt. Jeder, der sich im juristischen Dschungel des Strafgesetzbuches auskennt, weiß, dass dieses Urteil ein Wiedererlangen der Freiheit bzw. eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließt.

Mittlerweile - knapp ein Jahr später - ist der Medienaufwand und das öffentliche Interesse deutlich abgeklungen, wenn auch nicht ganz verschwunden. Daniel Ruda hat den Kontakt zu seiner Ehefrau abgebrochen und will, wenn man den Medienberichten Glauben schenkt, demnächst die Scheidung einreichen. Angesichts der Bilder, der Inszenierung eines abscheulichen Verbrechens als Folge symbiotischer Verschmelzung zweier Menschen mit ausgeprägter Persönlichkeitsstörung und der Präsentation einer "Bonnie und Clyde" - Nachahmung während des Prozesses, eine denkwürdige, wenn auch aus ihren Persönlichkeitsstörungen heraus durchaus zu verstehende Entwicklung.

Was geblieben ist, ist ein neuer Kult, zwei "Stars" am düstersten Himmel orientierungs-, hilf- und ratloser Jugendlicher. Was geblieben ist, sind auch die Eltern, die im letzten Jahr verstärkt im Sekten-Info Essen e.V. anriefen, sich sorgen um ihre Kinder machen, keinen Zugang mehr finden und die dunkle Welt ihrer Söhne und Töchter nicht mehr verstehen. Die "Bluttat von Witten" hat ihn wieder in die Schlagzeilen gebracht, den sogenannten Jugendsatanismus, auch wenn dieses Verbrechen eher als Höhepunkt der Biografie "zweier zutiefst gestörter Persönlichkeiten" (Zitat aus der Urteilsbegründung) betrachtet werden muss denn als monokausale Folge satanistischer Ideen. Aber der Satanismus spielte dabei eine große Rolle und er passt in das Bild der Lebensgeschichte von Daniel und Manuela Ruda.

Auch wenn diese Tat mit Sicherheit eine Ausnahme im Themenkreis des Satanismus darstellt, bleibt die Frage, welche psychologischen Aspekte eigentlich das Phänomen des sogenannten Jugendsatanismus steuern, wodurch wird es aufgebaut, stabilisiert, und was kann eine Informations- und Beratungsstelle wie der Sekten-Info Essen e.V. tun, um Jugendlichen und deren Familien aus der abwärts gerichteten Spirale von Resignation, Verständnislosigkeit und fehlender Perspektive herauszuhelfen, wenn sie sich auf einen Beratungsprozess einlassen?

Betrachtet man nun das Phänomen des Jugendsatanismus lediglich aus der soziologischen bzw. religionswissenschaftlichen Perspektive bleibt die Antwort auf die Frage nach der strukturellen Ursache eher unbefriedigend. Der Jugendsatanismus ist weder eine Modewelle, für die er gern gehalten wird, da diese Welle seit nahezu 20 Jahren anhält (die soziologische Kulturforschung skaliert kulturelle Generationen in 5-Jahres-Intervalle), noch greift die Vorstellung zu kurz, der Jugend- oder auch Privatsatanismus bestehe aus "kombinierten Problemlagen, entstanden etwa aus sozialer Isolation, emotionaler Dissatisfaktion und moralischer Ambivalenz." (Haack, 1991).
Häufig hat man als Berater das Gefühl, es handele sich zwar in irgendeiner Form auch um das Thema Satanismus - besorgte Eltern kündigen dies oft im Erstkontakt am Telefon an, andere psychosoziale Beratungsstellen verweisen aus Unwissenheit über diese Thema an unsere Beratungsstelle. Bei genauerer Analyse des Problems wird allerdings deutlich, dass der Satanismus im Kontext der Biografie des Jugendlichen bzw. des Familiensystems eine ganz spezifische Funktion erfüllt, weitab irgendwelcher religiöser, philosophischer oder anderer inhaltlicher Bedeutungen.

Dieser Artikel soll daher im Folgenden die verschiedenen Verstehenszugänge um die psychologische Perspektive erweitern. Dabei soll die Leitfrage beantwortet werden, welche psychologischen Dimensionen das System Satanismus in der Person organisieren, wodurch es aufrecht erhalten wird und welche Rolle es im entwicklungs- und familienpsychologischen Kontext spielt.

 

Jugendsatanismus als gesellschaftliches Phänomen

Der Begriff "Jugendsatanismus" enthält bei weitem nicht die Einheitlichkeit und Schärfe, die man vermuten würde. Vielmehr beschreibt er ein Sammelsurium an Phänomenen, die "sowohl normale religiöse "Suchbewegungen" und harmlose pubertäre Spielereien Jugendlicher als auch schwerwiegende Suizid-Handlungen oder kriminelle Vergehen und Straftaten mit einem satanistischen Hintergrund" (Ruppert, 1998, S. 35) beinhalten. Es gibt auch Stimmen, die dem Jugendsatanismus jegliches "echtes" Fundament absprechen (Christiansen und Zinser, 2001), da er keine für den betreffenden Jugendlichen dauerhafte Lebenseinstellung bietet und die Gruppen kaum durchorganisiert sind. In den verschiedenen Jugendzeitschriften finden die Jugendlichen Anleihen zu Ritualpraktiken, die dann eher sporadisch zu Patchworkzeremonien benutzt werden. Zudem unterliegt der Jugendsatanismus immer auch einer Mischung aus Mythos und Realität: Erfahrungsberichte in mehr oder weniger seriösen Medienbeiträgen lassen uns teilhaben an angeblichen grausamen und abschreckenden Praktiken in satanistischen Zirkeln. Presseberichte über dunkle Spuren satanistischer Aktivitäten, von Grabschändungen über Graffitis mit einschlägigen Inhalten an Kirchen oder auf Friedhöfen bis hin zu Morden "im Auftrag Satans" - wie in dem oben beschriebenen Mordfall - erschüttern nahezu jeden.

Doch wie sieht nun die Wirklichkeit aus, welche gesellschaftliche Verbreitung "genießt" der sogenannte Jugendsatanismus wirklich? Letztendlich ist die "Wirklichkeit" kaum zu erheben. Auf der einen Seite erschwert eine große Dunkelziffer die Aufhellung des Phänomens, auf der anderen Seite bietet der Satanismus profilierungssuchenden Menschen auch immer eine Plattform, auf sich aufmerksam zu machen, ohne Gefahr zu laufen, als Betrüger entlarvt zu werden.
Alle wichtigen und zuverlässigen empirischen Untersuchungen kommen darin überein, dass satanistische Ideen bei Jugendlichen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Ca. 67 % der Jugendlichen kennen zwar einschlägige satanistische Praktiken (Mischo, 1991), aber nur eine äußerst geringer Teil hat wirklich schon einmal an einer "schwarzen Messe" teilgenommen (Zinser, 1993: 2,4 %; Straube, 1994: 1%). Das heißt, der Jugendsatanismus ist auf der einen Seite in der Tat ein gesellschaftliches Randphänomen. Auf der anderen Seite sind aber zum einen die Denkstrukturen und Lebenswelten innerhalb dieses Randphänomens jedoch durch eine dermaßen ausgesprochene Destruktivität und emotionale Abstumpfung gekennzeichnet, dass diese in jedem Fall im psychosozialen Netzwerk aufgefangen werden muss. Zum anderen sehen sich Beratungsstellen im weltanschaulichen Bereich - wie der Sekten-Info Essen e.V. - nach wie vor mit einer Fülle von Anfragen beunruhigter Eltern konfrontiert, die angesichts satanistischer Symbole, Ornamente und des entsprechenden Musikgeschmackes ihrer Kinder die Befürchtung haben, ihr Kind könnte in einen satanistischen Zirkel hineingeraten sein.
 

Satanismus als Produkt religiöser Sozialisation?

Schmid (1998) stellt für die Schweiz fest, dass es keinerlei signifikante Korrelationen zwischen der religiösen Sozialisation und dem Interesse am Satanismus gibt. "Es finden sich Kinder von Atheisten, von Esoterikern, von kirchenfremden Christen, von kirchlich engagierten Menschen, gar von Freikirchen - Mitgliedern. Die in der Vergangenheit wahrscheinliche Korrelation von konservativ-katholischer Erziehung und satanistischem Interesse ist ... nicht mehr signifikant feststellbar" (S. 2f.). Daher wird aus der sozialpsychologischen Perspektive der Satanismus als Protestform Jugendlicher insbesondere wegen seiner möglichen Zweifrontenposition attraktiv. "Ein Jugendlicher Satanist schockiert seine christlichen Eltern, weil er ihre Religion umkehrt und verballhornt seine atheistischen Eltern aber nicht weniger, weil er sich einer religiösen Macht unterwirft und die Kraft der Vernunft verabschiedet. Insofern treffen sich im Satanismus protestbereite Jugendliche aus christlichen wie aus atheistischen Elternhäusern." (S. 4).
 

Satanismus als Protest

Daneben spiegelt diese Form des gesellschaftlichen Protestes auch die zunehmende Entpolitisierung und Individualisierung vieler Jugendlicher wider: Statt gemeinsamer politischer Aktivitäten zur Verbesserung des sozialen Miteinanders, der Umweltbedingungen sowie der sozioökonomischen Verhältnisse wird als Protestform lieber das eigene Zimmer schwarz gestrichen - als Ausdruck des stummen Protestes, als Zeichen von Resignation und Perspektivlosigkeit, die gesellschaftlich immer noch zu wenig beachtet und gerne als pubertäres Durchgangssyndrom abgetan werden. Jugendliche, die sich im Dunstkreis satanistischer Ideen bewegen, suchen in der Regel originäre Ausdrucksformen, die einen Gegentrend zur "fit - for - fun" -Gesellschaft darstellt, die ihnen als langweilig, abgesichert, technisiert und durchgestylt vorkommt. Sie wollen ihre Ablehnung "brutalstmöglich" zur Schau stellen, bleiben aber - und das ist das eigentlich traurige - aufgrund der Destruktivität satanistischer Überzeugungen und einer fehlenden wirklich alternativen Lebensform im Gegensatz zu anderen "Protestbewegungen" meist im Protest stecken. Die Folge ist die Entstehung eines explosiven Teufelskreislaufes aus Frustrationen, Enttäuschungen und einer Reihe desillusionierender Erfahrungen beim Ausbleiben der versprochenen Effekte magisch-okkulter Rituale.

 

Jugendsatanismus als psychologisches Phänomen

Psychologische Betrachtungsweisen des Phänomens des Jugendsatanismus haben häufig einen eher psychoanalytischen Zugang (Schmid, 1998). Satanismus wird dort als Ausdrucksmöglichkeit verdrängter Persönlichkeitsanteile in der adoleszenzbedingten Übergangsperiode zwischen der Übernahme elterlicher Wertsysteme und der Entwicklung eigener Werteidentitäten verstanden. Dabei hat der Satanismus auch die Funktion der Abgrenzung gegen bürgerliche Normen und verkrustete elterliche Regularien. Dieser individuelle Anspruch wiederholt dabei die Entwicklungsgeschichte des institutionellen sogenannten Neo-Satanismus, wie ihn z.B. Anton Szandor La Vey mit der von ihm gegründeten Church of Satan verkörperte. Satan bildet dabei eine Gegenmoral, bestehend aus einem ungebremsten Egoismus und einer absoluten Missachtung von Schwäche und Schwächeren. Mitmenschen dienen lediglich der Verwirklichung eigener Ziele, sind also nur Mittel zum Zweck, was die Isolation vieler Jugendlicher, die sich als satanistisch bezeichnen noch verstärkt.
Die Erfahrung, die der Sekten - Info Essen e.V. in all den Jahren in der Beratung betroffener Jugendlicher sowie deren Familien und Freunden gewonnen hat, zeigte immer wieder, dass neben vielen anderen Faktoren (z.B. emotionale Vernachlässigung, fehlende Grenzsetzung, Gleichgültigkeit der Eltern gegenüber den Interessen und Entwicklungen ihrer Kinder) häufig auch ein bestimmter Persönlichkeitstypus diese Gegenmoral attraktiv findet.
 

Die Persönlichkeitspsychologie des Jugendsatanismus

Der amerikanische klinische Psychologe und Kultexperte Antony Moriarty (1992) hat als bisher einziger versucht, das Phänomen des Jugendsatanismus aus der persönlichkeitspsychologischen Perspektive zu durchleuchten. Dabei hat er insgesamt 4 Persönlichkeitstypen für den Bereich des Jugendsatanismus herauskristallisiert, die jeweils ganz unterschiedliche Gesprächs- und Interventionsstrategien abverlangen.

  1. „Narzisstische Pseudo - Intellektuelle“
    Narzissmus beinhaltet im psychodiagnostischen Sinne verschiedene Kriterien, die in satanistischen Ideengebäuden durchaus zu Hause sind. So nutzt der Betroffene eben wie oben bereits erwähnt zwischenmenschliche Beziehungen aus, um mit Hilfe anderer die eigenen Ziele zu erreichen (DSM IV, Kriterium 2). Auch die Abwertung alles Schwächeren und ein Mangel an Einfühlungsvermögen passt genau in das Konzept (DSM IV, Kriterium 8). Der Satanismus bietet für diesen Persönlichkeitstypus die Möglichkeit, Allmachts- und Größenphantasien auszuleben sowie ein - meist biografisch bedingtes - Macht- und Anerkennungsdefizit zu kompensieren.

  2. „Außenseiter“
    Dieser Persönlichkeitstyp entspricht nach Moriarty dem Schocker, der mit seinem Auftreten anecken und protestieren will. Dabei wird er einerseits vom Wunsch geleitet, Beachtung zu finden, sich zu profilieren und aus der Masse herauszutreten. Andererseits möchte er die Familienidylle erschüttern.

  3. „Kriminelle und Sadisten“
    Diesem Persönlichkeitstypus geht es vor allem darum, im Satanismus die Rechtfertigung zu finden, Verbrechen begehen zu können (Beispiel: Varg Vikerness, ein norwegischer Musiker, der ein Mitglied einer rivalisierenden Band erstach). Auch diesem Typus geht es, wie den vorherigen, um eine Trotzreaktion, mit Hilfe der Gewalt eine gewisse Art der Anerkennung zu bekommen. Wer allgemein akzeptierte Normen auf das Gröbste verletzt, kann sich der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit sicher sein. Er erhält Macht über die Maßstäbe von Moral und Gerechtigkeit.

  4. „Depressive und Selbstmordgefährdete“
    In diese Kategorie ist unserer Erfahrung nach die Mehrzahl der Klienten einzuordnen. Der Satanismus bietet vielen Jugendlichen die Möglichkeit, negative Gefühle und Verzweiflung zu artikulieren, wobei die Selbstmordgefährdung eher latent als akut vorhanden ist. Selbstmord ist im Satanismus in der Regel auch extrem verpönt, weil er ein Zeichen von Schwäche ist. Satanismus stellt aber eine Ideologie der Stärke dar, die keinerlei Schwächen duldet (Christiansen, 2001). Trotzdem birgt der Satanismus - wenn auch eher selten - die Gefahr der Suizidgefährdung, da "satanistische Überzeugungen weitgehend destruktiv sind. Sie haben keinerlei Gestaltungskraft, entwerfen keine positive Alternative, sondern bleiben im trotzigen Neinsagen stecken. Der "Kult der Macht und Stärke" ist eher ein Kult der Verzweifelung. Denn an der "Heuchelei" und "Doppelmoral" der "scheinheiligen" Welt ändern Satanisten letztendlich gar nichts. Mögliche Folge: Aufgrund der als ausweglos erlebten Situation kommt es nicht selten zu Suizidversuchen." (Harder, 2002; S. 39).

Diese 4 Persönlichkeitstypen haben mit Sicherheit weder einen Anspruch auf hohe Trennschärfe noch auf eine erschöpfende Erfassung haben. Es ist ein Versuch, den man aber noch weiter differenzieren und validieren muss. Dabei zeigt sich, dass es in der Tat in den seltensten Fällen wirklich um tief reflektierte Ideologien oder gar Quasireligionen geht. Der Satanismus bildet für die meisten Jugendlichen eher eine Art Verpackungsmaterial ganz anderer Ziele und Motive, die jedoch scheinbar auf anderem Wege kein Gehör finden oder nicht transportierbar sind.
 

Satanismus als "auffälliges Verhalten"

In der Beratung mit Familien - insbesondere im Erstkontakt - in denen ein Mitglied (i.d.R. der Sohn oder die Tochter) satanistisches Interesse zeigt, entsteht häufig der Eindruck, der Hang zum Düsteren stelle ein Symptom, ein "auffälliges Verhalten", dar, das über eine Funktion im familiären System verfügt, also gewissermaßen gebraucht wird. Dies bedeutet in keinem Fall, dass man daraus die Kurzschlussidee ableiten könne, die Verhaltensauffälligkeiten des Kindes würden schon verschwinden, wenn sich die Eltern beispielsweise nur einig wären oder ihr Kind endlich loslassen könnten oder ähnliches. Die Funktion eines Symptoms - in diesem Fall die satanistische Lebenswelt des jugendlichen Familienmitgliedes - ist viel komplizierter.
Nach Boeckhorst (1988) kann man 4 verschiedene Ansatzpunkte unterscheiden, die Bedeutung des "satanistischen Selbstausdrucks" als Symptom zu beschreiben:

  1. der satanistische Ausdruck weist auf eine ineffektive Lösung eines Problems hin.
  2.  

  3. der satanistische Ausdruck hat eine Schutzfunktion und stabilisiert die Familienbeziehungen, indem er zum Beispiel ermöglicht, einen Beziehungskonflikt zu stoppen und die Aufmerksamkeit von anderen konfliktträchtigen Beziehungen in der Familie abzuziehen.
  4.  

  5. der satanistische Ausdruck verschafft Macht, der "Symptomträger" kann sämtliche Interaktionen in der Familie zwingend organisieren.
  6.  

  7. der satanistische Ausdruck kann symbolisch und metaphorisch auf andere Probleme in der Familie hinweisen.
  8.  

Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen sind sehr oft Ausdruck einer Überforderung durch alterstypische Anforderungen bestimmter Entwicklungsphasen. "Die Verhaltensprobleme sind häufig die Folge einer Verdichtung oder Kumulation von Problemen im Familiensystem. Das Kind verweist als "Symptomträger" auf die Nöte der gesamten Familie. Es kann damit sogar zum Motor einer bislang vermiedenen Veränderung werden. Das Kind zwingt die Familie durch seine Symptome Hilfe zu suchen und erinnert die Familienmitglieder oft an deren eigene, unbewusste Bedürfnisse nach Veränderung. Delegation von elterlichen Bedürfnissen, Ersatzlösungen für unbefriedigende Lebenssituationen und Partnerschaften, elterliche Spannungen, versteckte oder auch offene Krisen, geheime Koalitionen zwischen Familienmitgliedern, Geheimnisse und Schuldgefühle können in kindlichen und jugendlichen "Entwicklungsauffälligkeiten" ihren Ausdruck finden." (Scheib und Wirsching, 2002, S.149).

In der Regel haben die Familien, die im Sekten-Info Essen e.V. Hilfe suchen, den Wunsch nach schnellen Lösungen, nach eindeutigen Handlungsanweisungen für den Umgang mit dem problematischen Kind. Dabei ist die familiäre Atmosphäre meist schon von einer starken Emotionalität und hohen Konfliktspannung geprägt. Die Betroffenen drängen förmlich nach entlastenden Entscheidungen. Sie bringen kaum eine Bereitschaft mit, in Ruhe zuzuhören, geschweige denn sich auf einen zeitintensiven, nach innen gerichteten und von gegenseitiger Verständnisbereitschaft geprägten Prozess einzulassen. Es gibt tiefe Spaltungen, nahezu undurchdringliche Verwicklungen und eine permanente Gefahr der Eskalation der Konflikte.

 

"Satanismusberatung" als Familienberatung

Wenn es gelingt, alle Mitglieder- oder zumindest die Hauptbetroffenen- einer Familie in den Beratungsprozess zu integrieren, ist es außerordentlich wichtig, als Berater ein Modell für empathisches Verständnis für jedes Familienmitglied darzustellen. Er sollte eine Vermittlerrolle gerade dort einnehmen, wo aufgrund tiefsitzender Kränkungen und Verletzungen zwischen den Familienmitgliedern gegenseitiges Mitgefühl und gegenseitige Toleranz nicht mehr möglich ist (Gaylin, 2002). Allen Familienmitgliedern muss wieder deutlich werden, dass sie sich durch eine gemeinsam erlebte Geschichte auch eine gemeinsame Kultur geschaffen haben, die reich an gemeinsamen Bedeutungen, eingeprägten Werten und Zukunftserwartungen ist. Gleichzeitig entwickelt aber jedes Familienmitglied eine ganz persönliche Weltsicht, die in manchen Punkten von den übrigen Familienmitgliedern abweichen kann, ja geradezu erschreckend wirken mag. Zur Verbesserung des einfühlenden Verständnisses sollte man insbesondere den "nicht-satanistischen" Familienmitgliedern deutlich machen, dass sich jeder Mensch gemäß seiner aktuellen Struktur als Folge lebensgeschichtlicher Auseinandersetzung im Sinne seiner subjektiven Logik "angemessen" und "richtig" verhält, auch wenn sein Verhalten von seiner sozialen Umwelt zurecht als unakzeptabel erlebt wird. Das impliziert auf keinen Fall, sozial inakzeptables Verhalten zu tolerieren. Es soll damit die Suche nach dem „Warum“ überhaupt erst einmal ermöglicht werden. Das satanistische Auftreten mag für den Jugendlichen subjektiv die in der derzeitigen Lebenssituation einzig zur Verfügung stehende Reaktionsform sein, auch wenn man die genauen Zusammenhänge im Augenblick noch nicht richtig versteht.

Die Familienberatung im Zusammenhang mit satanistischen Tendenzen eines Familienmitgliedes hat als Oberziel, die "ritualisierte Wiederholungsstruktur der leidvollen Problemkommunikation zu verlassen und das Wagnis einzugehen, Neues zu probieren." (Ludewig, 2002, S.69). Familien, die zwischenmenschliche Probleme innerhalb der familiären Interaktionen stabilisieren und reproduzieren können, verfügen in der Regel auch über die notwendigen Ressourcen, die Probleme erfolgreich durch Alternativen zu ersetzen. In vielen Fällen reicht es dabei aus, den Familien eine professionelle Außenperspektive zur Verfügung zu stellen, die sie nutzen könne, um sich, ihre Interaktionen und ihr Umfeld anders zu sehen und neue Sinnzusammenhänge zu erkennen.

Dabei ist allerdings auch festzustellen, dass psychologische Interventionen immer auch Grenzen haben. Nicht jede Familie ist dabei interessiert, versteckte Konflikte offen zu legen und den eigenen Anteil zu bearbeiten. In diesen Fällen kann ein niedrigschwelliges Angebot die Familie durchaus motivieren. Es kann jedoch auch sein, und das ist leider in diesem Spannungsfeld nicht selten, dass man die Familie in ihren Problemlagen nicht erreicht und diese die Manifestation des Problems einer Aufdeckung der Konflikte vorzieht. Das ist zu respektieren, auch wenn es manchem sehr schwer fällt.

 

Literatur:

 

  • Boeckhorst, F.: Strategische Familientherapie. Dortmund, Modernes Lernen, 1988
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  • Christiansen, J. & Zinser, H.: Okkultismus und Satanismus. Behörde für Inneres - Arbeitsgruppe Scientology, Hamburg, 2001
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  • Gaylin NL: The self, the family, and psychotherapy. The Person-Centered Journal 3, 2002
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  • Harder, B.: Die jungen Satanisten, München, 2002
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  • Haack, F.-W.: Anmerkung zum Satanismus, München, 1991
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  • Ludewig, K.: Systemische Therapie mit Paaren und Familien, in Wirsching, M. & Scheib, P.: Paar- und Familientherapie, Springer, 2002
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  • Moriarty, A.: The psychology of Adolescent Satanism, Praeger Publishers, Westport, CT 1992
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  • Mischo, J.: Okkultismus bei Jugendlichen, Mainz, 1991
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  • Ruppert, H.J.: Satanismus, EZW-Texte, 1998
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  • Saß, H.; Wittchen, H.U.; Zaudig, M.: DSM-IV, Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen, Hogrefe 1998
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  • Schmid, G. O.: Geht die Jugend zum Teufel, Ev. Informationsstelle - Sekten - Religionen, 2000 (in www.relinfo.ch/satanismus/jugendtxt.html)
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  • Straube, E.: Abschlussbericht zum Forschungsprojekt: Affinität zu Okkultismus und Sekten, Universität Jena, 1994
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  • Wirsching, M. & Scheib, P.: Paar -und Familientherapie, Springer, 2002
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  • Zinser, H.: Jugendokkultismus in Ost und West, München, 1993
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