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"So wie Heintje" PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Katharina Reiss   
Einblicke in die Lebens- und Glaubenswelt der Zeugen Jehovas

Das Bild der Zeugen Jehovas (Z.J.) in der Öffentlichkeit ist oftmals verzerrt. Das fällt auch bei den entsprechenden Anfragen in unserer Einrichtung auf.

Das eine Extrem liegt in der Sichtweise der Zeugen als durchweg liebe, engagierte, ihrem Glauben freudig nacheifernde, also nahezu perfekte Menschen; das andere Extrem sieht die Zeugen als fanatische Werber, die mit dem Fuß die Tür aufhalten, die grundsätzlich ihre Kinder misshandeln und Aussteiger sowie Kritiker gnadenlos verfolgen.

Auch wird die Verbreitung dieser Gemeinschaft in Deutschland in der Regel fehleingeschätzt. Fragt man Menschen (z.B. im Rahmen von Vorträgen), welche Gruppierung ihrem Eindruck nach die größte neue religiöse Gemeinschaft in Deutschland sei, dann fällt meistens der Name der Zeugen Jehovas. Folgt man jedoch dem von der Wachtturmgesellschaft (WTG) selbst veröffentlichten „Bericht über das Dienstjahr 2003“ (Wachtturm [WT] v. 1. Jan. 04, S. 18), so gibt es in Deutschland ca. 163 000 so genannte „Verkündiger“, d.h. Menschen, die die Lehre der Zeugen von Haus zu Haus tragen oder mit den beiden Veröffentlichungen „Wachtturm“ und „Erwachet“ an der Strasse stehen. Zum Vergleich: Die Neuapostolische Kirche hat – obwohl längst nicht so bekannt – ca. 388 000 Mitglieder in Deutschland (vgl. Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst, Remid; Marburg, 2003).

Die „Gefahr“ einer Missionierung durch die Zeugen Jehovas ist ebenfalls weitaus geringer als vielfach gefürchtet: In den letzten Jahren sind die Verkündigerzahlen in Deutschland trotz des großen Missionseinsatzes (wiederum nach eigenen Angaben der WTG) in etwa gleich geblieben.
Gemessen an ihrer, relativ gesehen, geringen Mitgliederzahl ist die Anzahl der Beratungsfälle zum Thema in unserer Einrichtung vergleichsweise hoch. Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären? Im folgenden werden Faktoren innerhalb der Glaubenswelt der Z.J. aufgezeigt, die zu Problemen der Mitglieder selbst oder ihres unmittelbaren Lebensumfeldes führen können.

 

Die wichtigsten Elemente der Glaubenslehre der Z.J.:

1. Alleinige Gültigkeit und Abkehr von der Welt
Die Wachtturmgesellschaft sieht sich als einzig wahre christliche Organisation. Andere Glaubensgemeinschaften – vor allem die evangelische und katholische Kirche – huldigen der „falschen Religion“, die von Satan genutzt wird, um den Menschen von Gott zu entfernen (vgl. Was erwartet Gott von uns? WTG 1996, S. 8; WT 1. Nov. 01, S. 4). Die Gemeinschaft der Menschen, die keine wahren Christen – also keine Zeugen Jehovas – sind, wird als „die Welt“ bezeichnet (WT 1. Dez. 98, S. 14). Die WTG stellt ihre Organisation als ein Paradies dar, dass wie eine Insel inmitten der Welt Satans liegt (WT 15. Dez. 03, S. 19). Da diese Welt „eine Brutstätte schädlichen Gedankenguts“ (WT, 1. Mai 00, S. 8) ist, werden die Zeugen tendenziell ermutigt, Menschen, die dieser Welt angehören zu meiden bzw. den Kontakt so gering wie möglich zu halten (WT, 1. Dez. 98, S.14f), um nicht von Satan zum Bösen verführt und dadurch von Gott und den damit verbundenen Heilsversprechungen getrennt zu werden (vgl. Was erwartet Gott von uns? S. 8f).

Die WTG sieht sich als ausführendes Organ Gottes, als „Einrichtung Christi“. Sie lehrt, dass durch ihr Führungsgremium, die „leitende Körperschaft“, die aus 12 ausgewählten langjährigen Mitgliedern der Organisation besteht, Christus selber die Gemeinschaft führt (WT, 15. März 02, S. 15). Damit genießt das Führungsgremium der Zeugen Jehovas absolute „göttliche“ Autorität. Alles, was die Führung sagt und tut kommt direkt von Gott.

2. Absoluter Bibel- bzw. Wachtturmglaube
Gott persönlich führt nicht nur die Zeugen Jehovas durch die Leitende Körperschaft, er spricht auch zu ihnen, indem er ihnen über die WTG „Speise zur rechten Zeit“ zukommen lässt. Diese, so die Behauptung der WTG, lässt er ihnen v.a. über die Zeitschriften „Wachtturm“ und „Erwachet“, die die WTG in 14-tägigem Wechsel verlegt und herausgibt, zukommen (WT, 1. Mai 00, S. 15). Das, was in diesen beiden Heftchen steht, sind also Informationen Gottes; vor anderen Informationsquellen wird dagegen oft gewarnt, da die Gefahr bestehe, dass sie schädliches Gedankengut enthielten (vgl. WT 1. Mai 00, S. 8ff; WT 1. Okt. 00, S. 10f). Überdies wird behauptet, dass die “geistige Speise”, sprich u.a. die WT-Lektüre, davor schützt, Satan und seinem bösen Gedankengut in die Hände zu fallen (WT, 1. Juli 01, S. 20).
Zweifel an dieser Lehre werden als von Satan kommend dargestellt, die es energisch zu bekämpfen gilt (vlg. WT 1. Juli 01, S. 19f).

In den von der WTG veröffentlichen Schriften wird immer wieder betont, dass alles, was von der WTG kommt, gut, richtig und im Sinne Gottes ist – ja sogar von Gott selbst kommt; alles, was von außerhalb der WTG kommt, aber gefährlich, schädlich oder sogar satanisch ist. Nur wer sich an die Veröffentlichungen und Lehren der WTG sowie die damit verbundenen Anweisungen hält, kann demnach gut und richtig christlich leben. Außerdem kann er nur dann in den Genuss der versprochenen Verheißung des ewigen Lebens im Paradies auf Erden kommen.

3. Harmageddon
Wie schon erwähnt, behauptet die WTG, die einzig wahre Organisation Gottes zu sein. Die von Satan durchdrungene Welt, im Sprachgebrauch der Zeugen Jehovas das „gegenwärtige böse System der Dinge“ genannt, wird jedoch, nach Angaben der WTG bald zerstört werden. Dieser Zeitpunkt wird „Harmageddon“ genannt. „Es wird ein Tag der Schlacht und des Zornausbruchs sein, ein Tag der Finsternis und der Verwüstung.“ (WT, 15. Dez. 03, S. 19)
Wer diesen schrecklichen Tag, der jederzeit über uns hereinbrechen kann, überleben will, muss dieser wahren Organisation Gottes angehören. Denn nur die „wahren Christen“ werden diesen Tag überstehen und dann für immer im Paradies auf Erden leben können.

Es reicht allerdings nicht aus, der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas anzugehören. Immer wieder wird von der WTG darauf hingewiesen, dass man sich unbedingt an die Anweisungen bzw. Empfehlungen der Organisation zu halten hat. Tut man das nicht, so besteht die Gefahr, Harmageddon nicht zu überleben:
„Lassen wir uns niemals dazu verleiten, uns – aus was für Gründen auch immer – in die Gefahrenzone zurückzuwagen, denn der Tag, an dem wir die Sicherheitsgrenze zurück in die Welt überschreiten, könnte der Tag sein, an dem Jehova eingreift.“ (WT 15. Febr. 00, S. 7) (vgl. auch: WT 15. Dez. 03, S. 19f)

Zeugen Jehovas stehen damit ständig unter dem Druck, „gut“ bzw. „rein“ zu sein und sich an die Anweisungen der WTG (die angeblich von Gott kommen) zu halten, um sich nicht dem schrecklichen Tod an Harmageddon auszuliefern und sich stattdessen ein Leben im Paradies auf Erden zu sichern. D.h. die zeitweise in den Veröffentlichungen der Organisation beschworene Entscheidungsfreiheit der Mitglieder (vgl. WT 1. Nov. 99, S. 28) bezieht sich auf eine Entscheidung zwischen Leben (im Paradies) oder Tod (bei Harmageddon).

 

Anforderungen der Glaubensgemeinschaft an die erwachsenen Mitglieder

Die o.g. Anweisungen der WTG erstrecken sich auf sämtliche Bereiche des alltäglichen Lebens und greifen stark in die persönlichen Lebensentscheidungen der Mitglieder ein.

1. Missionierung bzw. Werbung
Die Missionsarbeit oder – wie die WTG es nennt – das „Predigtwerk“ nimmt einen großen Stellenwert im Leben eines Zeugen Jehovas ein, da der Eintritt ins Paradies auch von seinem Engagement im Predigtdienst abhängt. Alle anderen Aktivitäten sollen dahinter zurückstehen. So heißt es im Handbuch für die Ältesten ganz deutlich: „Hilf den Brüdern zu erkennen, dass die Beteiligung am Verkündigen der guten Botschaft eine heilige Pflicht ist, ein Erfordernis, von dem unser Leben abhängt...“ („Gebt acht auf Euch selbst und auf die ganze Herde“ - Lehrbuch für die Königreichsdienstschule, WTG: 1991, S. 35)
Im – eher für die Öffentlichkeit bestimmten – Wachtturm wird es etwas moderater so formuliert:
„Ein echter Christ beteiligt sich somit ganz selbstverständlich am Predigtwerk, weil das nicht von seinem Glauben zu trennen ist.“ (WT, 1. Jan. 04, S. 11) Wer ein echter Christ sein will, sieht sich offenbar gezwungen, einen gewissen Teil seiner Freizeit für die Missionierung neuer Mitglieder aufzuwenden. Dies wird in der Informationsbroschüre des Informationsdienstes der Zeugen Jehovas zwar bestritten, die gerade zitierten Ausschnitte aus anderen Publikationen der WTG zeichnen allerdings ein anderes Bild.

2. Heirat und Familie
Die Direktiven der WTG zielen darauf hin, dass Zeugen Jehovas nur Glaubensbrüder bzw. –schwestern heiraten sollten (WT 15. Aug. 01, S. 30). Im Lehrbuch für die Königreichsdienstschule“, die Anweisungen für die Ältesten der einzelnen Versammlungen beinhaltet, heißt es sogar:
„Heiratet ein Gott hingegebener, getaufter Christ einen Ungläubigen, so verliert er vorerst sämtliche besonderen Vorrechte...“ (a.a.O., S. 133)
Innerhalb der Familie sollte der Ehemann die führende Autorität sein, der sich die Ehefrau unterzuordnen hat. Die Kinder wiederum werden aufgerufen, ihren Eltern unter allen Umständen zu gehorchen (WT 15. März 02, S. 10f).

3. Verhalten bei Krankheit, psychosomatischen oder seelischen Störungen
Am bekanntesten ist in der deutschen Öffentlichkeit sicher die Weigerung vieler Zeugen Jehovas, Bluttransfusionen durchführen zu lassen. In einem sehr ausführlichen WT-Artikel aus dem Jahr 2000 wird klargestellt: „Zeugen Jehovas nehmen kein Blut.“ (WT, 15. Juni 00, S. 29f). Darin wird u.a. behauptet, dass diese Weigerung auf einem Gesetz Gottes beruhe. Auch zu seelischen Störungen oder auch psychischen Erkrankungen nimmt die WTG in Form von Empfehlungen Stellung. Auch hier wird immer wieder betont, dass z.B. eine psychosoziale Beratung oder psychotherapeutische Behandlung in der Regel von „weltlich“ ausgerichteten Fachleuten durchgeführt wird, und es wird immer wieder auf die Gefahren hingewiesen, die ein solcher Kontakt zur „Welt“ bringen könnte. Stattdessen wird der jeweilige Älteste als besserer seelischer Helfer oder Ratgeber angepriesen, auch wenn er weder über beratende, seelsorgerliche oder psychotherapeutische Kompetenzen verfügt, noch eine entsprechende fachliche Qualifizierung im Umgang mit den verschiedenen psychischen Störungsbildern aufweist (Wachtturm 1. Sept. 96). Lediglich im Falle schwerer psychischer Auffälligkeiten empfiehlt die WTG entsprechende fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, wobei diese Hilfe in Form einer medikamentösen Behandlung stattfinden sollte (Erwachet 8. Jan. 04, S. 11).

4. Beteiligung am politischen Leben
Jegliches Engagement, das mit der sogen. „Welt“ zusammenhängt, sollte – wie in Kap. 1 geschildert - nach den Empfehlungen bzw. Anweisungen der WTG unterbleiben. Dazu gehören auch und v.a. politische Wahlen (vgl. WT 1. Nov. 99, S. 28). „Satan hat die Politik, die Geschäftswelt, die Religion und die Unterhaltungsindustrie der Welt für seine Zwecke eingespannt.“ (WT 1. Apr. 99, 21) Durch eine solche Verteufelung der Politik im allgemeinen seitens der WTG wird dem einzelnen Z.J. die Möglichkeit, durch politisches Engagement die Gesellschaft in der er lebt mitzugestalten, als nicht christlich und damit als für ihn nicht angemessen, dargestellt.

5. „Glaubensschädigende Lebensstile“
Zu weiteren von der WTG als „glaubensschädigend“ ausgewiesenen Lebensstilen gehören zum einen „unmäßiges Essen und unmäßiges Trinken“ sowie übermäßiger Eifer nach finanziellem Reichtum. Zum anderen zählen die Überbewertung persönlicher Sorgen und das „Streben nach weltlicher Bildung“ dazu. Als Grund hierfür wird angegeben, dass sie den einzelnen Z.J. verleiten könnten, die Interessen der WTG darüber zu vernachlässigen (vgl. WT 15. Dez. 03, S. 22ff).
 
Alle Tätigkeiten oder Beschäftigungen, die viel Zeit in Anspruch nehmen könnten, die dann zum Besuch der Versammlungen, zum Studium der „geistigen Speise“ oder zum Predigtdienst fehlen könnte, werden demnach als schädlich beurteilt (vgl. WT 15. Aug. 00, S. 29). Sämtliche Aktivitäten jenseits der Zeugen Jehovas treten in den Hintergrund. Dies kann auf Dauer zu einer starken Einengung der Lebenswelt von Z.J. führen.

6. Darstellung in der Öffentlichkeit
Selbst für das Auftreten des einzelnen Zeugen Jehova in der Öffentlichkeit gibt es ganz konkrete Handlungsempfehlungen. Eine Zusammenfassung der immer wieder in den Publikationen der WTG erscheinenden Direktiven findet sich in den Schulungsmaterialien für Mitarbeiter des Regionalen Informationsdienstes, dem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Organ der WTG von 1998. Hier heißt es in bezug auf Besuche z.B. in Zeitungsredaktionen:
„Durch regelmäßige persönliche, aber unaufdringliche Besuche wollen wir erreichen, dass Medienvertreter erkennen, dass ... wir keine grauen Mäuse sind, sondern durch schickliche Freizeitkleidung uns so geben, wie wir wirklich sind: nett, adrett und weltoffen (...); wir wie ‚Heintje’ sind – die netten Jungs und Mädels von nebenan.“ (a.a.O., S. 4)
In dem selben Schulungsmaterial wird später noch mehrfach von einer “Heintje-Darstellung” gesprochen.

Hier wird deutlich, wie Zeugen Jehovas angeleitet werden, in der Öffentlichkeit ein bestimmtes Image aufzubauen und zu pflegen, nämlich die „Heintje-Darstellung“. Es ist demnach für den Einzelnen nicht wichtig, sich mit seinen individuellen Charakterzügen oder seinem persönlichen Profil zu zeigen, sondern sich auf die von der WTG vorgegebene Art und Weise darzustellen.

 

Erwartungen der Glaubensgemeinschaft an Kinder und Jugendliche

Die Erwartungen der WTG bezüglich der Denk- und Verhaltensweisen ihrer Mitglieder sind allerdings nicht auf die Erwachsenen beschränkt. Es wird im Gegenteil von den Eltern erwartet, dass sie ihre Kinder schon vom frühesten Alter an „schulen und zurechtweisen“, damit sie die in den Augen der WTG richtigen Denk- und Handlungsmuster frühzeitig verinnerlichen.

Ca. 36% der Zeugen Jehovas sind Kinder, die Gemeinschaft zählt jedoch nur ca. 11% Jugendliche zu ihren Mitgliedern (vgl. Jehovas Zeugen, Menschen aus d. Nachbarschaft, WTG 1995, S. 8). Die Zeugen praktizieren die Erwachsenentaufe, ab dem 12. Lebensjahr – nur die Getauften werden erfasst.

Unter dem Motto „Kinder können von frühester Kindheit an geformt werden“ (WT, 1. Febr. 99, S. 12), gibt die WTG den Eltern ganz konkrete Vorgaben für die Erziehung der Kinder. So sollen Eltern ihren Kindern durch Zucht und durch häufige Ermahnungen (WT 15. Mai 01, S. 22) „helfen, Eigenschaften auszumerzen, die Jehova hasst, und solche zu entwickeln, die er liebt (...)“ (WT 1. Nov. 98, S. 13).
Die Eltern werden immer wieder darauf hingewiesen, dass Kinder möglichst früh mit in die Aktivitäten für die Glaubensgemeinschaft eingebunden werden sollten. Dazu gehört ein regelmäßiges Bibelstudium innerhalb der Familie ebenso wie die Ermahnung, schon sehr kleine Kinder an den Zusammenkünften im Königreichssaal teilnehmen zu lassen und sie auch regelmäßig mit in den Predigtdienst zu nehmen (z.B. WT, 1. Okt. 01, S. 12; WT, 15. Mai 01, S. 21ff), damit sie sich „die in Gottes Wort enthaltenen Grundsätze und Maßstäbe“ einprägen und das ewige Leben erlangen (WT, 1. Okt. 01, S. 9 bzw. S. 13). Den Eltern obliegt damit implizit die Verantwortung für das Überleben ihrer Kinder an Harmageddon.

Auch werden die Kinder direkt angesprochen:
In dem – eigens für Kinder geschriebenen – Buch „Lerne von dem großen Lehrer“ (WTG 2003) wird den Kindern erklärt, dass sie Gott v.a. dadurch ihre Liebe zu ihm zeigen können, dass sie sich an die verschiedenen schon genannten Lehrsätze der Z.J. halten. Unter der Überschrift „ Kinder, über die sich Gott freut“ wird erklärt, wie sie Gott eine Freude machen können: Indem sie ihren Eltern gehorchen, regelmäßig die Zusammenkünfte besuchen und alles über Gott lernen. Immer wieder wird den Kindern in den einzelnen Kapiteln die Missionsarbeit als ein wichtiges Mittel nahegelegt, sich Gottes Zuneigung oder Wohlwollen zu sichern. Sie werden ermutigt, mit anderen Menschen über „Jehova“ zu sprechen und ihnen den Glauben nahe zu bringen. Dies wird unterstrichen durch die Behauptung, daran, dass jemand über „Jehova“ spricht, könne man erkennen, dass er Gottes Diener sei (a.a.O., S. 201, S. 212ff, S. 237).

Warum es schon für die Kinder wichtig ist, durch strikten Gehorsam bzw. striktes Einhalten der genannten Regeln Gott zu erfreuen bzw. sein Diener zu sein, wird in den letzten Kapiteln des o.g. Lehrbuches deutlich - Gott wird die Welt vernichten. Und wer überleben möchte, der muss Gott bzw. denen, die Gott als Botschafter eingesetzt hat (die Leitende Körperschaft der WTG), gehorchen (a.a.O., S. 241f). Schon den Kindern wird dadurch suggeriert, dass von diesem Gehorsam, dieser Loyalität der WTG gegenüber ihr Überleben nach Harmageddon abhängt.

Mit dem Aufruf „Ihr Jugendlichen – widersteht dem Geist der Welt!“ (WT, 1. Sept. 99) versuchen die Z.J. die Jugendlichen in der Gemeinschaft zu halten. Auch hier spart die WTG nicht mit Regeln, Anweisungen und Ermahnungen. Im o.g. Artikel findet sich eine Zusammenfassung dessen, was die WTG unter dem „Geist der Welt“ versteht: „Unehrlichkeit und ein rebellisches Wesen“, Diskothekenbesuche oder „andere Formen ausgelassenen Feierns“, extreme Kleidung sowie „von wilden, aufpeitschenden Rhythmen“ getragene Musik und „geschlechtliche Unmoral“ gelten als Maßnahmen Satans, Jugendliche von Gott weg in die Welt zu ziehen (WT, 1. Sept. 99, S. 9f).

Die Welt jenseits der Gemeinschaft der Z.J. ist schlecht und verdorben; daher ist es nötig, sich grundsätzlich von allem, was zu dieser äußeren „Welt“ gehört, fernzuhalten. Das, was Jugendliche in der Pubertät entwicklungsgemäß tun, um zu einer eigenen Sicht der Welt zu gelangen und sich von den Eltern abzunabeln, wird von der WTG verteufelt (WT, 1. Nov. 01, S. 5): Sich ein eigenes Bild zu machen, über bestimmte Theorien oder Philosophien nachzudenken, sich mit verschiedenartiger Literatur zu beschäftigen oder sich durch eine eigene Jugendkultur von den Eltern zu distanzieren, öffnet Satan Tür und Tor und birgt die Gefahr, in der Schlacht von Harmageddon elendig umzukommen.

Was aber soll geschehen, wenn sich Jugendliche dennoch nicht an die von der WTG aufgestellten Regeln halten? Bereut ein Jugendlicher, der bereits getauft ist, seine Verstöße nicht, dann kann er aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Das bedeutet, dass die anderen Mitglieder der Gemeinschaft „keinen Umgang mehr“ mit ihm haben dürfen (WT, 1. Okt. 01, S. 17). Das heißt, dass sie nicht mehr mit ihm reden, ihn noch nicht einmal grüßen dürfen. Durch solche Zwangsmaßnahmen sollen Jugendliche dazu gebracht werden, reumütig zur Gemeinschaft zurückzukehren. Dass solche Ausschlüsse offensichtlich recht häufig vorkommen, zeigt der – von der WTG selber genannte – recht niedrige Prozentsatz an jugendlichen Mitgliedern.

 

Fazit

Die Glaubenswelt der Zeugen Jehovas bildet sowohl auf der persönlichen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene ein Spannungsfeld zu der alltäglichen Welt außerhalb der Gemeinschaft.
Durch die Aufteilung der Welt in gut (Gemeinschaft der Zeugen Jehovas) und böse (Rest der Gesellschaft) kommt es bei Z.J. oftmals zu einer Aufspaltung in eine „innere“ und eine „äußere“ Lebenswelt.
Die „innere“ Lebenswelt ist einerseits geprägt von rigiden Regeln der WTG und erwarteter Anpassung, die Sicherheit und Heil bieten. Andererseits werden sie in der Schule, am Arbeitsplatz und im persönlichen Umfeld permanent mit der „äußeren“ Welt konfrontiert, die ihnen als gefährlich und verführerisch, weil von Satan durchdrungen, dargestellt wird, der sie jedoch nicht entgehen können.
Die ständige Bedrohung der Z.J., Harmageddon nicht zu überleben, wenn Regeln nicht eingehalten werden, kann je nach Persönlichkeitsstruktur des einzelnen mehr oder weniger starke Ängste, in extremen Fällen auch Zwänge bzw. Zwangsvorstellungen auslösen.

Ist dieser Zwiespalt für Erwachsene oft schwer auszuhalten, so geraten Jugendliche aufgrund ihrer speziellen Lebenssituation (Pubertät) umso stärker in Konflikte mit der „inneren“ Welt der Z.J. und der „äußeren“ Welt der Gesellschaft.
Die Lebenswelt der Z.J. ist also oftmals von Ängsten (vor Heilsverlust) und Zwängen (die von der WTG aufgestellten Regeln unbedingt einzuhalten) geprägt, die im Gegensatz zu einer Verheißung des Auserwählt-Seins steht. Das kann zu Versagensängsten, innerer Zerrissenheit und Gefühlen von Verzweifelung führen. Ein Leben in Spannungsfeldern wie diesen kann Konflikte mit dem sozialen Umfeld sowie eine seelische Krise zur Folge haben, die in der Beratung bearbeitet werden können.

Ein solcher Gegensatz findet sich auch auf der gesellschaftlichen Ebene. Für unsere heutige Gesellschaft sind Wertevielfalt, die Ermutigung zur kritischen Auseinandersetzung charakteristisch. In der Lehre der WTG gelten gerade diese Eigenschaften bezogen auf die eigene Organisation als gottesfern und satanisch und sind mit Heilsverlust belegt. Dieser bedeutet den Verlust des ewigen Lebens und einen grausamen Tod. Um einen solchen Heilsverlust zu vermeiden, werden die o.g. gesellschaftlichen Werte zwar nach außen hin akzeptiert (Heintje-Darstellung) innerlich jedoch abgelehnt oder sogar verachtet.

 
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