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Glaube und Heilung PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Christoph Grotepass   

Heilung durch Glaube an Heilung durch Glauben 

Glaube, Spiritualität und Heilungsversprechen sind in unserer Beratungsstelle alltägliche Themen. In drei parallelen Gesprächen kann es etwa um den Versuch gehen, sich im Wirrwarr alternativer Therapieangebote zu recht zu finden, die spirituellen (Irr-) Wege eines Familienmitgliedes auf der Suche nach umfassendem Heil-Sein zu ergründen und die Frage zu beantworten, ob bestehende Beschwerden auf einen Fluch zurückzuführen seien. Dieser Artikel möchte bei der Sondierung der zum Teil komplexen Zusammenhänge helfen.
 
Vorsicht! Dieser Artikel gefährdet Ihren Glauben an die Wirkung z.B. der Rescue-Tropfen Ihrer Bach-Blütentherapie und hebt damit möglicherweise deren Wirkung auf.

Heilt Glaube? - Angebote und Versprechen

Glaube kann bekanntlich bei der Heilung von Krankheiten helfen. Mehr als eine vage Hilfe wird ihm dabei allerdings selten zugetraut - eher eine persönlich-moralische Unterstützung einer vom Arzt verschriebenen Medizin, Operation oder Psychotherapie. Wichtig wird er wieder als Bewältigungshilfe, wenn die Schulmedizin mit ihrem Latein am Ende ist. Aber auch den schulmedizinischen Interventionen wird nicht mehr grenzenlos vertraut. Das ist zum Teil auch gut so - die Patienten haben ihre Mündigkeit gegenüber dem "Halbgott in Weiß" entdeckt. Die Erwartung an die Medizin als reinen Körper-Reparaturbetrieb oder zum eigenen Hightech-Tuning nach fragwürdigen Idealen wird in Frage gestellt. Zunehmend schauen sich Heilsuchende nach alternativen Therapien um und werden auch fündig. Schon lange gibt es in Deutschland mehr "Naturheiler" als Ärzte. Verschiedene Definitionen von Naturheilverfahren führen zu Verwirrungen. Neben den klassischen Kneipp'schen, wie Hydro-, Bewegungs-, Ernährungs-, Phytotherapie, werden alle möglichen Verfahren so bezeichnet, um eine Unterscheidung zur Schulmedizin zu betonen. Aber auch die Zahl der Schulmediziner wächst, die ergänzend andere Verfahren anbieten und etwa eine Zusatzausbildung in Homöopathie haben. 75% der niedergelassenen Ärzte in Deutschland verschreiben zumindest gelegentlich homöopathische Mittel (GWUP). 20.000 Heilpraktiker bieten unterschiedlichste und teils skurrile Therapien an. Der "Dachverband Geistiges Heilen" zählt 5.000 Mitglieder. Religiöse Gruppen, auch "so genannte Sekten" und esoterische Weltanschauungen bieten gemäß ihren Lehren eigene Verfahren an oder nutzen wiederum die esoterischen Trends:

  • "Fiat Lux"-Gründerin Uriella heilt alles, der Bruno-Gröning-Freundeskreis gibt die Parole aus "Unheilbar gibt es nicht, vertraue und glaube", die pseudochristliche "Christliche Wissenschaft" versichert, dass Krankheit Illusion sei. Der Status "Clear" garantiert nach der Lehre von Scientology vollständige Gesundheit. Im Zusammenhang mit diesen Gruppen sind etliche vermeidbare Todesfälle bekannt.

  • "Jasmuheen" - wie sich die Australierin Ellen Greve nennt - verspricht den Aufstieg zu unsterblicher spiritueller Meisterschaft durch eine drei-wöchige Umstellung auf Lichtnahrung. Nach diesem Prozess könne auf herkömmliche Nahrung verzichtet werden. Mehrere Todesopfer stehen bereits mit dieser Lehre im Zusammenhang.

  • Die Hamburger Morgenpost (7.2.2006): "...sie hat sich bis zuletzt geweigert, ihren Brustkrebs von einem Schulmediziner behandeln zu lassen. Sie müsse nur ihre psychischen Probleme infolge eines Trennungskonfliktes lösen, dann werde sie von alleine wieder gesund - das hatte Ryke Geerd Hamer ihr eingeredet." (Hamer ist der Begründer der umstrittenen "Germanischen Neuen Medizin".)

  • Eine Klientin unserer Beratungsstelle fühlte sich von einem Geistheiler beeinflusst. Per Fernheilung hat er ihre Kopfschmerzen erfolgreich behandelt. Nachdem sie die Behandlung beendet hatte, drohte er ihr mit seinen Fähigkeiten. Seitdem war sie ständig krank und hatte Angst, der Mann hätte ihr Dämonen geschickt.

  • Auf einer Esoterikmesse schwingt ein Edelsteinverkäufer einen "Tensor" durch meine "Aura". Er diagnostiziert eine Grippe und empfiehlt einen Edelstein zum 3x täglichen Auflegen auf die Nasenwurzel - je fünf Minuten. Ich bekam auch ohne Stein keine Grippe.

Auch der christliche Bereich kennt Heilungsversprechen und ungewöhnliche Methoden:

  • In der ARD-Fernsehdokumentation "Jesus' junge Garde" über die christlich-charismatische Jugendorganisation "The Call" demonstriert ein junger Mann christliches Heilen an einem Mädchen mit einem "zu klein geratenen Fuß". Vor ihr sitzend hält er den Fuß und ruft: "Im Namen Jesus Christus spreche ich zu dem Fuß: Komm, komm, komm, Fuß. Ich sage zu Dir: Wachse, wachse, wachse ..." Und in Bezug auf das Becken: "...ich spreche komplette Heilung aus, es soll gerade werden im Namen Jesus Christus."

  • An einer kirchlichen Universität in Rom werden seit letztem Jahr Exorzismuskurse angeboten. In Italien sind etwa 400 Exorzisten tätig. In Deutschland erteilt bisher kein Bischof die hier für jeden Einzelfall erforderliche Erlaubnis. Vorstellungen von einer dämonischen Natur von Krankheiten, sowie das Gefühl, von bösen Mächten besessen zu sein, führen auch in manchen deutschen charismatischen, freikirchlichen Gruppen zu einer wachsenden Praxis von "Befreiungsgebeten".


Allgemeine Glaubenslage

1950 waren 96% der Westdeutschen Mitglied einer der beiden Großkirchen. Heute gehören 68% der Deutschen formal einer Kirche an. Die Kirchengebäude zeichnen sich zunehmend durch Leere aus: 10% der Kirchenmitglieder besuchen den Sonntagsgottesdienst (Allensbach Institut). Die Lehre wirkt besonders bezüglich unseres Themas Heilung zurückhaltend und kraftlos. Diesseits werden vom Gott der Volkskirchen kaum Wunder erwartet. Die Hoffnung auf umfassende Heilung wird auf ein Jenseits verschoben, welches für entkirchlichte Durchschnitts-Christen in aktueller Krankheitslage jedoch kaum noch Kraft abwirft:

"Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein" (Offenbarung des Johannes, Kap. 21,4).

Feuerbach, Marx, Freud und andere hatten den Rückgang des Glaubens schon lange prognostiziert; die Säkularisierung der Welt schien Gott überflüssig zu machen. Stattdessen erleben wir eine Renaissance der Religiosität, Spiritualität und Sinnsuche: 43% der Bevölkerung bezeichnen sich durchaus als "religiös" und nur 8% erklären, keine Religion zu benötigen. Die Abkehr von den etablierten Kirchen verrät aber etwas von der Veränderung des Inhalts und des Vollzugs von Glauben. Die traditionell (vor-) formulierte und das familiäre Leben begleitende Religion hat an Bindekraft verloren. Spirituelle Angebote müssen sich verändernden Lebensvollzügen anpassen und spezifische Bedürfnisse beantworten. Gerade die Themen Gesundheit, Heilung, Wellness sind eng mit der neuen Spiritualität verknüpft. Zwei Strömungen spüren wir in der Beratungsarbeit. Angesichts des Verlustes traditioneller, Sicherheit bietender Lebensentwürfe reagieren einerseits viele Menschen zunehmend verunsichert und suchen Halt in strukturierten Gruppierungen. Diese bieten entweder klare, eher konservative Normen oder eine neue spirituelle "Weltordnung" mit definierten Verhaltensweisen an. Andererseits suchen viele im großen Angebot spiritueller Weltdeutungsmuster für die aktuelle Bedürfnislage passende Bestandteile aus. Während die ersteren eher Struktur und Heimat in einer Gruppe suchen, möchten sich die letzteren individuell spirituell weiterentwickeln. Beiden gemeinsam ist die Betonung der persönlichen Erfahrungsebene. Dazu zählt auch die Erfahrung von "Heilsgemeinschaft" oder von heilenden Beziehungen und Kräften.

In China, Afrika und Lateinamerika wachsen christliche Kirchen stark an, die Heilungsgottesdienste und das Gebet für Kranke in den Mittelpunkt stellen. Heilung ist ein wesentliches missionarisches Element. Charismatisch-christliche Gruppen in den USA haben diesen Trend auch nach Deutschland gebracht. Sie berufen sich dabei mit einem fundamentalistischen Bibelverständnis z.B. auf folgende Worte:

"Als er [Jesus] aber die zwölf zusammengerufen hatte, gab er ihnen Kraft und Vollmacht über alle Dämonen und zur Heilung von Krankheiten. Und er sandte sie, das Reich Gottes zu predigen und die Kranken gesund zu machen." (Lukasevangelium, Kap. 9,1f)

Da in den Entwicklungsländern die medizinische Versorgung für Arme oft unerreichbar ist, werden Alternativen gesucht (auch wenn die moderne Medizin oder die indigenen Heilweisen erfolglos blieben). Christliche Gemeinden bieten das Gebet für Kranke "kostenlos" an. Sie knüpfen an volksreligiöse Vorstellungen von Heilung an, in denen Gesundheit und Krankheit oft in magische, kosmische Zusammenhänge eingebettet sind. Es wird verzweifelt-pragmatisch ausprobiert, ob dieser Gott mächtiger ist als die krankheitsverursachenden bösen Mächte. Die Nachricht von erfolgten Heilungen und Wundern verbreitet sich rasch. Während die zugrunde liegenden Umstände gegenüber denen in den Industrieländern unterschiedlicher kaum sein können, ist die Suche nach Heilung im umfassenden Sinne ähnlich. Die zunehmende Globalisierung beschert uns die "ver-rückte" Lage, dass in Europa das Heil in "traditioneller chinesischer Medizin", im indischen "Wissen vom Leben" (Ayurveda) oder einem südamerikanischem Schamanenritual gesucht wird, während chinesische, indische, afrikanische und südamerikanische Menschen auf "christliche Heilungswunder" hoffen. Im Zuge der globalen Vernetzungen ist kultureller Austausch und ein Lernen von einander auf allen Ebenen wichtig. Fairer Handel macht es im Kleinen der Weltwirtschaft vor. Das setzt die wertschätzende Wahrnehmung soziokultureller Zusammenhänge voraus. Die Übernahme spiritueller Fragmente durch den westlichen Weltanschauungsmarkt ist kein gelungenes Beispiel. Unreflektierte Toleranz ist ebenfalls fehl am Platze. Die Erkenntnis eigener Fehlentwicklungen darf errungene Werte nicht verleugnen, wenn es angesichts spirituell begründeter Verletzung von Menschenrechten gilt, Kritik zu üben (Missachtung der Gleichberechtigung, massive Genitalverstümmelung an Mädchen in einigen afrikanischen Ländern).

Im Gemischtwarenladen des deutschen Weltanschauungsmarktes finden spirituelle Elemente verschiedenster Kulturen friedlich nebeneinander Platz - auch wenn sie sich widersprechen. Mit der Annahme verborgener, aber nutzbarer Mächte ist die esoterische Grundströmung ein alter Glaube in "modernem" Gewand. Sie leistet eine Spiritualisierung und Rückverzauberung des Alltags. Beim esoterischen Mainstream geschieht dies oft parallel zu einer Technisierung der Glaubensvorstellungen. Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Astro- und Quantenphysik werden in psychophysische Zusammenhänge übersetzt, magische Vorstellungsweisen wissenschaftlich "bewiesen". Dies bedeutet eine Aufbereitung der technischen Machbarkeitsvorstellung auf spiritueller Ebene. Kreiere dir die Welt, die dir gefällt, durch positives Denken, magische Rituale oder psychotrope Substanzen, wie Mescalin, LSD, Peyote, Giftpilze. So kann die vorhandene Realität als eine von vielen möglichen Welten, Krankheit als Illusion und Heilung als eigene Aufgabe erkannt werden. Ist diese nicht zu lösen, gibt es (unter Bezug auf hinduistische Vorstellungen) karmische Erklärungen. Vermutlich erfordern die Erfahrungen früherer Inkarnationen ein "Nachsitzen" der Seele auf der pädagogisch-spirituellen Entwicklungsleiter zur Erlösung. Im Bewusstsein der Esoterik-Gläubigen geht es stets um "ganzheitliches Wissen". Für manche Sinnsucher sind hier Alternativen zu einer ansonsten seelenlos empfundenen, technischen, erfahrungsfremden Welt.

Glaube und Medizin in der Geschichte

Glaube und Heilung, Spiritualität und Medizin waren bis vor dem Siegeszug der Schulmedizin eng miteinander verknüpft und sind es in Teilen der Welt noch immer. In religiösen Riten und Heilmethoden liegen die Wurzeln heutiger Medizin und Psychotherapie. Arzt, Priester und Wissenschaftler zugleich zu sein, war bis zur Aufklärung in widerspruchsloser Einheit möglich. Erste Krankenhäuser wurden hier von Klöstern gegründet, die ersten Universitäten ebenso. Doch bald begann sich die Wissenschaft von der Ziel und Richtung vorgebenden Religion zu emanzipieren. Die allmähliche Befreiung vom umfassenden Sinngefüge schuf die notwendige experimentelle Weite. Heute erkennen wir aber auch den damit einhergehenden Verlust ethischer Verantwortung. Descartes (1596 - 1650) postulierte die Ähnlichkeit des menschlichen Körpers mit einem mechanischen Automaten, gesteuert vom vernunftbegabten Geist. Dieses materialistische Bild vom Menschen und der Dualismus von Körper und Geist bildeten die Grundkonstanten der medizinisch-wissenschaftlichen Forschung - zum Teil bis heute. Die Erforschung naturwissenschaftlicher Prinzipien und deren technische Umsetzungen machte diese Medizin so erfolgreich: die Entwicklung von Operationsmethoden, das Mikroskop und die Entdeckung von Bakterien und Viren, die Erfindung der Schutzimpfung und die Bekämpfung von Seuchen. Nach und nach wurde der "Schulmedizin" ein Alleinanspruch auf den Bereich der Heilung übertragen. Rationale und experimentell nachweisbare Gesundheitstechniken einerseits - "privater Glaube" und Heilsverständnis andererseits. Ein Teil des Glaubens wurde der Wissenschaft und ihren Möglichkeiten übertragen. Insbesondere bei Krankheit galt die Hoffnung mehr dem "Halbgott in Weiß". Der Wissenschaftsfortschritt duldete seinerseits keine höheren Sinnzusammenhänge. Über Medikamentenherstellung und Ausbildung zum Arztberuf - einst von Schamanen, Medizinmännern, weisen Frauen im Rahmen spiritueller Kontexte tradiert - wacht der neutrale Staat.

Heute wird die radikale "Entzauberung" der Welt - selbst der Glaube an die Wissenschaft und die omnipotente technische Machbarkeit sind längst demontiert - weithin verantwortlich gemacht: für den vielfältigen persönlichen Sinnverlust und die damit inzwischen nachweisbar einhergehenden psychischen und physischen Folgen. Das hoch entwickelte Gesundheitssystem mit seinen phantastischen Leistungen kämpft mit den Symptomen, welche die auch ihr zugrunde liegende materialistische Grundauffassung der Gesellschaft mit hervorgebracht hat: Zivilisationskrankheiten, Depressionen, Stress-Symptomatiken. Angesichts eines Gesundheitssystems, welches uns von der Wiege bis zur Bahre zwingend begleitet (von der Ultraschalluntersuchung des Fötus, der kontrollierten Geburt, Impfungen, medizinischen Schuluntersuchungen, tatsächlichen Krankheiten, dem Röntgenblick der Versicherungsgesellschaften, Vorsorgeuntersuchungen, Ver- bis Entsorgung der Zähne bis zur Feststellung des Todes) wird Gesundheit in Abhängigkeit vom jeweils nächsten Untersuchungsergebnis definiert. Dieser Blickwinkel macht den Menschen leicht zum Objekt von gesundheitserhaltenden Maßnahmen, bis hin zum Erhalt der lebensnotwendigen Funktionen, die ein würdiges, zum Leben dazu gehörendes Sterben auf ein "Abschalten" reduzieren. Hinzu kommt der ethische Konflikt, dass solch hochtechnisierte therapeutische Spezialisierung im Rahmen einer medizinischen Allgemeinversorgung bereits für die westlichen Industrieländer nicht mehr finanzierbar ist - geschweige denn der weltweiten Not gerecht werden könnte. Erst seit relativ kurzer Zeit wird auf wissenschaftlicher Ebene fakultäts-übergreifend das gesamte Wesen des Menschen und damit auch die spirituelle Dimension betrachtet.

 

Heilung ist nicht Heil, Religion nicht Spiritualität - Definitionen

Die unterschiedlichen Begriffsverwendungen machen eine Unterscheidung notwendig. Glaube ist als "glauben an", "vertrauen auf", "sich geborgen wissen in" über die Relation zu einer konkreten Religion hinaus zu verstehen. Religion ist Glaubenstradition. Die tradierten Werte, Normen und Verhaltensformen/Rituale, setzen den Menschen über sich selbst hinaus in soziale Gemeinschaft und in Dialog zu höheren Kräften. Spiritualität - wenn nicht völlig wahllos verwendet - bezieht sich hauptsächlich auf die Erfahrung von Transzendenz, das Erkennen und Erleben einer das Ich übersteigenden Wirklichkeit.

Heilung bezieht sich auf das gesamte Wesen des Menschen. So wie Liebe und Zeit "Wunden heilen" können, ist Heilung ein von körperlicher Gesundheit unabhängiger Begriff. Glaube und Heilung stehen als Begriffspaar in spannungsreicher Beziehung zueinander. Als "Berge versetzende Kraft" ist der Glaube ein therapienotwendiges "Mittel", der eine Gesundung beachtlich beschleunigen oder erst ermöglichen kann. Hoffnungslosigkeit ist ein klar erkanntes Therapiehindernis. Glaube ist aber nicht "verschreibbar", seine Instrumentalisierung macht ihn unglaubwürdig. Ein religiös definierter Glaube erkennt den Zusammenhang zwischen der Bitte um Heilung und einer allerdings unverfügbaren göttlichen Gnadenzuwendung in Form einer Gesundung. Damit drückt sich ein jeweils religiös definiertes Verhältnis zu einem umfassenden Heil aus. Gesundung wird dann auch als konkrete Heilserfahrung erlebt, wie Votivtafeln und Dankschriften an religiösen Stätten eindrücklich belegen. Die Heiligsprechungen der katholischen Kirche beruhen ebenfalls auf solchen Zeugnissen. Wird die Teilhabe am Heil allerdings kausal mit Gesundheit verbunden, dann gerät Gesundung zum Gottesbeweis und Krankheit zur Glaubensschwäche, bzw. Abkehr von Gott. Im Bewusstsein dieser praktizierten Spannbreite haben sich in den letzten Jahren etliche ökumenische Konferenzen auch mit dem Thema Heilung beschäftigt. Zuletzt bedachte die Weltmissionskonferenz des ökumenischen Rates der Kirchen in Athen 2005 die therapeutische Kraft des Glaubens und den heilenden Dienst der Kirche unter dem Motto: "Komm, Heiliger Geist, heile und versöhne!" Ebenfalls 2005 hat das Evangelische Missionswerk in Deutschland ein Arbeitsheft für Gemeinden herausgegeben: "Von der heilenden Kraft des Glaubens."

Die Beziehung zwischen Schuld und Krankheit ist psychosomatisch sehr bedeutsam. Ungelöste Gewissenskonflikte können chronische Erkrankungen bewirken. "Vergebung von Sünden" ist Teil von "Heilung" und gesundheitsfördernd. Mit sich selbst und der Welt versöhnt, stirbt es sich auch "leichter": In der Palliativmedizin und der Hospizarbeit bildet spirituelles Wohlbefinden einen wichtigen Faktor für die Steigerung der Lebensqualität. Werden infolge dualistisch geprägter religiöser Vorstellungen Krankheiten als Folgen dämonischer/ teuflischer Einwirkung geglaubt, dann kann innerhalb eines solchen kulturellen Kontextes auch ein "Befreiungsgebet" oder ein "Exorzismus" "heilend" und gesundheitsfördernd wirken.

Der Gesundheitsbegriff ist im Wandel. Die erste internationale Konferenz zur Gesundheitsförderung definiert 1986 in der "Ottawa-Charta" die Gesundheit als mehrdimensionales und dynamisches Geschehen und in deutlicher Abkehr von einem bisher defizitorientierten Verständnis. Die vom ökumenischen Rat der Kirchen angeregte "spirituelle Dimension" findet sich in der Erweiterung von 1997: "Gesundheit ist ein dynamischer Zustand vollkommenen biologischen, sozialen, psychischen und spirituellen Wohlbefindens, nicht nur die Abwesenheit von Krankheit." Diese umfassende Definition begreift Gesundheit einerseits als stark vom Individuum eigenverantwortete Lebensaufgabe. Aber die soziale Dimension sieht den Menschen auch als in vielen Beziehungen lebendes, mit ihnen interagierendes Wesen. Dabei weitet sich der Blick vom unmittelbaren familiären Beziehungssystem hin zu den sozio-ökonomischen Landesbedingungen, dessen Möglichkeiten einer medizinischen Grundversorgung, den gesundheitlich relevanten Folgen der markwirtschaftlichen Globalisierung, samt ökologischer Folgeerscheinungen. Die "spirituelle Dimension" weist über diejenige des Einzelnen und dessen religiöses Beziehungssystem hinaus in globale Zusammenhänge: Fortschritts- und Kulturexport führten zu einer Zurückdrängung indigener Kulturen und hatten in vielen Entwicklungsländern das Zerreißen traditioneller Strukturen zur Folge. Der Verlust eigener kultureller und religiöser Identität bewirkte oft auch eine geistige Verarmung, die mit Hoffnungslosigkeit und damit gesundheitlichen Folgen einhergeht.

Das Verhältnis von Religion und Medizin ist einerseits bestimmt durch den ethisch-moralischen Dialog zu Themen wie Abtreibung, Sterbehilfe, Aids, Gentechnik. Hier geht es um Wertediskussion und Menschenbild. Im Zusammenhang mit weltanschaulichen Gruppierungen kommen weitere Themen hinzu, wie die Verweigerung von Bluttransfusionen und die Ablehnung von Therapieverfahren und Operationen. Auf der anderen Seite kommt die praktisch-spirituelle Arbeit zum Beispiel in der Krankenhausseelsorge zur Geltung. Hier sind keine Dogmen und Bekenntnisse gefragt, sondern die Deutungswelt und das Erleben des Patienten. Als religiöse Heiler verstehen sich wohl die wenigsten. In etlichen englischen Krankenhäusern sind tatsächlich auch Heiler beschäftigt, die neben der ärztlichen Therapie ihren Dienst anbieten. Hier ist das bisher undenkbar. Stattdessen geht es um einfaches Da-Sein, die Begleitung bei der Integration der belastenden Situation in das bisherige Lebenskonzept, oder die Erarbeitungshilfe bei einem neuen, die Transzendierung der aktuellen Erfahrung in einen Sinnhorizont. Die Steigerung der Lebensqualität in Richtung eines umfassenderen "Heil-Seins" ist ein vieldimensionales Ziel, welches auch sozialarbeiterische Maßnahmen beinhalten kann. Ein solches Heilungsverständnis gilt unabhängig von ärztlichen Heilungs-Prognosen, gerade auch bei unheilbaren Krankheiten und in der Sterbebgleitung.

In den "frömmeren" USA bieten mehr als die Hälfte der medizinischen Fakultäten Kurse an, in denen angehende Ärzte lernen, mit Patienten auch über spirituelle Themen zu sprechen. Dass Ärzte den Patienten anbieten, mit Ihnen zu beten, ist keine Seltenheit. In Deutschland ist eine solche Verknüpfung schon aufgrund eines völlig anders gearteten gesellschaftlichen Umgangs mit Religiosität nicht angezeigt. Es gibt allerdings durchaus Krankenhäuser, denen die ganzheitliche Wahrnehmung des Menschen, oder gar ganz dezidiert die spirituelle Dimension  sehr wichtig ist: Die  Fachklinik Heiligenfeld in Bad Kissingen hat esoterische Angebote, "De ignis" Kliniken haben eine dezidiert christliche Ausrichtung, einige Kliniken werden von teils konfliktträchtigen neureligiösen Gruppierungen geführt, etwa die "Christusklinik" des "Universellen Lebens", oder auf Ayurveda spezialisierte Einrichtungen der "Transzendentalen Meditation" von Maharishi Mahesh Yogi.

Die vermehrt in Leitbildkonzepten beschriebene Berücksichtigung auch spiritueller Patientenbedürfnisse trifft kaum die Alltagsrealität der von Wirtschaftlichkeitsfragen geplagten Krankenhäuser. Für die Kenntniserlangung der tatsächlichen Bedürfnisse sind die Fragebögen bemerkenswert, die in einer Studie der Arbeitsgruppe "Spiritualität und Medizin" am Lehrstuhl für Medizintheorie und Komplementärmedizin der Universität Witten-Herdecke entwickelt wurden. Die gewonnenen Daten sollen das Zusammenspiel zwischen dem spirituellen bzw. religiösen Hintergrund eines Patienten und seiner Einstellung zu und Umgang mit Krankheit abbilden. Wenn Gespräche über spirituelle Nöte möglich werden, zeigt sich wieder die verloren gegangene dialogische Nähe, die das Wort Heilen zum Ausdruck bringt: "heilen" im Sinne des eigenen Heilungsprozesses (auch über die Wundheilung hinaus) und "heilen" im Sinne der Behandlung. Die Gesundheitstechnik des Arztes alleine hat nur einen begrenzten Anteil an der Heilung eines Patienten. Die Arzt-Patienten-Beziehung kann weitere heilende Dimensionen aufweisen, in denen Chancen und Risiken liegen. Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit belässt dem Patienten die Eigenverantwortung - eine Selbstüberschätzung des Therapeuten fördert Abhängigkeiten.

Glaube und Gehirn

Hirnforschung und Psychologie finden immer neue Zusammenhänge von Leib, Geist und Seele. Gegenüber der früheren Trennung dieser Trias werden "Geist" und "Seele" schlicht als körperliche Funktionsweisen gesehen. Erlebnisberichte von Schläfenlappen-Epileptikern und die Schilderungen von Visionen geschichtlicher und heutiger Gläubiger weisen Ähnlichkeiten auf. Die Hirnforschung erkennt daran die Bedeutung dieser Hirnregion für das Empfinden von Spiritualität. Dieser "neurotheologische" Zusammenhang lässt sich mittels moderner bildgebender Verfahren nachweisen - u.a. bei betenden Nonnen und meditierenden Mönchen. Umgekehrt will der kanadische Neuropsychologe Persinger mittels elektromagnetischer Impulse in diesen Bereichen Wahrnehmungen hervorrufen können, die traditionellerweise spirituelle Deutungen erfahren: Entgrenzungserlebnisse, das Fühlen von Machtpräsenzen. Unter Berufung auf dessen Ergebnisse wird im Internet eine käufliche Variante angeboten. Ein besonders Erfolg versprechendes Modell bietet Shakti Spiritual Technology für 220 Dollar an. Über ein Computerprogramm gesteuert (es läuft unter Windows) wird die Soundkarte zur Erzeugung der Magnetfelder für die spirituelle Schläfenlappen-Massage benutzt. Die Werbung verspricht Außerkörpererfahrungen, Klarträume, Telepathie und Glückszustände.

Die "biotheologische" Forschung von Dean Hamer ("das Gottes-Gen") zeigt, dass spirituelle Menschen häufig eine gemeinsame Variante des VMAT2 Gens aufweisen. Der ursprünglich theologische Begriff des "Homo religiosus" erfährt unerwartete wissenschaftliche Deckung. Ist Gott damit reine "Nervensache", oder aber ein "Gen-Defekt"? Andere erkennen hier den körperlichen Gottesbeweis: Selbstverständlich habe der Mensch als Gottes Geschöpf auch ein entsprechendes Empfängerorgan. Beides zielt mit der Reduzierung auf die körperliche Dimension zu kurz. Spiritualität macht nur im Rahmen der individuellen Lebens- und damit auch Krankheitsbewältigung einen Sinn. Der Mensch ist unheilbar religiös - aber auch in säkularisierter Form. Eingedenk leicht erlebbarer Trance-Zustände bei Sport und Musik wissen wir, dass die spirituelle Dimension auch in unserem hochtechnisierten Land nie verloren ging: ritualisierte Grölhymnen an den Fußball-Gott, Jogging-Trance, Bungee-Jumping-Kick. Viele Songtexte haben spirituellen Bezug: "This is my church, this is where I heal my hurts... tonight, God is a DJ" von der englischen Trance/House Band "Faithless" (dies ist meine Kirche, hier heile ich meinen Schmerz... heute Nacht ist Gott ein DJ).

Glaube heilt! - "Beweise"

Beeindruckend ist schon die Anzahl der bisherigen Studien zur Bedeutung von Glaube und Spiritualität für die Krankheitsbewältigung, den Verlauf körperlicher und seelischer Krankheiten und die Lebensqualität von erkrankten Menschen. Das vordergründige Ergebnis überrascht durch seine Eindeutigkeit selbst die Forscher. Das "Handbook of Religion and Health" (Eine nähere Darstellung von Studien findet sich bei Straube und Ehm/Utsch) zitiert über 1200 Studien, die einen positiven statistischen Zusammenhang zwischen körperlicher Gesundheit und Religiosität belegen. Wer glaubt, ist gesünder, verfügt über mehr Bewältigungsstrategien, genießt eine höhere Lebenszufriedenheit und hat eine höhere Lebenserwartung. Meta-Analysen weiterer Studien bestätigen dies und zeigen auch Zusammenhänge bei psychischen Erkrankungen. Zugespitzt kann sogar andersherum gezeigt werden: "Das spirituelle Nichtpraktizieren ist ein bislang unterschätzter Risikofaktor für psychische Belastungssymptome." (Ehm/Utsch, S. 33) Ob Gebet oder Meditation: "Der Forschungsüberblick hat gezeigt, dass Spiritualität als Ressource betrachtet werden kann, die stark präventive Bedeutung hat." (Ebenda; S. 34) Der konfessionelle Inhalt des Glaubens spielt übrigens keine Rolle. Dennoch bleibt neben der argwöhnischen Frage nach der methodischen Sauberkeit der Studien, wie ihre Ergebnisse konkret interpretiert werden können und was sie letztlich beweisen. Gott kann nicht per Rezept verordnet werden. Der Versuch, Spiritualität als Ressource zu "erzwingen", widerspricht ihrem Grundgedanken. Der ausgelöste Erfolgsdruck würde tatsächlich mehr Schaden anrichten. Heilung ist in diesem Sinne nicht verfügbar.

Der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Religion ist zu einem Teil auch durch die Normen einer Religionsgemeinschaft und den daraus resultierenden Verhaltensweisen erklärbar. Das Verhältnis zu gesundheitsschädigenden Konsumgütern wie Tabak und Alkohol, sowie die damit einhergehende soziale Kontrolle hat großen Einfluss. Gegenseitige Ermahnung, Ermutigung sowie Fürsorge oder Fürbitte können eine das allgemeine Wohlbefinden steigernde Stützung darstellen. Ein sich Eingebunden wissen in einen größeren Sinnzusammenhang, rituelles Erleben (Beichte, Sündenvergebung, Meditation, Gesang) können eine heilsame spirituelle Geborgenheit begründen. Ein hohes spirituelles Wohlbefinden kann das Leben trotz gesundheitlicher Belastungen lebenswert machen.

Glaube kann auch krank machen. Freud hat es klar formuliert: Religion trägt neurotische Züge, weil der Mensch in ihr vor der Wirklichkeit flieht und nicht erwachsen wird. In religiösen Praktiken erkennt er neurotische Zwangshandlungen. Diese psychoanalytische Religionskritik ist veraltet. Doch insbesondere fundamentalistische Gruppen mit hohem Droh- und Strafpotenzial bergen ein entsprechendes Gefährdungspotential. Unumstritten gibt es Zusammenhänge zwischen strengen Verhaltensnormen, auferlegten Ritualvollzügen, sowie die Angst vor einem strafenden Gott und einem erhöhten Depressionsrisiko durch den vermehrten psychischen Druck. Der Psychologe Jerry Bergmann erkennt diesen Zusammenhang deutlich bei Jehovas Zeugen (Bergmann, 1994).

Ein personales und barmherziges Gottesbild, empfundene spirituelle Nähe und sinnstiftende Ausdrucksmöglichkeiten tragen zu einem inneren Frieden bei. Spiritualität in diesem Sinne ist offener und darf sich aus innerem Bedürfnis und individueller Erfahrung formulieren. Gefühle von "ganz bei mir sein", "ergriffen vom Heiligen", "sich getragen wissen" machen Spiritualität angstfrei und persönlich kommunizierbar. Eine starke Außen-Normierung und der drohende Gotteszorn dagegen bilden durch die persönliche Einengung und Behinderung freier spiritueller Entfaltung die Kehrseite und machen aus der spirituellen Ressource eine psychophysische Belastungshypothek.

Die früher auch kirchlicherseits mitverschuldete "christliche" Leibfeindlichkeit, die den Körper als zu züchtigenden Hort dunkler Gelüste verstand, ist in manchen Gruppierungen noch aktuell. Sie findet sich, trotz des Anspruchs auf "Ganzheitlichkeit", auch in esoterischen Gruppierungen wieder. Der Körper gilt etwa als nach genauen Regeln zu behandelnde und hinderliche, grobstoffliche Hülle auf dem Weg in höhere, geistige Sphären. Deutlich negative Bewertungen der Sexualität, klare Verhaltens- und Denk-Normen, harsche Ernährungslehren (bis hin zur "Lichtnahrung") lassen kaum Erlebnisraum für eine mit allen Sinnen erfahrbare, lebensbejahende Spiritualität. "Spirituelle oder religiöse Probleme" finden sich als Bezeichnung auch im Standardwerk zur Klassifizierung von psychischen Störungen, dem "Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen".

Plädoyer fürs Placebo

Die Wirk-Anteile einer erfolgreichen Behandlung sind nie klar unterscheidbar oder kausal auf einzelne Faktoren zu begrenzen. Mitentscheidend ist die Einstellung, die ein Mensch zu seinem ("kranken") Körper hat und welche Möglichkeiten des psychophysischen Umgangs er hat. Laut Straube (2005) ist die menschliche Fähigkeit, übernatürliche Sinnzusammenhänge zu konstruieren, spirituelle Empfindungen und außergewöhnliche Erfahrungen zu haben, im Rahmen religiöser Gewissheit Heilung zu befördern, an Magie zu glauben kein Zufallsprodukt der Evolution. Es handele sich um ein Grundelement der psychischen Ausstattung, eine neurobiologische und damit stammesgeschichtliche Fortentwicklung zum "Homo sapiens sapiens", die - mangels steinzeitlicher Unikliniken - überlebensnotwendig war.

Unser hoch entwickeltes medizinisch-technisches Know How entstammt dem "gleichen Gehirn" wie die Imagination des Schamanen, der in religiöser Trance die Selbstheilungskräfte des Stammesmitgliedes aktiviert und ihn dadurch heilt. Denn das war in entwicklungsgeschichtlichen Zeiträumen gesehen "gestern" und reicht in vielen Gegenden bis heute. Diese funktionierenden Strukturen lassen sich nutzen - und missbrauchen. Eine "spirituelle Erfahrung" aufgrund eines "reinkarnationstherapeutischen Hyperventilationsschocks" ist psychisch ungleich wirkungsvoller als eine nüchterne Arztprognose samt kleiner grüner Pille - und gefährlicher. Hier kann die wissenschaftliche Medizin noch "lernen". Die psychosomatische Wirksamkeit von therapeutischen Begleitumständen sind längst in vielen Studien wissenschaftlich erwiesen; auch für die nüchterne konventionelle Medizin: eine Spritze wirkt besser als eine Pille, eine Spritze vom Chefarzt wirkt besser als die gleiche von einer Aushilfsärztin, selbst wenn sie nur wirkstofflose Kochsalzlösung enthält. Unwirksame "Placebo"- Tabletten als angebliche Schmerzmittel können besser wirken als "echte" Schmerzmittel, die stillschweigend mit der Nahrung verabreicht werden.

Entgegen der verbreiteten Vorstellung ein Placebo helfe nur leicht beeinflussbaren Menschen und solchen mit eingebildeten Krankheiten, ist eine Wirkung sogar noch nachweisbar, wenn der Patient weiß, dass er ein solches bekommen hat. Die bewusste Skepsis ändert nichts an einer unbewussten Hoffnung. Die Wirkung lässt sich aufgrund der positiven Erwartung der Eltern sogar bei Kleinkindern (und bei Haustieren) nachweisen. Es gibt auch Studien mit Scheinoperationen. Bei Patienten mit Arthrosebeschwerden in den Knien wies die Kontrollgruppe der Patienten mit den bloß oberflächlichen Schnitten sogar bessere Ergebnisse auf als die Patienten der Gruppe mit den normal durchgeführten Operationen. Eine "Placebo-Medikation" hilft also tatsächlich, indem sie die körpereigenen Selbstheilungssysteme mobilisiert. Wie sollte es auch anders sein: der meist medizinisch-wissenschaftlich ungebildete Patient ist auch bei dem "modernen Zauber der Wissenschaft" auf seinen Glauben und das Vertrauen in die Behandlung angewiesen.

Wunderheiler, Scharlatane und Pseudotherapien

Ein besonders drastisches Beispiel für erhoffte und sicher auch tatsächliche "Heilungen durch Glauben" bildet vermutlich die Homöopathie. Nachweisbare Wirkungen homöopathischer Mittel finden sich nur in kleineren Studien, denen zudem Mängel attestiert werden. Große Studien konnten außer Placebo-Wirkungen nichts nachweisen. Einen wissenschaftlich akzeptierten, unabhängig reproduzierbaren Wirksamkeitsnachweis kann diese alternative Therapiemethode bisher nicht erbringen. Laut Martin Lambeck (2003) sind die behaupteten Wirkprinzipien diverser alternativer Heilverfahren der heutigen Physik nicht nur unbekannt, sondern stehen in massivem Widerspruch zu ihr. Was der Beliebtheit keinen Abbruch tut - der "Wirksamkeit" auch nicht. Allerdings besteht bei einer derartiger "Ersttherapie" die Gefahr einer verzögerten ärztlichen Versorgung ernsthafter Erkrankungen.

Straube fasst die "psychobiologischen" Forschungsergebnisse zusammen in "nicht ganz ernst gemeinte" "12 Gebote für eine erfolgreiche Heilverführerpraxis. Oder: Was jeder Leser beachten sollte, wenn er eine Praxis eröffnen will, ohne Ahnung von Medizin zu haben:" (Straube, S. 242)

  1. Alles, was Sie machen, sollten Sie als Therapie bezeichnen.

  2. Unterlegen Sie Ihrem Tun immer eine besondere Bedeutung.

  3. Alles, was Sie tun, tut dann schon automatisch seine Wirkung.

  4. Sie müssen sich nicht auf die Einflussnahme auf die Seele Ihres Klienten beschränken, denn in der Folge gehen auch mittelschwere körperliche Leiden automatisch zurück.

  5. Reicht das nicht aus, machen Sie irgendetwas Drastisches.

  6. Je komplizierter die Heilmaßnahme ist, umso beeindruckter ist der Patient.

  7. Lassen Sie den Patienten mehrmals kommen, und machen Sie stur immer das gleiche.

  8. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Patient denkt, Sie wären etwas Bedeutendes (etwa Ausbildung bei Bibabo im Hindu-Tempel von Südhawaii, alter hinduistisch-indianischer Ritus...).

  9. Seien Sie überzeugend, sicher, bestimmt bis dominant, Sie wissen ja, warum Sie das machen müssen und nicht der Patient.

  10. Auch eine sicher vorgetragene Diagnose bzw. positive Prognose, bei der Sie aber vage bleiben und viel für Interpretationen durch den Patienten offen lassen, fördert das gewünschte Ziel.

  11. Sie müssen irgendeine gut klingende Glaubenslehre oder auch eindrucksvolle wissenschaftliche Lehre oder beides vermischt als Begründung für Ihr Tun angeben.

  12. Im Grunde genommen müssen Sie sich bei allem nur nach der Weisheit Voltaires richten: "Amüsieren Sie den Patienten so lange, bis die Natur ihn von alleine heilt."

Manche Erfahrungsberichte unserer Klienten lassen ein Bild von einem Therapie-Anbieter nach Art solch einer "Heilverführerpraxis" entstehen. Den meisten Alternativ-Therapeuten und Heilern muss man "zugute" halten, dass sie selbst an die Wirksamkeit ihrer Angebote glauben. Dies kann im Einzelfall auch im Zusammenhang mit einer psychiatrisch relevanten Erkrankung des Anbieters stehen. Dennoch sind diese fähig, Selbstheilungskräfte zu wecken - gerade wenn extreme Begleitumstände den Heiler "auszeichnen"! Doch auch ohne psychische Störungen können etliche Anbieter scheinbar nicht ihre eigenen Grenzen erkennen. In der passgenauen Ansprache unterschiedlicher Bedürfnisse vermögen Religionen, alternative Heilmethoden und besonders "Begabte" das menschliche Selbstheilungs-Potential zu aktivieren. Hier erfordert es eine sensible Einschätzung der "Kompatibilität" zum eigenen Welt- und Glaubensbild. Blinder oder magischer Glaube kann wirken, droht aber durch Abhängigkeiten zum Bumerang zu werden, der einer reifen Entwicklung der Spiritualität schadet.

Risiken und Nebenwirkungen

Die kontroverse Bewertung der "Schulmedizin" durch die Bevölkerung ist zum Teil berechtigt und verständlich. Alternativanbieter tragen aber mit gerne wiederholten Stereotypen und Horrorgeschichten über die "kalte Apparatemedizin" (Fehldiagnosen, OP-Kunstfehler, ...) dazu bei, die wissenschaftliche Medizin zu diskreditieren. Der Vertrauensverlust und eventuelle negative Erwartung beeinträchtigen so tatsächlich die Heilungs-Ressourcen! Eventuell hinzu kommende, schlechte Erfahrungen mit alternativen Methoden schwächen den Glauben an Gesundung und damit den Zugang zu den Selbstheilungskräften noch weiter.

Das Argument, alternative Heilverfahren (wie die Homöopathie oder die Bach-Blütentherapie) seien immerhin nebenwirkungsfrei, auch wenn sie nur "Placebowirkung" entfalten, ist falsch. Bei Arzneimittelversuchen wurde beobachtet, dass es in der Testgruppe mit dem Placebo durchaus zur Ausbildung der Nebenwirkungen des echten Medikamentes kommt. Deren Beschreibung steht ja im beigegebenen, echten Beipackzettel; also werden sie von manchen Patienten erwartet! Bei diesen Studien wissen weder Arzt noch Patienten, wer das Placebo bekommt ("doppelblind"). So werden Beeinflussungen vermieden und das echte Medikament muss seine Wirksamkeit über den Placebo-Effekt hinaus erweisen. Von diesen für neue Medikamente verpflichtend vorgeschriebenen Studien sind Homöopathika ausgenommen! Die so genannte "homöopathische Erstverschlimmerung" von Krankheitssymptomen bei Therapiebeginn ist aber wie bei diesen Studien durch die Erwartungshaltung erklärbar und daher kein Wirksamkeitsnachweis. Die Homöopathie verwendet unter anderem "Ursubstanzen" wie Quecksilber, Arsen, Kadmium, Eiter, Knollenblätterpilz. Wenig verdünnt (die eigentlich schwächeren "Tiefpotenzen") können sie zu Vergiftungen führen. Eine solche Substanz sei, so die Vorstellung, umso wirksamer, je verdünnter sie ist. "Höchstpotenzen" gelten teils als lebensgefährlich für schwache Menschen. Dabei enthalten diese viel weniger Ursubstanz als es dem Verhältnis von einem Tropfen auf alle Weltmeere verteilt entspricht (GWUP).

Auch die tatsächlich höchstdosierten Vitaminpräparate von Dr. Rath sind keineswegs grundsätzlich unbedenklich. Bedenklich ist ebenfalls seine verschwörungstheoretische Hetze gegen die Schulmedizin und die Pharmaindustrie. Zurzeit torpediert er in afrikanischen Ländern die Aids-Bekämpfung. Die dort verwendeten antiviralen Aids-Medikamente seien teilweise tödlich, seine Vitamin-Mittel wirksamer. Auch dort gibt es bereits Todesfälle.

Etlichen alternativen Verfahren liegt der Glaube zugrunde, die Realität durch "positives Denken" gezielt und auch materiell verändern zu können. Diese magische Weltdeutung verleitet Anbieter dazu, Patienten bei ausbleibendem Heilungserfolg zu attestieren, sie wollten nicht gesund werden oder verhinderten durch ihre offenbar negativen Gedanken die Heilung. Die tatsächliche psychobiologische Ressource für eine positive Krankheitsbewältigung wird dadurch untergraben. Der entstehende Druck durch die implizite oder explizite "Schuldzuschreibung" vermag Depressionen auszulösen oder zu verstärken (Scheich, 1997, S. 86).

Die Bereitschaft zu Behandlungsalternativen geht oft einher mit Unkenntnis des jeweiligen Welt- und Menschenbildes. Eine vorherige Klärung wird von Anbietern oft nicht als nötig erachtet. Wenn sich die Vorstellungen als nicht kompatibel erweisen, können insbesondere bei okkulten / spiritistischen Vorstellungen nachhaltige Ängste bis hin zu psychischen Erkrankungen folgen. Letztere können auch die Folge sein, wenn entsprechende Dispositionen unerkannt bleiben oder Vorerkrankungen unpassend mit psychodynamisch wirksamen Verfahren "behandelt" werden (Hyperventilation im Rahmen einer Reinkarnationstherapie kann bei psychisch labilen Menschen zu massiven Verschlechterungen des Befindens führen).

Wer heilt hat r(R)echt? - Wer krank bleibt oder wird ist selber schuld?

Um offiziell Kranke behandeln zu können, benötigt der Anbieter eine Approbation als Arzt oder Psychotherapeut oder eine Ausbildung zum Heilpraktiker. "Heiler", die dies nicht vorweisen, machen sich leicht strafbar. Im März 2004 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass keine Heilpraktikererlaubnis vonnöten ist, wenn ohne Diagnoseerstellung die Selbstheilungskräfte des Patienten nur durch Handauflegen aktiviert werden. Der Heiler muss seine Patienten aber mittels Merkblatt oder Aushang darauf hinweisen, dass seine Behandlung die Tätigkeit eines Arztes nicht ersetzt. Die Aktivierung der Selbstheilungskräfte wurde vom Gericht als eher geistliche Betätigung gewertet. Als gewerbliche Dienstleistung unterliegt das "Geistige Heilen" dem Gewerberecht. Die weitere Entwicklung wird zeigen, ob das Gesetz den Wildwuchs fördert oder einen stärkeren Verbraucherschutz ermöglicht.

Zu den Tricks einiger Anbieter auf dem Psychomarkt gehört das zwar strafbare aber nicht seltene Führen falscher Titel (z.B. Dipl.-Parapsychologe). Für den Fall einer drohenden staatsanwaltschaftlichen Wohnungsdurchsuchung rät ein "Rechtshandbuch für Heiler": "Passen Sie Ihre Wohnverhältnisse den Verhaltensregeln für Heiler an: Entfernen Sie medizinisches Inventar aus Ihrem Behandlungszimmer. Hängen Sie die Dankschreiben Ihrer Patienten und Ihre falschen Titel von der Wand. Stellen Sie Ihre Bach-Blüten ins Bad oder die Küche." (Firgau, 1997, S. 45). Das Verbraucherschutzrecht ermöglicht neben strafrechtlicher Verfolgung gegebenenfalls auch die Rückerstattung gezahlter Vergütungen und unter Umständen auch Schadensersatz. In jedem Fall lohnt die Kontaktaufnahme mit spezialisierten Beratungsstellen wie dem Sekten-Info Essen e.V..

Je nach religiöser Vorstellung gibt es bisweilen klare Aussagen zu bestimmten Therapieverfahren oder Operationen. Wenn Eltern unterschiedlicher Auffassung sind, ob oder welche medizinische Behandlungen für ihr Kind sinnvoll sind, ist es entscheidend, welchem Elternteil das Sorgerecht gebührt. In lebensbedrohlichen Situationen kann u. U. der Arzt entscheiden, wenn z.B. Zeugen Jehovas Bluttransfusionen für ihr Kind mit religiöser Begründung ablehnen. In dringenden Fällen kann das zuständige Gericht auch gegen den Willen beider Eltern entscheiden. In dem durch die Medien bekannt gewordenen Fall des Jungen Dominik war es dafür bereits zu spät. Die Eltern hatten im Vertrauen auf den umstrittenen Alternativmediziner Matthias Rath die Krebsbehandlung abgebrochen (die nach ärztlicher Sicht Erfolg versprechend war). Im Fall der krebskranken Olivia hatten die Eltern die Chemotherapie abgesetzt und sich an Ryke Geerd Hamer gewandt. Den Eltern wurde das Sorgerecht entzogen und das Kind schulmedizinisch zwangsbehandelt. Es überlebte und Hamer ist in Haft.

Unsere Beratungsarbeit

Eine ganzheitliche Wahrnehmung des Menschen bedeutet, das menschliche Wesen in all seinen Aspekten und dimensionalen Bezügen wahrzunehmen. Dazu gehören neben den spirituellen heilenden Ressourcen und vielfältigen sozialen Interaktionsweisen (inklusive medizinischen) auch Krankheit, Leid und Sterben. Ein ganzheitliches Menschenbild kann diese Bereiche menschlicher Existenz ohne einseitige Wertung als lebensrelevante, aktiv und passiv erlebbare Erfahrungsfelder würdigen, die einer sinngebenden Lebensdeutung im Sinne eines umfassenden Heil-Seins nicht verschlossen bleiben.

In der Beratung erleben wir Menschen, die zutiefst verunsichert sind. Der Missbrauch des Vertrauens, gerade in einer Therapie, wiegt schwer. Die Infragestellung des eigenen psychischen Standorts durch unseriöse oder unpassende Angebote erfordert eine behutsame Sondierung des jeweiligen persönlichen Deutungsrahmens für das eigene Leben. Beratung bedeutet hier Hilfe bei der eigenständigen Aufarbeitung belastender Erfahrungen. Ziel ist deren Integration in ein lebbares neues Selbstbild und Sinnkonzept, sowie eine Stärkung der Selbstverantwortlichkeit. Das Angebot eines neuen "Heils-Konzept" verbietet sich dabei durch die weltanschauliche Neutralität der Beratung und aufgrund des Respekts vor den eigenen spirituellen Ressourcen der Klienten. Auch, wenn sie an Bach-Blüten glauben...
 

 

Unter Checklisten finden Sie  » Kriterien zur Beurteilung alternativer Heilmethoden und Psychotechniken. «

Zur ausführlicheren Beschäftigung mit verschiedenen Verfahren sei auf folgende Werke verwiesen:

Kursbuch Seele, Was tun bei psychischen Problemen, Beratung, Selbsthilfe, Medikamente. 120 Psychotherapien auf dem Prüfstand, Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger. Köln, 1996

Die andere Medizin, "Alternative Heilmethoden für Sie bewertet," Krista Federspiel, Vera Herbst. Stiftung Warentest, Berlin 5/2005

Psycho: Therapien zwischen Seriosität und Scharlatanerie, Colin Goldner. Pattloch 1997

 

Literatur:

American Psychiatric Association. Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen (4. Auflage) - Textrevision, Hogrefe Göttingen 2003
 
Bergmann, Jerry R.: Jehovas Zeugen und das Problem der psychischen Gesundheit, Münchener Texte und Analysen zur religiösen Situation, Hg.: Thomas Gandow,. München 1994
 
Ehm, Simone & Utsch, Michael (Hg.): Kann Glaube gesund machen? Spiritualität in der modernen Medizin, EZW-Texte 181/2005
 
Evangelische Missionswerk in Deutschland e.V. (Hg.): "Von der heilenden Kraft des Glaubens." Arbeitsheft für Gemeinden und Gruppen, Hamburg 2005
 
Firgau, Bernhard: Rechtshandbuch für Heiler, 3. Auflage, Schriftenreihe des Dachverbandes Geistiges Heilen e.V., Weinheim 1997
 
http://www.gwup.org/themen/berichte/homoepathie.html; download: 17.02.2006, Homepage der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.
 
Heilung in Mission und Ökumene, Impulse zum interkulturellen Dialog über Heilung und ihre kirchliche Praxis, Weltmission Heute, Studienheft 41; Evangelisches Missionswerk in Deutschland (EMW), Hamburg 2001
 
Lambeck, Martin: Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik, C. H. Beck, München 2003
 
Scheich, Günther: Positives Denken macht krank: vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen, Eichborn, Frankfurt a. M. 1997
 
Straube, Eckart R.: Heilsamer Zauber; Psychologie eines neuen Trends, Spektrum Akademischer Verlag, München 2005

 
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