Bericht über die Arbeit des Sekten-Info NRW und die Aktivitäten neuer religiöser Gemeinschaften 2018
Geschrieben von Sabine Riede   
Mittwoch, 03. April 2019

In diesem Jahr, am 24. Mai 2019, existiert die Beratungsstelle bereits seit 35 Jahren.

An dem Anliegen, Betroffenen von neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften durch Information und Beratung Unterstützung zu geben, hat sich nichts geändert. Auch die hohe Anzahl an Beratungsfällen der letzten Jahre hat sich nicht verändert. Aber die Gruppen haben sich verändert, die Anzahl kleiner Gruppen und Einzelanbieter nimmt ständig zu, das erfordert eine aufwendige Recherche und erschwert die Beratung, wenn es keine transparenten Informationen gibt.

 
Es wurden im Jahr 2018 insgesamt 930 Anfragen beim Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. registriert. Von den 930 Anfragen erhielten 355 Personen durch aus­führliches Informationsmaterial und ein bis zwei klärende Gespräche Hilfestellung von den Mitarbei­terInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.. In 575 Fällen war ein intensiver und längerer Beratungsverlauf mit bis zu 25 Fachkontakten notwendig. Um einen besseren Vergleich mit den Vorjahren zu ermöglichen, sind wie jedes Jahr die 355 Informationsanfragen und die 575 Beratungsfälle in zehn Kategorien zusammen­gefasst worden. Insgesamt sind in den zehn Kategorien Anfragen mit der Bitte um Information und Beratung zu 380 verschiedenen Gruppierungen und Anbietern enthalten (vgl. Diagramm 1).

 

Image

Diagramm 1: Beratungsfälle und Informationsanfragen

Die Entwicklung der letzten fünf Jahre hat sich in diesem Jahr fortgesetzt, die Anzahl der Beratungsfälle ist deutlich höher als die Anzahl der Anfragen. Das war aber nicht immer der Fall, zum Vergleich: 2009 gab es 838 Anfragen und 366 Beratungsfälle, 2002 1.159 Anfragen und 325 Beratungsfälle. Das bedeutet vor 15 Jahren war das Bedürfnis der Bevölkerung in einem persönlichen Gespräch eine Information zu erhalten, dreimal so hoch wie heute. Heute nutzten viele Bürger das Internet oder die Webseite des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. als Informationsquelle. 104.628 Besucher unserer Webseite konnten gezählt werden.

Viele Bürger schätzen es, sich selbständig und anonym zu informieren. Aus diesem Grund bieten die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. seit 2006 zusätz­lich zur bisheri­gen persönlichen Beratung die Möglichkeit der Online-Beratung an. Diese Möglichkeit wurde im letzten Jahr allerdings nur 11 Mal genutzt, bei weiteren 275 Fällen begann die Beratung mit einer E-Mail, wurde dann aber in einer persön­lichen oder telefonischen Beratung fortgesetzt. Neben allgemeinen Informationen zur Arbeitsweise der Beratungsstelle und zu neuen Akti­vitäten war im letzten Jahr der Fachartikel zum Coaching-Boom sehr gefragt.

Aber gute Informationsmöglichkeiten allein reichen nicht aus, um sich vor religiöser Verletzung oder Ausbeutung zu schützen, da die Beratungsfälle eher steigen als abnehmen. Ein Drittel der gesamtdeutschen Bevölkerung gehört heute keiner Konfes­sion oder Religion mehr an. Religiöse Traditionen gelten für viele Menschen als überholt. Religion ist für sie keine dauerhafte Option. Vermutlich wird sich diese Säkularisierungstendenz in Deutschland auch in Zukunft weiter fortsetzen. Allerdings ist Religion nicht identisch mit Spiritualität zu verstehen. In einer persönlichen Lebens­krise suchen viele nach einer individuellen Glaubenstheorie, die Trost und die Lösung ihrer Probleme bewirken soll. Aus diesem Grund sind Menschen empfänglich für den „spirituellen Supermarkt“ und können sich dabei den unterschiedlichsten Gefahren aussetzen. Immer wieder begeben sie sich bei ihrer Suche in eine finanzielle und seelische Abhängigkeit, die ihnen schadet. Zur Ressource werden Religion und Spiritualität, wenn sie Hoffnung und Sinn vermitteln und wenn ein positives Weltbild vorhanden ist. Aber es gibt auch Anbieter, die das spirituelle Bedürfnis vieler Menschen zu ihrem eigenen Vorteil missbrauchen, sei es aus finanziellen oder narziss­tischen Beweggründen.

 

Informationsanfragen und Beratungsfälle 2018 im Einzelnen


Esoterik

An erster Stelle stehen die Anfragen und Beratungsfälle aus dem Bereich der Esoterik. Der seit Jahren große Bedarf an Beratung in der Esoterik hat sich auch im Jahr 2018 nicht verändert. Esoterische Angebote sind in ihrer Gefährlichkeit schwer einzu­schätzen. Man schließt sich meistens oder zumindest zunächst keiner neuen Gruppe an, sondern konsumiert nur ein Angebot, z. B. eine Beratung von einem Medium, ein Heilungsangebot durch Handauflegen oder eine Zukunftsdeutung.

Grundsätzlich sollte jeder Mensch bei der Wahl eines Hilfsangebotes berücksichtigen, dass eine Lebensberatung aus fachlicher Sicht nur dann gelungen ist, wenn der Hilfe­suchende mit Hilfe des Angebotes Verhaltensweisen und Erlebnisse, die er als belas­tend oder störend erlebt, klären, verarbeiten und verändern kann. Dabei sollte er nach einer gewissen Zeit in der Lage sein, die erlernten Strategien zur Problembewältigung selber und ohne weitere Unterstützung anwenden zu können. Das bedeutet, dass keine längerfristigen Abhängigkeiten vom Berater oder der Methode entstehen dürfen, wie dies in der Esoterik häufig der Fall ist.

Auch prominente Menschen sind nicht davor gefeit, dass sie einem trügerischen Hilfs­angebot vertrauen. Die Moderatorin Michelle Hunziker berichtet in ihrer Autobio­graphie, wie sie Schritt für Schritt tiefer in die esoterische Gruppe Krieger des Lichts gerutscht sei und sich selbst am Ende fast aufgegeben habe. Begonnen habe alles mit Stimmproblemen ihres Mannes Eros Ramazzotti vor einer Tournee. Er habe sich von einer Prana- (Lebensenergie) Therapeutin durch Handauflegen und Gespräche behandeln lassen. Michelle Hunziker ließ sich von dieser Frau ebenfalls helfen, als sie unter Haarausfall litt. Die selbsternannte Wunderheilerin mit Namen Giulia Berghella scheint zu spüren, wie einsam und unsicher die 20-Jährige sich gefühlt hat, trotz ihrer glücklichen Ehe und ihrer großen Liebe zu ihrer Tochter.

Michelle Hunziker beschreibt, dass sie heute rückblickend wisse, dass sie unter der Trennung ihrer Eltern gelitten und sich von ihren Eltern nicht genügend geliebt gefühlt habe. Ihr Vater sei alkoholkrank gewesen und sie habe früh für sich selbst sorgen müssen. Schon mit 17 begann ihre Modelkarriere in Mailand. Sie fühlte sich nie gut genug. Bei Giulia Berghella fühlte sie sich verstanden, denn sie hörte ihr zu, wenn es nötig war, auch zehnmal am Tag, und nahm sie mit in ihre Gruppe der Auserwählten. Sie erfuhr dort, dass es eine höhere Wirklichkeit gäbe und dass verstorbene Seelen durch ein Medium zu der Gruppe sprechen würden, um den Menschen auf der Erde zu helfen und ihre Seelen zu retten. Sie vertraute Giulia Berghella und begann, sich zu verändern. Sie hörte auf zu rauchen, ernährte sich nur noch vegan, und lebte enthaltsam, weil alles Sünde sei und überall Dämonen lauern würden. Sie verbringt immer mehr Zeit mit ihren neuen Freunden und bricht den Kontakt zu ihrer Mutter ab, die sie vor der Gruppe warnt. Sie lässt schließlich sogar ihre Karriere durch ein Gruppenmitglied managen und verliert viel Geld. Dass dieser schwere Weg notwendig sei, wurde mit dem Karma-Glauben begründet, sie müsse für Verfehlungen in ihren früheren Leben Buße tun. Ein Verlassen der Gruppe würde ihren Tod bedeuten, denn eine weitere Chance würde sie nicht bekommen. Schließlich schafft sie es, nach fast sechs Jahren ihrer Tochter zuliebe die Gruppe zu verlassen. Mit Hilfe eines Franzis­kanermönches und einer Psychotherapie arbeitet sie ihre Erlebnisse auf. Heute möchte sie andere warnen.

Das ist Michelle Hunziker mit ihrem Buch Ein scheinbar perfektes Leben absolut gelungen. Ihr Verantwortungsgefühl, ihr empathisches Mitgefühl und ihre Schuld­gefühle aus der Kindheit wurden von Frau Berghella geschickt für eigene Vorteile ausgenutzt. Der Weg in die Abhängigkeit wird verständlich und gut nachvollziehbar beschrieben. Ein empfehlenswertes Buch.[1]

In unserer Beratungsstelle konnten in diesem Jahr 124 Beratungsfälle gezählt werden, die sich auf 50 verschiedene Anbieter verteilen. Bei der Vielfältigkeit esoterischer Angebote bietet es sich an, diese in drei bzw. vier Bereiche zu unterteilen. Zahlen­mäßig sind die Bereiche eins und zwei fast gleich, sie machen jeweils ein Drittel der genannten Beratungsfälle aus. Die beiden anderen Bereiche teilen sich das letzte Drittel.

Wir unterscheiden:
  1. Die Lebensberatung, sie umfasst Angebote vom Familienstellen über Engelseminare und Channeling bis zu Schenkkreisen.

  2. Alternative Heilmethoden, Geistheiler und Schamanen, sie bieten Hilfe zur Heilung von körperlichen Krankheiten an.

  3. Die Zukunftsdeutung, sie beinhaltet Astrologie, Hellsehen und Kartenlegen.

  4. Esoterische Gruppierungen, die sich von den anderen drei Bereichen aufgrund ihrer Größe und Organisationsstruktur unterscheiden.

 

Fast jedes Wochenende findet irgendwo ein Seminar mit esoterischen Glücksver­heißungen statt. Jeder möchte glücklich sein, treffender könnte man die Sehnsucht heutiger Menschen kaum beschreiben. Bücher und Zeitschriften sind voll mit Glücks­rezepten. Auch in der Werbung wird das große Glück versprochen, „Schrei vor Glück“ heißt ein bekannter Werbespruch einer Firma, die Schuhe und andere Sachen direkt nach Hause liefert. Es gibt Glückstees und Badezusätze mit dem Namen „glückliche Auszeit“. Wer dem Konsum allein nicht vertraut, sucht weiter und stößt auf einen der vielen esoterischen Glücksanbieter.

 

Zu 1) Lebensberatung

Innerhalb des ersten Bereiches der Esoterik ragte im letzten Jahr zum wiederholten Male der Lebenshilfeguru Robert Betz heraus. 16 Beratungsfälle standen im Zusam­menhang mit seiner Lehre. Überwiegend waren es Angehörige, die von Beziehungs­problemen berichteten, nachdem der Partner oder die Partnerin, Tochter oder Sohn ein Betz-Seminar besucht oder eine sogenannte Transformationstherapie absolviert hatten. Betz bietet eine neue, von ihm selbstentwickelte Transformationstherapie an, die mit wissenschaftlicher Psychologie nicht viel zu tun hat. Er behauptet, dass seine Therapie Menschen in die Lage versetze, Leidenszustände aller Art zu verwandeln. Die Menschen werden dabei von der Kraft der Engel und Ahnen begleitet. Betz bedient die Sehnsucht vieler Menschen, dass alles machbar sei und am Ende gut ausgehen würde. Zunächst kann die Botschaft, man sei alleiniger Erschaffer seines Lebens­glücks, einen positiven Effekt haben, langfristig entspricht sie nicht der Realität und dem heutigen Stand der psychologischen Forschung. Schon im Jahresbericht 2013 haben wir in einem Fachartikel auf problematische Aspekte im Zusammenhang mit seinem Angebot hingewiesen.[2]

Ein weiteres gewerbliches Lebenshilfeangebot hat erneut intensiven Beratungsbedarf ausgelöst, die Balance-Recovery Selbstheilungs-Methode von Wilri Waarlo. Er bezeichnet sich als Transformations-Meister und mit seiner Hilfe würden wir erfahren: “[…], warum wir uns verhalten, wie wir uns verhalten, und warum wir bestimmte Krank­heiten, Traumata oder schlechte Gewohnheiten erschaffen“ und „Wir zeigen Menschen, wie sie wieder fühlen, wie wir unnötige, krankmachende Strukturen wie Angst, Hass, Wut und Sucht heilen.“[3] Zur beruflichen Qualifikation von Waarlo heißt es auf der Seite, er verfüge über weitgefächerte Erfahrungen auf dem Gebiet der menschlichen Natur[4]. Es finden sich keine Hinweise auf eine anerkannte pädago­gische, medizinische oder psychotherapeutische Ausbildung. Seine Theorie zur Heilung von Krankheiten ist sehr kritisch zu sehen. Es besteht die Gefahr, dass Menschen eine schulmedizinische Behandlung vernachlässigen oder Schuldgefühle entwickeln, da man sich als selbst verantwortlich dafür fühlt, krank geworden zu sein. 

 

Zu 2) Alternative Heilmethoden

Berücksichtigt man jedoch, dass es eine eigene Kategorie Heiler-Gruppen mit in diesem Jahr 35 Beratungsfällen zusätzlich gibt, wird deutlich, dass der Markt der alternativen Heilmethoden und der Geistheiler die meisten Problemfälle verursacht.

Alternative Heilmethoden sind inzwischen weit verbreitet und werden häufig als unbedenklich angesehen. Anhänger alternativer Medizin betonen gern, ihre Methoden würden keinen Schaden anrichten. Eine neue Studie zeigt, dass dies nicht für Krebspatienten gilt. Eine Gruppe von US-Wissenschaftlern hat untersucht, wie es Krebspatienten geht, die zusätzlich zur medizinischen Behandlung auch Alternativ­medizin verwenden. Das Ergebnis zeigt, dass diese Patienten ein viel höheres Risiko haben, in den ersten fünf Jahren nach der Krebsdiagnose zu sterben. Dies liegt laut der veröffentlichten Studie daran, dass sie häufig von Ärzten empfohlene Therapien ablehnen oder nur bedingt in Anspruch nehmen.[5]

In diesem Zusammenhang müssen auch die Angebote vieler Volkshochschulen in Frage gestellt werden, da sie laut einer Datenanalyse des Magazins Spiegel erheblich zur Verbreitung von fragwürdigen und unwissenschaftlichen alternativen Heilme­thoden beitragen. Das Argument, dass man in jeder Hinsicht offen für die Wünsche des Bürgers sei, kann, angesichts des Bildungsauftrages den Volkshochschulen erfüllen sollten, nicht gelten.[6] Einige Volkshochschulen haben auf diese Kritik sofort reagiert und der Verband in NRW hat bereits Leitlinien erarbeitet.

Wie groß die Schäden sind, die Geistheiler Menschen zufügen, darüber gibt es keine Gesamtstatistik. Immer wieder gibt es auch in der Öffentlichkeit erschreckende Berichte über Heiler, die anderen Menschen schweres Leid zugefügt haben. Im Dezember 2018 hat sich der brasilianische Heiler Joao Teixeira de Faria der Polizei gestellt, nachdem über 330 Frauen, darunter auch deutsche Frauen, Missbrauchs­vorwürfe gegen ihn erhoben hatten.[7]

Im Zusammenhang mit Geistheilern berichten Betroffene uns häufig, dass eine liebevolle Atmosphäre sie dazu verleitet hat, dem Geistheiler völlig zu vertrauen und notwendige medizinische Behandlungen zu vernachlässigen. Darüber hinaus sind es aber auch Angehörige, Geschwister oder Partner, die unsere Beratungsstelle verzweifelt um Hilfe bitten.

 

Fundamentalistische Gruppen

Bei einem Vergleich der Kategorien in der Tabelle auf Seite drei fällt auf, dass im Jahr 2018 die Informationsanfragen und Beratungsfälle zu den fundamentalistischen Gruppen zusammengezählt fast genauso umfangreich sind wie die der Kategorie Esoterik.

Der größte Teil der Beratungsfälle in dieser Kategorie (102) steht im Zusammenhang mit dem christlichen Fundamentalismus. Sie verteilen sich auf 40 verschiedene freikirchliche Gemeinden. Häufig sind es Angehörige, die sich melden, weil der Partner, die Partnerin oder das inzwischen erwachsene Kind sich nach dem Kontakt zur neuen Gemeinde verändert hat. Sie wollen eine Einschätzung, ob und wie gefähr­lich die jeweilige Gemeinde ist. Viele dieser Gemeinden faszinieren besonders junge Erwachsene, weil ihre Gottesdienste erlebnisorientierter ablaufen als die Gottes­dienste in den beiden großen Kirchen.

Eine christliche Freikirche hat im letzten Jahr einen hohen Beratungsbedarf verursacht, es handelt sich um die Glaubensgemeinschaft Evangeliumskirche Glaubensgeneration, die im Wera-Forum in Duisburg ihren Hauptsitz hat. Die Statistik unserer Beratungsstelle weist im letzten Jahr 15 Fälle auf, bei denen diese Glaubensgrundsätze und die daraus resultierenden Verhaltensweisen Thema familiärer Konflikte waren.

Gegründet wurde die Freikirche vom heutigen Leiter Alexander Epp und seiner Ehefrau Irina. Es werden überwiegend Russlanddeutsche und russischsprachige Migranten angesprochen, die Veranstaltungen sind zweisprachig. Die Ausrichtung des Glaubens ist christlich fundamentalistisch, insofern von der Irrtumslosigkeit der biblischen Überlieferung ausgegangen wird und aus ihr strenge Verhaltensrichtlinien abgeleitet werden. Diese beziehen sich auch auf das Privatleben der Mitglieder. Es wird von einer Vormachtstellung und Verantwortungsübernahme des Mannes inner­halb einer Lebensgemeinschaft ausgegangen, dies steht im Widerspruch zur grund­gesetzlich festgelegten Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die restriktiven Vorstellungen zur Sexualität (kein Sex vor oder außerhalb der Ehe, keine Homo­sexualität) greifen in die sexuelle Selbstbestimmung des Einzelnen ein. Die grund­gesetzlich geschützte freie Entfaltung der Persönlichkeit wird hier nicht genügend berücksichtigt.

Zusätzlich können diese Verhaltensrichtlinien aus psychologischer Sicht bei Nichtein­haltung zu schweren Schuldgefühlen beim Einzelnen führen, er wird sich minderwertig fühlen, was die Entstehung einer depressiven Erkrankung begünstigen kann. Auffallend ist eine ausgeprägte missionarische Haltung. Insbesondere Jugendliche sollen gewonnen werden. Es besteht ein besonderes Engagement suchtgefährdeten und drogenabhängigen Jugendlichen gegenüber, allerdings ohne psychothera­peutischen Ansatz.

Vereinzelt befürworten christliche Fundamentalisten immer noch die körperliche Züchtigung von Kindern und sind der Meinung, dass der Eigenwille eines Kindes Sünde sei. Sie vertreten ein dualistisches Weltbild und predigen, dass das Ende der Welt verbunden mit einem Strafgericht Gottes nahe sei. Diese Vorstellungen können bei Kindern große Ängste auslösen und auch im Erwachsenenalter noch nachwirken. Dies wird in unseren Beratungsgesprächen immer wieder deutlich.

Auch in der Glaubensgemeinschaft Zwölf Stämme wurden Schläge mit der Rute als angemessene Strafe für Kinder regelmäßig angewandt. Deshalb schritten 2013 staatliche Behörden ein und nahmen 40 Kinder in Obhut. Gegen diese Entscheidung haben vier Elternpaare vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geklagt. Dieser hat im März 2018 den Entzug des Sorgerechtes für zulässig erklärt.[8]

Eine weitere erfreuliche Entscheidung wurde im November 2018 im deutschen Bundestag getroffen. Die Opfer der Glaubensgemeinschaft Colonia Dignidad sollen mit einer Million Euro unterstützt werden. Der Gründer der Colonia Dignidad Paul Schäfer hatte sich 1961 mit gleichgesinnten christlichen Fundamentalisten aus dem Münsterland nach Chile abgesetzt und dort eine deutsche Kolonie gegründet. Die Siedlung in Süd Chile war hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt, und die Bewohner waren zu absolutem Gehorsam verpflichtet. Paul Schäfer bestimmte über alle Lebensbereiche seiner Anhänger. Während der chilenischen Militärdiktatur diente die Kolonie sogar als Folterlager für die chilenische Geheimpolizei. Nach dem Ende des Pinochet-Regimes konnten die Verbrechen aufgedeckt werden, über welche die Menschen, denen die Flucht aus der Kolonie gelungen war, jahrelang in Deutschland berichtet hatten. Schäfer wurde wegen Mordes, sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und weiterer Verbrechen zu 20 Jahren Haft verurteilt. Im April 2010 ist er verstorben. Ein Teil der ehemaligen Bewohner der Kolonie ist nach Deutschland zurückgekehrt und sie leiden heute noch unter ihren schlimmen Erfahrungen. Einzelne Betroffene sind auch von unserer Beratungsstelle betreut worden. Trotz jahrelanger schwerer Arbeit hatten sie bisher keinen Anspruch auf Rente oder Opferentschädigung.

Erst seit 2011 werden die Salafisten in dieser Kategorie mitgezählt. Die Salafisten sind dem islamistischen Fundamentalismus zuzurechnen und laut NRW-Innenministerium ist die Zahl der Anhänger dieser islamistischen Bewegung im letzten Jahr in NRW auf etwa 3.100 angestiegen, bundesweit sogar auf 11.300. Die Zahl der Gewalt orientierten Islamisten wachse zwar weiter, aber im Vergleich zu den Vorjahren deutlich langsamer. Ein Grund sei die militärische Niederlage des IS in Syrien und im Irak. Auch staatliche Repressionen habe die Szene in die Defensive gedrängt. Mehrere Organisationen wurden verboten, einflussreiche Anführer sitzen in Haft, dadurch sei die Anziehungskraft der Salafisten sehr geschwächt, betont der Leiter des Verfassungsschutzes Burkhard Freier.[9] 70 der 1.000 Moscheevereine gelten als extremistisch-salafistisch, 15 von ihnen stehen unter Beobachtung.

Zusätzlich sieht der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz die Gefahr, dass eine gezielte Indoktrinierung inzwischen im frühen Kindesalter beginnen würde. Über Puppen und Geschichten wird bereits Kindern ein Weltbild vermittelt, in dem die Mehrehe propagiert und Gefangene der deutschen Justiz zu Märtyrern erklärt werden. Die Kinder lernen, dass Salafisten das Richtige tun und alle anderen Menschen sich auf dem falschen Weg befinden. Kinder, die so erzogen werden, können durchaus zu Gewalttätern werden. Auch Kinder, die mit ihren Müttern aus Kriegsgebieten zurück­kehren, stellen eine wachsende Gefahr dar. Diese Kinder wurden bereits indoktriniert und haben nicht selten traumatische Gewalterfahrungen gemacht. Ein weiteres Problem ist, dass der Staat kaum rechtliche Möglichkeiten hat, mehr über solche Kinder in Erfahrung zu bringen, denn Kinder, die jünger als 14 Jahre sind, dürfen nicht überwacht werden. Daher hat Innenminister Reul (CDU) im Juni 2018 im Düsseldorfer Landtag angeregt, diese Grenze zu überdenken.[10] Zusätzlich haben die Koalitions­fraktionen mehr Fortbildung und Orientierungshilfen für Jugendämter gefordert, um Gefahren für Kinder in salafistischen Familien zu erkennen.[11]

Die körperliche, geistige und seelische Unversehrtheit eines Kindes steht über dem elterlichen Erziehungsrecht. Im Einzelfall muss bei entsprechender Gefahr zum Wohle des Kindes gehandelt und Kinder in Obhut genommen werden. Die gesetzlichen Möglichkeiten sind durch den Paragrafen 8a des achten Sozialgesetzbuches durchaus gegeben.[12]

In unserer Beratungsstelle meldeten sich im letzten Jahr überwiegend besorgte Lehrer, die eine Veränderung ihrer Schüler beobachtet hatten. Es gab in diesem Bereich insgesamt nur noch acht Beratungsfälle. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es in NRW inzwischen ein gutes Netzwerk von Hilfsmöglichkeiten zum Thema Salafis­mus gibt. Empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang das Buch von Neriman Yaman, Mein Sohn, der Salafist.[13]

 

Synkretistischen Neureligionen

An dritter Stelle stehen die Anfragen und Beratungsfälle zu den synkretistischen Neureligionen, zwei Drittel der Beratungsfälle in dieser Kategorie, nämlich 36, beziehen sich auf die Gruppierung der Zeugen Jehovas. Einerseits hat die Organisa­tion es geschafft, in allen Bundesländern den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts zu erhalten, andererseits gibt es vermehrt negative Berichte von ehemaligen Mitgliedern in der Öffentlichkeit.[14]

Trotz der rechtlichen Anerkennung gibt es viele junge Mitglieder, die sich in Internet­foren informieren und aussteigen. Sie werden dann von den übrigen Zeugen Jehovas als Abtrünnige tituliert, gemieden und leiden unter dem Verlust ihres bisherigen sozialen Umfeldes. Selbst Eltern erwachsener Aussteiger halten sich an diese Regel. Diese Situation spiegelt sich auch in unserer Beratungsarbeit wieder. Viele berichten außerdem, dass sie auch nach dem Ausstieg noch Angst vor dem Weltuntergang hätten und nachts unter Albträumen litten.

Eine in Deutschland zahlenmäßig kleine Gruppierung aus Korea, die sich Shinchonji nennt, hat etliche Anfragen und Beratungsfälle (13) verursacht. Die 1984 vom selbst­ernannten Propheten Lee Man-Hee gegründete Religionsgemein­schaft missioniert seit einiger Zeit verstärkt in Essen. Mit Hilfe ihrer Tarnorganisation HWPL veranstalten sie Friedensforen. Sie sprechen gezielt junge Menschen an, die alleine unterwegs sind, mit der Bitte, an einer Umfrage teilzunehmen Die Anhänger sehen ihn Lee eine Art Messias, den Verkünder der einzig wahren Deutung der Bibel und sie glauben, dass die Endzeit bald bevorstehe. Neue Mitglieder müssen ein anstrengendes Bibel­studienprogramm durchlaufen. Aussteiger berichten von psychischem Druck.

 

Psychogruppen

Bei den 78 Fällen der Kategorie Psychogruppen, die in unserer Statistik den 4. Platz einnehmen, steht die Hälfte der Beratungen im Zusammenhang mit Coaching-Angeboten. Viele der Coaching-Angebote sind nicht wissenschaftlich fundiert. Ein seriöser Coach sollte seine Grenzen kennen und Menschen auch zu einem Psycho­therapeuten oder Arzt schicken. Menschen, die ein Coaching-Angebot in Anspruch nehmen wollen, sollten sich gründlich informieren. Zwei Texte in dieser Broschüre bieten eine erste Informationshilfe und Orientierung, ein Erfahrungsbericht und ein Fachartikel.[15]

Die andere Hälfte der Beratungen in dieser Kategorie bezog sich auf verschiedene Verschwörungstheorien. Geheime Wahrheiten und Komplotte üben auf viele Menschen eine große Faszination aus. Besorgniserregend wird diese Faszination erst, wenn Verschwörungsgläubige glauben, dass das Böse oder die Bösen in der Welt immer mehr zunehmen und sowohl das Gute als auch die Betroffenen selbst dadurch akut bedroht sind. Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen oder einen schweren Schicksalsschlag erlitten haben, neigen eher dazu, Verschwörungstheorien Glauben zu schenken. Das eigene erlebte Leid in ihrem Leben erhält dadurch einen Sinn. Sie entwickeln ein beträchtliches Misstrauen gegenüber anderen Menschen und staatlichen Institutionen. Die Szene ist sehr heterogen.

Während Theorien über Reptilien-Aliens oder die flache Erde bei den meisten Menschen eher ein Schmunzeln auslösen, kann die Leugnung von schützenden Impfungen so sehr verunsichern, dass es sogar lebensgefährlich werden kann.

Inzwischen warnt die Weltgesundheitsorganisation, dass die mangelnde Impfbereitschaft zu den gegenwärtig größten Gesundheitsrisiken der Welt gehöre. Die Verbesserung der Impfbereitschaft zähle zu den vorrangigen Zielen für die kommenden Jahre. Impfungen verhindern jährlich bis zu drei Millionen Todesfälle. Weitere 1,5 Millionen könnten hinzukommen, wenn mehr Menschen geimpft würden.[16]
 
Laut Verfassungsschutzbericht 2017, der im Juli 2018 veröffentlicht wurde, haben Reichsbürger und Selbstverwalter starken Zulauf. Inzwischen würden rund 16.500 Personen dieser Szene zugerechnet. Dreiviertel der Szene sind laut Verfassungs­schutz männlich und älter als 40 Jahre, sie erkennen die Bundesrepublik Deutschland nicht als Staat an, lehnen deren Rechtssystem ab und weigern sich oftmals, Steuern oder Bußgelder zu zahlen.[17] Die Bewegung der Reichsbürger hat unsere Beratungs­stelle in vier Fällen beschäftigt.

Einen guten Einblick in die Szene bietet die Publikation Eine Reise ins Reich: Unter Reichsbürgern von Tobias Ginsburg.[18] Der Autor hat über ein halbes Jahr lang undercover in der Szene recherchiert. Zutritt erlangte er unter falscher Identität als alter­nativer Journalist und stellte fest, dass Antisemitismus und esoterische Geschäfte­macher das ideologische Fundament der Reichsbürgerbewegung bilden.

Immer häufiger gibt es Angebote, die sich nicht eindeutig einer bestimmten Kategorie zuordnen lassen. Die Anbieter sind Motivationstrainer, verbreiten Verschwörungs­theorien, und bieten Heilung an. Ein Beispiel hierfür ist Leonard Coldwell. Er behaup­tet von sich, der größte Krebsheiler unserer Zeit zu sein. Seine Methode, die Instinkt­basierte Medizin® biete eine 92,3%tige Heilchance bei Krebs. Außerdem vertritt er Verschwörungstheorien, von Chemtrails über die Impf-Lüge bis hin zu der Behauptung, die Flüchtlingskrise wäre gezielt gesteuert, um das deutsche Volk zu destabilisieren.[19]

Eine weitere Gemeinschaft, die in diesem Zusammenhang mit zwei Fällen besonders aufgefallen ist, ist die Organische Christus-Generation. Ihr Gründer Ivo Sasek wurde 1956 in Zürich geboren und ist Vater von elf Kindern. Er sieht sich als Apostel, der möglichst viele Menschen vor der kommenden Apokalypse retten will. Von seinem Zentrum in Walzenhausen (Schweiz) aus leitet er ein inzwischen beachtliches Medienimperium, das er benutzt, um seine christlich fundamentalistischen und verschwörungstheoretischen Ideen weltweit zu verbreiten. Mit Hilfe seiner beiden Plattformen Anti-Zensur-Koalition und Klagemauer-TV verbreitet er Themen, wie der „Impf-Terror“ oder die „neue Weltordnung“.[20]

 

Guruistische Gruppierungen

Bei den guruistischen Gruppierungen gab es im letzten Jahr einen deutlichen Anstieg der Beratungsfälle. Der Anstieg lässt sich teilweise durch das gestiegene Problem­bewusstsein der Bürger gegenüber Gurus im buddhistischen Umfeld und im Umfeld von Yoga-Organisationen erklären. Dass selbst religiöse Gemeinschaften anfällig für sexualisierte Gewalt sind, ist seit der Veröffentlichung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche, bei den Zeugen Jehovas oder bei den Kindern Gottes bekannt. Umso isolierter eine Gruppe lebt, und je größer das Machtgefälle zwischen den Gläubigen und dem religiösen Führer ist, desto größer ist die Gefahr.

So wurde einem der erfolgreichsten buddhistischen Lehrer der westlichen Welt, Sogyal Rinpoche Lakar, vorgeworfen, Schülerinnen missbraucht zu haben. Außer­dem soll er einen verschwenderischen Lebensstil, finanziert aus Spenden, gepflegt haben. Lakar trat 2017 von seinen Ämtern zurück.

Der Abt Thich Thien Son gründete ein Kloster in Frankfurt am Main und leitete später „Buddhas Weg“ im Odenwald. Bis 2009 war er Vorsitzender der Deutschen Buddhistischen Ordensgemeinschaft e.V. (DBO). Er soll nicht nur ein Kind sexuell missbraucht, sondern auch über Jahre andere Mitglieder des Klosters sexuell belästigt haben. Es gab Betroffene, die sich an die Behörden wandten, aber alle Verfahren wurden eingestellt. Im Dezember 2010 schloss die DBO ihr Mitglied Thich Thien Son aus und er musste die gelbbraune Mönchskleidung ablegen. Aber er bietet weiter Seminare und Meditationskurse in seinem Kloster an, seit April 2018 auch für Kinder.[21] Aus diesem Umfeld wandte sich auch eine Betroffene an unsere Beratungsstelle.

Ähnliche Vorwürfe gibt es inzwischen gegen einzelne Yoga-Anbieter. Die Vorwürfe können nicht immer verifiziert werden. Die rumänische Yoga-Schule MISA wurde von Gregorian Bivolaru gegründet. Er wurde in Rumänien unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger rechtskräftig verurteilt.

In Deutschland praktizieren mehrere Millionen Menschen regelmäßig Yoga-Übungen. Die meisten Menschen tun dies allerdings nicht, um die Einheit mit dem Göttlichen zu finden, sondern um fit zu werden oder um zu entspannen. Sie wollen keine neue Religion kennenlernen. Doch die Ursprünge des Yoga sind im Hinduismus und Buddhismus zu finden. Nach der klassischen Lehre benötigt man für diesen Weg einen Meister. Es gibt einen Initiationsritus, bei dem der Schüler vom Meister ein Mantra zur Meditation bekommt, es ist oft der Name einer hinduistischen Gottheit. Yoga erhebt auch den Anspruch, auf Energiezentren, den sogenannten Chakren, positiv zu wirken und passt deshalb gut zu esoterischen Konzepten. Diese Wirkung ist aber nicht zu belegen, sondern schlicht Glaubenssache. Wenn von Chakren die Rede ist, sollte man genauer hinschauen. Wer Yoga lediglich als Körperübung zur Steigerung des Wohlbefindens praktiziert, setzt sich sicher keiner Gefährdung aus.[22]


Scientology-Organisation

Die Anfragen und Beratungsfälle zur Scientology-Organisation sind nicht mehr so hoch wie in früheren Jahren und nehmen in unserer Statistik momentan nur noch Platz sechs ein. Es darf nicht unberücksichtigt bleiben, dass sich die 36 Anfragen aus der Bevölkerung auf nur eine Gruppierung beziehen, während die anderen Kategorien mehrere Gruppen umfassen, so dass die Scientology-Organisation immer noch ein großes Konfliktpotential beinhaltet und mit 28 Beratungsfällen nach wie vor einen großen Beratungsbedarf verursacht. Scientology ist keineswegs nicht mehr gefährlich.

In der Doku “Leah Remini: Ein Leben nach Scientology“ zeigt die US-Schauspielerin Leah Remini, die selbst 30 Jahre lang überzeugte Scientologin war, anhand von Betroffenenberichten mit welchen Praktiken die Organisation arbeitet und warum sie diese für gefährlich hält. Auch andere Berichterstattungen über die Scientology-Organisation in den USA werden zunehmend kritischer. Darauf hat der Scientology-Chef David Miscavige Ende März 2018 mit einem eigenen kostspieligen TV-Kanal reagiert. Wer in das Programm von Scientology schaltet, erlebt eine Endlosschleife, die mit der Begrüßung des Chefs beginnt. Er erklärt, dass das, was man über Scientology höre, oft nicht stimme, deshalb erzähle er die Geschichte jetzt selbst. Darauf folgen Lebensberichte von Scientology-Mitgliedern, die begeistert erzählen, wie sehr Scientology ihr Leben verändert habe und natürlich ein Bericht über das Leben des Gründers L.R. Hubbard, der als besonders talentiert dargestellt wird.[23]

In Deutschland wird die Scientology-Organisation weiterhin vom Verfassungsschutz beobachtet. Der im Juni 2018 veröffentlichte NRW-Verfassungsschutzbericht weist darauf hin, dass es in NRW 420 Mitglieder gäbe und die Organisation neben dem Ver­kauf kostenpflichtiger Kurse und Materialien, Druck auf ihre Mitglieder ausüben würde, an Scientology zu spenden. Neben dem Versuch, sich wieder mehr der Wirtschaft an­zunähern, in dem sie kleineren Unternehmen Managementstrategien anbieten, verfol­gen sie weiterhin die Strategie, durch altbekannte Werbe-Aktionen Menschen zu ködern.

Das entspricht auch den Erfahrungswerten unserer Klienten. Besonders die Tarnorga­nisation “Sag Nein zu Drogen, sag Ja zum Leben“ versucht immer wieder, mit Hilfe von angeblichen Aufklärungsveranstaltungen an Schulen Fuß zu fassen und ihre Anti-Drogen-Flyer auch in privaten Briefkästen oder auf öffentlichen Ständen zu verteilen. In dem Flyer werden Theorien über Ursachen und Wirkungen von Drogen verbreitet. Vieles, was dort steht, entspricht nicht den Standards heutiger seriöser Suchthilfe. Neben den vielen Aktionen weiterer Tarnorganisationen wie „Jugend für Menschen­rechte“ und der „Weg zum Glücklichsein“ wird inzwischen das Dianetik - Buch auch auf Arabisch für Migranten angeboten.

Ärgerlich und erschrocken waren einige Bürger darüber, dass sie persönlich angeschrieben oder sogar angerufen wurden, obwohl sie bisher keinen Kontakt mit der Scientology-Organisation hatten oder haben wollten. Es wurde gefragt, ob man wirklich glücklich sei und dann der Persönlichkeitstest und das Buch Selbstanalyse von L.R. Hubbard kostenlos angeboten. Diese Bürger haben sich gefragt, woher hat Scientology meine Adresse oder Telefonnummer? Die Scientology-Organisation sammelt über ihre Mitglieder Adressdaten weltweit, und vermutlich hat man an einem Stand oder im Internet sein Interesse an einer ähnlichen Thematik bereits bekundet. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass die Scientology-Organisation nach dem Zufallsprinzip Menschen kontaktiert. Das könnte daraufhin deuten, dass die Organi­sa­tion verzweifelt versucht, neue Mitglieder anzuwerben und in Kauf nimmt, auf große Ablehnung zu stoßen. Aufgrund der neuen Datenschutzverordnung kann jeder Bürger, der von der Organisation nicht mehr kontaktiert werden möchte, dies der Organisation per Einschreiben mitteilen und um Datenlöschung bitten.

Folgenschwerer sind die Aktionen der Tarnorganisation „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“, die mit ihren Info-Ständen unter dem Motto „Psychiatrie-Tod statt Hilfe“ Angst vor jeglicher Behandlung durch psychiatrische Kliniken schüren. Es wird nach dem Muster von Verschwörungstheorien behauptet, dass Psychiater Krankheiten erfinden, Menschen mit Medikamenten abhängig machen und mit der Pharmaindustrie zusammen in die eigene Tasche wirtschaften würden. Dies führt zwar zu keinem Missionierungserfolg, aber zu großer Verunsiche­rung bei psychisch kranken Menschen.

Viele Betroffene verlassen die Organisation nach kurzer Zeit wieder. Aber etliche Aussteiger, die uns in unserer Beratungsstelle um Hilfe bitten, beklagen, dass sie sich vorwerfen, der Organisation zuviel anvertraut oder zuviel Geld gegeben zu haben.

 

Satanismus / Okkultismus

Bei der Thematik Satanismus/Okkultismus sind die Beratungsfälle deutlich höher als die Anfragen. Angesichts der dringenden Notwendigkeit in der Schule Aufklärungsar­beit zum Thema Salafismus zu leisten, ist das Thema Satanismus in den Hintergrund gerückt. Der Beratungsbedarf ist allerdings im Vergleich zu den letzten fünf Jahren wieder gestiegen. Bei den 33 Beratungsfällen hatten sich acht junge Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren mit der satanischen Ideologie beschäftigt und sich einer Loge angeschlossen. Angehörige haben besorgt den Kontakt zur Beratungs­stelle gesucht. Zwei weitere Betroffene hatten sich einer Vampirloge angeschlossen und diesen Glauben auch praktiziert.

Neun Therapeutinnen verschiedener Beratungsstellen brauchten unsere Einschät­zungshilfe bei der Behandlung von Klienteninnen, die berichtet haben, dass sie in der Kindheit rituell missbraucht wurden. Drei weitere Frauen mit der gleichen Problematik wandten sich direkt an unsere Beratungsstelle.[24]

Die restlichen elf Beratungsfälle litten unter außergewöhnlichen Erfahrungen (Erschei­nungen, Spukvorfälle, Besessenheitsgefühle), die sie erlebt hatten, bei denen prakti­zierte Voodoo-Gläubigkeit oder intensive christliche Frömmigkeit von Bedeutung war.

 

Image

Diagramm 2: Informationsanfragen im Vergleich der letzten fünf Jahre

 

Image

Diagramm 3: Beratungsfälle im Vergleich der letzten fünf Jahre

 

Unabhängig von der jeweiligen Gruppierung, die den Beratungsbedarf ausgelöst hat, ist es interessant zu fragen, wer die Beratungsstelle mit der Bitte um Hilfe aufgesucht hat, Menschen, die selbst betroffen sind, oder Freunde und Angehörige? Im letzten Jahr betrug der Anteil der Betroffenen, die für sich selbst eine Hilfestellung erwartet haben, 32%. Weitere 33% verteilten sich auf nahe Angehörige oder den Partner. Noch einmal 19% baten uns im Rahmen eines institutio­nellen Arbeitsauftrages um Hilfe (z. B. Polizei, Schule, Hochschule, andere Beratungsstellen, Jugendhilfe, Psychiatrien). Der Rest (16%) verteilt sich auf Presseanfragen und Anfragen, die sich auf Bekannte und Kollegen beziehen (vgl. Diagramm 4).

 

Image

Diagramm 4: Aufteilung der Anfragen und Beratungsfälle nach Art der Betroffenheit

 

Rechtsberatung 2018

Seit Januar 2004 ist der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. in der Lage, ergänzend zur psychosozialen Beratung, kostenlos eine fundierte Rechtsberatung anbieten zu können. Von den 575 Klienten im Jahr 2018 haben 116 diese Möglichkeit in Anspruch genommen. Die Tabelle zeigt den Bedarf an Rechtsberatung, unterteilt in die auch sonst üblichen zehn Kate­gorien (vgl. Diagramm 5).

 

Image

Diagramm 5: Rechtsberatung

 

Der größte Teil der Rechtsberatung hat, wie in den Jahren zuvor auch, eine sorge­rechtliche und umgangsrechtliche Problematik zum Inhalt und betrifft alle Bereiche bis auf den der Strukturvertriebe. Bei der Sorgerechtproblematik ging es im letzten Jahr besonders häufig um den Streit getrenntlebender Eltern, ob eine Schutzimpfung beim eigenen Kind durchgeführt werden darf oder soll. Im Zusammenhang mit Struktur­vertrieben ging es um Kündigungsmöglichkeiten von Verträgen bzw. um Rückgabe von bestellten Waren. Bei der Rechtsberatung im Zusammenhang mit esoterischen Heilern stand die Frage im Vordergrund, inwieweit es möglich ist, Geistheiler juristisch zur Rechenschaft zu ziehen, nachdem sie durch falsche Ratschläge und durch das Abraten vom Arztbesuch zu gesundheitlichen Gefährdungen von Menschen beitragen haben. Außerdem ging es in der Esoterik darum, welche rechtlichen Möglichkeiten einer Geldrückforderung bestehen, wenn Menschen sich in einer Krisensituation auf Angebote unseriöser Lebensberater, Heiler oder Wahrsager eingelassen und erheb­liche Summen gezahlt hatten. Bei den fundamentalistischen Gruppen gab es recht­liche Fragen zur Missionierung am Arbeitsplatz.

 

Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit

Von Januar bis Dezember 2018 wurden 17 Präventionsveranstaltungen und Multipli­katoren-Schulungen durchgeführt. Insgesamt nahmen 427 Menschen an den Schulungen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e. V. teil.

Der größte Teil der Veranstal­tungen waren Fachtagungen für Lehrer und Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (6). Ergänzend zu diesem Angebot erstreckte sich die Aufklä­rungsarbeit des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. auf weitere Vorträge in der Erwachse­nenbildung (Volkshochschulen, Gemeinden, Elternkreise) (5) und für Mitarbeiter in Beratungsstellen, Kindergärten und bei der Polizei (3). Außerdem fanden auch Präventionsveranstaltungen direkt mit Schülern (3) statt.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Mitar­beiter des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. Lehrern gern Informationsmaterial für die Aufklärungsarbeit im Unterricht zur Verfügung stellen. Dafür haben wir auf unserer Homepage eine Spalte „Material Präventionsarbeit“ eingerichtet. Hier können Lehrer zu den verschiedensten Themen unserer Beratungsstelle sowohl Infomaterial für den Unterricht als auch Fallberichte und Hintergrundinformationen erhalten. Selbstver­ständlich beraten wir Lehrer auch gern telefonisch. Leider ist es aufgrund des ständig sich erweiternden und wachsenden Beratungsbedarfes in unserer Einrichtung nicht mehr möglich, allgemeine Informationsveranstaltungen an Schulen durchzuführen, sondern nur, wenn unsere Unterstützung im Rahmen eines konkreten Vorfalles an der Schule benötigt wird.

Um dem Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit in aktueller Weise gerecht zu werden, wurden die Recherchearbeiten der Medien in 39 Fällen unterstützt. In 12 Fällen wurde durch eine direkte Mitwirkung in einem Fernseh/Radiobeitrag oder Zeitungsartikel auf die Gefahren neuer religiöser Glaubensgemeinschaften hingewiesen.

 

Veröffentlichung einer Publikation zum Kinder- und Jugendschutz

Die Handlungsweise eines Menschen kann durch eine Glaubensüberzeugung so fehlgeleitet werden, dass Eltern, die ihre Kinder durchaus liebhaben, ihnen trotzdem Schaden zufügen. So gibt es beispielsweise Eltern, die aus Glaubensgründen schulmedizinische Behandlungen für ihre Kinder verweigern oder ihre Kinder züchtigen oder vehement den Schulbesuch ablehnen. In einigen wenigen Fällen gibt es sogar Eltern, die Ihre Kinder bereits im Sinne des radikalen Salafismus erziehen. Wer mögliche Gefahren im Kontext neuer Glaubensgemeinschaften tabuisiert, duldet unter Umständen erhebliche Grenzverletzungen gegenüber Kindern.

Aus diesem Grund wurde eine Publikation in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemein­schaft Kinder- und Jugendschutz Nordrhein-Westfalen erstellt, sie enthält eine Dokumentation gerichtlicher Entscheidungen, aus der zu ersehen ist, wie die Gerichte im konkreten Einzelfall entschieden haben. Unter dem Titel „Glaubensfreiheit versus Kindeswohl“ ist die Publikation seit November 2018 beim Sekten-Info Nordrhein-Westfalen erhältlich.


Glaubensfreiheit versus Kindeswohl.
Familienrechtliche Konflikte im Kontext religiöser und weltanschaulicher Gemeinschaften

128 Seiten

Köln 2018

9,50 € (incl. Versandkosten)

Bestellbar unter Kontakt.
Image 


Gremienarbeit

Der Informationsaustausch über Trends in der aktuellen Sektenszene fand wie jedes Jahr in zahlreichen Workshops mit anderen Sektenberatungsstellen, kirchlichen Sektenbeauftragten und Betroffeneninitiativen statt. Auch nehmen die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. regelmäßig an den Fach­gesprächen im Landtag teil. Auf Landes­ebene ist der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. im „Arbeitskreis Bera­tungsstellen“ des DPWV integriert. Trotz der großen zeitlichen Belastung konnten die Mitarbei­terInnen insgesamt an 22 Gremiensitzungen teilnehmen. Seit 2006 besteht die Möglichkeit, im Rahmen einer Sprechstunde in Bochum eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Sie findet nach Absprache in den Räumen einer psychotherapeutischen Praxis in Bochum statt.


[1] Hunziker, M. (2018). Ein scheinbar perfektes Leben: Wie ich aus Liebe zu meiner Tochter den Fängen der Sekte entkam. Köln: Bastei-Lübbe.

[3] http://balance-recovery.com/de/uber-uns/ (abgerufen am 19.03.2019).

[4] https://balance-recovery.com/de/uber-uns/wilri-waarlo/ (abgerufen am 19.03.2019).

[5] Spiegel online: Wie Alternativmedizin Krebspatienten gefährdet. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/studie-wie-alternativmedizin-krebspatienten-gefaehrdet-a-1219406.html  (abgerufen am 19.03.19).

[6] Spiegel online: Schröpfen, Reiki, Hormon-Yoga. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/volkshochschulen-verbreiten-fragwuerdige-alternativmedizin-a-1223662.html (abgerufen am 19.03.19).

[7] Neue Zürcher Zeitung vom 17.12.2018 https://www.nzz.ch/panorama/wunderheiler-joao-de-deus-sexuelle-belaestigung-von-330-frauen-ld.1445372  (abgerufen am 19.03.19).

[9] https://www.welt.de/politik/deutschland/article183886684/Salafisten-Zulauf-fuer-Salafistenszene-in-Deutschland-weniger-stark.html?wtrid=onsite.onsitesearch  (abgerufen am 19.03.2019).

[10] https://rp-online.de/nrw/panorama/islamismus-nrw-verfassungsschutz-will-auch-kinder-unter-14-jahren-beobachten_aid-17772915  (abgerufen am 19.03.2019).

[11]https://www.t-online.de/nachrichten/id_83940158/reul-warnt-vor-einfluss-von-salafistischen-muettern.html  (abgerufen am 19.03.2019).

[13] Yaman, N. (2016). Mein Sohn, der Salafist: Wie sich mein Kind radikalisierte und ich es nicht verhindern konnte. München: mvg-Verlag.

[14] Ein Beispiel hiefür ist auch das lesenswerte Buch Jehovas Gefängnis von Oliver Wolschke, welches im September 2018 erschienen ist.

[15] vgl. Anonym, Ich bin entsetzt über dieses Menschenbild - Erfahrungsbericht eines unseriösen Erfolgsseminars (vgl. Bianca Liebrand, Wenn die Gruppe Druck macht!). Diese und weitere Fachartikel zu diesem Thema sind auf unserer Internetseite zu finden (vgl. Anja Gollan, Coaching – mehr schlecht als Recht?).

[16] https://www.focus.de/gesundheit/ticker/weltgesundheitsorganisation-who-organisation-warnt-eindringlich-impfmuedigkeit-gefaehrdet-die-globale-gesundheit_id_10209138.html (abgerufen am 19.03.2019).

[17] Bundesministerium des Innern für Bau und Heimat, Verfassungsschutzbericht 2017, S. 91.

[18] Ginsburg, T. (2018). Eine Reise ins Reich: Unter Reichsbürgern. Berlin: Das neue Berlin.

[19] vgl. Christoph Grotepass, Die Instinktbasierte Medizin® (IBMS®) des Leonard Coldwell, auf unserer Webseite.

[21] http://www.spiegel.de/spiegel/frankfurt-buddhistischer-abt-soll-klosterschueler-sexuell-belaestigt-haben-a-1208571.html (abgerufen am 19.03.2019).

[22] Eimuth, K.H. (2019). Zwischen Glauben und Gymnastik: Wie viel Religion steckt im Yoga? Leben und Alltag.
Frankfurt: efo-magazin.

[23] www.tagesschau.de/ausland/scientology-nra-tv-sender-101.html (abgerufen am 19.03.2019).

[24] vgl. Uta Bange, Ritueller Missbrauch im Satanismus und Bianca Liebrand, Neue Publikation zum Thema Erinnerungsfälschung auf unserer Webseite.