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Autor: Uta Bange 24.04.2026
Uta Bange
Ein Besuch der EinsSein-Messe für Gesundheit, Spiritualität und Begegnung in Münster veranschaulicht die Bandbreite gegenwärtiger esoterischer Angebote: Energetische Wirbelsäulenaufrichtung, Channeling, Aurachirurgie und Geistheilung stehen neben astrologischer Beratung, Reinkarnationstherapie, Seelenhund-Coaching und energetischer Wasseraufbereitung. ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit–/ Hyperaktivitätsstörung) soll durch das sanfte Berühren festgelegter Punkte am Kopf therapiert und frühkindliche Traumata mit Hilfe der geistigen Welt verarbeitet werden können. Mit dem richtigen „Mindset“ sollen Erfolg im Beruf und Reichtum manifestiert werden können.
Viele alternative Heilverfahren berufen sich auf die Traditionelle Chinesische Medizin und Ayurveda, die traditionelle indische Medizin. Beide Konzepte vertreten ein ganzheitliches Verständnis des Menschen, in dem Körper, Psyche und Umwelt miteinander verbunden sind. Gesundheit gilt als Ausdruck eines Gleichgewichts – in der chinesischen Tradition als harmonischer Fluss des „Qi“, im Ayurveda als ausgewogenes Zusammenspiel der „Doshas“. Der inzwischen emeritierte Professor Edzard Ernst hat an seinem Lehrstuhl für Komplementärmedizin in Exeter, England, viele Jahre alternative Therapien auf ihre Wirksamkeit untersucht. Er kommt zu dem Schluss, dass der Begriff Alternativmedizin eigentlich widersinnig sei, denn „wenn ein Verfahren unwirksam ist, so kann es keine Alternative darstellen, und falls eine Methode effektiv ist, so gehört sie zur konventionellen Medizin“. [3]
Esoterik und alternative Heilmethoden sind ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft geworden. Fast jede*r fünfte in Deutschland findet, dass „mehr spirituelles und ganzheitliches Denken (…) der Gesellschaft guttun“ würden. Weitere 27,5% der Befragten konnten dieser Aussage teilweise etwas abgewinnen. 42,8% sind der Ansicht, dass „nur wer sein wahrhaftiges Selbst kennt“ eine „höhere Wahrheit erkennen“ wird oder stimmen dem teilweise zu. [1]Alternative Heilmethoden wie Naturheilverfahren, Komplementärmedizin, Akupunktur, Phytotherapie oder Osteopathie wenden über 38% der Menschen in Deutschland mehrmals im Jahr an. Rund 74% der Menschen mit alternativmedizinischen Erfahrungen sagen, dass ihnen das jeweilige Heilverfahren bei der Krankheitsbewältigung geholfen hat. [2]Gut untersuchte Verfahren werden als Komplementärmedizin eingesetzt. Sie kommen vor allem zur Unterstützung bei chronischen Erkrankungen, zur Linderung von Nebenwirkungen (z. B. bei Krebsbehandlungen), zur Schmerzreduktion und zur Stressbewältigung zum Einsatz. Entscheidend ist dabei, dass sie eine notwendige medizinische Therapie nicht ersetzen, sondern – wenn evidenzbasiert geprüft – sinnvoll ergänzen. In vielen Studien wurde z. B. die Wirksamkeit von Akupunktur untersucht. Evidenzbasierte Wirksamkeit zeigt sich bei chronischen Schmerzen, Rückenschmerzen, Kniearthrose, Migräne und Spannungskopfschmerzen, postoperativer Übelkeit und Erbrechen, krebsbedingter Erschöpfung und Wechseljahresbeschwerden. [4] Auch Phytotherapeutika wie Johanniskraut (Depressionen), Baldrian (Schlafstörungen) oder Ingwer (Übelkeit) wurden als mehr oder weniger wirksam befunden. [5]Demgegenüber existieren für genuin esoterische Verfahren wie Geistheilung, Hellsehen oder Channeling – abgesehen von Placeboeffekten – mangels naturwissenschaftlicher Plausibilität keine belastbaren wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweise. Die Hinwendung zur Esoterik ist oft ein bewusster Schritt weg von der als kalt angesehenen „Schulmedizin“. Manche sehen die Medizin auch als Teil des als kritisch angesehenen Gesellschaftssystems. Esoterische Angebote sind niedrigschwelliger und die Behandler*innen nehmen sich oft mehr Zeit, sodass Hilfesuchende sich dort besser aufgehoben fühlen. In unserer Beratungsstelle stellen wir fest, dass Menschen oft zu leichtgläubig den Versprechungen der Hellseher*innen, Wunderheiler*innen und spirituellen Berater*innen vertrauen und dabei zu Schaden kommen – sei es psychisch, körperlich oder finanziell.
Das Wort Esoterik ist abgeleitet aus dem griechischen Wort „esoterikós“ und bedeutet „nach innen gerichtet“. Ursprünglich waren damit in der Antike geheime Lehren gemeint, die nur einem inneren Kreis von Eingeweihten zugänglich waren. Heute ist der Begriff ein Etikett für eine große Sammlung von historischen Traditionen wie Gnostizismus, Okkultismus, Kabbala, Rosenkreuzer, Anthroposophie und Neopaganismus [6] sowie dem heutigen kommerzialisierten Esoterikmarkt mit einem breiten Spektrum an Angeboten.
Trotz inhaltlicher Heterogenität lassen sich wiederkehrende Grundannahmen identifizieren:
Die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen und die sogenannten Querdenken-Demonstrationen zwischen 2020 und 2022 machten einen Zusammenhang sichtbar, der zuvor zwar vorhanden, aber weniger im öffentlichen Bewusstsein war. Die Covid-19-Pandemie wirkte wie ein Beschleuniger für ein Phänomen, das als „Konspiritualität“ bezeichnet wird – eine Verbindung aus Verschwörungsglaube und esoterischen Vorstellungen. Gemeint ist damit die Kombination der Überzeugung, dass geheime Eliten im Verborgenen negativ Politik und Gesellschaft steuern mit der Idee, die Menschheit befinde sich in einem spirituellen Wandel hin zu einem höheren Bewusstsein oder einem neuen Zeitalter. [8] Es wird davon ausgegangen, dass es eine verborgene Wahrheit gibt und dass die Kontrolle der Eliten durch ein spirituelles Erwachen durchbrochen werden kann.Verschwörungsglaube und Esoterik teilen dabei zentrale Annahmen: Nichts geschieht zufällig, nichts ist, wie es scheint, und alles hängt miteinander zusammen. Das menschliche Bedürfnis, Muster zu erkennen, wird in diesem Zusammenhang übersteigert, während rational-kritisches Denken zugunsten emotionaler und psychischer Bedürfnisse in den Hintergrund tritt. [9]Die Pandemie, der Ukraine-Krieg mitten in Europa, ganz aktuell der Krieg im Nahen Osten, der Klimawandel, Migrationsdebatten und insgesamt die Weltpolitik führten und führen bei vielen Menschen zu Verunsicherung und Kontrollverlust. “Konspiritualität” kann als Versuch verstanden werden, Ohnmachtsgefühle abzuwehren und komplexe, schwer durchschaubare Verhältnisse zu vereinfachen. Wer glaubt, Zugang zu verborgenem Wissen oder zu einer höheren spirituellen Einsicht zu haben, kann sich als Teil einer „erwachten“ Elite erleben – im Gegensatz zur vermeintlich unwissenden Mehrheit. Charakteristisch sind zudem ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber Staat, Wissenschaft und etablierten Medien sowie die Vorstellung eines gesellschaftlichen Niedergangs als Zeichen einer bevorstehenden spirituellen oder politischen Neuzeit. Historisch entwickelte sich die moderne Esoterik parallel zu Aufklärung, Säkularisierung und dem Aufstieg der Naturwissenschaften. Sie kann als Suche nach Sinn und Ganzheit verstanden werden – als Reaktion auf eine als nüchtern und rein marktorientiert empfundene Gesellschaft. In diesem Sinne erscheint Esoterik als Gegenpol zur Aufklärung und als Möglichkeit kultureller oder gesellschaftlicher Kritik. [10] Der Religionswissenschaftler Wouter Hanegraaff beschreibt Esoterik unter anderem als Trägerin gegenkultureller Impulse. [11] Als Protest- und Krisenphänomen bot und bietet die Esoterik eigene Alternativen an. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es die Lebensreformbewegung mit ihrem Natürlichkeitskult, der Naturheilkunde und dem Vegetarismus, die Antroposophie mit ihrem intuitiven Wissenschaftsverständnis, der Ganzheitlichkeit und reformpädagogischen Konzepten und in den 70er Jahren die New-Age-Bewegung mit ihrer bunten Spiritualität und der Evolution des Bewusstseins hin zur Ausrufung des Wassermannzeitalters.
Ein Teil der esoterischen Szene ist nicht nur spirituell orientiert, sondern bildet lose, informelle Netzwerke, in denen sich esoteriknahe Akteur*innen mit antiliberalen, demokratiefeindlichen und verschwörungsideologischen Strömungen verbinden. In diesen Milieus werden spirituelle Konzepte – etwa „höheres Wissen“, „kosmische Gesetze“ oder „Erwachen“ – genutzt, um autoritäre, nationalistische oder völkische Positionen zu legitimieren. Esoterische Begriffe dienen dabei als Brücke, um antidemokratisches Gedankengut in einem scheinbar harmlosen, alternativ-spirituellen Gewand zu verbreiten. [12]Ein bekanntes Beispiel ist die Anastasia-Bewegung. Sie beruft sich auf die zehnbändige Buchreihe „Anastasia – Die klingenden Zedern Russlands“ des russischen Autors Wladimir Nikolajewitsch Megre, die zwischen 1996 und 2010 erschien. Die Bücher schildern das Leben einer naturverbundenen, spirituell überlegenen Frau namens Anastasia und propagieren sogenannte „Familienlandsitze“ – autarke Siedlungen auf dem Land mit Selbstversorgung, ökologischer Landwirtschaft und enger Naturbindung. In Deutschland existieren inzwischen mehrere solcher Projekte. Nach außen wirken diese Gemeinschaften wie alternative, nachhaltige Lebensentwürfe. Kritiker*innen und Sicherheitsbehörden weisen jedoch darauf hin, dass in Teilen der Bewegung rassistische, antisemitische und völkische Ideologien vertreten werden. Dazu gehört die Vorstellung einer „reinen“ Abstammung, traditionelle, patriarchale Geschlechterrollen und die Ablehnung moderner demokratischer Strukturen. Ziel ist nicht nur ein ökologischer Lebensstil, sondern häufig auch ein weitgehender Rückzug aus dem bestehenden politischen und gesellschaftlichen System. [13] Auf Bundesebene wurde die Anastasia-Bewegung 2023 als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft. [14]Rechte Esoterik ist mehr als eine spirituelle Randerscheinung. Sie fungiert als ideologisches Bindeglied zwischen alternativen Milieus und extrem rechten Strömungen. Durch ihre emotionale Ansprache, Sinnangebote und Gemeinschaftsversprechen kann sie insbesondere in Krisenzeiten attraktiv wirken und birgt das Risiko, antidemokratische Einstellungen zu normalisieren und in spirituelle Narrative einzubetten.
Nicht jede esoterische Praxis ist per se problematisch. Viele Nutzer*innen wählen selektiv und berichten von subjektivem Nutzen. Auffallend ist, dass seit der Corona-Pandemie in unseren Beratungsfällen Esoterik und Verschwörungsglauben häufig zusammen auftreten. Im Folgenden werden kritische Bereiche mit hohem Konfliktpotential näher beleuchtet.
Beispiele: Astrologie, Horoskope, Karten legen, Wahrsagen, HellsehenFallbeispiel:
Herr F. meldet sich zur Beratung im Sekten-Info. Mehrmals in der Woche rufe er eine Kartenlegerin an. Er habe vor einiger Zeit eine Frau im Internet kennengelernt und sei unsicher, ob daraus eine Beziehung entstehen könne. Diese Frau melde sich sehr unregelmäßig bei ihm. Immer wenn er unruhig werde, rufe er diese Hotline an und die Kartenlegerin beruhige ihn dann und verspreche ihm, dass diese Frau seine Seelenverwandte sei. Das Problem sei nun, dass er inzwischen 8.000 Euro bezahlt habe und kurz vor einer Privatinsolvenz stehe. Er habe selbst den Verdacht, dass er eine Esoteriksucht entwickelt habe. Bisher sei es ihm nicht gelungen, den Kontakt zur Kartenlegerin abzubrechen.
Die Konsultation von Wahrsager*innen, Kartenleger*innen oder „Hellseher*innen“ ist für viele Menschen zunächst harmlos oder unterhaltsam. Problematisch wird es, wenn daraus eine psychische Abhängigkeit resultiert und keine eigenen Entscheidungen mehr getroffen werden können. Die oft als zutreffend erlebten Vorhersagen beruhen in der Regel nicht auf tatsächlicher Vorhersagefähigkeit, sondern auf bekannten psychologischen Mechanismen wie dem Barnum-Effekt (vage Aussagen wirken persönlich passend), dem Bestätigungsfehler (Treffer werden erinnert, Fehler übersehen), Cold Reading (Anpassung an Reaktionen) und selbsterfüllenden Prophezeiungen. Besonders kritisch ist, dass negative oder bedrohliche Aussagen Ängste verstärken können. In vielen Fällen wird eine Notsituation ausgenutzt und absichtlich eine Abhängigkeit erzeugt. Dabei kann es zu einer hohen finanziellen Belastung kommen. [15]
Beispiele für Berufsbezeichnungen: Spiritueller Coach oder Berater*in, Transformationstherapeut*in, Channelmedium, Reinkarnationstherapeut*in
Fallbeispiel:
Eine junge Frau geht aufgrund von Beziehungsproblemen zu einer Reinkarnationstherapeutin. Diese habe bei ihr eine Tiefenentspannung erzeugt und sie in einem Trancezustand in frühere Leben geführt. Es sei ihr suggeriert worden, sie sei eine außerirdische Prin¬zessin, die gegen Aliens kämpfen müsse, um die Welt zu retten. Nach und nach sei ihr geraten worden, alle Kontakte abzubrechen, da angeblich von überall Gefahr drohe. Sie sei sehr isoliert gewesen. Nach einem Jahr mit täglichen Kontakten zu ihrer Therapeutin habe sie große Ängste entwickelt und jede Nacht erwartet, dass sie von Außerirdischen überfallen werde. Sie sei in einen psychischen Ausnahmezustand gekommen und eine Psychose sei ausgebrochen. Daraufhin sei ein mehrmonatiger Aufenthalt in der Psychiatrie notwendig gewesen. Auch ein Jahr später sei sie noch nicht wieder arbeitsfähig und voller Ängste.
Menschen, die Orientierung oder Unterstützung suchen – sei es in persönlichen Krisen oder aufgrund psychischer Belastungen – stoßen zufällig auf esoterische Beratungsangebote oder entscheiden sich ganz bewusst für diese. Diese versprechen mithilfe einer „höheren geistigen Ebene“ oder spiritueller Erkenntnisquellen die Ursachen aktueller Probleme aufzudecken. Häufig vertreten spirituelle Berater*innen die Ansicht, heutige Schwierigkeiten gingen auf verdrängte Kindheitserfahrungen oder sogar auf Ereignisse aus „früheren Leben“ zurück. Zur „Aufarbeitung“ werden nicht selten Trancezustände, Hypnosetechniken oder geführte Fantasiereisen eingesetzt. Dabei sollen Klient*innen Zugang zu verborgenen Erinnerungen erhalten. In solchen Settings kann es jedoch leicht zu sogenannten Scheinerinnerungen kommen: Durch Suggestion, Erwartungshaltungen und dem starken Wunsch nach einer stimmigen Erklärung entstehen innere Bilder oder Überzeugungen, die sich subjektiv sehr real anfühlen, aber keinen tatsächlichen Erlebnissen entsprechen. Statt Entlastung kann eine solche pseudotherapeutische Vorgehensweise bestehende Probleme verschärfen oder zu einer emotionalen Destabilisierung führen. Besonders bei vulnerablen Personen besteht das Risiko, dass intensive Suggestionen oder das „Wiedererleben” vermeintlicher Traumata Angstzustände, depressive Symptome oder – in seltenen Fällen – psychotische Episoden auslösen. Auch Abhängigkeiten können entstehen, wenn Ratsuchende zunehmend auf die Deutungen der Beraterin oder des Beraters angewiesen sind.Ein weiterer problematischer Aspekt ist, dass spirituelle Berater*innen keine fundierte psychologische oder psychotherapeutische Ausbildung besitzen. Ihnen fehlen diagnostische Kompetenzen, Kenntnisse über psychische Erkrankungen sowie das methodische und ethische Handwerkszeug, um Menschen mit ernsthaften seelischen Problemen fachgerecht zu begleiten. Dadurch können notwendige professionelle Behandlungen verzögert oder ganz unterlassen werden. Gerade bei psychischen Erkrankungen ist es wichtig, qualifizierte Fachkräfte – etwa approbierte Psychotherapeut*innen oder Fachärzt*innen – einzubeziehen, um eine sichere und wirksame Behandlung zu gewährleisten.Beispiel: Geistheiler*innen, Wunderheiler*innenFallbeispiel:
Eine Frau F. kommt zur Beratung, da ihr Mann an einer Krebserkrankung leidet. Die Erkrankung sei zu Beginn gut behandelbar gewesen. Allerdings sei er sehr kritisch und ablehnend der Schulmedizin gegenüber geworden. Schon länger gehe er zu einer Heilerin. Inzwischen sei er davon überzeugt, dass ihm nur die Heilerin helfen könne. Es sei eine psychische Abhängigkeit entstanden, aus der er nicht mehr herauskomme. Er sei jeden Tag in Kontakt mit ihr und er sei nicht mehr er selbst. Frau F. komme mit Argumenten nicht mehr an ihn heran. Sie liebt ihren Mann und fragt sich, was sie tun kann, damit er sich medizinisch behandeln lässt.
Geistheiler*innen behaupten, über besondere spirituelle oder energetische Fähigkeiten zu verfügen oder mit göttlichen, spirituell höher entwickelten Kräften in Verbindung zu stehen. Sie vermitteln den Eindruck, selbst schwere Erkrankungen – etwa Krebs – heilen zu können. Innerhalb esoterischer Vorstellungen wird Krankheit häufig als Folge eines ungelösten seelischen Konflikts gedeutet. Entsprechend wird argumentiert, die körperlichen Symptome würden von allein verschwinden, sobald der innere Konflikt „aufgelöst“ sei.In diesem Zusammenhang raten manche Heiler von medizinischen Behandlungen ab oder stellen sie als hinderlich für den spirituellen Heilungsprozess dar. Mitunter wird Betroffenen sogar nahegelegt, schulmedizinische Therapien ganz zu vermeiden. Besonders anfällig für solche Angebote sind schwer erkrankte Menschen, die nach Hoffnung suchen, sowie Personen, die der evidenzbasierten Medizin skeptisch gegenüberstehen und „natürlichere“ oder vermeintlich sanftere Methoden bevorzugen. Auch die Angst vor Operationen oder vor belastenden Therapien wie einer Chemotherapie kann dazu führen, dass Heilversprechen attraktiv erscheinen.
Für Angehörige ist es häufig sehr belastend, wenn nahestehende Menschen sich ausschließlich auf spirituelle Heiler verlassen und medizinische Hilfe ablehnen. Wird eine notwendige Behandlung dauerhaft hinausgezögert oder verweigert, kann dies gravierende gesundheitliche Folgen haben – im schlimmsten Fall mit tödlichem Ausgang.Die Bereitschaft, sich medizinisch behandeln zu lassen, und auch die Lebensqualität während der medizinischen Behandlung können ansteigen, wenn komplementärmedizinische Verfahren in die Krebsbehandlung integriert werden. In der S3-Leitlinie „Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer PatientInnen“ können folgende Therapien empfohlen werden: Akupunktur kann Übelkeit durch Chemotherapie lindern, QiGong und Tai Chi habe eine gute Wirksamkeit bei schwerer Erschöpfung (Fatigue) und Ein- und Durchschlafstörungen, Yoga kann eine Fatigue lindern und zeigt bei Ein- und Durschlafstörungen, depressiven Verstimmungen und Angstsymptomen positive Effekte, Achtsamkeitsbasierte Atemmeditation kann das akute Stressempfinden während der Chemotherapie und in der Palliativversorgung senken. [16]
Ein Problembereich im Zusammenhang mit esoterischen Angeboten betrifft familiäre Konflikte und potenzielle Gefährdungen des Kindeswohls. In der Beratungspraxis zeigen sich immer wieder Fälle, in denen sich ein Elternteil zunehmend in esoterische Weltbilder und Praktiken zurückzieht und sich von der Familie entfremdet. Die daraus resultierenden Spannungen können das familiäre Zusammenleben erheblich belasten. Fallbeispiel:
Herr K. berichtet, dass seine Frau sich schon immer für esoterische Inhalte interessiert habe. In der Zeit der Corona-Pandemie habe sie sich Hilfe bei einem Heiler gesucht, der sich selbst als göttliches Wesen betrachte. Dieser gehe davon aus, dass viele Menschen von geistigen Seelen besetzt seien. Das sei die Ursache vieler Krankheiten. Sie werfe ihm vor, dass er seine Seele verloren habe. Er sei ein Reptiloid und sie müsse ihn bekämpfen. Seine Besetzungen könnten auf die Kinder überspringen. Sie sei mehrmals am Tag in Kontakt mit dem Heiler. Mit den zwei Kindern mache sie immer wieder sogenannte Ablösungen, spreche Affirmationen und Schutzgebete. Die jüngere Tochter habe Angst vor ihm und die Ehefrau wolle ihn jetzt mit den Kindern verlassen.
Problematisch wird es, wenn Kinder in esoterische Deutungssysteme einbezogen werden, etwa durch die Zuschreibung besonderer spiritueller Fähigkeiten („Indigo“- oder „Kristallkinder“) oder karmischer Aufgaben. Solche Zuschreibungen können zu einer Überforderung führen und die altersentsprechende Entwicklung beeinträchtigen. Auch die Ablehnung medizinischer Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen oder notwendiger medizinischer Behandlungen zugunsten spiritueller Heilmethoden kann zu einer Kindeswohlgefährdung führen. Kritisch ist es auch, wenn Kinder sozial isoliert werden, etwa durch den Rückzug der Familie aus Kindergarten, Schule oder medizinischen Versorgungssystemen, weil diese als „niedrig schwingend“ oder „schädlich“ bewertet werden. [17] Gespräche in Partnerschaftskonflikten werden erschwert, wenn rationale oder evidenzbasierte Argumente von der esoterisch geprägten Person als Ausdruck mangelnden Bewusstseins oder spiritueller Rückständigkeit abgewertet werden.
Menschen, die sich an unsere Beratungsstelle wenden, berichten häufig von psychischen Belastungen infolge esoterischer Praktiken. Manche befinden sich im Prozess, sich aus einer emotionalen oder finanziellen Abhängigkeit zu lösen, andere haben erhebliche Geldsummen an unseriöse Anbieter verloren. Am Anfang steht meistens das Bedürfnis, das Erlebte einzuordnen und zu verstehen. In der Beratung stellen wir fachliche Informationen und unsere Erfahrung zur Verfügung. Vielen Betroffenen hilft bereits die Erkenntnis, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind. Gemeinsam wird ein Erklärungsmodell dafür entwickelt, wie es zur Hinwendung zur Esoterik kam. Dabei werden biografische Hintergründe ebenso berücksichtigt wie aktuelle Krisen oder belastende Lebenssituationen. Auch Gefühle von Scham spielen häufig eine große Rolle. Viele Betroffene fragen sich, wie sie trotz Lebenserfahrung oder Bildung in eine solche Situation geraten konnten. In der Beratung werden die zugrunde liegenden Bedürfnisse – etwa nach Orientierung, Zugehörigkeit, Sinn oder Kontrolle – herausgearbeitet und alternative, konstruktive Wege gesucht, diese zu erfüllen. Schuldgefühle treten besonders dann auf, wenn auch Kinder oder andere Familienmitglieder negativ betroffen sind. Oft suchen auch Angehörige Unterstützung, weil Partner*innen, Eltern, Kinder oder Freund*innen sich stark esoterischen Weltbildern zugewandt haben. Sie fühlen sich verunsichert, hilflos, verzweifelt oder wütend, und nicht selten haben sich Konflikte bereits zugespitzt. Konfrontative Strategien und pauschale Etikettierungen („Sekte“) verschärfen Konflikte meist. Hilfreicher ist ein respektvoller, wertschätzender Umgang ohne Abwertung. So schwierig es sein kann, lohnt es sich, die dahinterliegenden Bedürfnisse zu verstehen – etwa die Suche nach Sinn, Halt, Aufwertung oder spiritueller Zugehörigkeit.Im Kontakt kann es sinnvoll sein, gemeinsame Interessen und verbindende Erfahrungen in den Vordergrund zu stellen und das Streitthema Esoterik zunächst auszuklammern. Wenn sich die betroffene Person stark zurückgezogen hat, sollte – soweit möglich – der Kontakt aufrechterhalten werden. Gleichzeitig dürfen klare Grenzen gesetzt werden, etwa bei Missionierungsversuchen, finanziellen Forderungen oder verbalen Angriffen. Ebenso wichtig ist die Selbstfürsorge der Angehörigen, um die eigene psychische Stabilität zu bewahren. [18]
Esoterik und alternative Heilmethoden bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Sinnsuche, Konsumangebot und gesellschaftlichem Protest. Sie bieten vielen Menschen Orientierung, Trost und das Versprechen einer „sanften“ Heilung in einer als kalt, komplex und überfordernd empfundenen Welt. Gleichzeitig bergen esoterische Angebote erhebliche psychische, soziale, gesundheitliche und finanzielle Risiken. Die Attraktivität esoterischer Weltbilder verweist auf ungelöste gesellschaftliche Fragen nach Sinn, Ganzheitlichkeit und Vertrauen. Eine kritische Auseinandersetzung sollte daher nicht auf Abwertung zielen, sondern die Bedürfnisse ernst nehmen, die Menschen in esoterische Kontexte führen. Zugleich bleibt es notwendig, über Risiken aufzuklären, evidenzbasierte Medizin zu stärken und genügend seriöse Beratungsangebote bereitzustellen, um Menschen aufzufangen, die Hilfe suchen.
Uta BangeDiplom-PsychologinPsychologische Psychotherapeutin
[1] Vgl. Decker, Oliver; Kiess, Johannes; Heller, Ayline; Brähler, Elmar (2024): Die Leipziger Autoritarismus Studie 2024: Methoden, Ergebnisse und Langzeitverlauf, S. 85. In: Decker, Oliver; Kiess, Johannes; Heller, Ayline; Brähler, Elmar. (Hg.) (2024): Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen. Leipziger Autoritarismus Studie 2024, Gießen[2] Vgl. Statista Research Department, 2025: Alternative Heilmethoden in Deutschland. https://de.statista.com/themen/12881/alternative-heilmethoden/#topicOverview (abgerufen am 20.2.2026)[3] Zit. Ernst, Edzard (2025): Wer recht hat, heilt. Eine kritische Analyse zur Alternativmedizin. Aschaffenburg. S. 14[4] Vgl. Hempen, M.; Hummelsberger, J.: The state of evidence in acupuncture: A review of metanalyses and systematic reviews of acupuncture evidence (update 2017-2022). In: Complementary Therapies in Medicine. The Journal of integration Health, Vol. 89, 5/2025[5] Vgl. Ernst, Edzard (2025): Wer recht hat, heilt. Eine kritische Analyse zur Alternativmedizin. Aschaffenburg. S. 14[6] Vgl. Hanegraaff, Wouter (2023): Esoterik und Demokratie. Einige Klarstellungen. Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/518297/esoterik-und-demokratie/ (abgerufen am 17.2.2026)[7] Vgl. Zu den Kernelementen des esoterischen Denkens s. auch Lamberty, Pia; Nocun, Katharina (2022): Gefährlicher Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik. Köln[8] Vgl. Amlinger, Carolin; Nachtwey, Oliver (2023): Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus. Berlin[9] Vgl. Schließler, Nele & Decker, Oliver (2020): Aberglaube, Esoterik und Verschwörungsmentalität in Zeiten der Pandemie. S. 292. In: Decker, Oliver; Brähler, Elmar (Hg.) (2020). Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments – neue Radikalität. Leipziger Autoritarismus Studie 2020, Gießen[10] Vgl. Hanegraaff, Wouter (2023): Esoterik und Demokratie. Einige Klarstellungen. Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/518297/esoterik-und-demokratie/ (abgerufen am 17.2.2026)[11] A. a. O. [12] Vgl. Pöhlmann, Matthias (2021): Rechte Esoterik. Wenn sich alternatives Denken und Extremismus gefährlich vermischen. Freiburg, Basel, Wien[13] Vgl. Weers, (2023): Anastasia – Rechtsextremismus im esoterischen Gewand. In: Zentrum Liberale Moderne: Narrativ-Check. Was hinter radikalisierenden Botschaften steckt. Berlin[14] Vgl. https://www.sueddeutsche.de/politik/siedlungsprojekte-anastasia-bewegung-bundesweit-rechtsextremer-verdachtsfall-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-230608-99-986005[15]Welche rechtlichen Möglichkeiten Verbraucher*innen haben, ihr Geld zurückzuverlangen erläutert der Artikel von Anja Massenberg (2026): “Hokus Pokus – Dein Geld gehört mir“ - Rechtlicher Schutz bei finanzieller Übervorteilung im Kontext esoterischer Dienstleistungen” in diesem Heft[16] Vgl. Krebsinformationsdienst: Alternative Medizin und Komplementärmedizin. https://www.krebsinformationsdienst.de/komplementaere-und-alternative-krebsmedizin (abgerufen am 20.2.2026)[17] Ausführliche Darstellung zum Thema Kindeswohl und konfliktträchtige weltanschauliche Gruppen in der Broschüre von Gollan, Anja; Riede, Sabine; Schlang, Stefan (2018): Glaubensfreiheit versus Kindeswohl. Familienrechtliche Konflikte im Kontext religiöser und weltanschaulicher Gemeinschaften. Köln[18] Viele hilfreiche Verhaltenstipps für Angehörige von Menschen in konfliktträchtigen Gruppierungen finden sich in dem Buch von Bianca Liebrand und Sarah Pohl (2025): Plötzlich fremd – im Sog toxischer Spiritualität. Ein Ratgeber für Angehörige zwischen Sorge und Hilflosigkeit. Berlin