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Statistische Daten und Aktivitäten des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. 2008 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Sabine Riede   
Insgesamt wurden im Jahr 2008 1.327 Anfragen beim Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. registriert. Zusätzlich zu diesen Anfragen nutzten viele Bürger die Webseite des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. als Informationsquelle. Im Jahr 2008 konnten 202.828 Besucher gezählt werden. Im Vergleich zu den sechs Vorjahren ist dies ein weiterer Anstieg und zeigt, dass das Informationsbedürfnis zu neuen religiösen Bewegungen nach wie vor sehr hoch ist und viele Bürger es schätzen, sich selbständig und anonym mit Hilfe des Internets zu informieren (vgl. Diagramm 1). Aus diesem Grund bieten die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. seit 2006 zusätzlich zur bisherigen persönlichen Beratung die Möglichkeit der Online-Beratung an. Diese Möglichkeit wurde im letzten Jahr nur 15 Mal genutzt, bei weiteren 162 Fällen begann die Beratung mit einer E-Mail, wurde dann aber in einer persönlichen Beratung fortgesetzt.

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Diagramm 1: Besucher unserer Website

Neben allgemeinen Informationen zur Arbeitsweise der Beratungsstelle und zu neuen Aktivitäten war im letzten Jahr besonders der Bericht über das Nachhilfeangebot der Scientologen gefragt. Darüber hinaus hatten die weiteren Beiträge zu Scientology (Ist die „Church of Scientology“ eine Kirche? Scientology-Zeltwerbung in Innenstädten!) mit Abstand die meisten Zugriffe zu verzeichnen. Erst danach wurden die Infotexte über Exorzismus und rituellen Missbrauch im Satanismus angeklickt.

Von den insgesamt 1.327 Anfragen erhielten 850 Personen durch ausführliches Informationsmaterial und ein bis zwei klärende Gespräche Hilfestellung von den MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.. In 477 Fällen war ein intensiverer und längerer Beratungsverlauf mit bis zu 25 Fachkontakten notwendig.
 
Um einen besseren Vergleich mit den Vorjahren zu ermöglichen, sind wie jedes Jahr die 850 Informationsanfragen und die 477 Beratungsfälle in zehn Kategorien zusammengefasst worden. Insgesamt sind in den zehn Kategorien Anfragen mit der Bitte um Information und Beratung zu 300 verschiedenen Gruppen, Bewegungen und Aktivitäten enthalten (vgl. Diagramm 2).
 

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Diagramm 2: Summe Beratungsfälle und Informationsanfragen

 

Informationsanfragen 2008

Bei einem Vergleich der einzelnen Kategorien fällt auf, dass im Jahr 2008, wie in den letzten beiden Jahren auch, die Informationsanfragen zur Scientology-Organisation besonders herausragen. Die Scientology-Organisation lässt nichts unversucht, um neue Mitglieder anzuwerben. Die mit hohem Aufwand betriebenen Werbe-Aktionen sollen in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken, dass es sich bei der Scientology-Organisation um eine Religionsgemeinschaft handele, die sich für karitative Zwecke engagiere und nicht um eine auf Gewinn ausgerichtete menschenverachtende Organisation, die die Demokratie ablehnt. Um dies zu erreichen, greift Scientology mit Hilfe von Tarnorganisationen gesellschaftsrelevante Themen auf, wie Bildung, Menschenrechte, Drogen. Für den uninformierten Bürger ist es nur schwer zu durchschauen, dass es sich z.B. bei den Aktionen der Tarnorganisation „Jugend für Menschenrechte“ und den Auftritten von Tom Cruise lediglich um Imagekampagnen handelt, und nicht um den Einsatz für Menschenrechte oder Zivilcourage. Wie leicht Menschen dieser Strategie auf den Leim gehen, zeigt das Beispiel des Peitzer Bürgermeisters Bernd Schulze, der einen Videoclip der oben benannten Tarnorganisation in seiner Neujahrsansprache 2009 integrierte. Ebenso hat sich die renommierte „Stiftung Lesen“ für Werbezwecke einspannen lassen. Begleitend zum umstrittenen Film „Operation Walküre“ bietet sie Lehrern Unterrichtsmaterialien an, in denen mit keinem Wort die Mitgliedschaft von Tom Cruise zur Scientology-Organisation erwähnt wird, obwohl Tom Cruise der wichtigste Werbeträger und sogar der Produzent des Stauffenberg-Films ist. Hier besteht die Sorge, dass Jugendliche dazu verführt werden, Tom Cruise als ehrenhaften Widerstandskämpfer zu verinnerlichen. Sicherlich darf die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der Schule niemals vernachlässigt werden, aber es muss die Frage erlaubt sein, ob der Film Walküre nicht auch zum Anlass genommen werden sollte, um über die Machenschaften der antidemokratischen Scientology-Organisation und über die Zivilcourage derer zu informieren, die den Mut hatten sie zu verlassen. Außerdem ist der Film durchaus umstritten, ob er sich zur Aufarbeitung der Person „Stauffenberg“ überhaupt eignet, da er nur die Tat und ihr Misslingen, nur die Täter und ihr Scheitern, aber keine Entwicklung der Person aufzeigt. Die Verstärkung des schon vor zwei Jahren beschriebenen Nachhilfeangebots der Scientologen, sowie die Aktionen der Tarnorganisation „Jugend für Menschenrechte“ zeigen, dass die Werbekampagnen mehr und mehr darauf abzielen, Jugendliche für die Scientology-Organisation zu gewinnen.

Eine weitere Missionierungsstrategie sind die angeblichen Hilfseinsätze der „Ehrenamtlichen Geistlichen“ bei Katastrophen. Nach den Erfahrungen in Deutschland geht es auch hier wieder in erster Linie um die Anwerbung neuer Mitglieder, und nicht etwa um eine wirtschaftliche Unterstützung für geschädigte Menschen. Nicht angemessen für eine Organisation, die so finanzkräftig ist und Millionen für Prozesse ausgibt. Selbst diese Prozesse werden für Werbezwecke bzw. Täuschungskampagnen der Öffentlichkeit benutzt. In einer Broschüre, die überwiegend an Politiker kostenlos verschickt wurde, heißt es “Scientology wird weltweit als Religionsgemeinschaft anerkannt. Auch in Deutschland gibt es über 50 Gerichtsurteile, die die Religionseigenschaft der Scientology bestätigen.“ Diese Behauptung entspricht nicht der gegenwärtigen Rechtslage. (vgl. Artikel: "Scientology - Religionsgemeinschaft oder nicht?") Kaum ein Politiker oder Bürger wird sich die Mühe machen oder die Zeit finden, sich alle Urteile zu besorgen und sie zu lesen.
 
Eine weitere neue Aktion ist die Missionierung jugendlicher Drogenabhängiger in Gefängnissen. Mit Hilfe der Tarnorganisation Narconon und unter dem Motto „Therapie statt Strafe“ werden kostenlose Informationsbroschüren an jugendliche Straftäter verteilt und die Illusion verbreitet, mit Hilfe der Scientology-Organisation könne der jugendliche Straftäter die Vollzugsanstalt eher verlassen. Da Narconon keine staatlich anerkannte Therapieeinrichtung darstellt, ist dies nicht möglich. Aber der einmal entstandene Kontakt bleibt erhalten und nach der Haftentlassung verspricht der Anwerber, dem Jugendlichen einen Arbeitsplatz und eine Wohnung zu besorgen. Leider stellt sich der Arbeitsplatz dann als ehrenamtliches, unentgeltliches Arbeiten für die Scientology-Organisation heraus und die Wohnung ist ein Schlafplatz in einer Wohngemeinschaft mit Scientologen. Das bedeutet, dass der Jugendliche keine angemessene Hilfestellung bei seiner Resozialisierung erfährt, sondern von der einen Abhängigkeit in die nächste gerät.

So raffiniert und intensiv die Missionierungsstrategien der Scientology-Organisation auch sind, es finden sich auf der anderen Seite auch immer mehr Menschen, die über die Hintergründe der Scientology-Organisation aufklären wollen. Eine Bewegung, die sich dies zum Ziel gesetzt hat, heißt Anonymus. Es handelt sich bei Anonymus weder um einen Verein noch um eine feste Gruppe. Es gibt keine Führungshierarchie, sondern seit Jahren organisieren sich unter dem Pseudonym „Anonymus“ im Internet unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Zielen. Aufgrund des Versuchs der Scientology-Organisation die Veröffentlichung eines Videos von Tom Cruise, das seinen Fanatismus entlarvt, zu verhindern, richtete sich Ende Januar 2008 das Augenmerk von Anonymus auf Scientology. Die Bewegung sah dies als Zensur an und löste eine weltweite Protestwelle aus. Die internationale Koordination erfolgt über Websites, Wikis oder Foren. Anonymus stellt sich nicht gegen den Glauben der Scientology-Mitglieder. Die gewaltfreien Proteste wenden sich ausschließlich gegen die unterdrückerischen Methoden der Organisation. Es gelingt Anonymus seit dem 10. Februar 2008 monatlich weltweite Demonstrationen vor den örtlichen Scientology-Zentren zu organisieren.

Im Dezember 2008 gibt die Innenminister Konferenz bekannt, dass ein Verbotverfahren gegenüber Scientology nicht eingeleitet werden soll. Die Organisation soll aber weiterhin vom Verfassungsschutz beobachtet und die Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit verstärkt werden. Begründet wurde die Entscheidung damit, dass die Lehre zwar gegen die Verfassung verstoße, aber Scientology im Moment nicht offen gegen die demokratische Grundordnung kämpfen würde. Anders sieht es im Moment in Frankreich und Belgien aus, hier wurde nach jahrelangem Ermittlungsverfahren Anklage gegen die Organisation erhoben wegen organisierter Kriminalität. Die Vorwürfe lauten, Scientology bediene sich krimineller Methoden wie Erpressung, Betrug, Verletzung der Privatsphäre und illegaler medizinischer Praktiken. Der französische Justizsprecher schloss nicht aus, dass das Verfahren zu einer Auflösung der Scientology-Organisation in Frankreich führen könnte, und in Belgien droht der Organisation ebenfalls ein Verbot, wenn es zu einer Verurteilung kommen sollte. Auch wenn es in Deutschland zunächst kein Verbot der Organisation geben wird, so kann die Organisation mit den zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln trotzdem in Einzelfällen gebremst werden. Im Februar wurde in München eine Scientology-Kindertagesstätte geschlossen. Nachdem bekannt geworden war, dass sowohl Vorstandsmitglieder als auch die beiden Erzieherinnen der Scientology-Organisation angehören, zog die Stadt die Betriebserlaubnis zurück. Dagegen hat Scientology geklagt und verloren. Die Richter begründeten ihre Entscheidung damit, dass die von Scientology eingesetzte Erziehungstechnik nicht einer am Kindeswohl orientierten Erziehung entspräche. Wie sehr die Erziehungsvorstellungen und Praktiken der Scientology-Organisation dem Kindeswohl widersprechen, erfahren auch die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. immer wieder in ihrer Beratungsarbeit. Verständlich und umfassend hat Ursula Caberta diesen Bereich in ihrem neuen Buch dargestellt. (vgl. Artikel: "Neue Publikationen")
 
Weniger Zulauf und Beachtung finden die Missionierungsversuche und Werbekampagnen der Transzendentalen Meditation. Die Bundesregierung soll 200 Millionen Euro bereitstellen, damit die Bewegung der Transzendentalen Meditation mit der Ausbildung von 8.000 „Unbesiegbarkeitsexperten“ beginnen kann. Diese werden benötigt, um „ein Höchstmaß an Kohärenz und Kreativität im kollektiven Bewusstsein unserer Nation zu erzeugen“. Im Gegenzug verspricht der Sprecher der Transzendentalen Meditation in Deutschland Raja Emanuel Schiffgens wird die Kriminalitätsrate abnehmen, die Terrorismusbedrohung zurückgehen und die wirtschaftlichen Trends sich verbessern. Insgesamt betrachtet sind also keine nennenswerten Veränderungen bei der Transzendentalen Meditation zu erkennen, nachdem der Gründer Maharishi Mahesh Yogi im Februar 2008 im Alter von 91 Jahren im niederländischen Vlodrop verstorben ist. Unter großer Anteilnahme seiner Anhänger fand in Indien seine Feuerbestattung statt. Er hatte die Transzendentale Meditation 1958 ins Leben gerufen. Der Weg zum Glück liegt der Bewegung zufolge unter anderem in Massenmeditationen. Sie sollen positive Energien erzeugen. Als Nachfolger des verstorbenen Gründers verkündete die Transzendentale Meditation Maharaja Nader Raam.

Der Gründer der Vereinigungskirche hat ebenfalls für einen Nachfolger gesorgt. Vor rund 25.000 Teilnehmern ernannte Rev. Moon im April 2008 seinen jüngsten Sohn zum neuen Präsidenten der weltweiten Vereinigungskirche. Er übergab ihm ein Paket mit den wichtigsten Schriften der Vereinigungskirche. In NRW ist die Vereinigungskirche mit Hilfe ihrer Tarnorganisation Universal Peace Federation im letzten Jahr aktiv gewesen. Unter anderem organisierten sie am 06. August 2008 in Düsseldorf einen Friedenslauf. Der Friedenslauf sollte um 19.00 Uhr am Rathaus in der Altstadt mit einer Rede eines buddhistischen Mönches beginnen und mit einer Friedensmeditation im EKO- Haus der Japanischen Kultur um 22.30 Uhr enden. Aufgrund der Informationen, die der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. der japanischen Gemeinde und dem Kölner Buddhismus Center zur Verfügung stellte, distanzierten sich beide Organisationen von der Universal Peace Federation und die Türen des japanischen Tempels blieben für die Anhänger der Moon-Sekte geschlossen.



Beratungsfälle 2008

Die hohe Anzahl der Beratungsfälle in 2007 hat sich in 2008 fortgesetzt. Bei einem Vergleich der einzelnen Kategorien ist der Bereich der Esoterik mit 105 Fällen Spitzenreiter. Immer dann, wenn Menschen sich besonders hilflos fühlen, wenden sie sich dem Übersinnlichen zu. Angst vor der Zukunft, die Instabilität moderner Beziehungen und ein steigendes Misstrauen gegenüber den althergebrachten Ratgebern, wie Schulmedizin, Wissenschaft, Kirche lassen die Menschen nach Alternativen suchen. Der Esoterik-Markt hat die Zeichen der Zeit erkannt und verspricht schnelle Hilfe, einfache Lösungen und Traumwelten, in denen jeder angeblich selbst der Schöpfer seiner Realität sein kann. Die Betroffenen suchen Halt und bemerken nicht, dass sie schnell in eine mentale Abhängigkeit geraten können. Alle drei Bereiche der Esoterik - Geistheilung, Lebenshilfe, Zukunftsvorhersagen - boomen gleichermaßen. 65 % der Deutschen vertrauen, laut einer Umfrage der Wickert-Institute, den Fähigkeiten der Geistheiler und geben jährlich 5 Milliarden Euro den über 10.000 Anbietern. Nicht weniger lukrativ ist das Geschäft der Zukunftsvorhersagen. Auch Fernsehsender haben dies entdeckt. Die Ferndiagnosen über Internet, Telefon oder Fernsehen sind alles andere als seriös. Sie lösen eine Abhängigkeit aus, durch die die Betroffenen viel Geld verlieren. Insgesamt verteilen sich die 105 Beratungsfälle der Esoterik auf 40 verschiedene Anbieter. Neben den Angeboten der Zukunftsvorhersagen und der Geistheilungen kommt es im Bereich der Lebenshilfe häufig auch zu Gruppenbildungen, die einer Sekte gleichen. Eine Gruppierung, zu der die Beratungsstelle im letzten Jahr nicht nur vermehrt Anfragen, sondern auch mehrere Fälle betreut hat, ist die theosophisch-esoterische Sekte „Universale Kirche“. (vgl. Artikel: "Die Universale Kirche als Beispiel einer problematischen esoterischen Gruppierung")
 
An 2. Stelle der Beratungsfälle steht der Bereich der fundamentalistischen Gruppen. Hier ist im Vergleich der letzten fünf Jahre ebenfalls ein stetiger Zuwachs zu verzeichnen. Entgegen der These, die biblische Botschaft sei nicht mehr zeitgemäß, ist eine stetig wachsende Bereitschaft zu einem wörtlichen Bibelverständnis und einer konservativen restriktiven Wertehaltung zu beobachten. Die Identifizierung mit einer Lehre, die sich kompromisslos an traditionellen Glaubensgrundsätzen orientiert, entspringt einem starken Bedürfnis nach Halt und Sicherheit. Eine Persönlichkeit, die sich zu einer fundamentalistischen Gruppe hingezogen fühlt, will sich nicht auseinandersetzen, sondern sucht die absolute Wahrheit und Gewissheit. Die 70 Fälle verteilen sich auf 25 unterschiedliche Gemeinden. Eine auffällig hohe Anzahl von Beratungsfällen betraf allerdings die Gemeinde „Wort und Geist“, die auch in Essen vertreten ist. Ein Kennzeichen der Gemeinde ist, dass sie die Glaubensüberzeugung der Pfingstgemeinden mit modernem amerikanischen Erfolgsdenken und Geschäftssinn kombinieren. Es werden u. a. Seminare angeboten unter dem Motto „Mit Gott bist Du unschlagbar!“

Der Bereich Satanismus/Okkultismus ist gegenüber den Vorjahren deutlich rückläufig. Zum einen werden Betroffene von Wahrsagern inzwischen einheitlich zum Bereich der Esoterik mitgezählt. Zum anderen macht sich die intensive Präventionsarbeit mit Schulen bemerkbar. Die Wirkweise des Gläserrückens oder des Pendelns können viele Schüler inzwischen erklären und damit verlieren diese Praktiken ihren Reiz. 17 Jugendliche hatten sich mit der satanischen Ideologie beschäftigt bis hin zur aktiven Gestaltung von schwarzen Messen in zwei Fällen. Drei Angehörige benötigten Beratung, da der jeweilige Partner sich einer Satansloge angeschlossen hatte, in zwei Fällen kam es zur Trennung, in einem Fall hat sich der Partner von der Loge getrennt. Sechs weitere Beratungsfälle gehörten der Gothic Bewegung an, einer Jugendsubkultur, die häufig mit Satanismus verwechselt wird. Fünf niedergelassene Therapeuten brauchten unsere Einschätzungshilfe bei der Behandlung von Frauen, die berichtet haben, dass sie in der Kindheit rituell missbraucht wurden. Sieben weitere Frauen mit der gleichen Problematik wandten sich direkt an unsere Beratungsstelle.

Bei der Kategorie der Psychogruppen übersteigen die Beratungsfälle die Anfragen. Hier bezog sich der Beratungsbedarf vor allem auf Coaching Angebote. Auch diese boomen im Moment parallel zur Esoterik. Hier wird ebenfalls die schnelle Hilfe versprochen, allerdings ohne ausgeprägten weltanschaulichen Überbau und häufig für die berufliche Karriere. Es wird oftmals suggeriert, die Kniffe, die man für ein glückliches Leben braucht, seien in einem Seminarwochenende zu erlernen. Gerade deshalb können die Psychotricks der Karriereberater auch Schaden anrichten, horrende Honorare verlangen sie allemal. (vgl. Artikel: "Der Coaching-Boom")

Bei der Betrachtung einzelner Gruppen statt übergeordneter Kategorien ist zu erkennen, dass die Scientology-Organisation mit 54 Beratungsfällen und die Zeugen Jehovas mit 38 Beratungsfällen - wie in den 2 letzten Jahren auch - den größten Beratungsbedarf auslösen. Da ein Teil der Scientology-Beratungsfälle am Arbeitsplatz missioniert worden war, begrüßen die Mitarbeiter des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. den gemeinsamen Antrag von CDU, SPD und FDP an die Landesregierung, mit Hilfe der Industrie-, Handels- und Handwerkskammern Betriebe und Mitarbeiter vor Übergriffen am Arbeitsplatz besser zu schützen.

Unabhängig von der jeweiligen Gruppierung, die den Beratungsbedarf ausgelöst hat, ist es interessant zu fragen, wer die Beratungsstelle mit der Bitte um Hilfe aufgesucht hat, Menschen, die selbst betroffen sind, oder Freunde und Angehörige? Hier variieren die Zahlen nur leicht von Jahr zu Jahr. Durchschnittlich ein Drittel aller Betroffenen sind Menschen, die für sich selbst eine Hilfestellung erwarten. Weitere 25% verteilen sich auf nahe Angehörige oder den Partner. Noch einmal 25% bitten uns im Rahmen eines institutionellen Arbeitsauftrages um Hilfe (z.B. Polizei, Schule, andere Beratungsstellen, Jugendhilfe, Psychiatrien). Der Rest verteilt sich auf Presseanfragen und Anfragen, die sich auf Bekannte und Kollegen beziehen. Die konkreten Daten für das Jahr 2008 sind in der folgenden Grafik abgebildet.

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Diagramm 3: Informationsanfragen und Beratungsfälle aufgeteilt nach persönlicher oder institutioneller Betroffenheit

 

Rechtsberatung 2008

Seit Januar 2004 ist der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. in der Lage, ergänzend zur psycho-sozialen Beratung, kostenlos eine fundierte Rechtsberatung anbieten zu können. Von den 477 Klienten im Jahr 2008 haben 82 diese Möglichkeit in Anspruch genommen. Die Tabelle zeigt den Bedarf an Rechtsberatung, unterteilt in die auch sonst üblichen zehn Kategorien (vgl. Diagramm 4).

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Diagramm 4: Rechtsberatung

Der größte Teil der Rechtsberatung hatte eine Sorgerechtsproblematik zum Inhalt und betrifft alle Bereiche bis auf den der Strukturvertriebe. Neu gegenüber dem Vorjahr ist der erhöhte Bedarf an Rechtsberatung innerhalb der Kategorie Psychogruppen. Hier ging es ähnlich wie bei den Strukturvertrieben darum, einen Ausweg aus Verträgen zu finden, die unter anderem viel zu hohe Geldforderungen beinhalteten. Bei den Beratungsfällen im Zusammenhang mit der Scientology-Organisation ging es überwiegend um arbeitsrechtliche Probleme. Die Inhaber verschiedener Firmen waren Scientologen und nutzten ihren Einfluss, um am Arbeitsplatz die eigenen Mitarbeiter zu missionieren. Sieben Firmen in NRW sind uns bekannt, die ihre Macht am Arbeitsplatz missbrauchen. Außerdem ging es um mögliche Geldrückforderungen im Zusammenhang mit bereits gebuchten Kurspaketen oder Nachhilfestunden. Innerhalb der Esoterik gab es Bedarf an juristischer Fachkenntnis und Unterstützung bei Klienten, die sich auf unseriöse Heilungsangebote eingelassen hatten. Angehörige wollten wissen, welche rechtlichen Möglichkeiten bestehen, um sich vor Geistheilern zu schützen.

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Diagramm 5: Informationsanfragen im Vergleich der letzten fünf Jahr

 

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Diagramm 6: Beratungsfälle im Vergleich der letzten fünf Jahre

 

Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit

 
Von Januar bis Dezember 2008 wurden insgesamt 118 Präventionsveranstaltungen und Multiplikatorenschulungen durchgeführt. Insgesamt nahmen 3.570 Menschen an den Schulungen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e. V. teil.

Dies ist eine Steigerung um 25% gegenüber dem Vorjahr. Der größte Teil der Veranstaltungen fand für Jugendliche statt (80). Ergänzend zu diesem Angebot erstreckte sich die Aufklärungsarbeit des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. auf weitere Vorträge in der Erwachsenenbildung (Volkshochschulen, Gemeinden, Elternkreise) (28) und auf Fachtagungen für Lehrer (5), sowie für Mitarbeiter in Einrichtungen der Jugendhilfe und Telefonseelsorge (5). Außerdem sind Unterrichtsmaterialien für die Sekundarstufe I von zwei MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. in Zusammenarbeit mit dem Weltanschauungsbeauftragten der Ev. Kirche im Rheinland erstellt worden. Die Arbeitsmappe ist im Bergmoser & Höller Verlag unter dem Titel „Neue religiöse Gemeinschaften oder Sekten oder was?“ im Dezember 2008 erschienen und kann auch über die Beratungsstelle erworben werden.

Um dem Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit in aktueller Weise gerecht zu werden, wurde die Zusammenarbeit mit den Medien in 55 Fällen genutzt.


Gremienarbeit


Der Informationsaustausch über Trends in der aktuellen Sektenszene fand wie jedes Jahr in zahlreichen Workshops mit anderen Sektenberatungsstellen, kirchlichen Sektenbeauftragten und Betroffeneninitiativen statt. Auch nehmen die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. regelmäßig an den Fachgesprächen im Landtag teil. Auf Essener und Bochumer Stadtebene ist der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. im „Arbeitskreis Beratungsstellen“ und im „Aktionskreis Jugendschutz“ integriert. Insgesamt konnten die MitarbeiterInnen aus zeitlichen Gründen nur an 20 Gremiensitzungen teilnehmen.

Seit 2006 besteht die Möglichkeit, im Rahmen einer zweistündigen Sprechstunde in Bochum eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Sie findet nach Absprache in den Räumen des ehemaligen Sekteninfo Bochum statt.   
 
 

Trauer um Dr. Ulrich Niemann


Im Januar 1997 wurde das wissenschaftliche Forschungsprojekt „Menschen mit außergewöhnlichen Erfahrungen“ des Institutes für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene, Freiburg i. Br., im Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. eingerichtet. Leiter des Projektes war Herr Dr. med. Lic. phil. et theol. Ulrich Niemann, der am 30. Juni in Frankfurt a. Main völlig überraschend im Alter von 73 Jahren verstorben ist. Die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. trauern um Dr. Ulrich Niemann und beklagen den Verlust eines fachkompetenten, väterlichen Ratgebers. Dr. Niemann war ein international anerkannter Experte auf den Gebieten Besessenheit und Exorzismus. Er war Priester und Facharzt für Psychotherapie. Als Dozent für Psychosomatische Anthropologie lehrte er an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen. Er half vielen Menschen in seiner eigenen Praxis in Frankfurt a. M.. Seine bekanntesten Bücher sind: „ Exorzismus oder Therapie?“ und „Das Böse und die Sprachlosigkeit der Theologie“. Er hat sich trotz seines angefüllten Terminkalenders unermüdlich für die Verlängerung des Forschungsprojektes engagiert. Es ging ihm immer um die konkrete Hilfe für den einzelnen Menschen. Die MitarbeiterInnen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. sind dankbar für die langjährige, einfühlsame und fachkompetente Begleitung und Unterstützung des Forschungsprojektes. Wir wissen es sehr zu schätzen, dass ihm das Projekt “Menschen mit außergewöhnlichen Erfahrungen“ so sehr am Herzen lag. Ein wesentliches Ziel des Projektes war, ein wissenschaftlich fundiertes Beratungskonzept für Menschen mit außergewöhnlichen Erfahrungen zu entwickeln. Dieses wurde inzwischen erstellt und unterlag der permanenten Evaluation. Um darüber hinaus ein qualifiziertes Beratungsangebot für diese Menschen auf Dauer gewährleisten zu können, wurde eine feste Implementierung des Forschungsprojektes angestrebt. Leider ist dies nicht gelungen. Das Projekt ist zum letzten Mal bis Ende 2008 verlängert und nun zu unserem großen Bedauern aus finanziellen Gründen endgültig beendet worden.
 
 
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