Aktueller Pfad: Home arrow Artikel, thematisch arrow Weitere Artikel arrow Bildung und Schutz durch Prävention
Bildung und Schutz durch Prävention PDF Drucken E-Mail

Bedeutung der Präventionsarbeit des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.


Begriffserläuterung

Der Begriff „Prävention“ zählt mittlerweile zu unserem täglichen Sprachgebrauch. In allen gesellschaftlichen Bereichen werden wir mit ihm konfrontiert und messen ihm eine hohe Bedeutung zu. Was ist eigentlich Prävention? Gehen wir zunächst von der Begriffserklärung aus:

Prävention (vom lateinischen praevenire „zuvorkommen, verhüten“) bezeichnet vorbeu­gende Maßnahmen, um ein unerwünschtes Ergebnis oder eine unerwünschte Entwicklung zu vermeiden. Gebrauchen wir Synonyme, so arbeiten wir mit Begriffen wie: Vorbeugung; Verhütung oder Prophylaxe.

In den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen wird die Präventionsarbeit mit dementsprechend unterschiedlichen Inhalten und Zielen gefüllt. So wird zum Beispiel in der Kriminologie das Ziel der Präventionsarbeit in der „Vermeidung von Straftaten“ gesehen. In der Medizin spricht man konkret von „Vorbeugung“ oder „Früherkennung“. Die Politik ist in ihrer Präventionsarbeit bestrebt, Krisen und Konflikte frühzeitig durch angemessene Maß­nahmen zu verhindern. Ganz besonders umfangreich ist die Präventionsarbeit im sozialen Bereich, wo man die Ziele der breiten Palette der suchtpräventiven Maßnahmen gleich­setzen kann mit „Sensibili­sierung“ und „Aufklärung“. Eng damit verbunden ist die Wissens­vermittlung über die Ur­sachen, Entstehung und Verlauf von Abhängigkeiten. Es ist also sehr deutlich, dass das Spektrum, der mit dem Präventionsbegriff bezeichneten Maßnahmen und Vorgehensweisen, sehr breit gefächert ist. Um dem gesamten Präventionsbegriff gerecht werden zu können, wurde es unumgänglich, den Begriff zu untergliedern in: Primäre, Sekundäre und Tertiäre Prävention


Primäre Prävention
Bei dieser Form der Prävention wird ein präsentes, gesellschaftliches Problem erkannt und Maßnahmen ergriffen, obwohl das Problem bei der jeweiligen Zielgruppe noch nicht akut aufgetreten ist. Ziel dieser Form der Prävention ist es also, flächendeckend im Vorfeld zu agieren, ohne zu wissen, ob jemals ein derartiges Problem beim Gegenüber auftauchen wird. Primäre Prävention ist demnach deckungsgleich mit dem von uns umgangssprachlich verwendeten Präventionsbegriff.


Sekundäre Prävention
Auch diese Form der Prävention beinhaltet das Erkennen und das Agieren bevor ein Prob­lem bei einer speziellen Zielgruppe akut wird. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass es sich nun um eine Zielgruppe handelt, die aufgrund ihres sozialen Umfeldes, ihrer Lebens­situation oder ihrer Lebensgeschichte zu einer so genannten „Risikogruppe“ zählt.


Tertiäre Prävention
Die Tertiäre Prävention setzt dann an, wenn bereits ein Problem entstanden ist und kann dem zufolge mit ′Behandlung′ oder 'Beratung' gleichgesetzt werden. Hierbei wird der Schwerpunkt auf die Minderung von Folgeschäden gelegt.

Die drei Präventionsformen gehen in der Praxis häufig in einander über und lassen sich somit selten exakt voneinander trennen. Wir haben es hier also mit einer Komplexität zu tun, wenn es darum geht, ein Problem zu erkennen, bestehende Risikofaktoren zu bekämpfen und Schutzfaktoren durch die Präventionsarbeit zu stärken. Dabei ist zu beachten, dass die Präventionsarbeit im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang zu sehen ist. Die Entwick­lung der Gesellschaft schafft neue, andersartige Probleme, auf die sensibel geachtet und reagiert werden muss. Präventionsangebote müssen ständig überdacht und der Verän­de­rung des Problemthemas angeglichen werden. Präventionsarbeit im Bereich `Drogensucht` ist zum Beispiel heute eine ganz andere als Ende der 60er-Jahre. Neue Abhängigkeiten entstehen. Erst die letzten Jahre haben uns mit den Begriffen wie ‘Esssucht’, ‘Internetsucht′ oder ‘Spielsucht’ konfrontiert. Hier bedarf es einer äußerst schnell reagie­renden, sensiblen Gesellschaft. Es wird unabänderlich auch bei diesen ’neuen Abhängig­keiten‘ in Zukunft zu einer Inhaltsveränderung kommen, ausgelöst zum Beispiel durch For­schung und Entwick­lung, auf die mit veränderten Präventionsmaßnahmen reagiert werden muss.

Wichtig für eine gezielte Präventionsarbeit ist die exakte Bestimmung der Zielgruppe, bei welcher die zur Diskussion stehenden Probleme verhindert werden sollen. Seit jeher legt die Forschung Zielgruppen nach unterschiedlichen Merkmalen fest. So spielen häufig soziode­mografische Merkmale (Familienstand, Alter, Geschlecht, Ausbildung, Herkunft etc.) oder psychografische Merkmale (Werte, Vorlieben, Einstellung, Offenheit etc.) eine wichtige Rolle.

Eine Alterseinschränkung in der Präventionsarbeit ist nicht angebracht. Grundsätzlich sind aber Jugendliche eine der wichtigsten Zielgruppen. Prävention im Jugendalter soll identitäts- und persönlichkeitsfördernd wirken. Alle Präventionsangebote gemeinsam sind darauf gerichtet, den Jugendlichen in seiner Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. Das bein­haltet einerseits die Stärkung des Selbstwertgefühls, die Entwicklung von Kommunikations­fähigkeiten, das Bewusstmachen von Werten und Normen oder das Ausbilden von Konflikt­fähigkeit und andrerseits die Ausbildung von Kraft, um in gezielten Verführungssituationen einem bestehenden Gruppendruck widerstehen zu können.

Besonders wirkungsvoll ist die Präventionsarbeit im Zusammenhang mit unserem Bildungs- und Erziehungsauftrag. Es geht darum, in der Schule nicht nur kognitive Fähigkeiten, son­dern auch soziale und emotionale Fähigkeiten zu entwickeln. Die Präventionsarbeit in allen Bereichen lässt sich daher gut in den Schulalltag integrieren. Schulische Präventions­programme zeigen, dass hauptsächlich Verhaltensprävention betrieben wird mit dem Ziel, dass bestimmte Probleme zukünftig nicht oder in geringerem Ausmaß auftreten. In diesem Rahmen werden Informationsstunden oder sogar Projekttage organisiert. Inhalt dieser Veranstaltungen sind nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch die Stärkung der Persön­lichkeit und die Sensibilisierung gegenüber möglicher Gefahren.


Präventionsarbeit im Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.


Die Aufgaben unserer Beratungsstelle sind klar definiert: „Information und Beratung zu neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen“.
Einen besonderen Stellenwert unserer Arbeit messen wir der Sensibilisierung der Öffentlich­keit in Bezug auf das Thema der „so genannten Sekten und Psychogruppen“ bei, da gesell­schaftliche Veränderungen untrennbar einhergehen mit Veränderungen auf dem Markt der „neuen religiösen Bewegungen“.
Hier besteht ständig akuter Handlungszwang, in dessen Mittelpunkt einerseits die Wissens­vermittlung über Ursachen und Entstehung von Gruppenabhängigkeit und andererseits die Wirkung dieser Abhängigkeit auf die Bevölkerung allgemein, und den Menschen speziell, stehen. Um diese Aufgaben bewältigen zu können, ist es unumgänglich, sich der Aufklärung und Information als wichtigstes Mittel der Präventionsarbeit zu bedienen.
Natürlich sind Jugendliche immer stärker gefährdet als Erwachsene, da sie in ihrer Entwick­lung noch nicht gefestigt genug sind und somit die Betroffenen von morgen sein könnten. Deshalb gilt es, ganz gezielt kognitive, soziale und spirituelle Kompetenzen heraus zu bilden und zu fördern. Das heißt im Konkreten, bestimmte Angebote und die damit verbundenen „Lehren“ kritisch zu hinterfragen, sich in Lebenskrisen nicht willkürlich an eine Gruppe mit einem „eigenen Heilskonzept“ zu binden und sich seiner eigenen spirituellen Basis bewusst zu werden. Wie in den meisten Informations- und Beratungsstellen bedienen auch wir uns wie folgt den Differenzierungsaspekten der Prävention:


Primäre Prävention


Im Rahmen der Primärprävention ist das Problem „Sekten und Kulte“ in unserer Gesellschaft erkannt. Es geht darum nicht zu dramatisieren, sondern tatsachenbezogene Informationen über die einzelnen Gruppen weiter zu geben. Wichtig hierbei ist die Aufklärung über Anwerbe- und Manipulationstechniken, Hintergründe und mögliche Gefahren für den einzel­nen Menschen aber auch für die gesamte Gesellschaft. Unverzichtbare Grundlage unserer Arbeit ist dabei natürlich das im Grundgesetz festgeschriebene Recht des Menschen auf Würde und freie Entfaltung seiner Persönlichkeit und der dort garantierte Schutz der Familie (GG Art. 1, 2,6). Für die Durchführung der Primärprävention stehen uns mehrere Möglichkeiten zur Verfügung:


Präventionsveranstaltungen aller Art an den Schulen:

Die Schule wird vielfach für die Durchführung von Präventionsveranstaltungen genutzt. Seit Jahren wenden sich LehrerInnen (vermehrt ReligionslehrerInnen) an uns, um fundierte Informationen rund um das Thema „so genannte Sekten“, das wiederum fast immer auch ein Wunschthema der Schüler ist, in den Unterricht einzubringen. Auch religiös uninteressierte SchülerInnen werden wach und aktiv, wenn es um Themen wie Okkultismus, Satanismus oder Scientology geht. Auf Grund der aus den Massenmedien auf sie einströmenden Infor­mationen ist es oft für Schüler, aber auch deren Eltern, nicht einfach, sich ein umfassendes Bild über die Gefährlichkeit dieser Gruppen zu machen. Ohne fundierte Informationen führen bestimmte Artikel oder Sendungen oft zu einer Art ‘Verharmlosung’ oder ‘Verunsicherung’. Einige Beispiele dazu:

Scientology benutzt das Thema Sucht und Drogen für ihre Werbekampagnen. Im Februar 2007 veröffentlichte die Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin eine Stellungnahme, in der es heißt:
„Das Thema Suchtprävention wird von Scientology instrumentalisiert. Mit massivem Einsatz von Broschüren versucht Scientology an den Schulen Fuß zu fassen. […] Das Layout der Kampagne ′Sag NEIN zu Drogen′ von Scientology ist zum verwechseln ähnlich der Kam­pagne ′`Keine Macht den Drogen′ des Deutschen Fußballbundes.“ (Fachstelle für Suchtprä­vention im Land Berlin, Berlin, 2007)
Dem Erscheinen des neusten Buches von Andrew Morten „Tom Cruise – Der Star und die Scientology- Verschwörung“ im Januar 2008, fieberten viele junge Menschen entgegen. War doch im Vorfeld viel über den Hollywoodstar Tom Cruise berichtet worden. Morton beschreibt in seinem Buch reichlich Überzeugungen, Praktiken und Vorgehensweisen der Scientologen, die aber für einen uninformierten Leser schwer einzuschätzen sind. Hier wird es in Zukunft nötig sein, an den Schulen aber auch bei anderen Veranstaltungen, die angesprochenen Praktiken zu erklären und mit weiteren Inhalten zu füllen. Die schnell ausverkauften Auflagen zeigen, dass das Interesse höher ist, als man vielleicht vermutet hatte.

Einige groß angelegte Plakataktionen der Gruppe „Universelles Leben“ sorgten auch im Jahr 2007 wiederholt für Verunsicherung unter der Bevölkerung. Diesmal waren es wieder Plakate mit dem Slogan „Regierung und Volk: Spart euch die Kirche!“. In jüngerer Zeit wurden verschiedene solcher Aktionen ins Leben gerufen, die dem Universellen Leben und deren Ideologie nahe stehen, aber als solche für einen Laien schwer zu erkennen sind. Jugendliche, die in ihrer Entwicklung noch nicht gefestigt sind und gerade eine Protest­haltung einnehmen und somit weder Familie, noch Staat oder Kirche als normgebend betrachten, werden hiermit auf eine abenteuerliche Weise in ihrer Haltung bestärkt, da für sie nicht zu erkennen ist, dass das Universelle Leben ihre Propaganda aus ideologischer Sicht­weise heraus betreibt. Auch hier kann nur eine umfassende Primärprävention helfen, die Form der Prävention also, die einer Gefährdung vorbeugen will, bevor ein akutes Symptom erkennbar wird.

Immer wieder wird in den Informationsveranstaltungen deutlich, wie viele junge Menschen darüber nachdenken, Esoterikangebote in Anspruch zu nehmen. Zukunftsängste und fehlende Kommunikation in ihrem Umfeld verleiten sie dazu, so genannte Lebenshilfe bei „Astro TV“ oder „Telemedial“ einzuholen. In den Präventionsveranstaltungen wird Schülern deutlich gemacht, wie geschickt „Wahrsager“ mit der Psyche der Anrufer spielen, welche bekannten Tricks sie anwenden, um bei dem Opfer genau ins Schwarze zu treffen. Hier wird ein gefährliches Spiel betrieben, das darin gipfeln kann, dass Ratsuchende davon absehen, sich professionelle Hilfe zu holen. Fünfzig Cent pro Anruf, auch wenn man nicht durchgestellt wird, erscheinen erst einmal nicht problematisch. Deutlicher wird das Problem dann, wenn Jugendlichen die Gefährlichkeit für Psyche und Finanzen und das Risiko einer seelischen Abhängigkeit veranschaulicht wird. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang von einem hohen „Suchtpotential“ berichtet.

Diese und viele andere Themen sind Gegenstand der Schulveranstaltungen. Um eine inten­sive und wirkungsvolle Primärprävention zu erzielen, bedarf es zusätzlich der

Multiplikatorenschulung:

Als Multiplikatoren bezeichnen wir Personen, die auf Grund ihrer beruflichen Tätigkeit in der Lage sind, erworbenes Wissen einem größeren Kreis von Zielpersonen zugänglich zu machen. Multiplikatoren müssen selbstverständlich über einige Qualitäten wie Sozialkom­petenz, Kommunikationskompetenz oder Methodenkompetenz verfügen, um den gewünschten Effekt der Primärprävention erreichen zu können. Die Auflistung unserer Multi­plikatorenschulungen im Statistikbericht zeigen, dass diese Kriterien erfüllt wurden. Nur mit Hilfe dieser Multiplikatoren ist ein möglichst umfassender Präventionserfolg möglich.


Sekundäre Prävention


Wie bereits erwähnt, ist es in der Praxis häufig schwierig sekundärpräventive Maßnahmen von primärpräventiven eindeutig zu trennen. Trotzdem ist es möglich einen Unterschied zu definieren. Während wir in der Primärprävention von der elementaren Form der „Aufklärung“ ausgehen, stützen wir uns in der Sekundärprävention auf eine Form der „Früherkennung“. Das heißt also, dass wir bei Jugendlichen auf ein soziales Umfeld stoßen, dass das Auf­tre­ten eines Problems begünstigt. Perspektivlosigkeit oder Zukunftsängste, Erprobung spiri­tueller Praktiken, das Auftreten von Krisensituationen oder Grenzerfahrungen wie Trauer, Schuld oder Abschied sowie die eigene Lebenssinnsuche, können einschneidende Situatio­nen sein, in denen sich junge Menschen leichtgläubig in die Fänge problematischer religiö­ser, spiritueller und esoterischer Organisationen begeben. In diesem Zusammenhang gilt es im Gespräch Bedürfnisse aufzudecken, die diese Gruppierungen mit ihrem Angebot erfüllen. Anschließend sollte gemeinsam nach Alternativen gesucht werden, um genau diese Bedürf­nisse aufzuzeigen und anzusprechen. Diese Form der Prävention ist nur möglich, wenn es gelingt verschiedene Personen (Pädagogen/ Ärzte/ Erzieher/ Eltern) zur Zusammenarbeit zu bewegen und zu sensibilisieren. Das wiederum ist nur über eine breite Primärprävention der Multiplikatoren zu erreichen, wie sie in unserer Einrichtung in der engen Verbindung von Informations- und Beratungsarbeit zu finden ist.


Tertiäre Prävention


Diese Form der Prävention setzt voraus, dass es bereits zu einem Problem gekommen ist. Primärprävention und Sekundärprävention haben in diesem Fall nicht ausgereicht oder haben aus verschiedenen Gründen den Menschen nicht erreichen können. Tertiärprävention richtet sich jetzt nicht mehr an die Gesamtbevölkerung oder eine spezielle Zielgruppe, son­dern an einen ganz bestimmten Menschen, der entweder primär oder auch sekundär betrof­fen ist. Aus diesem Grund können wir diese Form der Prävention auch gleichsetzen mit „Behandlung“ oder in unserem Fall mit „Beratung“. Die Beratung richtet den Blick auf die Zukunft um Folgeerscheinungen, die durch das bestehende Problem zu erwarten sind, zu reduzieren. Die Tertiärprävention bedarf häufig auch einer sehr langfristigen Beratung und Betreuung Betroffener. Zusätzlich werden immer wieder mehrtägige Seminare für Primär­betroffene von den Mitarbeitern des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. angeboten und durchgeführt.
Auch in diesem Bereich der Präventionsarbeit ist uns wichtig, andere Beratungsstellen konti­nuierlich zu schulen und gegebenenfalls bei ihrer Arbeit zu unterstützen.
Durch informierende Darstellungen in den Medien ist es möglich, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen und eventuell auf ein akut bestehendes Problem schneller aufmerksam machen zu können. Die Reaktionen aus der Bevölkerung nach einer Veröffentlichung in den Massen­medien zeigen, dass ein hoher Informations- und Präventionsbedarf besteht und immer noch eine breite Verunsicherung und Angst unter den Menschen herrscht.


Die Rolle der Politik


Politische Entscheidungsprozesse sind überall da bedeutsam, wo sich Einflussfaktoren auf die Gesundheit der Bevölkerung positiv beeinflussen lassen. Das wird nicht nur in der Gesundheitspolitik, sondern auch in der Bildungspolitik, der Familienpolitik oder der Verkehrspolitik deutlich. Deshalb ist es aus der Sicht der Prävention bedeutend, auf der politi­schen Ebene alle Mittel und Möglichkeiten für eine effektive Präventionsarbeit auszu­schöpfen. Dass das Thema „Neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psycho­gruppen“ nicht allein in der Bevölkerung ein aktuelles Thema ist, sondern dass auch auf poli­tischer Ebene seit Jahren die Brisanz erkannt wurde, zeigen unzählige Veröffentlichungen politischer Gremien.

In einer Informationsbroschüre der Berliner Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport zu ausgewählten neuen religiösen und weltanschaulichen Bewegungen und ‘Psychoan­geboten’ können wir folgendes lesen:
„Wo Menschen Gefahr laufen, in ihren Grundrechten eingeschränkt und gezielt in eine psychische und / oder finanzielle Abhängigkeit geführt zu werden oder Schaden an Leib und Seele zu nehmen, muß auch der Staat eine klare Sprache sprechen […]“ und an anderer Stelle: “Prävention bei Jugendlichen ist nicht grundsätzlich anders als bei Erwachsenen, kann aber insbesondere in der Phase der Lebensorientierung in der Pubertät grundlegende Wirkung entfalten und ist daher besonders wichtig […]“. (Abgeordnetenhaus von Berlin, Berlin, 1997)
Zu dieser Einschätzung führte eine langjährige Auseinandersetzung mit dem Thema, eine Diskussion über rechtliche Aspekte staatlichen Handelns und schließlich eine ausführliche Debatte über Äußerungsrecht und –pflicht des Staates.
Das Jahr 2007 wurde geprägt durch unzählige Veröffentlichungen zum Thema „Scientology“. Der Rummel um Tom Cruise und seine Rolle als Hitler-Attentäter Graf Stauffenberg im Film „Walküre“ (Originaltitel „Valkyrie“; Kinostart 2.Oktober 2008) erhitzten die Gemüter. Insbe­sondere die Bambi-Verleihung für „Courage“ in diesem Zusammenhang führte zu einer Ver­harmlosung der Gegebenheiten und zu einer viel zu exorbitanten öffentlichen Aufmerksam­keit. Nun auch noch das neuste Buch des Cruise-Biographen Andrew Morten und seine Thesen, dass es sich hier um eine Deutschland-Offensive handelt. Dies wird in Zukunft eine noch intensivere Aufklärungsarbeit im Sinne der Primärprävention nach sich ziehen.
Dieses Problem wurde auch sehr schnell von der Politik wahrgenommen. Politiker sowie Sprecher der einzelnen Parteien in Deutschland reagierten vehement auf diese Entwicklung mit der Forderung nach einer verstärkten Aufklärungskampagne über Scientology.
So forderte bereits im August letzten Jahres der bildungspolitische Sprecher der FDP-Bun­destagsfraktion, Patrick Meinhardt, eine intensivere Aufklärung über Scientology auch an deutschen Schulen. Er plädierte dafür, dass Schüler im Unterricht aufgeklärt werden und das im Weiterbildungsangebot für Lehrer und Erzieher ausführliche Informationen über die Scientology-Organisation vermittelt werden müssen.
Auch die SPD meldete sich zu Wort. Der Landes- und Fraktionsvorsitzende der Berliner SPD
Michael Müller wünscht sich zum Beispiel speziell für Berlin eine staatliche Stelle, die über Scientology hinaus auch über andere Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften auf­klärt.
Der Sektenbeauftragte der SPD-Fraktion, der schleswig-holsteinische Bundestags­ab­geordnete Jörn Thießen, plädiert auch dafür, dass verstärkt in den Schulen Sektenauf­klärung betrieben wird. Er versteht Sekten als Gefahr für den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft und macht sich für einen objektiven Umgang mit Sekten stark.
Der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech warnte in einem Interview vor ver­stärkten Einfluss von Scientology in Deutschland. Um dem Einfluss der Orga­nisation entgegen zu wirken, setzt der CDU-Politiker verstärkt auf Aufklärung und Informa­tion.
Der beim Humanistischen Verband Deutschlands für Aufklärung und Beratung zuständige Referent Ulrich Tünsmeyer äußerte sich wie folgt:
„Bei Scientology handelt es sich klar um eine aggressiv agierende und hochgradig konflikt­trächtige Organisation – allerdings helfen Aufklärung, öffentliche Beobachtung, das coura­gierte Engagement einzelner Bürger sowie das konsequente anwenden geltender Gesetze sicher mehr die Expansionspläne der Scientologen zu verhindern, als der zweifelhafte Ver­such sie zu verbieten.“ (Humanistischer Verband Deutschlands. Berlin. 2007)

Die Liste der Wortmeldungen aus den Reihen der Politik, die verstärkt eine gezielte, umfang­reiche Präventionsarbeit fordern, könnte man hier noch beliebig weiterführen.
Erinnern wir uns noch einmal an die Definition von Primärprävention, dann wird auch auf politischer Ebene deutlich, dass ein präsentes, gesellschaftliches Problem erkannt wurde und Maßnahmen anvisiert werden. In allen Äußerungen wird deutlich, dass es nur einen wirklich effektiven Weg gibt: Die Prävention in all ihrer Mannigfaltigkeit!


Fazit


Die breite Öffentlichkeit hat das Problem der „Neuen religiösen und ideologischen Gemein­schaften und Psychogruppen“ erkannt und fordert Aufklärung. Eine professionell angelegte Präventionsarbeit in all ihren Chancen versucht, gesellschaftliche Probleme zu verhindern, indem sie Einflussfaktoren sichtbar macht und Maßnahmen durchführt, die die Risikofaktoren einschränken. Diese schützende Präventionsarbeit muss natürlich so früh wie möglich beginnen. Der güns­tigste Ort, um eine Prävention zu beginnen, ist selbstverständlich die Familie. Dann sollten in allen folgenden Erziehungsbereichen die Grundlagen aufgegriffen und weitergeführt werden. Das bedeutet, dass in der Schule, während der Ausbildung aber auch im Beruf weiter prä­ventiv gearbeitet werden sollte. Nicht zu vergessen ist auch der außerschulische Bereich. Es ist unverzichtbar, auch mit Vereinen, Kirchen und Fachleuten der offenen Jugendarbeit im Gespräch zu bleiben und sie durch gezielte Anleitung zu Multi­plikatoren zu machen. Präven­tion muss langfristig und umfassend angelegt sein.
Die Mitarbeiter des Sekten- Info Nordrhein-Westfalen e.V. bieten in diesem Zusammenhang eine umfangreiche Palette von Hilfestellung an, nämlich genau die, die auch von höchster politischer Ebene eingefordert werden. Die statistischen Daten (siehe Statistische Daten und Aktivitäten 2007) belegen, dass unser Angebot für Präventionsveranstaltungen und Multiplikatorenschulungen im vollem Umfang genutzt werden. Stolz macht uns natürlich auch, dass 2007 insgesamt 3141 Menschen an diesen Veranstaltungen teilgenommen haben.
Leider ist auch abzusehen, dass trotz der politischen Forderung nach gezielter Prävention, die Kapazitäten unserer Arbeit voll ausgeschöpft sind. Wir wollen durch Prävention schützen. Uns sind die Möglichkeiten und das Potential unserer Präventionsarbeit bewusst.
Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass eine von uns angestrebte, erfolgreiche und gezielte Präventionsarbeit, gerade bei unseren beschränkten finanziellen und personellen Ressourcen, ihre Grenzen hat. Erstrebenswert wäre eine angemessene politische Absiche­rung kontinuierlicher Präventionsmaßnahmen. Nur so könnten wir eine gewisse Konstanz erreichen und garantieren. Es steht außer Frage, dass eine verstärkte Unterstützung der Präventionsarbeit in Zeiten von Finanzknappheit nicht einfach zu realisieren ist. Diese Aus­sichten geben uns aber nicht Anlass zur Resignation, sondern motivieren uns, mit den vor­handenen Ressourcen den größt möglichen Erfolg in unserer Präventionsarbeit zu erzielen.


Literatur


  • Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin: Stellungnahme der Fachstelle für Suchtprä­vention zu Aktivitäten von Scientology an Berliner Schulen. Berlin. 2007

  • Hafen, Martin: Grundlagen der systemischen Prävention. Ein Theoriebuch für Lehre und Praxis. Heidelberg. 2007

  • http://hpd-online.de/node/2582

  • http://www.epochtimes.de/articles/2007/12/24/216566.html

  • http://www.abendblatt.de/2007/09/14/793860.html

  • http://www.idea.de/index.

  • http://www.freies-wort.de/nachrichten/regional/sonneberg/
    art2407,692214

  • Mühl, Melanie / Hanfeld, Michael: Das Geschäft mit der Astrologie. Die Seelenverkäufer. F.A.Z., Nr. 169. 2007. S. 31

  • Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport: „Sekten“ Risiken und Nebenwirkungen. Informationen zu ausgewählten neuen religiösen und weltanschaulichen Bewegungen und Psychoangebote. Berlin. 1997
 
-.png   +.png