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Die Vipassana Meditation im 10 Tage Kurs nach S. N. Goenka PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Christoph Grotepass   
Dienstag, 16. März 2010

Zu sich oder ins Nirvana finden – gemeinsam einsam schweigsam

Die Vipassana−Meditation ist ein aus Indien stammendes buddhistisches Verfahren. Laut der Tradition wurde sie von Buddha selbst vor 2500 Jahren geprägt. Etliche Organisationen und Meditationslehrer bieten sie an. Das Label „buddhistisch“ stellt für nicht wenige bereits ein Qualitätsmerkmal dar, für manche sicherlich auch einen exotischen Reiz. Buddhismus gilt als freundlich und erleuchtend. Die Medien zeigen einen weisen und fröhlichen Dalai Lama. Die Bücher von Thich Nhat Hanh erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Neben den verschiedenen buddhistischen konkurrieren auch hinduistische, an einem Guru orientierte, und andere Verfahren. Esoterische Zentren bieten auch eigene Mixturen mit asiatischen Weisheitslehren an. In mittlerweile hunderten Meditationskreisen verschiedenster Ausrich­tungen meditieren sich Deutsche in die Entspannung, ins Glück, ins Nirvana, manche in die Abhängigkeit und einige in die Psychiatrie. Tatsächlich kann Meditation Nebenwir­kungen haben. Es können Abhängigkeiten von den Verfahren oder den sie lehrenden Meis­tern entstehen und es gibt physische und psychische Veranlagungen, bei denen Medita­tions­verfahren sich schädlich auswirken können.

 

Meditation – Was ist das eigentlich?

Der Begriff Meditation wird sehr unterschiedlich gefüllt. Meist wird damit ein zur Ruhe, zu sich oder zu Gott kommen assoziiert. Die Vorstellungen dazu sind bei Interessierten oft undeutlich und die Erwartungen an den Nutzen der Praxis vielfältig. Die Beratungsstelle wird des öfteren zu Rate gezogen, zur Orientierung angesichts der Fülle der Anbieter und Verfah­ren. Nach der Zielvorstellung befragt, wird der Wunsch nach mehr Ausgeglichenheit, Förde­rung einer bewussteren und gesünderen Lebensführung genannt. Auch spirituelle Entwick­lung, Vorstellungen von Erleuchtung, Erlösung, sogar der Wunsch nach Entwicklung para­normaler Fähigkeiten sind uns in der Beratungsarbeit begegnet.

Schon immer suchten Menschen sich und ihr Dasein in der Welt zu verstehen, "sich selbst zu finden", in umfassende Harmonie mit der Welt zu kommen. Entsprechende Methoden wurden kultiviert. Forschungsergebnisse weisen positive Veränderungen der Hirnströme unter Einsatz meditativer Verfahren nach. Die konzentrative Beobachtung körperlicher Vor­gänge, wie der Atmung, kann zur Beruhigung der Gedanken führen, und damit zur Ver­ände­rung der Gefühle. Meditation kann zur Verbesserung des Wohlbefindens beitragen und unter Umständen bei psychosomatischen Beschwerden helfen. Dazu sollte das jeweilige Medita­tions-Verfahren zur Person und eventuellen Erkrankungen passen. Denn: „Um für tief­rei­chende Erfahrungen vorbereitet zu sein, bedarf es einer ausreichend starken seeli­schen Festigkeit und seelischen Gesundheit. Es kann nicht behauptet werden, dass für jeden Menschen Meditation von vornherein als ‚gut’, ‚richtig’ oder ‚geeignet’ sein kann: jeder, der sich hierfür interessiert, tut gut daran, Erfahrungen mit anderen Meditierenden auszu­tau­schen und die ersten Schritte in einer Meditationsmethode unter Anleitung und Begleitung anderer zu gehen. Menschen, die unter Hypotonie, Epilepsie, Herzaneurismien leiden, soll­ten sich auf jeden Fall mit einem Arzt ihres Vertrauens über medizinische Kontraindi­kationen besprechen. Für psychisch erkrankte Personen (mit Psychosen/ Schizophrenien usw.) ist Meditation allgemein nicht angeraten.“ (Matthias Hartmann, Fachgruppe Entspannungsver­fahren, Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen, Merkblatt  „Meditation“.)

Meditation wird gerne mit Entspannung assoziiert. Vielfältige Alltags-Herausforderungen und psychische Belastungsmomente führen zu Überspannungen, die sich gesundheitsschä­di­gend auswirken können. Innere Balance, Wohlbefinden und Gesundheit hängen eng mitein­ander zusammen. Das Wissen darum und der Handlungsbedarf beflügelt den Well­ness-Markt. Auch die Krankenkassen haben den Nutzen verschiedener aus Asien stammen­der Techniken erkannt und finanzieren Kurse. In der laut Habermas „postsäkularen Gesell­schaft“ suchen viele nach Sinn und geistiger Orientierung. Infolge der vorangegangenen Entwur­zelung breiter Bevölkerungskreise aus religiösen Traditionen greifen die Suchenden nach den auf dem Weltanschauungs-Markt beworbenen Patentrezepten. Wellness und Entspan­nung stillen nicht den spirituellen Hunger. Der selbstbestimmte Sucher findet in buddhis­tischen Meditationswegen mit ihrem Verweis auf die Eigenverantwortung und dem (keines­wegs immer) fehlenden Guru ein Werkzeug zum Schmieden des eigenen spirituellen Glücks.

Eine regelmäßige Praxis kann zu einem gesunden Rhythmus von An- und Entspannung bei­tragen. Doch hat Meditation nicht die Entspannung selbst zum Ziel, stattdessen benötigt ein solches Verfahren seinerseits eine entspannte Atmosphäre um zum Anliegen der spiritu­ellen/ religiösen Übung oder dem inneren, seelischen Wachstum zu kommen. Erleuchtung, Nirvana oder Erlösung sind Ziele, die über ein „Entspannt im Hier und Jetzt“ hinausweisen. Es wird auch die Übertragung der meditativen Haltung auf den Alltag angestrebt.

Bei Desinteresse an kulturellen Zusammenhängen oder originären Zielen werden Medita­tionsverfahren auch nach ihrem praktischen Nutzwert für gestresste Konsumen­ten beurteilt und nach der Kombinierbarkeit mit anderen Produkten des Weltanschauungs­marktes. Dem widerspricht keineswegs eine Machbarkeitsvorstellung, die in eine mystisch-magische Meditations-„Technikgläubigkeit“ gipfelt. Grund für die Entscheidung zu einem Angebot ist oft die Suche nach Unterstützung in einer Veränderungssituation. Eine berufliche Neuorien­tierung oder die Schwierigkeit beruf­lich Fuß zu fassen, Probleme im sozialen Umfeld, wie Trennung vom Partner, Tod eines Angehörigen, eine körperliche Erkrankung, psychische Probleme. Eine radikale spirituelle Neuorientierung - auch in Form plötzlicher, intensiver Meditationspraxis - stellt nicht selten eine Flucht vor aktuellen Problemstellungen dar.

 

Buddhismus

Die dem Theravada-Buddhismus („Lehre der Alten“) entstammende Vipassana Tradition gilt als nah an der historischen Quelle, an den überlieferten Schriften des Inders Siddhartha Gautama. In der Rede "vom Bewussten Ein- und Ausatmen" des Pali-Kanon lehrte der als „Buddha“ (Erwachte/ Erleuchtete) bezeichnete vor etwa 2500 Jahren die Praxis der „rechten Achtsamkeit“:

„Ein Ding, ihr Mönche, entfaltet und ausgebildet, verleiht große Frucht und großen Segen. Welches eine Ding? Bedachtsame Ein- und Ausatmung. (...) Da begibt sich, ihr Mönche, der Mönch in den Wald oder unter einen großen Baum oder in eine leere Klause, setzt sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper gerade aufgerichtet, die Achtsamkeit um den Mund herum aufgestellt und achtsam atmet er ein, achtsam atmet er aus. (...) 'Den ganzen Körper empfindend, will ich einatmen, den ganzen Körper empfindend, will ich ausatmen', so übt er sich.“ (www.palikanon.com/samyutta/sam54.html)          

So unspektakulär das klingt, so schwer ist das für einen Ungeübten. Nur die Übung führt zum Ziel der Sammlung des Geistes. Letztendlich erstreben praktizierende Buddhisten auf diese Weise Einsicht in die wahre Natur der Dinge (Vi-passana), um mit der Erleuchtung vom leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten erlöst zu werden – das Nirvana. Die „Vier Edlen Wahrheiten“ Buddhas beschreiben die dahinter stehende Weltanschauung:

   1. Das Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll.

   2. Gier, Hass und Verblendung sind die Ursachen des Leidens.

   3. Erlöschen diese Ursachen, erlischt das Leiden.

   4. Der „Edle Achtfache Pfad“ führt zum Erlöschen des Leidens.

Die acht Bestandteile dieses edlen Pfades beschäftigen sich mit Erkenntnisgewinnung und Weisheit, sittlichem Handeln und der Schulung und Sammlung des Geistes. Die Meditation ist der Übungsweg mittels Konzentration und Achtsamkeit. Vipassana soll durch das Üben des teilnahmslosen „Beobachtens“, des Nicht-Reagierens helfen, die Gefühle zu beruhigen und geistige Unreinheiten aufzulösen.

Aspekte der Achtsamkeitsmeditation finden sich auch bei anderen Meditations­wegen. Die hier typische Beachtung des Atems und die Achtsamkeit haben nicht nur alte christliche Kontemplationspraktiken neu inspiriert, sie finden auch bei vielen Entspannungs­verfahren Anwendung. Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn hat 1979 an der Universitätsklinik von Massachusetts Aspekte der Vipassana Tradition mit Elementen Zen-buddhistischer Praxis und Übungen des Yoga zu einem Übungsweg zusammengefasst, der stärker an westlichen Bedürfnissen orientiert sein und keine religiösen Komponenten mehr enthalten soll: Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR). Die "Stressbewältigung durch Achtsamkeit" hält inzwischen auch in einigen deutschen (insbesondere psychosoma­tischen Fach-) Kliniken Einzug.

 

Vipassana nach S. N. Goenka

Die hier näher dargestellte Form der Meditation wird vom Burmesen Satya Narayan Goenka (*1924) gelehrt. Er versteht sich als Nachfolger seines Lehrers Sayagyi U Ba Khin. Von ihm übernahm er auch den „10-Tageskurs“, den er selbst seit 1969 in Indien und weltweit mittels Assistenzlehrern abhält. Auf der Webseite heißt es dazu: „Es gibt eine grosse Anzahl von Vipassana-Zentren in Indien und Asien, sechs Zentren in Nordamerika, sieben Zentren in Europa [in Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Schweiz, Großbritannien], sieben in Australien/Neuseeland und ein Zentrum in Japan.“ Das deutsche Hauptzentrum der Vipassana-Vereinigung e.V., Verein zur Förderung und Verbreitung der Vipassana-Meditation, befindet sich seit Dezember 2002 im sächsischen Triebel. Kurse werden darüber hinaus auch außerhalb der Zentren durchgeführt. Auch die weltweit vertretene Sayagyi U Ba Khin Gesellschaft und eine Reihe weiterer Traditionen vermitteln Vipassana.

Goenka will nach Eigenaussage ein neutrales Verfahren lehren, das allen Menschen dient. Vipassana sei ein universelles Heilmittel, eine Kunst zu leben. „Diese jedem frei zugängliche Technik, die nichts mit Religion oder Weltanschauung zu tun hat, strebt die vollständige Beseitigung geistiger Unreinheiten und letztendlich vollkommene Befreiung an. Heilung, jedoch nicht nur Heilung von Krankheiten, sondern das umfassende Geheiltwerden von menschlichem Leiden ist ihr Ziel.“ (Webseite der deutschen Vipassana Vereinigung) Zur Bekräftigung der Authentizität und Autorität von Goenka wird auf eine ununterbrochene Kette von Lehrern seit Buddha hingewiesen. Auch wenn hier meines Erachtens keine konflikt­trächtige Gemeinschaft beschrieben wird, zeigt sich doch deutlich eine weltanschauliche Gebundenheit des Meditationsverfahrens.

 

Die Praxis des 10 Tage Kurses

Bei der Anmeldung zu einem „10-Tage-Kurs“ wird deutlich auf die Regularien hinge­wiesen. Die fünf allgemein-buddhistischen Sittlichkeitsregeln, deren Einhaltung die Teil­neh­mer des Kurses ebenso wie Novizen bei Eintritt in ein Kloster förmlich geloben müssen, lauten: keine lebenden Wesen töten, nicht stehlen, keine (ausschweifende) Sexualität ausüben, nicht lügen, keine Rauschmittel konsumieren. Fortgeschrittenen werden drei weitere, die für Mön­che üblichen acht Tugendregeln abverlangt: keine Nahrung nach 12.00 Uhr mittags, Verzicht auf sinnliche Vergnügungen und Körperschmückungen, nicht in weichen Betten schlafen.

Strenge Teilnahmebedingungen, die sich auch dem Internetauftritt entnehmen lassen, regeln das tägliche Miteinander, besser gesagt Nebeneinander, denn es gilt, „isoliert“ zu üben:

·      Den Anweisungen der Lehrer ist genauestens Folge zu leisten. Diskussionen sind uner­wünscht. Fragen lediglich zu technischen Aspekten und zur Problembehebung.

·      „Es ist absolut notwendig, für die Dauer des Kurses alle Formen des Betens, der Gottes- und Heiligenverehrung oder sonstiger religiöser Zeremonien (...) völlig einzustellen. (...) Trotz wiederholter Warnungen der Lehrer hat es Fälle gegeben, in denen Schüler diese Technik absichtlich zusammen mit irgendwelchen Ritualen oder anderen Praktiken aus­geübt haben und sich dadurch ernsthaft geschadet haben.“

·      „Alle Kursteilnehmer müssen von Kursbeginn bis zum Morgen des letzten vollen Kursta­ges ‚Edle Stille’ einhalten. Edle Stille bedeutet Stille von Körper, Sprache und Geist. Jede Art von Kommunikation mit den Mitmeditierenden, einschließlich Gesten, Zeichen­sprache Notizen o.ä. ist untersagt.“ „Aber auch diese [notwendigen] Kontakte [mit Lehrern und Management] sollten sich auf ein Minimum beschränken. Die Kursteil­neh­mer sollten das Gefühl entwickeln, isoliert zu arbeiten.“

·      „Es ist wichtig, dass für die Gesamtdauer des Kurses jeglicher Körperkontakt zwischen Personen gleichen oder verschiedenen Geschlechts vermieden wird.“

·      „Die Schüler müssen während des gesamten Kurses innerhalb des abgesteckten Kursge­ländes bleiben. (...) Bis zum Ende des Kurses ist keine Kommunikation nach draußen, zum Beispiel über Briefe, Telefonanrufe oder Besucher erlaubt. Mobiltelefone (...) müssen bis zum Kursende hinterlegt werden.“

·     keine Bücher, Schreibmaterialien, Musikinstrumente, Radio

·      keine körperlichen Betätigungen wie Yoga oder Jogging

·      einfache vegetarische Mahlzeiten, weder Tabak noch Alkohol

Der straff geregelte Tagesablauf beginnt mit Gong um 04:00 Uhr. Täglich sind vier einstün­dige Gruppenmeditationen und insgesamt sieben Stunden Einzelmeditation zu absolvieren. Unterbrochen werden die Sitzungen durch Frühstücks-, Mittags- und Teepause. Auch für die Anfänger gibt es kein Abendessen. Zwei Gelegenheiten für Gespräche mit dem Lehrer dienen lediglich der Klärung eventueller Schwierigkeiten bei der Durchführung der Technik. Auch beim Abendvortrag sind weiterführende Gespräche oder Diskussionen unerwünscht. Um 21:30 Uhr ist Nachtruhe. Die Kursteilnehmer sollen den Kurs nicht aus eigenem Ent­schluss vorzeitig verlassen. Bei Regel-Verstößen können Teilnehmer ausgeschlossen werden. Die Kurse sind kostenfrei, doch wird gebeten, durch Spenden den nachfolgenden Interessierten ebenfalls Kurse zu ermöglichen. Die Teilnahme an weiteren Kursen wird empfohlen.

 

Kritik an den 10 Tage Kursen

Das Vipassana Meditationsverfahren wird auch von anderen Anbietern angeboten. Die Kritik bezieht sich insbesondere auf das Standard-Angebot des 10-Tage Kurses nach Goenka. Vipassana gilt den Anhängern als die wahre, von Buddha selbst gelehrte Medita­tion. Eine kritische Hinterfragung des universellen Heilmittels ist daher quasi unmöglich. Bei solch umfassenden Exklusivitätsansprüchen ist aber generell Vorsicht geboten.

Das strikte Reglement der Kurse, der Kommunikationsstop nach außen, die Verhinderung eines Erfahrungsaustausches sind problematisch. Diese völlige Unterordnung der Schüler begünstigt psychische Manipulation und Abhängigkeiten. Gewisse, teils ähnliche Regeln und Einschränkungen sind bei Kursen dieser Art zwar üblich, sogar zur Konzentration notwendig. Auch bei Einkehrtagen in christlichen Klöstern wird auf die Einhaltung mitunter strenger Regeln geachtet. Doch zum Erlernen eines Meditations-Verfahrens die Autonomie der Teil­nehmenden derart zu beschneiden, widerspricht seriösen Kursbedingungen und steht im Widerspruch zu einer verantwortlichen Vermittlung solch sensibler Themen.

Es ist insbesondere für einen Anfänger in Sachen Meditation nicht leicht vorstellbar, welche Belastung die künstliche Situation durch die ungewohnte Reduktion von Außenreizen und die Konzentration auf sich selbst darstellen kann. Auch für einen gesunden Menschen ist eine geschulte Begleitung notwendig. Zwar wird im Anmeldeformular nach der physi­schen und psychischen Gesundheit gefragt. Schlussendlich unterschreibt der Teilnehmer, dass ihm bewusst ist, dass die Vipassana-Meditation eine gute körperliche und psychische Gesund­heit voraussetzt. Und dass ihm bewusst ist, dass keine Haftung für etwaige physi­sche oder/ und psychische Beeinträchtigungen während oder nach Besuch des Kurses übernommen wird. Als Abschreckung dient wohl der folgende Hinweis: „Gelegent­lich kamen Menschen mit ernsten psychischen Störungen zu Vipassana-Kursen, voller unre­alistischer Erwartun­gen, dass die Technik ihre psychischen Probleme werde heilen oder lindern können (...) Da die Kurse meistens von nicht speziell therapeutisch geschulten Personen organisiert und durch­geführt werden, ist es uns leider nicht möglich, Menschen mit einem solchen Hinter­grund angemessen zu betreuen.“ Da in der Tat gerade Menschen in Umbruch-Situationen, teils auch mit Traumata und Erkrankungen sich Hilfe in solchen Verfahren erhoffen, ist es um so wichtiger, dass erfahrene Leiter hinter solchen Angeboten stehen um auftretende Prob­leme rechtzeitig erkennen zu können. Es ist keineswegs davon auszugehen, dass Teil­nehmer mit entsprechenden Problemen sich derer immer bewusst sind.

Ein Interessent ohne vorherige Erfahrung sollte zunächst eine einfachere Meditations- oder Kontemplationsmethode wählen. Bei intensiven Verfahren ist ein höchstens drei-tägiger Kurs zu empfehlen. Zu achten ist natürlich auf die Seriosität des Anbieters. Dies lässt sich bei einem Informationsgespräch auch an den transparenten Kursbedingungen und insbesondere der Möglichkeit offener und auch kritischer Rückfragen erkennen. Eventuell sind auch Ent­spannungsverfahren wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung ange­messene Alternativen. Umgekehrt können Erfahrungen mit Entspannungstechniken für das Erlernen einer Meditationsmethode von Nutzen sein.

Es sei auf die Kriterien zu Seminaranbietern hingewiesen. Sie sind auf der Webseite der Beratungsstelle zu finden oder werden bei Bedarf gerne zugesandt. Weitere Informationen der Psychologischen Fachgruppe Entspannungsverfahren finden sich unter www.Entspannungsverfahren.com oder sind als Merkblätter von der Geschäftsstelle gegen 1,45 € Rückporto zu beziehen: DP Elisabeth Westhoff, Semmelweisstraße 10, 50767 Köln.

 

Ergänzender Kommentar zum Erfahrungsbericht            
„Gestern bin ich aus einer Art Sekte geflohen“

Auch wenn es sich schlussendlich doch nicht um eine dramatische Flucht handelt, werden in diesem teils auch humorig geschriebenen Bericht sehr schön einige konfliktträchtige Merk­male deutlich, so dass der Leser den Anfangssatz und die beschriebenen Ängste gut nach­fühlen kann. Der Bericht ist aus einer subjektiven Sicht geschrieben. Gerade das macht ihn wegen der Schilderungen der Empfindungen und Zweifel wertvoll. Die geschilderten Umstände sind aus meiner Sicht glaubhaft. Ähnliche Erfahrungen mit dem 10-Tage Kurs wurden auch von weite­ren ehemaligen Teilnehmern geschildert. Das bedeutet aber nicht, dass andere Teilnehmer dieses Kurses nicht eine abweichende, auch positivere Sicht haben können. Ich möchte die Vipassana-Vereinigungen, welche die Meditationskurse nach S. N. Goenka und seinen Assistenzlehrern organisieren, nicht generell als gefährliche Gruppierung bezeichnen. Doch können die oben kritisierten Strukturen eben auch zu solchen Konflikten führen, wie sie die Autorin des Erfahrungsberichtes beschreibt.

Die Autorin wählte diesen Kurs unter anderem deshalb aus, weil er laut Selbstdarstellung neutral sei und nicht in Konflikt zu einer Religion stehe. Die Behaup­tung der Neutralität des Verfahrens soll den Teilnehmenden die Sorge vor religiöser oder sektiererischer Beein­flussung nehmen. Doch wenn die Teilnehmenden dies für sich anders empfinden, ist das ihr je eigenes Problem, das nicht offen angesprochen werden kann. Die Abendvorträge legen hier noch nach und disqualifizieren eventuelles Unwohlsein im religi­ösen Empfinden als Beweis für den eigenen Missstand und die Notwendigkeit strengeren Übens. Abwertende Bemerkungen zu Religionen, da sie der Übung im Wege stehen, sind nicht nur angesichts des eigenen Anspruchs, eine neutrale Technik zu lehren, inakzeptabel. In Verbindung mit dem Buddhistischen Leid-Gedanken und der Reinkarnationslehre sind sie auch widersprüch­lich. Das restriktive Verbot eigener religiöser Praxis ist nur bedingt sinnvoll.

Die Lehrer sprechen nicht, Goenka spricht als nicht befragbare Autorität vom Band. Das Nachsprechen der Regeln und der Bitte um Einweihung in das Verfahren – in einer den Teil­nehmern unbekannten Sprache – ist ein religiöses Ritual. Die Forderung, sich Regeln und Lehrern bedingungslos zu unterwerfen, das wiederholte Beschwören von Gefahr bei Vermi­schung der Technik mit anderem, sowie der drastische Vergleich zur Gehirnoperation, können Ängste erzeugen. All dies begünstigt ein unangemessenes Autoritätsgefälle und quasireligiöses Ehrfurchtsgebahren, das zu der Vermittlung einer bloßen Technik in starkem Kontrast steht. Das strenge Reglement bildet quasi eine eigene „Lehre“, deren Befolgung gewinnt Ritualgestalt. Im Sinne einer die Konzentration fördernden Strukturierung ist genau dies gewünscht. Die ideologische Übersteigerung der Regeln weit über den praktischen Nutzen hinaus scheint aber eher der Kontrolle zu dienen. Die tatsächlich möglichen Miss­ver­ständnisse, Komplikationen und Gefahren sind dagegen kaum im Blick. Angesichts der Umstände der Rückfragemöglichkeiten (das Anmel­den müssen, Knien vor den Lehrern, stereotype Antworten von oben herab) wird auch das selbstverständliche und notwendige Gespräch mit den Lehrern eher noch zum Machtinstru­ment pervertiert. Die Suche nach Authentizität und Autorität führt hier schnell zu regressiver Ergebenheit und damit zur Akzeptanz von Grenzüberschreitungen.

Schön wird die Auswirkung der Kommunikationssperre deutlich. Durch das Schweigen wird keine Kritik „laut“. Die innere, kritische Stimme bleibt allein gegen das „Einverständnis“ der anderen und wird einem selbst unangenehm. Der Wendepunkt kommt, als weitere stumme Kritik in den gepackten Koffern sichtbar wird.

„Du musst noch viel lernen!“ ist ein Satz, der die Hierarchie wieder herstellen soll und dem anderen falsches Verhalten attestiert. Die Absicht, die Polizei einzuschalten ist angesichts der Beschneidung der Rechte angemessen. Wie sich herausstellte, hat sich die Managerin auch in den Augen der Kollegin falsch verhalten. Das beschriebene Verhalten zeigt die Unerfahrenheit auf, aber auch den programmatischen Vorrang der Regeln gegenüber den Rechten und dem Empfinden des Einzelnen. Die Zielsetzung der Befreiung von Unfreiheit, erscheint angesichts dessen wie Hohn. Die eigene Verantwortung um für sich und sein Wohlbefinden Sorge zu tragen, darf auch unter idealen Bedingungen nicht abgegeben werden. Es ist wichtig auf sein eigenes Gefühl zu achten statt es durch Bewertung von Außen zum Verstum­men zu bringen oder zu dämonisieren.

Die Autorin schildert ausführlich ihre Körperempfindungen, Wahrnehmungen und Gedanken­gänge. Sie gehören zum normalen Spektrum der üblicherweise geschilderten Wahrnehmun­gen. Ungewohnte Körperhaltung, Selbstbeobachtung, veränderter Tagesrhythmus tragen dazu bei. Unter der disziplinierten Oberfläche kämpfen auch andere Teilnehmer mit Zweifeln, Unwohlsein, Ängsten und Ärger. Die Abendvorträge benennen die unter diesen Umständen normal auftretenden Gefühle und Schwierigkeiten und bewerten sie. Eine Bewertung der Wahrnehmungen im Kontext der weltan­schaulichen Lehre ist aber diskussionswürdig und kann nicht als allgemein akzep­tierbar vorausgesetzt werden. Aggressionen und Abneigung sind sehr wohl auch gesunde Reaktio­nen, ebenso wie sexuelle Phantasien. Sie für das Ziel der Ausgeglichenheit zu tabu­isieren ist falsch und einer eigenen Entwicklung eher abträglich. Nicht am Materiellen zu haften mag als akzeptable Anregung dienen. Die Verknüpfung zum Spenden an die eigene Organisation ist dreist. Die Beispiele sind selbstentlarvend unredlich.

Gelegentlich werden uns im Zusammenhang mit Meditations- und Yoga-Verfahren auch außergewöhnliche bzw. außersinnliche Wahrnehmungen berichtet (Halluzinationen, Erleben von Fremdgesteuert-Sein, Empfindung außerhalb des Körpers zu sein). Diese sind ange­sichts der Umstände keineswegs ungewöhnlich. Sie werden manchmal als Indizien stattfin­dender oder fehlender Entwicklungen interpretiert und können besonders manipulativ mit der jeweiligen Lehre assoziiert werden. Tatsächlich entfalten auch weitere Punkte eine manipu­lative Wirksamkeit, die von manchen sogenannten Sekten und Psychogruppen genutzt werden: Bestimmte Konzentrationsübungen können als Gedankenkontrolle genutzt werden. Spezielle Atemtechniken können besondere Wahr­nehmungszustände induzieren. Strenge Regeln, Kommunikationsverbote, Unterbinden von Kritik, volles Tagesprogramm, Schlafent­zug, Ernährungsumstellung können die eigene Befindlichkeit massiv beeinträchtigen und Abhängigkeiten fördern. Der sensible und transparente Umgang mit den Teilnehmern einer­seits und dem Reglement andererseits ist deshalb besonders wichtig.

Insbesondere für Anfänger halte ich den Kurs für denkbar ungeeignet, um in geschützter Atmosphäre und unter kompetenter Anleitung ein Meditationsverfahren zu erlernen. Allein die Dauer von zehn Tagen ist ungeeignet. Auch ein orientierendes Gespräch zu den eigenen Grenzen und denen des Verfahrens sowie eventuelle Alternativen sollte stets möglich sein.

 

Literatur:

Vipássana – 2006, Eine buddhistische Meditationsform;
Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen 6. Aufl. 2006, Gütersloh

DP Matthias Hartmann, Merkblatt Nr. 9, Meditation
Herausgeber: Psychologische Fachgruppe Entspannungsverfahren, Berufsverband
deut­scher Psychologinnen und Psychologen, http://www.entspannungsverfahren.com

( ->  nun: Deutsche Gesellschaft für Entspannungsverfahren DG-E e.V. http://www.dg-e.de )

Dr. Helga Lerchenmüller, Meditationstechnik nach S.N. Goenka
13. Juni 2000 III, Aktion Bildungsinformation e.V., Stuttgart

Webseite der deutschen Vipassana Vereinigung, die Meditationskurse in der Tradition von Sayagyi U Ba Khin organisieren, so wie sie von S.N. Goenka und seinen Assistenzlehrern gelehrt werden: www.german.dhamma.org (Februar 2010)
 
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